des Amſterdamer Thiergartens habe ich die Sprungweite eines ziem⸗ lich eilfertig hüpfenden Rieſenkänguru gemeſſen und gefunden, daß ſie ſechsundzwanzig Fuß beträgt. Jeder einzelne Sprung beanſprucht ungefähr die Dauer von 1,5 Secunden, das gehetzte Känguru iſt alſo im Stande, in den erſten Minuten zum Mindeſten je fünfzehnhundert Fuß zurückzulegen; denn mit der ſchnelleren Folge der Sprünge ſteigert ſich in einem gewiſſen Verhältniſſe auch deren Weite. Und mit ſolcher Eile ſah Gould einen alten
Bock achtzehn engliſche Meilen durchjagen! Solche Flucht fördert; Bewegungsfähigkeit eines
ſie wird nur von der unnatürlichen Rennpferdes übertroffen.
Jedes Känguru, welches ſo eilig ſpringt, daß das Wiegende ſeiner Bewegung aufhört, geräth in große Aufregung und verliert dann mehr und mehr ſeine Beſinnung. Von dieſer hat es ohne⸗ hin nicht viel. Seine geiſtigen Fähigkeiten ſind ungemein gering. Man ſchilt den braven Eſel einen geiſtloſen Geſellen, ſpricht von der Hirnthätigkeit des Nindes mit Geringſchätzung: beide erſcheinen uns als Weiſe einem Känguru gegenüber; ihm iſt wahrſcheinlich ſelbſt das Schaf geiſtig überlegen. Alles Ungewohnte bringt es außer Faſſung, weil ihm ein raſches Ueberſehen neuer Verhältniſſe gänzlich abgeht. Sein Hirn arbeitet langſam. Jeder Eindruck, welchen es empfängt, wird ihm nur ganz allmählich verſtändlich; es bedarf einer geraumen Zeit, ihn ſich zurechtzulegen. Ein neues Gehege iſt dem gefangenen Känguru im allerhöchſten Grade be⸗ denklich. Es kann zwiſchen Eiſengittern groß geworden ſein und, auf einen anderen Platz gebracht, ſich an dem Eiſen den Kopf zerſchellen, wenn ſein Pfleger nicht die Vorſicht gebraucht, es vor⸗ her tagelang in einen Stall zu ſperren, in welchem es ſich den ſchwachen Kopf nicht einrennen kann und gleichzeitig Gelegenheit findet, ſich den neuen Raum anzuſehen. Nach und nach begreift es, daß derſelbe dem früheren Aufenthaltsorte doch wohl in allem Weſentlichen entſpricht, nach und nach gewöhnt es ſich ein, nach und nach hüpft es ſich ſeine Gangſtraße zurecht. Nebenan ſind vielleicht andere Kängurus eingeſtellt worden: der Neuling ſieht in ihnen entſetzliche Geſchöpfe, und dieſe denken genau ſo wie er. Später freilich ſtrafen die Nachbarn unſern Leutemann nicht Lügen, ſondern kämpfen durch die Gitter hindurch gar eifrig mit⸗ einander; denn für niedere Leidenſchaften, wie Neid und Eiferſucht, iſt ſelbſt ein Känguruhirn hinreichend entwickelt. Seinen Wärter lernt das gefangene Känguru mit der Zeit ebenfalls kennen; doch bezweifele ich, daß es ihn von anderen Menſchen unterſcheidet, es tritt mit dem Menſchen überhaupt, nicht aber mit einem einzelnen in ein gewiſſes Freundſchaftsverhältniß, legt mindeſtens ſeine un⸗ ſägliche Aengſtlichkeit vor demſelben allmählich ab.
Dieſe Aengſtlichkeit iſt der hervorſtechendſte Zug im Weſen unſeres Thieres. Ihr fällt es gar nicht ſelten zum Opfer. Nicht blos durch Anrennen an das Gitterwerk tödten ſich gefangene Springbeutelthiere: ſie ſterben im buchſtäblichen Sinne des Wortes vor Entſetzen. Ihre Aengſtlichkeit bekunden ſie zunächſt durch ſtarkes Geifern. Dabei näſſen ſie ſich Arme und Hände ein, ver⸗ ſuchen den Geifer abzulecken und geifern um ſo mehr. Erſt laufen ſie wie toll umher, dann ſetzen ſie ſich nieder, ſchütteln mit dem Kopfe, bewegen die Ohren, geifern und ſchütteln wieder. So ge⸗ berden ſie ſich, ſo lange ihre Angſt anhält. Ein Känguru, welches ich beobachtete, ſtarb kurz nach einem heftigen Gewitter an den Folgen des Schrecks. Ein Blitzſtrahl war Urſache ſeiner unſäg⸗ lichen Beſtürzung. Scheinbar geblendet ſprang es ſofort nach dem Aufleuchten des Blitzes empor, ſetzte ſich ſodann ruhig auf ſeinen Dreifuß, neigte den Kopf zur Seite, ſchüttelte höchſt bedenk⸗ lich und faſſungslos mit dem durch das gewaltige Ereigniß über⸗ mäßig beſchwerten Haupte, drehte die Ohren dem rollenden Donner nach, ſah wehmüthig auf ſeine von Regen und Geifer eingenäßten Hände, leckte ſie mit wahrer Verzweiflung, athmete heftig, ſchüttelte und ſchüttelte das Haupt bis zum Abend, bis ein Lungenſchlag, welcher ſchneller, als das Verſtändniß des fürchterlichen Ereig⸗ niſſes, gekommen zu ſein ſchien, ſeinem Leben ein Ende machte.
Bei freudiger Erregung geberdet ſich das Känguru anders. Es geifert zwar auch und ſchüttelt ebenfalls mit dem Kopfe, trägt aber die Ohren ſtolz und verſucht, ſeinen unklaren Gefühlen durch ein ſonderbares Meckern, welches wie unterdrückter Huſten klingt, Ausdruck zu geben. In freudige Erregung kann es gerathen, wenn es nach länger währender Hirnarbeit zu der Ueberzeugung gelangte, daß es auch unter den Känguru's zwei Geſchlechter giebt. Zu ſolchem Einſehen kommt es übrigens, wie ich zu ſeiner Ehre
bemerken will, noch immer ziemlich frühzeitig, obgleich ihm anfäng⸗ lich Liebesgefühle gewiß fremd bleiben. Endlich dämmert auch eine Liebesahnung in ihm auf, und nunmehr bemüht es ſich, dieſer Ausdruck zu verleihen. Wiegend und ſchaukelnd hüpft es hinter dem Weibchen her, auf Schritt und Tritt ihm folgend, ſtunden⸗, tagelang. Dieſer erſten Annäherung folgt die Werbung. Ein junger Mann von Geiſt und Gemüth beſchäftigt ſich mit den blauen Augen, blonden Locken, roſigen Lippen ꝛc. der Königin ſei⸗ nes Herzens, ein verliebtes Känguru zunächſt mit einem weniger zierlichen als nützlichen Gliede, dem gewichtigen Schwanze. Ihm widmet es ſeine Zärtlichkeiten, indem es das Fell deſſelben krabbelt und ſtreichelt. Die Schöne belundet die größte Gleichgültigkeit, ſo lange der ihr Huldigende in dieſen zu billigenden Grenzen der Zurückhaltung bleibt. Der Werber wird kühner und naht ſich der Erkorenen von vorn. Sie öffnet die Arme, als wolle ſie den verliebten Gecken bräutlich empfangen, er hüpft ihr liebestrunken an's Herz, wird aber umkrallt, anſtatt umarmt, und empfängt im nächſten Augenblick mit den Hinterbeinen einige Tritte, daß einem Anderen außer ihm die Werbung verleidet werden würde. Ein wackerer Kängurubock läßt ſich jedoch durch ſolche Scherze nicht beirren, ſondern liebkoſt weiter, letzteres fortan allerdings mit einiger Vorſicht, bis das ſpröde Herz der Braut gerührt wurde und ſie die Liebeswerbungen ohne Fußtritte annimmt.
Nebenbuhleriſche Kämpfe mit Umkrallungen und Fußtritten bleiben da, wo mehrere gleichgroße Kängurus nahbar nebeneinander leben, niemals aus und trüben einigermaßen das Glück der Liebe. Beide Kämpen fechten erbittert und laſſen zum mindeſten Haare: Hals und Weichen werden oft kahl und ſchrundig gekratzt. Aber die Kampfesluſt des Verliebten, welche ſich nicht ſelten auch an anderen Thieren oder bekannten Menſchen verſucht, läßt Schmerz⸗ gefühle in Folge ſo ruhmvoll empfangener Wunden nicht auf⸗ kommen.
Nach höchſtens vierzigtägiger Tragzeit bringt das faſt hirſch⸗ große Rieſenkängurn ein Junges zur Welt, welches freilich eher einem Klümpchen Gallerte, als einem lebenden Weſen ähnelt. Es iſt kaum größer als eine neugeborene Ratte, wie eine ſolche nackt, aber faſt völlig gliederlos, alſo wurmartig, dabei durchſchimmernd, weich, kurz ein gänzlich unreifer Keim. Mund und Naſe ſind einigermaßen ausgebildet, die Augen angelegt, die Ohren ange⸗ deutet, die Stummel der Vorderglieder länger als die der hin⸗ teren. Beſagter Keim wird von der Alten an eine ihrer Saug⸗ warzen angeheftet,— wie, wiſſen wir immer noch nicht— und nunmehr langſam ausgebildet. Die Saugwarzen liegen in einer tiefen und äußerſt dehnbaren Hauttaſche am Bauche, deren Oeff⸗ nung durch beſondere Muskeln geſchloſſen wird, wie ein Tabaks⸗ beutel mit Hülfe eines ſogenannten Faden⸗ oder Bandzuges. In ſtark gekrümmter Lage hängt das Junge an der Zitze, unfähig ſich zu bewegen, unfähig ſelbſt zu ſaugen. Die Saugwarze ſchwillt vorn an, ſo daß ſie den ganzen Rachen ausfüllt, und ein beſon⸗ derer Muskel drückt dem hülfloſen Wurme von Zeit zu Zeit einige Tropfen Milch in den Schlund. Ungefähr zwei Monate nach der Anheftung beginnt der inzwiſchen weiter gebildete Keim ſich zuckend zu bewegen, im Verlaufe der nächſten vier Monate ent⸗ wickeln ſich die Glieder und die Sinneswerkzeuge und zuletzt das Haarkleid. Nunmehr fängt ein Jugendleben an, wie ſolches andere Säugethiere führen. Die Bewegungen werden häufiger und ſelb⸗ ſtändiger, das Wachsthum ſchreitet raſcher fort. Wenn das Junge die Ohren aufrichten kann, ſtreckt es ab und zu auch ſchon einmal das Köpfchen aus der Taſche heraus; dieſe Heldenthat übt es fortan öfter, und vierzehn bis zwanzig Tage ſpäter pflückt es ſich, während die Alte graſt, bereits ſelbſt ein Hälmchen ab. Die Alte, welche bis dahin das Junge möglichſt zu verbergen ſuchte, alle Verſuche des neugierigen Vaters, am Beutel ſich zu ſchaffen zu machen, ärgerlich zurückwies und dem menſchlichen Beſchauer meiſt den Rücken zuwandte, zeigt ſich nunmehr minder ängſtlich; die Zunahme ihrer Beruhigung ſteht mit dem Wachsthum des Jungen überhaupt ungefähr in gleichem Verhältniß. Letzteres zieht ſich bei Beunruhigung ſofort in den Beutel zurück oder wird durch einen Klaps abſeiten der Alten dazu veranlaßt. Geraume Zeit ſpäter, ungefähr neun Monate nach ſeiner Geburt, wagt es den erſten Ausflug in die Welt, wiederholt ihn immer öfter, 60 d, ſich aber, wenn die beſorgte Alte lo kt, immer noch mit kign 5 Haſt kopfüber in den Beutel. Endlich kann dieſer dasß hi gewordene Thier nicht mehr bergen, und das Junge A


