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des Wirthes, unter dieſelbe war der zweite Titel ſeiner Abſchieds⸗ vorſtellung geklebt.
Nach vielen Thespisfahrten der ſchlimmſten Art führte ihn ein glücklicher Moment wieder nach Dresden, wo er Hoffnung hatte, am königlichen Hoftheater angeſtell zu werden. Graf Vitz⸗ thum, der damalige Intendant, war entſchloſſen, in Berückſich⸗ tigung ſeines großen Talentes über den ſchlimmen Ruf Reitzen⸗ berg's hinweg zu ſehen. Bei der Antrittsdiſite frug ihn der Chef der Hofbühne in vertraulicher Weiſe, nachdem er ihm über ſein Spiel auf der Probe alles Schmeichelhafte geſagt:„ob er nicht fürchte, daß etwas Dialect, den er an dem Künſtler zu be⸗ merken glaube, bei ſeinem projectirten Gaſtſpiel ſtörend einwirken werde?“
„Nein, mein lieber Herr Graf Blitzdumm,“ entgegnet Reitzenberg,„ich bin ganz dialectfrei, Ihnen kommt es nur anders vor, weil ſie ein ganz niederträchtiges ‚Sächſiſch' ſingen.“
Natürlich hatten hierauf alle Unterhandlungen ein Ende, Reitzenberg erhielt als Abfertigung eine kleine Summe und ſetzte ſeinen Stab weiter. Wie der Schatten ſeines früheren Ich's taucht er in der Theaterwelt wieder ab und zu auf, um ebenſo ſchnell wieder auf lange Zeit zu verſchwinden. Man kann ſich denken, welch' eine Fülle von Noth und Entbehrung bei dieſem Treiben über ihn kam, und doch war ihm in keiner geregelten Stellung wohl, die extravaganteſten Streiche führte er aus, bis er ſich unmöglich gemacht hatte. Eines Abends, nach beendigter Vorſtellung, ungefähr zehn Uhr, als Moritz, damals in Brünn angeſtellt, das Theater verließ, hörte er unter dem Thorweg ſeinen Namen flüſtern:„Bruder Moritz—“, vor ihm ſtand Reitzenberg. Er führte den Ueberraſchten unter die düſter brennende Oellampe, ſchob ſeinen Rock zurück, zeigte dieſem den nackten Oberkörper und ſprach dumpf:„Ich habe kein Hemd mehr.“ Tief erſchüttert nahm Moritz den Unglücklichen in ſeine Wohnung, ſorgte für des Leibes Nothdurft, kleidete den gänzlich Verkommenen neu und ſauber und führte ihn dem Theaterdirector Schmidt zu, der ihm ein Gaſtſpiel bewilligte, welches er mit ſolchem Glück durch fführte, daß er ſofort engagirt durncde Die Handlungsweiſe von Moritz war um ſo edler, als er wußte, daß ihm in Reitzenberg ein gefährlicher Rivale in ſeiner künſtleriſchen Stellung erwachſen müßte.
Kaum warm geworden im neuen Engagementsneſte, regte ſich der alte Adam wieder in dem unverbeſſerlichen Gaukler. Moritz borgte ihm zum Hamlet ſchwarze Tricots und ein Paar Stiefel⸗ chen mit Franzen; letztere riß er am andern Tag ab und trug Beinkleider und Stiefelchen ſo lange, bis ſie ihm, im buchſtäblich⸗ ſten Sinne des Wortes, vom Leibe fielen. Einſt behauptete er vor der Aufführung von Cabale und Liebe, er wolle als Ferdinand den größten Unſinn ſchwatzen, ohne daß es das gedankenloſe Publicum merken würde. In der Scene mit Lady Milford ver⸗ drehte er die Stelle:„Umgürte Dich mit allem Stolze Deines Englands, ich verwerfe Dich, ein deutſcher Jüngling—“ in fol⸗ gender Weiſe:„Umengle Dich mit allem Gurte Deines Stolz⸗ landes, ich verjüngle Dich, ein deutſcher Werfling.“ Leider hatte er Recht, außer einigen feiner arganiffrten Naturen, welche dieſe Umarbeitung Schiller's mit ſtarrem Staunen erfüllte, ging der freche Schwank faſt unbeachtet von der Menge vorüber. Schlim⸗ meren Augan und ſeine abermalige Entlaſſung hatte eine andere übermüthige Wette. In heiterer Weinlaune, unbeſchäftigt, trieb ſich Reitzenberg zwiſchen den Couliſſen herum, während draußen auf den weltdedewtenden Brettern ein Ritterſtück gegeben wurde, das einen Mitbürger Brünns zum Verfaſſer hatte. Eben wurde die Hauptſcene des Drama's gegeben, in welcher der Böſewicht ſeinem Freunde den Giftbecher verderbenbringend ſnwender„Was
zahlen Sie, lieber Saal,“ fragt plötzlich Reitzenberg den mit ihm hinter der Scene zuſehenden Regiſſeur,„wenn ich jetzt, wie ich da bin, hinaus auf die Bühne gehe und den beiden Kerls den Gift⸗ becher wegſaufe?“
„Zehn Flaſchen Champagner,“ des Himmels Einſturz vermuthet, Vorſchlages.—
Wer vermag aber ſein Entſetzen zu ſchildern, als Reitzenberg mit den Worten:„Ein Schuft, der nicht Wort hält!“ bereits aus den Couliſſen und im Straßencoſtum zwiſchen die beiden Ritter
antwortete Saal, der eher als die Ausführung dieſes
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an den Zechtiſch ſchreitet, gravitätiſch den Becher ergreift, dieſen langſam austrinkt und ſich mit feierlichem Schritte auf der anderen Seite entfernt.
Wer kann ermeſſen, auf weſſen Seite das Erſtaunen, und dann die maßloſe Entrüſtung größer war, ob beim Publicum, ob unter den Mitſpielenden, ob endlich bei dem unglücklichen ver⸗ zweiflungsvollen Dichter. Anfangs glaubte man, Reitzenberg ſei plötzlich wahnſinnig geworden, bis der ſchuldloſe Mitſchuldige, Herr Saal, die Sache aufkläxte.
Reitzenberg wurde von der Direction ſofort entlaſſen, von der Polizei aber gefaßt. Nachdem man ihm vierzehn Tage unter Schloß und Riegel, fern vom Weltgetriebe, Zeit gelaſſen, über ſeinen frechen Streich nachzudenken, finden wir ſeine Spur in Leipzig wieder, wo er auf dem Theaterzettel den Namen Koch las. Ohne ſich zu beſinnen, geht er in die Weheuui des ihm gänzlich fremden Collegen und verſichert das Dienſtmädchen, er ſei ein alter Freund des Herrn, ſie möge ihm nur das Zimmer auf⸗ ſchließen und Rum bringen.
Bei der Rückkehr in ſeine Wohnung fand der erſtaunte Koch einen fremden Menſchen, welcher in ſeinen, das heißt Koch's, Schlafrock gehüllt und aus ſeiner Pfeife rauchend, es ſich mehr als bequem gemacht hat. Mit dem Ruf:„Alter Freund, lieber Junge, wie freut ſich Reitzenberg Dich zu ſehen!“ Der joviale junge Künſtler, der, bei dem Rufe Reitzenberg's, gleich die ganze Geſchichte durchſchaute, ging auf den derben Spaß ein und behielt den aufgedrungenen Gaſt einige Tage bei ſich. Glänzende Engage⸗ ments in Braunſchweig, Hamburg und an anderen großen Bühnen erwieſen ſich immer nur für kurze Zeit möglich. Seine unver⸗ beſſerliche Trunkſucht hatte ſtets Scandale zur Folge, nach welchen er ſchlechterdings„unmöglich“ wurde.
In dem nahen Altona gab er, von Hamburg aus, eine Gaſtrolle in dem bereits erwähnten Stück:„Die Kreuz zfahrer 4
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oder„die ringemauerte Nonn“, oder:„Der dankbare Türke,“ wie es hier hieß. Reitzenberg ſagte vor Beginn der Vorſtellung:
„Gebt heute Acht auf mich, Kinder, heute iſt Freitag, der Freitag war von jeher mein Unglückstag, heute paſſirt mir ein Malheur.“ Die Probe war vortrefflich gegangen, mehrere Rollen wurden, wie an kleinen Bühnen dewühnlioh geſtrichen oder in eine zuſammen⸗ gezogen. Unter den Darſtellern der Nebenrollen befand ſich ein junger Dilettant, ſeines Beichens ein Leineweber, der in ſeinen freien Stunden mit glühender Leidenſchaft Lunüdie ſpielte und ſich die Garderobeſtücke z. B. eie Harniſche ſehr zierlich aus Pappe ſelbſt verfertigte. übernahm nlle zu deſesenden kleinen Partien, Ritter, Boten, Aunaür Apothekerburſche ꝛc. ꝛc. Als er nun an dieſem verhängnißvollen Abend eine Meldung zu bringen hatte, war er, in den Couliſſen ſtehend, ſo tief in fanatiſche Bewunderung der Leiſtung Reitzenberg's vexſunken, daß er ſein eigenes Auftreten vergaß und alle Winke des ge⸗ reizten Künſtlers überſah. Da plötzlich packt derſelbe den zum
Tode Erſchrockenen bei dem Pappendeckel⸗Bruſtharniſch und ſchleudert ihn mit den Worten auf die Bühne:„Wird Er her⸗ auskommen, verfluchter Leineweber!“ Der ſauber gearbeitete
Harniſch war auseinander geriſſen bei der gewaltſamen Procedur, und das Silberpapier hing dem armen Kunſtenthuſiaſten über den Bauch herab.
Im Laufe der Vorſtellung wurde Reitzenberg immer betrun⸗ kener; im vierten Act, als er die Aebtiſſin um die Freilaſſung der jungen Nonne bittet, konnte er nicht mehr feſt auf den Beinen ſtehen; er ſtützt ſich auf ſein Schwert, welches unglücklicher Weiſe in eine Bretterſpalte des Podiums durcprutſcht, und unſer Held fällt in voller Länge lang, raſſelnd im Harniſch, zu Boden. Dort, im vergeblichen Bemühen ſich aufzurichten, brüllte er der Aebtiſſin entgegen:„Weib, mache mich nicht raſend, ich ſtürme dieſe Mauern, ich fürchte nichts, nichts auf der Welt, nicht ein Mal das Lachen dieſer erbärmlichen Philiſter da unten, die nicht wiſſen, daß ſie den großen Reipenberg verhöhnen.“
Ein furchtbarer Tumult entſtand, man wollte die Bühne ſtürmen, um den Trunkenbold zu züchtigen, der ſich indeß durch eine Hinterthür entfernt und in einen Fiaker geworfen hatte, mit welchem er in vollem Coſtüm nach Hamburg zurück fuhr.
Dies war die letzte Heldenthat, welche von ihm in der


