Jahrgang 
45 (1868)
Seite
714
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wären. Wenn wir hier aus jenem Komödiantenthum eine Bildern vorführen, ſo halten wir es für ſehr angezeigt, Leſer um freundliche Berückſichtigung unſeres Zwecks zu wir wollen auch die Schattenſeiten dieſes vergangenen und verkommenen Bühnentreibens darſtellen und ſind dadurch ge⸗ nöthigt, hier und da der Derbheit des Ausdrucks mehr zu geſtat ten, als die Gartenlaube ſonſt zuläßt. Der Zweck muß einmal auch hier das unvermeidliche Mittel entſchuldigen.

Es giebt keine Liebhaber mehr am deutſchen Theater, ſagte einſt die alte Schröder zu mir, die größte dramat iſche Künſtlerin ihres Jahrhunderts,wiſſen Sie warum? Weil die Kerle keine Bürgerstöchter mehr entführen und in keine Nonnenklöſter ein⸗ brechen.

Der nordamerikaniſche Generalconſul Börnſtein in Bremen, der faſt Alles in der Welt geweſen, was ein ehrenhafter Menſch werden kann: Buchdrucker, Soldat, Bierbrauer, ein tüchtiger Schriftſtel ller, Häuſerbeſitzer zc., war natürlich in ſeinen jüngeren Jahren auch Thea terdirector und Schauſpieler, und zwar an ſehr verſchiedenen Orten: in St. Pölten, in Baltimore, in Linz ꝛc. Auf einer Reiſe nach Wien beſuchte er an einem bitterkalten Wintermorgen des Jahres 1839 einen Freund im Dorfe Schwechat, welches ſeitdem als die Er⸗ zeugnißſtätte des berühmteſten Wiener Bieres einen welthiſtoriſchen Ruf erworben hat, damals aber nur ein unſcheinbares ſchmutz ziges Neſt war. Ueber einen Feldweg bemerkte Börnſtein einen von einer elenden Mähre gezogenen Karren, auf dem ein aus rohen Brettern zuſammengenagelter Sarg lag. Hinter dieſer Bettelleiche gingen ein paar Jungen und ein Geiſtlicher. Auf die Frage, wer da zur letzten Ruheſtätte geführt werde, erzählte der Prieſter, es ſei ein fremder Mann, der, in äußerſt zerlumptem Zuſtande, vor zwei Tagen in einem Pferdeſtall theils verhungert, theils erfroren gefunden worden ſei. Seine ſämmtliche Habe beſtand, nebſt den Lumpen, die er am Leibe trug, in einem alten Theaterzettel und einem zerleſenen Gebetbuch, welches auf dem Titelblatt die Worte enthielt:Mein Troſt in lichten Stunden. Reitzenberg.

Entſetzen faßte Börnſtein! Der müde Erdenwanderer, deſſen Fahrten ein ſo trauriges Ziel erreicht, war der eben ſo berühmte als bsrlihtigte Reitzenberg, ein großer, reichbegabter Künſtler, be⸗ fähigt das höchſte Ziel zu erreichen, und hier verendet gleich einem wilden Thier, eingeſcharrt in fremde Erde verſchollen und ver⸗ geſſen. Der Trunk war der böſe Dämon, der ihn forttrieb aus

den Reihe von unſere bitten:

allen glänzenden Stellungen, die er in der Theaterwelt eingenom⸗ men, der Dämon, welcher ihn abwärts ſtieß auf ſeinem hoff⸗ nungsreichen Weg, bis er im Schlamm rettungslos verſank.

Vom reichbezahlten Hofſchauſpieler bis zum Dorfkomödianten! Welch' ein Weg für den genialen, hochgebildeten Baron von Reitzenſtein!

Mein unlängſt verſtorbener Freund Moritz, der ſtriete

Gegenſatz zu Reitzenberg ich komme in dieſen Aufzeichnungen bald ausführlich auf Moritz zurück war unerſchöpflich in Mit theilungen von Anekdoten und Charakterzügen Reitzenberg's, wenn die Rede darauf kam, da Beide eine Zeitlang zuſammen ihre abenteuerlichen Fahrten an den kleinſten Winkelbühnen ausführten. Moritz, nach einem in der Theaterwelt landläufigen Ausdruck, als blutiger Anfänger, Reitzenberg alsſinkendes Meteor. Mir war Letzterer auf meinem Lebensweg nur ein Mal begegnet, und zwar auf ſeinemRückgang, als Gaſt an dem einzigen Theater in Znaim. Hunderte von traditionellenGeſchichtchen, von den großartigen Bühnenſchöpfungen und der noch großartigeren Frech heit des Künſtlers dem Publicum gegenüber, hatten meine Neu gierde auf's Aeußerſte geſpannt. Im Gaſthaus an der Mittags⸗ tafel, wo die Elite des Publicums verkehrte, imponirte der ſchöne, wenn gleich ſchon etwas verlebte Mann durch ſeine feine Bil⸗ dung, durch die friſchen Mittheilungen, die er, unterſtützt von einem prachtvollen Organ, mit hinreißender Beredſamkeit zum Beſten gab. Er hatte ſeine Bildung in einem kaiſerlichen Militärer⸗ ziehungshaus genoſſen, war ſpäter Officier beim Gegeralſtab ge⸗ weſen und ſoll damals als Baron Reitzenſtein keine Spur jener verderblichen Leidenſchaft gezeigt haben, die ſpäter den bürgerlichen Scha uſpieler Reitzenberg in's Unglück ſtürzte.

Theater war gedrängt voll, der Ruf hatte vom nahen Prag aus, wo er als erſter Liebhaber der gefeiertſte Künſtler des dortigen trefflichen Theaters war, Wunderdinge berichtet. Man gab Calderon'sLeben ein Traum, Neigenberg den Roderich. gewöhnlich hatte er bei Tiſche des Guten zu viel gethan,

Das

Wie

mußte aus dem Wirthshaus in's Theater geholt werden, und be⸗

trat die Bühne ſchon inetwas ſchrägen Verhältniſſen. Die Löſung der Aufgabe ging über die allerdings ſehr beſcheidenen

künſtleriſchen Mittel der Geſellſchaft, und ſo kam es, daß der Dar⸗ ſteller des Königs in ſeiner langen Erpeſtionserzäülung ein paar Mal ſtecken blieb und gründlich verhöhnt wurde. Dieſe Luſtig keit dehnte ſich auch ſpäter auf Reitzenberg aus, als man be⸗ merkte, daß er einen Theil ſeiner Sinne beim Weinglas habe ſitzen laſſen. Namentlich heiter wurde die vorne im Parterre aufgepflanzte Jugend des Gymnaſiums von Znaim. Mitten in der Scene trat nun Reitzenberg vor den Souffleurkaſten und haranguirte einen der Lacher mit folgenden Worten:Er dummer Junge, was lacht er? Ihn da, mit der gelben Mütze, meine ich. Alſo, was lacht er? Ich kann meine Rolle, das ſieht er; daß mein König ein Eſel iſt, iſt nicht meine Schuld.

Es verſteht ſich von ſelbſt, daß das Znaimer Gaſtſpiel nach

dieſem Scandal, der die Beendigung der Vorſtellung nicht zuließ, abgebrochen war. Auch das Prager Theater mußte er auf ganz

abſonderliche Weiſe quittiren. Nachdem ihm das Publieum, deſſen erklärter Liebling er, wie bereits erwähnt, war, bereits das Un⸗ glaublichſte verziehen hatte, ſoll er hrend der Darſtellung der Räuber dieſe Freiheit in nie dageweſener Weiſe mißbraucht und zu ſeiner Entſchuldigung angeführt haben: Er befände ſich ja im Walde, wo derlei Ausſchreitungen nicht verboten wären. Das Zugſtück des damaligen Repertoires waren Kotzebue's Kreuzfahrer, ſeine Forcerolle darin der Balduin von Eichenhorſt, den er mit hinreißender Gluth ſpielte. Als ihm Wilhelmi, der nachmals ſo berühmte Wiener Künſtler, in der Kampfſeene den Fehdehand⸗ ſchuh vor die Füße zu werfen hat, ſchleuderte er ihn im Eifer des Spieles bis an den Souffleurkaſten vor. Mit unerſchütter⸗ lichem Ernſt ſprach Reitzenberg pathetiſch:Ich hebe dieſen, viel zu weit vorgeworfenen Handſchuh auf. Man kann ſich das ſchalende Gelächter des Publicums denken.

Im Laufe de Verſteldung ſteigerte ſich der bedenkliche Zuſtand Balduins ſo ſehr, daß ein vorzeitiges Ende des Drama's zu fürchten ſand Im dritten Act wird er verwundet in ein nahe gelegenes Kloſter gebracht, wo er ſeine frühere Geliebte als Nonne wiederfindet, die bei ſeinem Erkennen mit einem ſchrillen Schrei in Ohnmacht ſtürzt. Balduin reißt ihr den Schleier vom Antlitz

und ſucht ſie mit heißen Liebesbetheuerungen ins Leben zurück zu rufen. Die junge Nonne wurde von Madame Sontag, der Mutter der nachmals ſo berühmten Sängerin, gegeben. In dem

oben geſchilderten Moment ſtürzt Reitzenberg nieder, fällt mit dem vollen Gewicht ſeines Körpers und des Harniſches, den er trug, auf die Bruſt der armen Nonne, die ſich kreiſchend dieſer wuchtigen Umarmung vergebens zu entwinden ſucht. Umſonſt ſchrie ſie: Reitzenberg, um Gotteswillen, laſſen Sie mich los Reitzenberg war weder im Stande, ſich wieder auf die Beine zu bringen, noch ſeinem unglücklichen Opfer Luft zu machen. Er blieb liegen, der Vorhang mußte fallen.

Man hatte indeſſen den damals noch jungen Schauſpieler Ludwig Löwe den genialen großen Künſtler, der keinen eben⸗ bürtigen Nachfolger haben wird, wenn er vom kaiſerlichen⸗ Hof⸗ burgtheater in Wien, deſſen Zierde er noch immer iſt, einſt ſcheidet aus einem nahen Gaſthaus geholt, um das Wag⸗ niß zu übernehmen, die Rolle zu Ende zu ſpielen. Der Regiſſeur kündigt dem Publieum an, daß wegen plötzlicher Erkrankung des Herrn ibendei Herr Ludwig Löwe deſſen Partie zu Ende ſpie⸗ len werde und um gütige Nachſicht bitten laſſe. Da plötzlich öffnet ſich die andere Seite des Vorhangs, zwankend tritt Reitzen⸗ berg mit den Worten vor das Pr iblicum:

Das iſt nicht wahr, Reitzenberg iſt nicht krank, Reitzenberg iſt nicht krank, Reitzenberg iſt be! Am ande⸗

Man kann ſich den Eindruck dieſer Scene denken. ren Morgen ſollte der Veranlaſſer derſelben vor Gericht Rechen⸗ ſchaft ablegen, allein er hatte bereits vorgezogen, das Weite zu ſuchen..

Nun begann ſein Vagabundenleben an den winzigſten Wander⸗ bühnen. In einer kleinen böhmiſchen Stadt, wo er ſich ziemlich lange aufgehalten hatte, ſchloß er ſein Gaſiſpiel mit dem Robe⸗ bue'ſchen Schauſpiel; Eduard in Schottland, oder Die Nacht eines Flüchtlings, welches zu ſeinem Benefiz gegeben wurde. Am audern Morgen war er verſchwunden, auf dem Tiſche ſeiner Stube lag, auffallend poſtirt, die namhafte unbezahlte Rechnung