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anregende Lehrer begeiſtert las er mit Begierde die Alten oder ſtreifte mit gleichgeſinnten Freunden auf der herrlichen Alb um⸗ her, in den anderthalb Erholungsſtunden im Winter nach Tiſch und weitern anderthalb Stunden an den Sommerabenden. „In einer Felſenſpalte machte er ſich eine Grotte zurecht und in träumeriſchem Sinnen regte ſich in ihm das erſte Wehen des Dichtergeiſtes. Nur zu ſchnell entſchwand dieſe Zeit, nach den üblichen vier Jahren ging's nach Tübingen. Was Viſcher in ſei— nem„Schartenmeier“ von einem Theologen ſingt:
„Wie ein Ochs vor ſeiner Mulde
Stand er dort vor ſeinem Pulte
Und ſtudirt das Teſtament
Und was ſonſt für Bücher ſend.
Das galt von unſerm Mörike nicht, die Claſſiker und jetzt auch unſere deutſchen Meiſter, ſpäter auch Shakeſpeare galten ihm mehr, als die altlutheriſche Orthodoxie, der Umgang mit Viſcher, Strauß, Zimmermann, Waiblinger diente auch nicht dazu ihn zu einer Kirchenſäule zu geſtalten, doch beſtand er das theologiſche Examen und zu Kleverſulzbach bei Weinsberg treffen wir ihn als wohlbeſtallten Pfarrer. Doch nicht lange blieb er im Pfarramt, wenn er auch das Pfarrleben in reizender Idylle beſchreibt; bald nach ſeiner Verheirathung zog er ſich in das romantiſch gelegene Hall zurück, wo er in dichteriſcher Muße den größeren Theil ſeiner Schöpfungen, einen Roman„Maler Nolten“, eine„Idylle vom Bodenſee“ und eine Sammlung Gedichte herausgab. Später berief ihn König Wilhelm als Profeſſor der deutſchen Literatur an das Katharinenſtift, eine höhere weibliche Lehranſtalt, nach Stuttgart, eine Stellung, die ſeiner Neigung völlig zuſagte und wo ſeine Schülerinnen beſonders durch ſeine hinreißende Gabe im Vorleſen der elaſſiſchen Meiſterwerke entzückt wurden. Nach längerer er⸗ folgreicher Thätigkeit machten es ihm Geſundheitsumſtände unmöglich ſein Amt weiter zu bekleiden, und ſo lebt er denn jetzt in dem anmuthigen Remsthal, zu Lorch, am Fuß des Staufen in der Nähe des ſang- und liederreichen Gmünd.
War ſo ſein Leben ein mehr innerliches, durch äußere Schickſale wenig bewegtes, ſo auch ſeine Dichtung. Abgeſehen vom Drama⸗ tiſchen, zu dem alle Dichter der ſchwäbiſchen Schule wenig Zug und Neigung haben, überließ er das Feld der Romanze und Ballade, der vaterländiſchen Sage und Geſchichte einem Knapp, Krais, Schwab, Uhland; die politiſchen und religiöſen Kämpfe, welche den Letztern zum Einſtehen für„das alte gute Recht“ in die Schranken riefen, einem Pfizer glühende Worte gegen die Tyrannei der heiligen Allianz eingaben, den Geiſterſeher Kerner für die Polen entſlammten, Herwegh zur Theilnahme an der badi⸗ ſchen Revolution trieben und ſeine Freunde Viſcher, Strauß, Märklin gegen die Pietiſten in's Feld riefen, berührten ihn nicht. Deſto tiefer aber verſenkt er ſich in ſein eigentliches Gebiet, die lyriſche Dichtung und die Idylle, und neben dem Inhalt entzückt uns auch die vollendete Form. Reine Form freilich allein macht noch keinen großen Dichter, denn die Form iſt ja nur, ſo zu ſagen, ein gewandtes Roß, der Gaukler tummelt es im Circus zu eitlem Spiel, aber den Feldherrn trägt es auf dem Feld der Ehre zu großen Thaten. Betrachten wir uns einige Gedichte Mörike's näher.
Eines ſeiner früheſten aus dem Künſtlerroman„Maler Nol⸗ ten“, einem Buche voll herrlicher Einzelheiten und des reinſten, tiefſten Gemüthslebens, aber zu phantaſtiſch und ſchauerlich und unſerer klaren Zeit nicht ganz mehr genießbar:
Das verlaſſene Mägdlein Früh, wann die Hähne kräh'n, Eh' die Sternlein verſchwinden, Muß ich am Heerde ſteh'n, Muß Feuer zünden. Schön iſt der Flammen Schein, Es ſpringen die Funken; Ich ſchaue ſo drein, In Leid verſunken. Plötzlich da kommt es mir, Treuloſer Knabe, Daß ich die Nacht von Geträumet habe. Thräne auf Thräne dann Stürzet hernieder! So kommt der Tag heran— O ging er wieder!
Dieſes Gedicht drückt in tief zum Herzen greifenden Tönen
den öden Schmerz des verlaſſenen Mädchens aus.
Dir
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Wie herrlich iſt ſein„Mein Fluß“.
O Fluß, o Fluß im Morgenſtrahl! Empfange nun, empfange—
Den ſehnſuchtsvollen Leib einmal
Und küſſe Bruſt und Wange!
Es ſchlüpft der gold'ne Sonnenſchein
In Tropfen an mir nieder,
Die Woge wieget aus und ein
Die hingegebnen Glieder; ꝛc.
Wer je ſchon in der Morgenfriſche in einem Fluß gebadet hat, nicht in einem Badkaſten, auch nicht in einer Schwimmanſtalt, ſondern in Gottes freier Natur unter Uferweiden und Erlen, beim Flüſtern des Schilfs, umgaukelt von bunten Libellen, der verſteht die ganze Naturwahrheit dieſes Gedichtes, das ſich in mancher Hinſicht neben Goethe's Fiſcher ſtellen kann.
Und dann, welch' köſtlichen Humor, welch' neckenden Scherz hat unſer Dichter; ich greife nur heraus
Der Liebhaber an die heiße Quelle zu B Du heileſt Den und tröſteſt Jenen, O Quell, ſo hör' auch meinen Schmerz, Ich klage Dir mit bittern Thränen Ein hartes, kaltes Mädchenherz. Es zu erweichen, zu durchglühen, Dir iſt es eine leichte Pflicht; Man kann ja Hühner in Dir brühen, Warum ein junges Gänschen nicht?
An die Art Heine's, aber ohne die ätzende Lauge dieſes Dichters, erinnert:„an Philomele“. Er beginnt in antikem Vers⸗ maß eine Ode an die Sängerin:
O Sängerin, Dir möcht' ich ein Liedchen weih'n: Voll Lieb und Sehnſucht! Aber plötzlich füllt er in die derbe, ſchwäbiſche Wirklichkeit: Verzeih! Im Jägerſchlößchen iſt friſches Bier Und Kegelabend heutw; ich verſprach es halb Dem Oberamtsgerichtsverweſer, Auch dem Notar und dem Oberförſter.
Wie herrlich paſſen die ſchwäbiſchen Titel in's antike Metrum, kein Philolog wird an dem„Oberamtsgerichtsverweſer“ einen fal⸗ ſchen Versfuß finden können.
Und ſo noch eine Reihe von gleich anziehenden Dichtungen, nur kurz möcht' ich noch ein größeres erwähnen, in der„Herbſt⸗ feier“ verklärt der Dichter die ſchwäbiſche Weinleſe in antiker Art, wie umgekehrt Hebel in ſeinem Statthalter von Schopfheim einen bibliſchen Stoff in die Sitten und die Anſchauungsweiſe allemanni⸗ ſcher Bauern übertragen hat.
Auf! Im traubenſchwerſten Thale Stellt ein Feſt des Bacchus an! Weiter heißt es dann: Braune Männer, ſchöne Frauen Soll man hier verſammelt ſeh'n, Greiſe auch, die ehrengrauen, Dürfen nicht von ferne ſteh'n, Und daß er vollkommen ſei, Treten zögernd auch die ſtillen Mädchen unſerm Kranze bei. Auch das unſchuldig naturaliſtiſche Element fehlt nicht: Laßt mir doch den Alten machen, Der ſich dort zum Korbe bückt Und den Krug mit hellem Lachen
. Kindiſch an die Wange drückt!’
Solche Auftritte, mitunter ſtark rembrandtiſch gefärbt, kann der Fremde, namentlich Sonntags, in Schwaben in Menge ſehen.
Zum Schluß heißt's:
Stimmet an die letzten Lieder!
Und ſo, Paar an Paar gereiht,
Steiget nun zum Fluß hernieder,
Wo ein feſtlich Schiff bereit.
Auf dem vordern Rand erhebe
Sich der Gott und führ' uns an,
Und der Kiel mit Flüſtern ſchwebe
Durch die mondbeglänzte Bahn! Der Fluß iſt aber weder Iliſſus, noch Tiber, ſondern unſer vaterländiſcher Neckar, jene Brücke mit kühnem Bogen iſt bei Untertürkheim, der Thurm, der dort mit vier Erkern in die Lüfte ragt, iſt weder das Capitol noch das Parthenon, ſondern der Pfarrthurm von Mettingen, und die Fahrt geht
nicht gen Rom oder Athen, ſondern nach Eßlingen oder Stuttgart, und auf den
Rebhügeln praſſelt's von Schwärmern und Rateten und die ſchönen
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ſtein Her⸗ Waf nade ſtüre
aus dels
unſe glüc Nan aine nach
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