Jahrgang 
45 (1868)
Seite
709
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Lande, hochgeehrt iſt die Schule, welche Einige durchgebracht hat, Beförderung und Zulage erwarten den glücklichen Einpauker und ſchaarenweiſe ſtrömen Zöglinge dem Präceptor zu, der eine beſon⸗ dere Fähigkeit beſitzt, das.Argumentle einzubläuen.

Die Glücklichen beziehen nun eine der Anſtalten Maulbronn, Urach, Blaubeuern oder Schönthal, dort bleiben ſie vier Jahre. Der Unterricht iſt ausgezeichnet, vorzüglich in alten Sprachen, weniger in Realien, griechiſche und römiſche Autoren werden eifrig überſetzt, zum Theil metriſch übertragen, ja die jungen Leute machen ſelbſt Verſe in den alten Sprachen, mitunter geht es ſogar ſo weit, daß die Zöglinge, wie ein früherer Stiftler verſichert, Schiller's Kampf mit dem Drachen ins Hebräiſche überſetzen mußten. Ausflüge in die herrliche Umgegend ſind nicht ſelten, ſchwärme⸗ riſche Jugendfreundſchaften werden geſchloſſen das ſtrenge Verbot gegen Rauchen und Wirthshausbeſuch weckt die jugendliche Erfin⸗ dungskraft, das Verbot hier und da zu über⸗ treten, und manch dich⸗ teriſcher Jüngling findet unter den Jungfrauen des Städtleins ein em⸗ pfängliches Herz für ſeine erſten lyriſchen Erzeugniſſe, nicht ſel⸗ ten auch eine Braut. Schnell verrinnen die vier Jahre, dann gehts mit Sang und Klang zum Städtchen hinaus und nur zu oft heißt's: Jetzt komm ich, ach! an

Liebchens Haus, O Kind, ſchau noch

einmal heraus!

Aber ſchnell vergeſ⸗

ſen iſt das Voyxxecht der glücklichen 3e, nach nochmaligem Exa⸗ men nimmt Tübingen den jungen Theologen auf, dieſelbe Lebens⸗ ordnung, nur mit mehr Freiheit, dauert weitere vier Jahre, und dann iſt der Mann fertig und beginnt ſeine Laufbahn als Vicar.

Nehmen win zu ſol⸗ cher Erziehung die Ein⸗ drücke der umgebenden Natur, ein Land reich an Naturſchönheiten, das 1. düſtere Wäldermeer des Schwarzwaldes, das reizende Neckarthal, die kühn gezogene, blaue Albkette mit ihren Felſenhäuptern, Hohenſtaufen, Teck, Neuffen, Urach, Rechberg, das ſchwäbiſche Meer, über welchem die Schneehäupter der Alpen herüberblicken, ſo giebt das ein Bild, zwar nicht ſo wild und gewaltig als die tief gefurchten Thäler des badiſchen Schwarzwaldes, nicht ſo erhaben wie die großartige Alpenwelt, aber ſanft und idylliſch zu ſtillem Sinnen und Träumen einladend. Und wie reich iſt die Geſchichte dieſes Bodens, wie wirkt ſie auf die Einbildungskraft! Hier entſtammten die Hohen⸗ ſtaufen, auf dieſen Feldern ſchlugen ſie ſich mit ihren unverſöhnlichen Gegnern, den Welfen, hier erſchallte der Schlachtruf:Hie Welf, hie Waiblingen!

Und auch in der württembergiſchen Landesgeſchichte, welche gewaltigen Naturen! Der alte Greiner und ſein Sohn Ulerich, der gerne warwo's eiſern klang, der edle Eberhard im Bart, die dämoniſche Geſtalt des wilden Ulerich, der im Schönbuch wegen der ſchönenThumbia den Hutten erſchlug; Herzog Alexander mit dem Juden Süß, der ‚Karl Herzog, der Held zahlloſer Anekdoten und dazu der blühende Kranz von Reichs⸗ ſtädten, das feſte Ulm, das gewerbſame Reutlingen, Eßlingen mit

Eduard Mörike.

ſeinen ſchönen Mädchen, deren eine ſogar das Herz des wilden Melac rührte, das reizend gelegene Hall mit der Limburg und der Geiersburg, in deren Nähe der Achill des Bauernkriegs Florian Geier fiel, das kleine Weil, wo der große Kepler das Licht der Welt erblickte.

Dieſe äußeren Eindrücke und Erinnerungen und die ſtrenge Kloſter⸗ und Stiftserziehung(dies der Name des höhern Kloſters zu Tübingen) giebt den jungen Leuten gründliche Kenntniſſe und poetiſchen Gemüthern einen feinen Formſinn durch die tiefere Ein⸗ ſicht in die unerreichten Muſter des elaſſiſchen Alterthums. Aber trotzige Naturen ſträuben ſich gegen den Zwang und geben ſich, wenn losgelaſſen, wilden Ausſchweifungen hin, wie der geniale, aber unglückliche Waiblinger; zarte empfindſame Naturen dagegen, wie ein Hölderlin, bilden ſich eine poetiſche Welt, werden, wenn

ſie ins Leben hinaus⸗

treten, von der rauhen

Wirklichkeit abgeſtoßen

und gehen an dieſem

Zwieſpalt zu Grunde.

Doch die Extreme ſind

ſelten, alle Stiftler aber

behalten, wie der be⸗

rühmte Aeſthetiker Vi⸗

ſcher ſchildert, ein ge⸗

wiſſesGeſchmäckle,

d. h. ein linkiſches ver⸗

legenes Weſen, nament⸗

lich dem ſchönen Ge⸗ ſchlecht gegenüber, eine gewiſſe? Unbeholfenheit klebt ihnen durch das Zanze Leben an, ent⸗ weder ſind ſie, wie der⸗ ſelbe feine Beobachter ſagt, dumm blöde oder⸗ nach freundlicher Be⸗ gegnung werden ſie täp⸗ piſch zutraulich, ſo daß ſie etwa eine hohe Frau bitten, ihnen einen ab⸗ geriſſenen Knopf anzu⸗ nähen. Manche bilden ſich ſogar auf dieſes

Geſchmäckle etwas ein,

ſind ſtolz auf ihre Un⸗

beholfenheit und hal⸗ ten ſie für das ſicherſte

Kennzeichen tiefer Ge⸗

lehrſamkeit und hoher

Genialität.

In ſolchem Lande, von ſolchen geſchichtli⸗ chen Erinnerungen um⸗ geben, in ſolcher ſtren⸗

gen Zucht wuchs Eduard Mörike heran, und ſeine Perſönlichkeit, ſowie der Charakter ſeiner Schriften wird uns verſtändlicher, wenn wir den Boden kennen, aus dem ſie herausgewachſen ſind.

Eduard Mörike iſt im Jahr 1805 in Ludwigsburg geboren, dem württembergiſchen Potsdam, einer Stadt, die auch Viſcher und David Strauß zu den Ihrigen zählt. Aber nur wenige Jahre verlebte der Dichter in dieſer langweilig öden Soldatenſtadt, nach dem frühen Tode ſeines Vaters, eines angeſehenen Arztes, ſiedelte die Mutter nach Stuttgart über. Die dortige reizende Umgebung gab dem erwachenden Naturſinn des Knaben reichliche Nahrung, und von ſeiner Wohnung in der Büchſenſtraße, vom lärmenden Mittelpunkt des Verkehrs mehr noch als jetzt entfernt, durchſtreifte er die umliegenden Höhen und Wälder. Wie manche begabte Naturen fand auch er wenig Geſchmack an den Anfangsgründen der alten Sprachen, und mit Widerſtreben zwang er, wie Schwab ſagt, ‚mit dem Kiele der Römerſprache Herbigkeit Und doch beſtand er das ſchwere Landexamen, denn ein angeborener, feiner Sprachſinn half ihm über die Schwierigkeiten der Ueberſetzung weg. Im vierzehnten Jahre tritt Mörike in Urach ein und da eröffnete ſich dem angehenden Jüngling eine neue Welt; durch