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Wittwe,“ ſprach der Freund unbeirrt,„fünfundzwanzig Jahre, reich, intereſſant, Freier ſo viel wie Penelope ſelig, wähleriſch wie jede verwöhnte Göktin, und gerade darin ganz dazu geſchaffen, das vollauf Gebotene bei Seite zu ſchieben, um die Hand nach dem Monde auszuſtrecken. Du biſt ein Glückspilz, dem der goldene Apfel direct aus dem Lande der Hesperiden in den Schoß fällt!“
„Wenn Du ausgefabelt haſt, dann nimm Dir eine friſche Cigarre und rede Vernunft,“ warf Otto in trockenem Tone ein. „Gehen wir noch in den Club, oder willſt Du meine frugale kalte Küche mit mir theilen?“
„Du wünſcheſt einen andern Discours, wie ich merke! Aber mir gefällt mein Stoff, mir gefällt die ſchöne Wittwe, es iſt ein Thema, bei dem man gern bleibt.“
„Dann würde ich an Deiner Stelle verſuchen, für immer dabei zu bleiben! Man mag ſeit einiger Zeit mit Dir vom Großmogul ſprechen, oder von gut Wetter und Regen, immer findeſt Du Mittel, wieder bei Deiner ſchönen Wittwe anzukommen. Schlage ihr in Gottes Namen vor, Frau von Marbach zu werden, und damit gut!“
„Geht nicht an, geht leider nicht an,“ ſagte der Aſſeſſor klagend.„Sie iſt zu anſtrengend für mich. Wenn ſie ſo reizend ausſieht, wie ein blonder Dämon es nur irgend fertig bringen kann, dann flattere ich mit ausgebreiteten Flügeln auf ſie los, ſo wie ſie aber anfängt über Himmel und Erde zu ſchweifen und mich armen Kerl in wirbelnder Geſchwindigkeit mit ſich irrlich⸗ teriren zu laſſen, dann merke ich, es geht nicht an, ich würde mit einer ſo anſtrengenden Frau nach acht Tagen ſchon in Atome zerſtieben.“
„Eine Phantaſtin alſo, oder gar eine Art von Blauſtrumpf?
Das hätte ich der hübſchen Frau nicht zugetraut, ſie hat eher etwas Kindliches im Ausdruck.“
„Sie hat ein ganzes Repertoire von Ausdrücken, mein Junge. Ich werde Dich bei nächſter Gelegenheit einmal vorſtellen, dann kannſt Du beſſere phyſiognomiſche Studien machen, als von Deinem Fenſter aus.“
„Das laß bleiben,“ entgegnete Schaumberg kalt. weißt, ich verlange überhaupt nicht nach Damenbelanntſchaften, und was ſollte ich mit einer excentriſchen Frau anfangen, oder ſie mit mir!“ 8
„Du
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„Excentriſch iſt Helene Dalen nun gerade nicht, nur unge⸗
wöhnlich. Die kleine Frau hat ja auch ſchon manchen Scenen⸗ wechſel durchgemacht, da färbt immer etwas ab, hier oder dort. Du haſt ſicher gehört, daß ſie ein Jahr über die vergötterte Prima⸗Donna des Mannheimer Theaters war, noch blutjung da⸗ mals, ein Mädchen aus gutem Hauſe, unter den Flügeln der
Mutter die Theatercarriere verfolgend. Sie verließ von dort aus die Bühne, um ſich an einen reichen Mann zu verheirathen, eine
Art von Allerweltsgelehrten, der aus dem Kinde ſeine Puppe gelehrten,
machte und ſie mit Literatur, Aſtronomie und allem Teufelszeug vollpfropfte, bis ſie aus einem liebenswürdigen Weibchen zu dem zurecht gemacht war, was man, horribile dictu! eine geiſtreiche Frau nennt. Der Mann ſtarb, und die ſchöne Wittwe ließ ſich, mit einer komiſchen alten Couſine als Ehrenwächterin, hier nieder, weil ihr die Gegend gefiel, meine ich. Sie hat jedenfalls das Verdienſt um die Stadt, die Zungen zu beſchäftigen, die ihr beim beſten Willen zwar nichts Schlimmes nachſagen können, aber ihren ganzen exotiſchen Habitus als pikantes Futter fleißig verarbeiten. Ich bin nur begierig, ob ſie ihre Freiheit noch ferner ſo ſtandhaft vertheidigen wird, wie bisher.“ 41
„So gilt keiner ihrer Bewerber als bevorzugt?“ fragte Schaumberg flüchtig.
„Doch. Da iſt ein Major von Feldheim, dem ſie wenigſtens mehr Rechte einräumt, als den Anderen. Man ſagt, er ſei ſchon früher, als ihr Mann noch lebte, mit der Familie befreundet ge⸗ weſen. Er wird viel mit ihr geſehen; hätte er aber wirklich die Chancen auf Erfolg, die man ihm zuſpricht, ſo ſehe ich nicht ein, warum die Verbindung verzögert werden ſollte, und deshalb glaube ich nicht daran. Der Major könnte übrigens ihr Vater ſein, gilt für einen Flattergeiſt in Beziehung auf das ſchöne Gefchlecht, und denkt vielleicht gar nicht an die Heirathspläne, die ihm zu⸗ geſchrieben werden.“
„Und nun iſt Dein intereſſantes Thema doch wohl erſchöpft, wenigſtens für heute,“ lächelte Otto, als Marbach ſchwieg;„viel⸗ leicht iſt's jetzt erlaubt, die brennende Frage unſeres Abendbrods noch einmal in Anrkgung zu bringen. Ich denke, wir gehen doch nach dem Club, die Andern erwarten Dich heute.“
Marbach nickte einverſtanden, Beide brachen auf, und Schaum⸗ berg gab ſich an dieſem Abend mit ungewohnter Lebhaftigkeit dem allgemeinen Geſpräche hin.
Als er ſpät in der Nacht den einſamen Weg nach Hauſe
Zurückgelegt und die Eingangspforte aufgeſchloſſen hatte, ſtand er
noch einen Augenblick unter dem ſternhellen Himmel und blickte zu den dunkeln Fenſtern des Hauſes gegenüber auf.
„Sie heißt alſo Helene,“ flog, mehr g-dacht als ausge⸗ ſprochen, über ſeine Lippen.„Ob ich je erfahren werde—“ der Gedanke ward nicht zum leiſen Wort des Selbſtgeſpräches. Mit raſcher, faſt heftiger Bewegung trat der junge Arzt ein, zog die Thür hinter ſich zu und verſchwand in ſeinem Zimmer.
(Fortſetzung folgt.)
Aus der ſchwäbiſchen Dichterwelt.
Wer im September auf der Eiſenbahn oder in den abgelege⸗ neren Gegenden Württembergs auf dem Poſtwagen gegen Stuttgart
reiſt, dem wird eine eigenthümliche Reiſegeſellſchaft bald auffallen.
Junge Bürſchlein von vierzehn bis ſechzehn Jahren, ängſtlich und verzagt ausſehend, von ſorglichen Müttern oder von Vätern be⸗ gleitet, deren Aeußeres den behäbigen Decan, den kinderreichen Landpfarrer oder den gedrückten Schulmeiſter verräth. Zuweilen trifft man auch Trupps von acht, zehn bis fünfzehn ſolcher jungen Leutchen, beaufſichtigt von einem Manne, dem wir im Geſpräch eine wiſſenſchaftliche Bildung anmerken, über den wir aber nicht ganz klar ſind, ob er ein Oekonom oder ein weiter gebildeter Volksſchullehrer iſt. Die Anrede:„Herr Präceptor“ zeigt uns ſeinen Stand. Auf die Frage:„Wohin mit den jungen Leuten?“ heißt es kurzweg:„Sie werden eingeliefert!“ Betroffen fahren wir zurück: ſollten dieſe unſchuldigen, flachshaarigen Jünglinge Verbrecher ſein, die in eine Strafanſtalt gebracht werden? Auf nähere Nachfrage berichtet man uns, nächſter Tage ſei in Stutt⸗ gart Landexamen, und man iſt höchlich erſtaunt, daß wir da draußen in der Welt von dieſer ganz Württemberg durchzitternden Kunde nichts wiſſen.
Als bei der Reformation Herzog Chriſtoph die Kirchengüter einzog, ließ er fünf Klöſter mit ihren bedeutenden Geldmitteln beſtehen und verwandelte ſie in Bildungsanſtalten für proteſtan⸗
tiſche Theologen. Koſt, Wohnung, Unterricht iſt frei, ja ſogar ein Taſchengeld wird gegeben. dieſen Anſtalten ein gewaltiger, bis gegen zweihundert Bewerber ſammeln ſich in Stuttgart, aber Viele ſind berufen, nur vierzig auserwählt. Wir ſagen den Leuten Lebewohl, wünſchen viel Glück und hoffen ſie in Stuttgart wieder zu ſehen. Dort gehen wir in die bekannte Reſtauration„Stotz“, ungeachtet der engen Straße ein beliebtes Haus für„kleine Leute“, um mit Hackländer zu reden. Es iſt gegen fünf Uhr Abends. Bei trefflichem Stoff muſtern wir die Umgebung und erkennen manche unſerer älteren Mitrei⸗
ſenden, da treffen ſich alte Bekannte, Univerſitätserinnerungen wer⸗
den ausgetauſcht, man beſpricht das Examen und die Möglichkeit, ob Sohn, Neffe, Zöglinge, Bekannte durchkommen; Studenten in rothen Mützen, der Tübinger Königsgeſellſchaft angehörig,„Roigel“ geheißen, erwarten Brüder und Freunde und ſuchen Füchſe zu „keilen“..
Jetzt ſtrömen die jungen Leute aus dem Examen, ſiegesfroh
oder niedergeſchlagen. Furchtbar ſchwer waren die Aufgaben, denn Profeſſoren aller württembergiſchen Anſtalten bilden den Prüfungs⸗ ausſchuß, entſetzliche Argumente, anderswo lateiniſcher Stil genannt, werden erſonnen,„ſcheußliche“ Sätze aus den Claſſikern, hier zu Land„Perioden“ geheißen, aufgegeben.
Natürlich iſt der Zudrang zu
Endlich wird das Ergeb niß verkündet, die Namen der vierzig Glücklichen erſchallen im
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