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in allen Sprachen.
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und Kränze, keine Fahnen und was ſonſt noch Alles zu dem Schwindel gehört. Heute ſollte ja die Königin kommen, wie geht das zu?“
„Sie iſt eben nicht gekommen. Prinzeß Mathilde hat die Maſern, und ſo brachte ſchon geſtern Abend ein Telegramm die Abſage. Iſt Dir denn heut keine Zeitung zu Geſicht gekommen?“
„Nicht hineingeguckt. Das iſt ja eine verfluchte Geſchichte! Was wird denn aus dem Balle morgen?“
„Einfach nichts. Die Stadt iſt froh genug, ihr Geld zu ſparen, ſämmtliche junge Damen packen ihre Kränze händeringend wieder ein und gewiſſe Herren haben umſonſt correſpondirt.“ „Correſpondirt? Und das ſagſt Du mit dem bekannten
pfiffigen Zug um die Naſe, der nur bei großen Gelegenheiten
zum Vorſchein kommt. Wex hat correſpondirt?“
„Keine überflüſſige Heuchelei, mein ſehr verehrter Freund und Briefſteller auf roſa Seidenpapier! Zum erſten Male in meinem Leben habe ich den Ausfall eines Balles bedauert, auf dem der ſchlechteſte Witz, den Eure Ehren jemals ausgeheckt, Bankerott ge⸗ macht haben würde.“
„Will ich doch jede Tochter des Landraths heirathen, ſogar die, welche Verſe macht, wenn ich eine Silbe von Deinen An⸗ züglichkeiten verſtehe! Du machſt mich ſo neugierig, wie eine Elſter! Wenn es ſich um voſenfarbige Briefe handelt, iſt das Thema an ſich ſchon intereſſant, werden aber dabei Sokrates dem Jüngeren, der über ſolche Allotria weit erhaben iſt, die Backen ſo roth, wie ich dies eben vor Augen ſehe, ſo prickelt es mich in allen Gliedern! Auf Ehre, Schaumberg, ich weiß nichts von einem Briefe, der ſich auf den projectirten Ball bezieht. Und jetzt beichte!“
„Sonderbar,“ murmelte Otto, indem er die Cigarre fortwarf und den Arm aufſtützte.„Ich war überzeugt, die Sache ginge von Dir aus— pah! was iſt es weiter— hat wirklich eine Dame den Brief geſchrieben, ſo iſt dieſe Species jedenfalls nicht nach meinem Geſchmack! Du kannſt das lächerliche Schriftſtück
leſen, wenn wir nach Hauſe kommen.“
„Und das ſoll gleich geſchehen,“ rief Marbach⸗ lebhaft auf⸗ ſpringend.„Allons, aufgebrochen! Seh' mir einer den Duck⸗
mäuſer an! Damenbriefe! Laß mich das corpuüs delicti nur
unterſuchen, als ein Mann von Praxis find' ich Dir ſchon die
Fährte heraus!“
Plaudernd und einander neckend durchwanderten die jungen Männer die Stadt nach ihrer ganzen Länge, Schaumberg's Be hauſung zu. Als ſie noch etwa hundert Schritte vom Spital entfernt waren, prallte, bei der mangelhaften Beleuchtung jener Stadtgegend, ein Mann gegen ſie an. Es war der Briefträger. Um Entſchuldigung bittend, ſagte er:„Da Sie es ſind, Herr Doctor, ſo darf ich vielleicht einen Brief, den ich noch hinaus⸗ bringen müßte, gleich hier abgeben, und ſpare den Weg.“
Schaumberg nahm den Brief und hielt ihn noch nachläſſig in der Hand, als der in den Localitäten des Studierzimmers unſeres jungen Gelehrten völlig heimiſche Aſſeſſor bereits Licht
angeſteckt hatte.
„Halloh! abermals roſa, bei meinem Wort!“ rief Marbach jubelnd.„Die Sache wird intereſſant— raſch, gieb mir das erſte Capitel des Romans und unterſuche Deinerſeits das zweite.“
Schaumberg ſagte kein Wort; mit dem erſten Blick hatte er erkannt, daß der eben erhaltene Brief allerdings aus derſelben Hand zu ſtammen ſchien, wie jener erſte, vor acht Tagen empfangene, und ein gewiſſes Gefühl des Verdruſſes, von demſelben geſprochen zu haben, überkam ihn mit plötzlicher Verſtimmung.
„Sch wollte, Du dispenſirteſt mich,“ murmelte er, ohne aufzublicken.
„Warum nicht gar!“ lachte der Aſſeſſor.„Verſprechen macht Schulden— überdies haſt Du mich in falſchem Verdacht gehabt, und ich verlange dafür Genugthuung. Nimm nur nicht Alles ſo ſchwerfällig, alter Junge! Beruhigt es Dein zartes Gemüth, ſo gelobe ich Dir mit deutſchem Handſchlag Diseretion und Schweigen Und nun rücke heraus mit dem ‚lächerlichen Schriftſtück“, wie Du es draußen titulirteſt.“
„Laß mich wenigſtens erſt leſen, was ich eben erhielt,“ ſagter Schaumberg, ſchob dem Freunde eine Zeitung hin und löſte dann, in die Sophaecke zurückgelehnt, die Oblate des dünnen Blättchens. Ein eigenthümlicher Zug ging über ſein ausdrucksvolles Geſicht, als er nach einigen Minuten das Blatt zuſammenfaltete, ein⸗ ſteckte und ſchweigend ein paar Mal auf und ab ging.
Marbach unterbrach das Stillſchweigen nicht und ſah mit lächelnder Spannung dem Wechſel, ja dem ſtillen Kampfe zu, der in den Zügen des Freundes arbeitete.„Nun ja,“ ſagte Letzterer endlich, indem er den Schreibtiſch aufſchloß und das darin ver⸗ wahrte Blättchen herausnahm,„ich will Dir die beiden Briefe mittheilen, dann kannſt Du mir ſagen, ob ſie nur meinem Ein⸗ ſiedlerauge ſo befremdend vorkommen, oder ob dergleichen in Eurer bunten Welt vielleicht zu den Alltäglichkeiten gehört. Doch mußt Du mich entſchuldigen, wenn ich Dir den erſten Brief nicht ganz mittheile.“
Mit kaum unterdrückter Aufregung las Otto nun denſelben vor, indem er die Bezeichnung und Beſchreibung des Erkennungs⸗ zeichens überſchlug. Der zweite Brief, den er darauf dem Freunde gab, lautete ſo:
„Ein wohlwollendes Geſchick hat mir die Strafe für den Leichtſinn erſpart, der meinen früheren Brief an Sie dittirte. Seit ich ihn in Ihren Händen weiß, habe ich mir ſchon unzählige Male geſagt, daß Ihre Geringſchätzung Alles ſein dürfte, was dieſer unweibliche Schritt mir eintragen würde, und doch hätte ich vielleicht nicht die Kraft gehabt, dem Ihnen vorgeſchlagenen Zuſammentreffen ſelbſt auszuweichen. So danke ich denn dem Himmel, daß es ſich ohne mein Zuthun anders fügte, und ſchreibe dieſe Zeilen nur, um Ihnen zu ſagen, daß ich es für immer auf⸗ gegeben habe, dem Geſchick abtrotzen zu wollen, was es nicht frei⸗ willig gewährt. Sie werden nie wieder von mir hören; fühlen Sie ſich aber im Laufe der Tage oder Jahre jemals einſam, dann ſei es für Sie ein freundlicher Gedanke, daß ein Herz warm für Sie ſchlägt und bis zu ſeinem letztem Athemzuge Ihr Bild feſt⸗ halten wird.“ 4
Marbach's Geſicht hatte, während er las, den ſpöttiſchen Ausdruck verloren, mit dem er begonnen.„Und Du haſt keine Ahnung?“ ſagte er aufblickend.
„Nein,“ entgegnete Otto, während doch eine verrätheriſche Gluth bis zu ſeinen Schläfen aufſtieg.
„Hm!“ meinte der Aſſeſſor, indem er ein Lächeln unter⸗ drückte,„was haben wir denn für Anhaltspunkte? Man hat Dich ſeit längerer Zeit beobachtet— das könnte alſo nur eine Spitalpatientin oder eine Nachbarin ſein, denn in unſerem Club wird die liebenswürdige Schriftſtellerin Dich ſchwerlich beobachtet haben, und ſonſt ſieht man Dich ja nur wie eine Figur der camera obscura, auf Deinen Spaziergängen. Daß ſie den ge⸗ bildeten Claſſen angehört, ſagt uns der zweite Brief mehr als der erſte, deſſen Romantik allenfalls noch einer durch Leihbiblio⸗ theken gebildeten Putzmacherin entſprechen würde. Dieſes Genre reicht aber doch nicht in die Scala des Ausdrucks hinauf, den wir hier vor uns haben.— Abs echter Ritter biſt Du wohl ent⸗ ſchloſſen, das roſa Band oder die blaue Blume des Erkennungs⸗ zeichens um keinen Preis zu verrathen?“
„Nein,“ ſagte Schaumberg ſchroff.
„Nur piano, mein Sohn, ich ſetze. Dir keine Piſtole auf die Bruſt, aber ganz entrinnen ſollſt Du mir nicht, ein Examen mußt D Wie iſt es mit der Spitalpatientin?“
Du aushalten. Otto lachte. Die Geſtalten all der alten und jungen Ge⸗
ſichter, die ihn täglich aus großen Hauben anblickten und ihre
Leiden klagten, im Zuſammenhang mit dem gegenwärtigen Ge⸗ ſprächsſtoff zu bringen, erſchien ihm doch allzu grotesk.„Warte, mein Schatz,“ ſagte er mit gutmüthigem Spott.„Nächſter Tager nehme ich Dich einmal mit in meinen ‚Damenkrankenſaal’, da kannſt Du Dir unter den vorhandenen Figuren den Typus einer Romanheldin herausſuchen. Du wirſt vortreffliche Modelle finden,
nur ſchade, orthographiſch ſchreiben können ſie gewöhnlich nicht.“
„Eine Nachbarin alſo,“ entgegnete Marbach, ohne eine Miene
zu verziehen, und ſchritt dem Fenſter zu. Ein unwilliger, faſt zürnender Ausdruck glitt hinter ſeinem Rücken über die Stirn des Freundes und glättete ſich nicht, als der Aſſeſſor, der mit einem Scherzwort den Fenſterflügel geöffnet hatte, plötzlich abbrach und lauſchend ſtehen blieb. Aus dem Hauſe drüben klang der Geſang einer vollen Altſtimme herüber. Deutlich erkannten die Freunde die mächtige Melodie des Liedes: Am Meer, von Schubert.
Als die Sängerin geendet, ſchloß Marbach leiſe das Fenſter und ſah Otto mit eigenthümlichem Blick in die Augen.„Duck⸗ mäuſer,“ ſagte er halb ernſt,„Deine nächſte Nachbarin wäre denn ohne Zweifel die ſchöne Wittwe.“
„Welche Albernheit!“ fuhr Schaumberg auf.—„Eine ſchöne
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