Jahrgang 
45 (1868)
Seite
706
Einzelbild herunterladen

ÿy

3 y- 2 5

Mann erhob ſich, um die Lampe anzuſtecken, die auf dem Schreib pult bereit ſtand. Er ergriff das Paket Briefe und ſetzte ſich damit an den Arbeitstiſch, um die letzte Berufsarbeit für den heutigen Tag vorzunehmen. Er las aufmerkſam, mitunter flog ein ernſter Schatten über die feinen Züge. Und doch war er daran gewöhnt, viele Briefe dieſer Art zu leſen, Briefe, die faſt immer eine Fülle von Leid und Sorge in ihren engen Rahmen ſchließen Briefe, die oft genug in ungeſchulten, halb unleſer⸗ lichen Hieroglyphen ihr ſchmerzliches Anliegen berichten, Briefe, die in zitternden Charakteren den Nothſchrei eines beängſtigten Gemüthes zwiſchen den Zeilen errathen laſſen, Briefe, die, wenn ſie geſchäftsmäßig und gleichgültig um Aufnahme für einen Todtkranken werben, eben darum die Seele bewegen müſſen Anmeldebriefe für ein Spital!

Mit leiſem Kniſtern fiel Schaumberg, als er ein großes, amtliches Schreiben aufnahm, ein dünnes Briefchen entgegen, deſſen Ecke ſich in den Spalt des ſtattlichen Briefcollegen einge⸗ ſchoben hatte. Er betrachtete das kleine Schriftſtück einen Augen⸗ blick, ehe er es öffnete, denn, allerdings trug es ein anderes Aeußere, als die übrige Correſpondenz; nicht oft verirrte ſich ſolch ein roſenfarbiges, von zartem Parfüm angehauchtes Exemplar in das Studirzimmer des jungen Klausners. Als er beim erſten Blicke ſah, daß der Brief nicht die Adreſſe der Direction, ſondern ſeine eigene trug, blitzte es in dem hellen Auge auf, und raſch war die Oblate gelöſt. Während er las, ſtieg eine lebhafte Röthe ihm bis an die Stirn, er griff nach dem Couvert, um die Adreſſe nochmals zu unterſuchen. Es trug den Stempel:Stadtpoſt⸗ Briefkaſten und war mit derſelben ſchrägen, offenbar verſtellten Schrift bedeckt, wie das Blatt, welches es umſchloß. Er las zum zweiten Male, ein ſpöttiſches Lächeln ſpielte um ſeine Lippen.

Der Inhalt des roſigen Briefchens war folgender:

Eine Dame, welche Sie ſeit längerer Zeit beobachtet und von Ihrem Charakter die höchſte Meinung gewonnen hat, wünſcht lebhaft, Sie perſönlich kennen zu lernen. In einigen Tagen wird die Stadt der Königin einen Ball geben. Wenn Sie denſelben beſuchen, ſo werden Sie die Schreiberin dieſer Zeilen an einem Schmuck erkennen, der nicht wohl zu verwechſeln iſt. Derſelbe hat

die Form eines Maltheſerkreuzes und iſt von alterthümlicher Filigranarbeit, mit Brillanten beſetzt.

Den Mittelpunkt bildet der Buchſtabe E. Erweckt die Dame, an deren Halſe Sie dies Geſchmeide er

blicken, in Ihnen den Wunſch, ſich ihr zu nähern, ſo ſchonen Sie die Beſchämung, mit der nach langem Kampf dieſe Zeilen nieder⸗

geſchrieben wurden.

Ein paar Augenblicke nach dem zweiten Leſen dieſer eigen⸗ thümlichen Zuſchrift war das feine Blatt zu einem Ballen zuſam⸗ mengedrückt und flog in den Papierkorb.

Dumme Miyſtification! murmelte der junge Stoiker.Na⸗ türlich wieder einmal einer von des Aſſeſſors ſchlechten Witzen. Das wäre ſo etwas für den Patron, wenn ich, der ich nie den Fuß in einen Ballſaal ſetze, ihm das Vergnügen machte, auf dieſen Zopf anzubeißen und mich dann hundert Jahre lang auslachen

zu laſſen!

Etwas verdrießlich nahm Schaumberg die unterbrochene Arbeit wieder auf, machte auf jeden der Briefe ein flüchtiges Memoran⸗ dum und vertiefte ſich, nachdem dies Geſchäft beendigt war, für die nächſten Stunden in das Manunſeript einer wiſſenſchaftlichen Arbeit, die ihn ſo feſſelte, daß es bereits zehn Uhr geſchlagen hatte, ehe der Schluß des Abſchnittes ihn die Feder niederlegen ließ. Ueber⸗ raſcht ſah er nach der Uhr, griff, da er nicht Luſt hatte, ſo ſpät noch auszugehen, nach den Beſtänden ſeiner Junggeſellenwirthſchaft, die im Wandſchranke ſolcher Fälle harrten, klingelte nach einem Glaſe Bier und ließ ſich das frugale Abendbrod mit jugendlichem Appetit munden.

Dann ſchraubte er die Lampe herunter und ſetzte ſich an den Flügel. Nach kurzem Präludium füllten bald die vollen Accorde der Appaſſionata den Raum und drangen mit mächtigen Tönen durch die geſchloſſenen Fenſter in die Nacht hinaus. Schaumberg ſpielte ohne Noten, ein bedeutend entwickeltes Talent entlockte dem Inſtrumente die reichſten Klänge. Nach dem Schlußaccord des Tonſtückes verweilte die Hand des Spielers noch ruhend auf den Taſten, und erſt einzelne Töne anſchlagend, dann der augenblick⸗ lichen Stimmung immer mehr nachgebend, entwickelte ſich in freier Phantaſie ein ſchöner muſikaliſcher Gedanke. Das Auge des jungen

706

Mannes blickte träumeriſch in's Weite und ſchweifte durch das Fenſter über die Straße.

In dem Hauſe gegenüber war ein Balconzimmer der Beletage erhellt, zwar nur ſchwach, als ob auch dort das Licht gedämpft wäre, aber doch hinreichend, um die Umriſſe einer ſchlanken weib⸗ lichen Geſtalt erkennen zu laſſen, die, in einen hellen Burnus ge hüllt, auf dem Balcon lehnte. Ein plötzlicher Gedanke zuckte, wie ein Blitz, durch Schaumberg's Kopf und färbte ſein Geſicht mit heller Röthe. Mitten im Accord brach er ab, zuckte ärgerlich die Achſeln und ſchloß den Flügel. Ehe er zu Bett ging, nahm er aber aus dem Papierkorb den mißhandelten roſenfarbigen Brief hervor, glättete ihn und ſchloß ihn in ein Fach ſeines Schreib⸗ tiſches.

2..

Otto Schaumberg war, was die Maſſe der Menſchen einen eigenthümlichen Charakter zu nennen pflegt, ein Ausdruck, der im Grunde nichts Anderes bedeutet, als ein ſelbſtſtändiges Naturell.

Von Wenigen näher gekannt, galt er dieſen als eine bedeu⸗ tende Perſönlichkeit. Er ſelbſt war ein ſtrenger Beurtheiler der einzelnen Perſonen, ſchwer zu befriedigen in der Wahl ſeines Um⸗ gangs. Unter den jungen Männern, mit denen er hier und da verkehrte, hatte er ſich nur an einen früheren Univerſitätsgenoſſen, der gegenwärtig als Regierungsaſſeſſor in Bamberg angeſtellt war, näher angeſchloſſen. Wären Gleichheit der Neigungen, der Lebens⸗ weiſe eine Bedingung der Freundſchaft, ſo würden nicht leicht zwei weniger paſſende Gefährten zu finden geweſen ſein, algedieſe Bei⸗ den. Der Aſſeſſor von Marbach war ein Lebemann, ein Freund des geſelligen Treibens, ein Satiriker, der von Allem den Schaum abſchöpfte, ohne ſich-⸗Zeit zu nehmen, den Becher zu leeren; dennoch war ſein Umgang dem ernſten Freunde zum Bedürfniß geworden. Die friſche Lebendigkeit des Aſſeſſors, der Allem, woran er vor⸗ überſtreifte, etwas abzugewinnen verſtand, fiel wie heiteres Sonnen⸗ licht in Schaumberg's begrenzte Welt und erfriſchte ihn.

So begab ſich denn auch heute der junge Arzt mit einem G* fühl des Behagens nach dem Bahnhofe, um den Freund, der von einer commiſſariſchen Reiſe zurückkehren ſollte, dort in Empfang zu nehmen. Es war bereits ſpät und recht kühl. Schaumberg wickelte ſich feſt in ſeinen Mantel und warf ab und zu einen Blick auf die wenigen Gruppen, die, gleich ihm, auf dem Perron hin und her wanderten und, vom ſcharfen Oſtwinde unbehaglich angeweht, der Ankunft des Zuges ungeduldig entgegenharrten. Nun pfiff das Signal durch die Luft, der Bahnwärter ſtellte die Weichen, bald erſchienen, wie zwei Feueraugen, die rothen Laternen der Locomotive am Horizont, und wenige Secunden ſpäter hielt der nur aus wenigen Waggons beſtehende Zug. Schaumbergs ſcharfes Auge erſpähte bald den Erwarteten, ſeinem Zuruf folgte eine kräftige Geſtalt mit elaſtiſchem Sprung, die leichte Reiſetaſche ward einem Gepäckträger übergeben, und die Freunde ſchüttelten ſich die Hände.

Laß Dir ſagen, mein Junge, rief der Aſſeſſor, indem er den Schritt des heimwärts wandernden Gefährten mit leichtem Druck auf deſſen Arm anhielt,vorerſt wäre ein Glas heißer Punſch nicht übel. Ich bin durchfroren vom Wirbel bis zur Zehe und möchte erſt ein bischen aufthauen, ehe ich die Reiſe bis an's andere Ende der Stadt mache.

Immer, wie Du willſt, Goliath! nickte Schaumberg. Nach der Reſtauration alſo, und dort, wenn Dir nicht auch die Stimme eingefroren iſt, zum Reiſebericht. 1

Was giebt es da viel zu berichten, ſagte der Aſſeſſor, in⸗ dem er den Mantel zurückwarf und ſich's im warmen Zimmer bequem machte.Du kennſt ja das alte Programm! Morgens Acten, Nachmittags Beſichtigung von Löchern in der Chauſſee und

ähnlichen intereſſanten Gegenſtänden, Abends beim Landrath die

unvermeidlichen Feldhühner, die noch unvermeidlicheren drei Töchter Y

und ihre muſikaliſchen Leiſtungen dort heißt es ja in jedem Sinne ſtets: toujours perdrix! Ich gehöre nun einmal nicht zu den Glücklichen dieſer Welt, die nach einer Abweſenheit von acht

Tagen Bände voll Begebenheiten erlebt haben. Und hier im 3 alten Neſte ſteht ſicherlich auch Alles auf dem alten, langweiligen.

fen à propos aber, ich habe ja draußen gar nichts ge⸗ ehen!. 8 Ich auch nicht, lachte Otto,denn es iſt ſtark finſter.

1 Nonſens! Keine Anſtalten, meine ich, keine Triumphbogen .*

1

==

.,