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von unmäßigem Umfange beſetzt, desgleichen ſeine Schuhe. Die ganze Toilette zeigte eine übertriebene Nachäffung der Tagesmode. Er wollte ſich höflich zeigen und übertrieb ſeine Verbeugungen; ſeine erſten Worte waren geſpreizte und ziemlich gewöhnliche Complimente.
Mirabeau ſchildert uns das neue Regiment in ſcharfen, aber nicht ungerechten Zügen. Der König war in den Händen des Sachſen Biſchoffswerder und des Preußen Wöllner, die ihn mit ſanfter Myſtik zu verdummen begannen; ſeine Geliebte war da⸗ mals ein Fräulein von Voß; die Intriguen, die ihr die zweifel⸗ hafte Ehre einer morganatiſchen Ehe verſchaffen ſollten, nehmen einen nicht geringen Theil der Berichte des Franzoſen ein. Mit den franzöſiſirenden Einrichtungen, mit den Monopolen und Ver⸗ pachtungen Friedrich's des Zweiten wurde auch ſehr viel Gutes über Bord geworfen, durch die Bevorzugung ſeiner Landsleute machte Biſchoffswerder ſich und den König verhaßt. Ein Regi⸗ ment, dem man einen ſächſiſchen Grafen Totleben als Major zu⸗ ſchickte,„um den Dienſt zu lehren“, ſchrieb zurück:„Hat man uns den Herrn von Totleben geſchickt, um uns zu unterrichten, ſo iſt dies eine Erniedrigung, die wir nicht verdient haben und nicht ertragen werden; ſoll er aber ſich unterrichten, ſo kann er nicht als Major eintreten!“ Vor dem geheimnißvollen Treiben der Geiſtesumnebler konnten die ehrlichen Feldſoldaten der ver gangenen Zeit nicht Stand halten, ſie ſielen ſämmtlich in Un gnade. Ja, es kam ſo weit, daß ſelbſt in bürgerlichen Kreiſen der große Todte klein gemacht wurde. Der franzöſiſche Spion Mirabeau lehrt dieſe Deutſchen deutſch denken, indem er ausruft: „O, wenn ſeine großen Augen, mit denen er nach dem Belieben ſeiner Heldenſeele verführte oder ſchreckte, ſich einen Augenblick wieder öffneten,— hätten ſie den Muth, vor Scham zu ſterben, dieſe unſinnigen Götzenanbeter!“
Dem gewandten und geiſtreichen Sendlinge gelang es bald genug, ſich Freunde und Gönner zu erwerben. Beſonders be günſtigte ihn der Prinz Heinrich, der Oheim des Königs, und machte ihn zu einem Vertrauten aller kleinen Zurückſetzungen, die er erleiden mußte und die den alten Herrn tief kränkten. Mirabeau nahm die Freundſchaft und Gaſtlichkeit des Prinzen gern an, wenn er aber des Abends ſpät in ſeiner Wohnung an kam, ſo ſetzte er ſich hin und machte ſich in einem Berichte an ſeine Auftraggeber über den Ehrgeiz im Kleinen und andere Schwächen ſeines Protectors luſtig.
Eine wichtigere Bekanntſchaft machte er in dem Herzog von Braunſchweig, von dem er ſchon auf ſeiner Herreiſe in Braun⸗ ſchweig ſelbſt freundlich aufgenommen worden war. Da der Herzog aber für's Erſte ſelbſt ein Mann von Geiſt war und zweitens in ſeinem Einfluſſe bei dem Könige durch Wöllner und Biſchoffswerder verdrängt wurde, ſo konnte Mirabeau von ihm nicht die Vortheile ziehen, die er wünſchte. Immerhin vernahm er genug, um ſeiner Regierung nicht unwichtige Andeutungen geben zu können; der Herzog war jedem Kriege in den gegenwärtigen Verhältniſſen entgegen und machte aus dieſer Anſicht kein Hehl; da er der einzig mögliche Heerführer war, ſo hatte ſeine perſönliche Meinung dop peltes Gewicht.
Mehrere Male kam Mirabeau mit dem Könige, Friedrich Wilhelm dem Zweiten, zuſammen, der den Grafen nicht ungern ſah. Dieſer durfte es ſogar wagen, ihm einmal über gewiſſe Maßregeln der Adminiſtration Vorſtellungen zu machen. Unter den Monopolen, die fallen ſollten, war auch das der Tuchfabri cation, das ſich in den Händen eines gewiſſen Smits befand. Mira⸗ beau gab dem Könige zu verſtehen, ehe man das alte Haus nieder⸗ reiße, müſſe man wiſſen, wo man ſein Haupt hinlegen könne, bis das neue fertig ſei.
„Ah,“ ſagte der König lächelnd,„Smits iſt Ihr Bankier!“
„Allerdings,“ erwiderte der Graf,„aber er hat mir von dem Gelde, das ich durch ihn erhalten, nichts geſchenkt.“
Ein andermal wurde Mirabeau zur Abendtafel geladen, an welcher auch Fräulein von Voß erſchien. Der König hatte von einem Mitgliede der franzöſiſchen Akademie ein Buch über die Hazardſpiele erhalten nebſt einer fehr ſchmeichelhaften Dedication „an den erſten Fürſten, der durch Verbot und Abſchaffung des Lotto den Vortheil ſeiner Caſſen dem der Bevölkerung nachgeſetzt habe“! Es war nun fatal, daß dieſe Abſchaffung des Lotto in der That eine ſchöne Fabel war, die dem franzöſiſchen Gelehrten irgendwer aufgebunden haben mußte; Mirabeau wußte indeſſen den
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König zu beruhigen, indem er hervorhob, daß ſchon der bloße Wille, den Wilhelm geäußert, höchſt lobenswerth ſei, worauf der König wieder heiter und zufrieden wurde und entſchuldigend an⸗ führte, daß ja zudem mehrere Inſtitute, wie z. B. die Militär⸗ ſchule, auf den Ertrag des Lotto angewieſen ſeien. 5
Selbſtverſtändlich erweckte die wenn auch noch ſo geringe Be⸗ günſtigung Mirabeau's den Neid der Höflinge. Als wenige Zeit nachher der König beim Spiele fragte:„Wo bleibt denn der Graf von Mirabeau? Ich habe ihn ſeit tauſend Jahren nicht mehr geſehen!“ da entgegnete man ihm:„O, das iſt leicht begreiflich, er bringt ſein Leben bei Struenſee mit Binſter und Nikolai zu!“ Binſter und Nikolai waren aber arge Feinde der Dunkelmänner, wie ſie ja auch mit dem eingebildetſten der Lichtauslöſcher jener Zeit, mit Lavater, in Streit geriethen, und daher beim Könige gar nicht gut angeſchrieben.
Unter all den kleinen Intriguen und Eintagswichtigkeiten wal⸗ tete Mirabeau ſeines Amtes. Mit ſchweren Koſten wußte er ſich eine Copie der ſehr geheim gehaltenen ſo eben vollendeten topo⸗ graphiſchen Karte Sachſens zu verſchaffen; ebenſo ließ er insge⸗ heim einen Kataſter des Kurfürſtenthums, welcher ein genaues und eingehendes Verzeichniß der Hülfsquellen aller Art bot, abſchreiben; Beides Dinge, die damals überall fremden Augen möglichſt ent⸗ zogen wurden. Ueber die politiſche Lage im Norden, namentlich Kurlands, arbeitete er mehrere Denkſchriften aus, die an tiefen Wahrheiten und vortrefflichen Räthen überreich ſind— und nicht geleſen wurden. Seine eingehenden Studien über Preußen hat er nachher in ſieben Foliobänden der Oeffentlichkeit übergeben, die freilich zum wenigſten ſeine eigene Arbeit ſein ſollen. Daneben erfreute er die Miniſter mit manchen piquanten Geſchichtchen, zu denen Hof und Stadt wiichlichen Stoff lieferten.
Eine nicht ſehr willkommene Unterſtützung erhielt er in einer abenteuernden Dame, die, nachdem ſie in Paris ihre Rolle aus⸗ geſpielt hatte, ſich nach Deutſchland wandte und mit großem Ge⸗ folge gekommen war, mit der ausgeſprochenen Abſicht, den König zu erobern. Empfehlungsbriefe brachte ſie nur Einen mit: den an ihren Bankier. Im Gefühle der Seelenverwandtſchaft ſchloß ſie ſich ſogleich eng an den Grafen Mirabeau, beehrte ihn mit ihrem Vertrauen, das er„gern zum Teufel geſchickt hätte“, und bot ihm ein gegenſeitiges Schutz⸗ und Trutzbündniß an. Es war für unſern Helden eine fatale Lage; er wollte ſich die Donna nicht zum Feinde machen, weil man doch nicht wiſſen konnnte ꝛc.; denn bei Gott und den Fürſten war kein Ding unmöglich— ſo verſchaffte er ihr denn den Zutritt am Hofe, verwahrte ſich aber ernſtlich gegen jede Verantwortlichkeit. Die holde Schöne er⸗ hielt denn auch wirklich eine Audienz beim König und ſchied nicht ohne Hoffnung, denn Ihre Majeſtät waren ſehr leutſelig geweſen und hatten ſich bitterlich über das Ennuyante ihres Metiers be⸗ klagt. Doch war ſie allzu bekannt in der galanten Welt, um ernſtlich auf Erfolg rechnen zu können. Nachdem ſie noch einige Wochen lang die Berliner durch ihr tolles Weſen geärgert, ver⸗ ſchwand ſie zur großen Freude Mirabeau's; ſie ging nach Warſchau, um dort ihr Glück zu verſuchen.
So verſtrich ein Monat um den andern; immer m r fühlte der Graf das Schmähliche ſeiner Stellung. Bereits dämmerte in ihm der Gedanke auf, daß er ſich vielleicht geirrt habe, als er die erſte Staffel der Ruhmes⸗ und Aemterleiter zu beſteigen glaubte. Auf die dringendſten Anfragen erhielt er keine Antwort; die lebhafteſten Vorſtellungen wurden nicht beachtet. Da begann er immer mehr für ſich zu intriguiren.
Sein nächſtes Augenmerk richtete er auf den Geſandtſchafts⸗ poſten in Berlin. Manche ſeiner Briefe wimmeln förmlich von Invectiven, von feinen und groben Sticheleien auf den damaligen Geſandten Eſternon. Das Kleinſte weiß er zu einer ungeheueren Kugel aufzublaſen, die er dieſem in den Weg wirft, damit er darüber ſtolpere.— Eines Abends war durch ein Mißverſtändniß e iſ gekommen.
d ſ-.. C 4— Das war natürlich eine ſchwere Beleidigung; Graf
erklärte, daß er heute nicht ſpiele, und ging im Bewußtſein ge⸗ kränkter Unſchuld nach Hauſe.
zwar vor Keinem den Vortritt verlange, o gar nicht; daß er
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aber nie, nie dulden werde, daß ihm Jemand vorangehe. Aehnlich 8.— Mt
r ruſſiſche Geſandte an den Spieltiſch der Königin, der franzö che aber nebſt den Andern nur an den der Prinzeſſin Friederike
Eſternon wies die ihm zugedachte Ehre in harten Worten zurück,
1 Hierauf großes diplomatiſches Kunſtboxen; der engliſche Geſandte beeilte ſich zu erklären, daß er
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