Jahrgang 
44 (1868)
Seite
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Farben beſungen, will man Lügen ſtrafen vor einer künftigen Generation, man will ihn ſeines bisherigen hohen Poſtens ohne Weiteres entheben und zur Dispoſition ſtellen, mit der Erlaubniß als armſeliger Canal die Uni⸗ form der Schlewpdampfſah hifffahrts⸗ und Correctur⸗Geſellſchaft zu tragen! Fort mit der Romantik von Nonnenwerth, wo Die Liebliche ſich zeigte

à bas die zahlloſen kleinen Inſeln, die überall auf den Wellen ſchwimmen wie Waſſerroſen, zerſtört der Mänſethurm Hatto's, zerriſſen die maleriſchen Ufer in abſcheuliche Sumpfſtellen! Kein Plätzchen mehr gelaſſen für das Hoflager der Elfen, für das nächtliche Treiben all' jener reizenden Geſtalten der Sage, die ſich hier bekanntlich ſeit alten Zeiten zu ergehen pflegen, überall Steindämme, wo kein Fuß wandeln kann als höchſtens einer mit Hufeiſen beſchlagen, und keine Freude mehr gelaſſen für die Menſchen! Wohin mit den Geſunden und Kranken, Frohen und Traurigen? Wohin mit den jungen glücklichen Hochzeitsreiſenden, den ſommerlichen Zugvögeln, der Schaar der fahrenden Schüler und luſtigen Maler, die Alle ein Stück jener herzerfriſchenden Rheinpoeſie mitnahmen in das Alltagsleben, als eine unverwelkliche Erinnerungsblüthe? Statt der Villen werden Hoſpi⸗ täler für Fieberkranke entſtehen und ſtatt des Weines wird man jenes Gewächs ſchlürfen lernen:

ſieht aus wie Wein der ſelige Claudius behauptete:

Man kann dabei nicht ſingen,

Dabei nicht fröhlich ſein

Und der Wandsbecker Bote war an ſeiner deutſchen Dichtertafel nicht einmal verwöhnt durch einen feinen Rheinwein, und hat ohne Zweifel nur in ſeinen Träumen, und ſelbſt da noch ſchüchtern, Johannisberger oder Steinberger gekoſtet. Der ſchöne See zwiſchen Mainz und Bingen, vor deſſen blankem Spiegel Frau Sonne beſonders gern Toilette machen ſoll, und von deſſen bewegten Wellen in der Nacht jener Than aufſteigt für die Rebenhügel, der ſie labt, wenn der Regen ſie nicht tränkte, er ſoll ver⸗ ſchwinden, der köſtliche Johannisberger, der Geiſenheimer, Steinberger, Nauenthaler, ſie ſollen zur Sage werden, verkümmern und verſauern! Und warum das Alles?rile ſo antwortet die Augsburger Allge⸗ meine Zeitung,die Herren Sch leppſchiſffahrtsaetionäre nicht die Schiffe nach dem Strom bauen, ſondern den Strom nach den Schiffen conſtruirt haben wollen!All' dieſe Schmach für elenden Gewinn! ruft die Kölner Zeitung aus.Im Intereſſe der kaufmänniſchen Speculation einiger weniger reicher Leute ſoll eine ganze Gegend, die ſeither der Stolz und das Entzücken Deutſchlands war, wohin alllährlich Tauſende aus ſernen Ländern pilgerten, ja, ſoll die Ge ſundheit von allen Bewohnern des Rheingan's ſchnöde geopfert werden!

Aber nein, und tauſend Mal nein!Sie ſollen ihn nicht haben!

Das ſei hier unſer gemeinſames Motto. Wir Alle müſſen einig ſein dieſer Zeitfrage gegenüber! Wer nur eine glückſelige Stunde an jenen geſegneten Ufern verlebte, wer nur einen Tröpfen goldenen Rhein weines trank, wer noch Augen hat zu ſehen und Ohren zu hören, und ein warmes Herz für die Zierde und den Stolz Deutſchlands, der erhebe ſich und helfe bitten und ſtreiten für unſern Rhein;

Ob ſie wie gierge Raben Sich heiſer nach ihm ſchrei'n!

Es iſt keine deutſche Sentimentalität, wenn uns der Gedanke uner träglich erſcheint, unſern königlichen Rhein die Arbeiten eines Knechtes ver⸗ richten und ſeine Schönheit zerſtört zu ſehen, die feinſten Empfindungen des deutſchen Herzens werden verletzt bei ſolcher Vorſtellung. Man nimmt uns mit dieſer Schönheit den Hort der deutſchen Poeſie! Und nicht das theuere Vaterland iſt es, das ſolch' ein Opfer von uns for⸗ dert ihm allein würden wir es ohne Klage bringen nein, im Intereſſe Einzelner ſoll das reizvollſte Landſchaftsgemäl de zerſtört werden.

Aber wir haben ja allgemeine Wehrpflicht! Nun, ſo wehren wir uns doch gründlich, mit Hand und Mund gegen den Feind: Rhein correctur! Alle, Alle, Groß und Klein, Jung und Alt verſuche ſeine Kräfte! Und einen mächtigen Helfershelfer haben wir auf unſerer Seite: Bismarck hilft mit!

Sagte er doch:Die Intereſſen der Uferbewohner müſſen vor Allen berückſichtigt werden, ehe etwas für die Schifffahrt geſchieht. Für mich verſönlich hat aber auch die äſthetiſche Seite dieſer Sache eine große Bedentung.

Tritt mit dieſem Worte der Mann von Eiſen nicht ent tſchieden auf die Seite der Poeten zund Aller, die aus vollem Herzen ruſen:Sie ſollen ihn nicht haben!? Und ſo dürfen wir hoffen mit vollſter Zuverſicht daß er für unſere Bitte auch einem Königspaar gegenüber ſprechen werde,

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von dem ſchon

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deſſen Machtwort das Felſenſchloß der Loreley vor der Zerſtörung ſchützte

und daß es bald heiße: Sie werden ihn nicht haben!

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Pariſer Kinder. Eine ſtereotype Figur von Paris, welche man an beſtimmten Wochentagen in den Straßen ſehen kann, ſind die kleinen Wäſcherinnen. Ein armes Kind von zwölf bis vierzehn Jahren trägt, von Schweiß triefend, einen großen Korb mit Wäſche auf den Schultern, läuft damit oft von einem Ende der Stadt zum andern und ſteigt wohl fünf bis ſechs Treppen hoch. Nachdem die reine Wäſche abgeliefert und nachgeſehen, ob alles richtig iſt, wird der Korb wieder mit ſchmutziger Wäſche vollgepackt. Man ſieht das Mädchen alle Augenblicke anhalten und Athem ſchöpfen.

Aber das iſt noch nicht das Schlimmſte. Kaum iſt die Arbeit zuſam⸗ mengeholt worden, ſo beginnt das Seifen, Schlagen und Bürſten. Winter

und Sommer die Arme im Waſſer, aus dem Warmen in's Kalte und um⸗

gekehrt. Und dabei hören dieſe in ſo zartem Alter befindlichen Mädchen die häufig obſcönen Geſpräche der alten Wäſcherinnen. Phyſiſch und mo⸗ raliſch dringt das Uebel auf dieſe armen Kleinen herein. Sie nehmen die feuchte Wäſche auf ihre Schultern und tragen ſie zum Trocknen. Nun be⸗ ginnt das Bügeln, das Eiſen iſt glühend. Von dieſem ausgebreiteten Lei⸗ nen ſteigt ein ungeſunder Dampf empor, den die kleine Büglerin einathmen⸗ muß. Dieſe Arbeit und das ſchwere L Laſttragen fordern viele Opfer, viele ſterben, ehe ſie Frauen werden. Diejenigen, deren Natur kräftig genug iſt, werden vor der Zeit alt und gebrechlich. Faſt alle verlieren ihre Zähne; allmählich gewöhnen ſie ſich an alkoholhaltige Getränke, um ſich zu erwär⸗ men, und um dem einen Uebel zu entgehen, fallen ſie oft in ein anderes, noch größeres. Ein franzöſiſches Sprüchwort ſagt:Die Kinder ſind der Reichthum des Arbeiters. In der That werden ſie häufig genug aus⸗ gebeutet.

Eine ganz beſondere Betrachtung erfordern die gemietheten Kin⸗ der. Man begegnet zuweilen in den alten Vierteln von Paris, unter einem Thorweg zuſammengekauert oder an der Ecke eines öden Platzes, einer Frau leidenden Ausſehens, auf ihren Armen ein Kind und noch von fünf oder ſechs andern umgeben, die ſich alle in einem Abſtand von einem Jahre zu folgen ſcheinen. Die Frau bettelt eigentlich nicht, ſie ſpricht Nie⸗ manden um eine Gabe an; aber ihr Blick, den ſie auf den Vorübergehen⸗ den erhebt, iſt ſo von Schmerzen und verborgenen Leiden durchfurcht, ihre Stimme iſt ſo zitternd, daß man nicht anders kann als in die Taſche greifen und der armen Mutter ein Gel dſtück zuwerfen. Ihr Zuſtand dringt bis auf den Grund des Herzens.

Indeß der Beobachter, vielleicht der Skeptiker, will ſolchem Elend auf den Grund gehen, er verſteckt ſich und ſieht zu, was weiter aus der armen Mutter wird, und erfährt leider nichts Gutes. Dieſe arme Mutter mit dem jammerverkündenden Blick hat gar keine Kinder; die improviſirte Fa⸗ milie, mit der ſie ſich umgiebt, beſtel ht aus kleinen Weſen, welche ſie von Eltern gemiethet hat, die noch zehn Mal ärmer ſind als ſie. In das Haus, welches ich bewohne, kam von Zeit zu Zeit eine arme Frau. Sie war von ihrem Manne verlaſſen worden und hatte fünf Kinder. Eine Tochter von fünfzehn Jahren war Dienſtmädchen, ein Knabe von zwölf Jahren arbeitete in der Malerei, und ihr blieben noch Drei von acht, fünf und drei Jahren.

Eines Tages fragte ich ſie, in welche Schule ſie ihre Kinder ſchicke. Schule! ſagte ſir erſtaunt,o mein Herr, ich bin zu arm, um meine Kinder in die Schule e zu, ſchicken! 2*

Aber, liebe Frau, antwortete ich,es giebt einige Schulen mit un⸗ entgeltlichem Unterricht.

Ich weiß wohl, aber ich bin auch dafür noch zu arm. müſſen verdienen.

Wie, Ihre Kleinen müſſen verdienen? Alter einbringen? 9**

O, ſie, verdienen fünfzehn Sous täglich

Aber, unterbrach ich,was können ſie denn in ihrem Alter ſchon arbeilen?

Ah, mein Herr, in unſerem Hauſe wohnt eine Frau, welche in den Straßen ſingt und mir meine Kinder für fünf Sous täglich abmiethet. Sie miethet noch zwei andere in dem Viertel, und das iſt ihre Familie, wie ſie ſagt. Fünf Sous per Stück iſt ihr Preis, für Krüppel zahlt ſie zehn Sous. Unglücklicher Weiſe ſind die meinigen geſund.*

Unglückliche Frau, diebin kann einen Frane fünfzig Centimes Koſten täglich zahlen? 2**

Gewiß, Herr, es giebt Tage, wo ſie acht Franes verdient. Und dabei giebt ſie den Kindern nichts zu eſſen, ich muß ihnen des Morgeus ein Stück Brod mitgeben. Wie glücklich war da eine meiner Nachbarinnen: dieſe hatte einen kleinen Knaben, welcher mit zwei Ziegenfüßen geboren war. Sie vermiethete ihn für zwanzig Francs monatlich an Leute, die mit ihm umherzogen und ihn als Naturwunder zeigten.

Später erfuhr ich, was aus den drei Kindern dieſer Frau geworden.

Das jüngſte hatte das Glück zu ſterben, die beiden anderen wurden bei einem Diebſtahl ertappt und in ein Correctionshaus gethan. W.

Meine Kinder

Was können ſie in ihrenn

Inhalt: An alle Lehrer und Erzicher Süden und Norden. Mirabeau in Berlin. Eri innerungen von Kurt t Greß.

(Schluß.) Die Martinsgans. 4 4 9 Mit Abbildung.

Mit Abbi ldung. Noch einmal Langtuſalza.

Dorfgeſchichte von 1866. Von Herman Schmid. Ein deutſcher Gruß von Auſtralien her. Sie ſollen ihn nicht haben! Pariſer Kinder.

Eine baieriſche Von Ingo Ettmüller. Blätter und Blüthen:

Zu Weihnachten für den Leſetiſch der Familie.

Von Herman Schmid,

dem Verfaſſer der in und Norden, ſind die

dieſer Nummer ſchließenden, mit ſo großem

Geſammelten

Beifall aufgenommenen ErzählungSüden

Schriften.

Volks⸗Familienausgabe

bis zum 9. Bande erſchienen und werden allen Familienvätern, die ihrem Hauſe eine

nachtstiſch hiermit angelegentlich empfohlen. Subſeriptionspreiſe abgegeben. Leipzig, Ende October 1868.

Dieſelben erſcheinen in 18 20 Bänden, à

durchaus edle und feſſelnde Lectüre bieten wollen, für den Weih⸗ 7 ½ Ngr. Einzelne Bände werden nur zu dem vierſachen

Die Verlagshandlung von Ernſt Keil.

Verantwortlicher Rehacteur Ern ſt Keili in Lahng

Verlag von Ern ſt Keil in Leipzig Druck von Alexander Wiede in Leipzig. *

rief ich aus,Sie läſtern Gott! Und dieſe Tage⸗

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