Jahrgang 
44 (1868)
Seite
697
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ſerm nals

an⸗ vider ſowie mehr jans erden wird und ubus

ent- lichen

Es war am 20. Juli 1786, als dem franzöſiſchen Geſandten in Berlin, dem Grafen Eſternon, die Karte eines Landsmannes überreicht wurde, der, von Paris kommend, einige Zeit in Berlin zu verweilen gedenke. Auf der Karte ſtand:llonoré Gabriel Riquety, comte de Mirabeau. Eſternon hatte kaum den Namen geleſen, als er ſich unwillig zu ſeinem Seeretär wandte und ihm ſagte:Melden Sie dem Herrn Grafen mein Bedauern; Geſchäfte machen es mir unmöglich, ihn zu empfan igen, und, ſetzte er hinzu,bringen Sie dies Alles mit einer ſo ab weiſenden Miene vor, daß er das Wiederkommen vergißt. Etwas erſtaunt führte der Secretär den Befehl aus; als er zurückkam, ſetzte ihm ſein Herr huldvollſt die Gründe dieſes Verfahrens aus⸗ einander.

Der Graf von Mirabeau war in den Kreiſen des Adels nicht beliebt, den Einen war er zu bedeutend, den Andern zu verrufen, und in der That, ſein Vergangen heit giebt ſo recht ein Bild der damals herrſchenden Verwirrung aller ſitt lichen Anſc hauungen.

Er entſprang einer altadeligen Familie. Sein Vater, der Marquis Mirabeau, war einer jener verſchrobenen Nationalökono men, die unter der Maske biederer Grobheit die feilſte Geſinnung

des Hofes und

verbargen: eine vierzehntägige Ungnade brachte ihn faſt zur Ver zweiflung. Seine Frau trennte ſich von ihm, als er ihr ſeine Geliebte zur Geſellſchafterin aufdringen wollte, und hieraus

entſprang ein ſcandalöſer Scheidungsproceß, in welchem der Marquis ſeine Frau und ſeinen Sohn, der für die Mutter auf trat, mit den ſchmählichſten Verleumdungen überhäufte. Der junge Mirabeau hatte nie an ihm einen zärtlichen Vater gehabt; der Marquis ſchrieb einmal über ſeinen Sprößling:Dieſes Kind gleicht nicht übel dem Policinell, denn es iſt ganz Bauch und Rücken, es ſcheint mir Talent za einer Schildkröte zu haben: es zeigt den Rücken und läßt ſich ſchlagen. Fünf Zahre, von 1767 bis 1772, that der Graf Militärdienſte; dabei begegnete es ihm, daß er im Spiel vierzig Louisd'or verlor und einen Oberſten in der Gunſt einer Dame ausſtach j. Meinds ſteckte ihn ſein Vater vermitteſſt eines lettre de Sefa in's Gefängniß auf der Inſel Nhé.

Darauf kam Mirabeau junior mit ſeinem Regiment nach Corſica. Hier begann er Geſchmack an ſeinem Berufe zu finden und erwarb ſich Kenntniſſe. Als aber der Papa dies merkte, nahm er ihn nach Hauſe, um ihnrural zu machen, d. h. ihn zu verbauern. Zu dieſer Zeit verwandelte ſich die Aeneſcun des Vaters in un verſöhnlichſten Haß, der gewiß einzig in ſeiner Art iſt: der Marquis wurde auf die Begabung ſeines Sohnes niferſüchtege e er fürchtete, von ihm verdunkelt zu werden! Der Ehezwiſt vollende den Bruch.

Nun beginnt die eigentliche des jungen Mirabeau. Auf nicht ſehr ehrenhafte Weiſe gewann er die Hand einer reichen Erbin, jedoch ohne einen Thaler Mit⸗ gift. Auf ſeinem kleinen Gute ſpielte er nun den großen Herrn, bald hatte er hundertſechszigtauſend Franken Schulden. Sein ſehr reicher Vater ließ den Sohn unter Vormundſchaft ſtellen und in das Schloß If bringen, wo er in kargem Gewahrſam büßen und bereuen ſollte. Er that dies zwar nicht, aber etwas Anderes: er verführte die Frau des Gefangeuwin ers. Dies wurde ruchbar, der gekränkte Ehemann ſchlugW Lärm, und Mirabeau wurde auf eine einſame Feſtung im Jura verſetzt. Das Schloß Joux, das war der Name des neuen Verwahrungsortes, war aber in der Nähe des Städtchens Pontarlier; der Graf erhielt die Erlaubniß, die Geſellſchaft des kleinen Ortes zu beſuchen, und machte bald die nähere Bekanntſchaft der zwanzigjährigen Frau des ſiebzig⸗ jährigen Herrn von Monier. Er entfloh mit ſeiner Ge eliebten erſt nach der Schweiz, dann nach Holland. In Amſterdam ließ ſich das Pärchen nieder, und es iſt wirklich rührend, wie der Graf Alles aufbietet, um ſich eine beſcheidene Exiſtenz zu verſchaffen. Er lebte von literariſchen Arbeiten, die ſein damals ſchon berühmter Name empfahl. Als er aber reines Abends nach Fuuſ aüi

Leidens⸗ und Feſtungsperiode

N Jaris wunde d junge Frau in en 1 Kloſter gehraht ihr Ver aber nach dem Gefängniſſe zu Vincennes. Vier Jahre blieb

Mirabeau in Berlin.

dritten Jahre entſtellt.

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er daſelbſt und ſchrieb geiſtreiche Briefe an ſeine Sophie, die zu ſeinen beſten ſchriftlichen Leiſtungen gehören, ſelbſt in Verſen ver⸗ ſuchte er ſich und bewies durch ſie, daß ihm die Natur nicht alle Talente verliehen habe. Durah ein gerichtliches Urtheil wurde er der Entführung ſchuldig erklärt und in effigie umgebracht. Nach ſeiner Entlaſſung ſtrebte er eine Reviſion des Proceſſes an, doch ohne großen Erfolg.

Seine Gattin, die ihm ohnehin nur mit halbem Herzen die Hand gereicht hatte, lebte auch nach ſeiner Freilaſſung von ihm getrennt. Von aller Welt gemieden, von ſeinen Blutsverwandten verſtoßen, ohne Hülfsquellen, aber doch ſtolz auf ſeinen Adel, zerſplitterte Mirabeau nun ſeine Gaben in allerlei Gelegenheitsſchriften, die ihm dürf⸗ tiges Honorar, aber reichliche Feinde einbrachten. In einem Proceſſe mit ſeiner Gemahlin entwickelte er zum erſten Male ſeine Rednergabe, die ihm eine ehrenvolle Stelle in der Geſchichte ver⸗ ſchafft hat. Der Advoeat ſeiner Gegner zerbrach in Verzweiflung den Stift, i demn er ſich Notizen gemacht hatte, ſeine Gemahlin ſelbſt wurde zur Bewunderung Pingeriſſen

Eiuige Bekanntſchaft mit den Miniſtern Vergennes und Calonne erweckte in ihm die Hoffnung, in Staatsdienſten empor⸗ zukommen; er ſuchte nur die Gelegenheit, ſeine Talente anwenden zu können, des Erfolges war er gewiß. Schon hier zeigt ſich das Verhängniß, d das in ſpätern Jahren ſo erſchreckend hervortritt: der Hof ſtieß mit Ekel den einzigen Menſchen zurück, der es ſich zur Lebensaufgabe machte, das Königthum zu retten, den Einzigen, dem dies vielleicht möglich war. Auf unabläſſiges Drängen erhielt er endlich eine geheime Sendung nach Preußen, doch ohne jede Vollmacht oder B zeglaubigung; man willfahrte ihm, um ihn los zu ſein.

Diesmal hatte alſo Graf Eſternon einen Fehler begangen, der ihm auch einen Verweis des Miniſteriums zuzog. Mirabeau war gekommen, um im Intereſſe des franzöſiſchen Staates den großen Proceß zu beobachten, der ſich eben vollzog: den Ueber⸗ gang des Staatsruders aus den Händen Friedrich's des Zweiten in die ſeines Neffen. Nebenbei ſollte er auch andere Länder ſeiner Aufmerkſamkeit würdigen und Fäden anknüpfen, die ſich gegebenen Falles zu einem artigen Netze verweben ließen.

Der franzöſiſche Geſandte war wohl nicht ſehr entzückt, als er dem Mann mit dem berüchtigten Namen in einer großen Audienz den Zutritt in die höchſten Kreiſe formell eröffnete, und auch hier ſtieß Mirabeau auf manches Geſicht, das ſich unwillig verzog, wie es den Fremden gewahr wurde. Man hatte über⸗ haupt die Sendlinge der großen Nation ein für allemal ſatt bekom⸗ men; unter dem verſtorbenen Könige waren ſie lange genug mäch⸗ tig geweſen, um ſich vollſtändig verhaßt zu machen. Ueber die Unverſchämtheit dieſer welſchen Glücksritter hielten ſich ſelbſt ihre Landsleute zuweilen auf, und in den Briefen jener Zeit iſt uns mancher bezeichnende Zug erhalten worden. So fragte einmal einer dieſer Edelleute den kriegsberühmten und allbekannten Feld⸗ herrn Friedrich's des Zweiten, den Herzog von Braunſchweig: Beiläufig, Sie, haben Sie auch gedient, Monſeigneur? Der Gleiche meinte, als ihm der Kurfürſt von Sachſen ſeine Edelſteine zeigte, bekanntlich die reichſte Sammlung in ganz Europa:Sehr arlig, gewiß, ſehr artig; wie viel hat Sie das gekoſtet? Ein anderer dieſer Muſter franzöſiſcher Höflichkeit ſah in Prag den Tru beee n zu, die ihrem Kaiſer zu Ehren manövrirten, und ſchüttelte ſchließlich dem erſtaunten Monarchen freundlich die Hand, freute ſich, ſeine Bekanutſchaft zu Ineern, und ſprach ſich ſehr aner⸗ kennend über die Tüchtigkeit der kaiſerlichen Soldaten aus. Einige Wochen ſpäter ſaß er in Berlin an der Tafel des Kronprinzen, als das Geſpräch auf einen ſeiner Freunde kam; plötzlich fährt der Franzoſe in die Taſthe, reißt einen Brief heraus und wirft ihn quer über den Tiſch dem Priuzen zu mit den Worten:Ach, ich hätte es beinah vergeſſen! Da habe ich Ihnen etwas von ihm abzugeben!

Traf alſo Mirabeau auf ungünſtige Vorurtheile mancher Art, ſo wurden dieſe durch ſeine äußere Erſcheinung nicht gehoben. Er war von hoher, breitſchultriger Geſtalt; das ohnehn übergroße Haupt wurde durch eine rieſige Friſur in's Ungeheuerliche ver größert; die Geſichtszüge hatten die Blattern ſchon in ſeinem Sein Kleid war mit farbigen Knöpfen

VI. Nr. 41.