Jahrgang 
44 (1868)
Seite
696
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das ehemalige Opfer der gehörnten Thiere durch die Martins⸗ hörner angedeutet wurde, während die gewaltigen Feuer, welche einſt dem Anfang einer neuen Jahreszeit entgegen loderten, vom Volk den NamenMartinsfeuer erhielten.

Die Gans iſt alſo ein Opferthier, und wenn ſich in Frank⸗ reich lange die Sitte erhielt, an der Kirchweih auf dem Lande eine Gans aufzuhängen und langſam zu Tode zu martern, ſo wieder⸗ holte hier chriſtlicher Brauch nur grauſam, was der heidniſche Cultus in minder qualvoller Ausführung vollzog. Auch bei den

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Alles dies deutet auf ein hohes Alter der damit zuſammen⸗ hängenden Sitte, am Martinstage eine Gans zu eſſen, d. h. zu opfern. Urkundlich wird die Sitte 1171 zum erſten Mal er⸗ wähnt, wo Othelrich von Swalenberg(Ulrich von Schwalenberg) der Abtei von Corvei am Tage St. Martini eine ſilberne Gans widmetefür die Fraternität, d. h. dafür, daß ihn Mönche ihrer bruderſchaftlichen Gebete theilhaftig gemacht hatten, ganz wie es noch heutzutage an einigen Orten in Schwaben üblich iſt, den Lehrern ein Geſchenk für die Martinsgans, die ihnen ſonſt in natura geliefert wurde, zu machen; doch wird auch die Gans

Römern war die Gans Opferthier und wurde der als Neben⸗ buhlerin von der Juno verfolgten Jo Iſis) dargebracht. Mög lich iſt es immerhin, daß dieſer Cultus von Rom nach Germanien ſich verpflanzte, und da man in Rom vorzugsweiſe die Leber opferte, wird, als in Deutſchland die Opfer zu Mahlzeiten wur⸗ den, wohl auch dieſer Leckerbiſſen den Beiwohnenden trefflich ge⸗ mundet haben. Bei ſolchen Opfermahlzeiten, ſpäter auch bei häus⸗ lichen Gelagen, war es nun Brauch, der GötterMinne, d. h. ihr Gedächtniß zu trinken. Dieſen Brauch, denMinnetrunk, wollte man auch in chriſtlicher Zeit nicht aufgeben, nur traten auch hier Heilige an die Stelle der Götter, ſo Sanct Martin, deſſen Trunk, derMartinstrunk oderMartinswein, hier und da als Sitte bis zur Gegenwart gekommen iſt. Man veranſtaltete nun auch Luſtbarkeiten und Schmauſereien zu Ehren des an Odhin's Stelle getretenen heiligen Martin, doch zu deſſen Nachtheil; denn dieſe mit Ausſchweifungen aller Art verbundenen Gelage brachten den Biſchof allmählich in den wenig beneidenswerthen Ruf eines Schlemmers, ſo daß in der Folge Jeder, der ſein Hab und Gut verpraßt hatte, einMartinsmann genannt wurde. Im Fran⸗ zöſiſchen erinnern an ſie noch die Ausdrücke martiner und faire la St. Martin, d. i. ſchmauſen, und mal de St.-Martin, d. 1. verdorbener Magen. Zu ſeinem Gedächtniß entſtanden beſondere Brüderſchaften,Martinsgilden, die ſich bei ihren geſelligen Zu⸗ ſammenkünften eigener Lieder bedienten, um das Feſt und das Mahl zu verherrlichen. So ſang man:

O Marten, o Marten!

Der Korb muß verbrannt ſein,

Das Geld aus den Taſchen,

Der Wein in die Flaſchen,

Die Gans vom Spieß! u. ſ. f.

So erniedrigte rohe Völlerei den Heiligen zum Schutzpatron der Trinker. Dabei galt Sanct Martin zugleich als Patron der Freigebigkeit, und namentlich in den Niederlanden tritt er als Be⸗ ſchenker der Kinder auf. Die Legende erzählt, daß er einem ihm begegnenden Bettler, um ihn gegen Kälte zu ſchützen, die Hälfte ſeines Mantels gegeben habe. In den Ländern, welche Weinbau treiben, herrſchte früher der Brauch, an Martini den erſten Wein zu koſten, weshalb es ſprüchwörtlich heißt:Heb' an Martini, trink Wein per circulum anni! Der Volksglaube behauptet nun, der heilige Martin verwandele den Moſt in Wein, ja die Kinder der Halloren in Halle rangiren ihn noch höher, indem ſie ihn das Wunder Chriſti bei der Hochzeit zu Kana nachahmen und Waſſer in Wein verwandeln laſſen. Sie ſtellen daher am Martinstage Krüge mit Waſſer in die Saline, welches die Eltern heimlich aus⸗ gießen und die Gefäße dafür mit Moſt füllen. Auf jedes wird ein Martinshörnchen gelegt und Alles wieder ſorgſam verſteckt. Die Kinder bitten, auf das Geheiß der Eltern, denlieben Martin, daß er das Waſſer in Wein verwandele, worauf ſie ſich Abends in die Saline begeben und die Krüge ſuchen, indem ſie rufen: Marteine, Marteine,

Mach das Waſſer zu Weine.

Zu der Sitte tritt noch die blaue Wunderblume der Sage, welche vielfach Spuren der Beziehung der Gans zu Wuotan trägt. Als weiſſagendes Thier galt die Gans ſchon den alten Briten, welche Flug und Geſchrei unſers Vogel deuteten. Der Volks⸗ glaube des Mittelalters erblickte in der Mißgeſtalt junger Gänſe, etwa einer ſolchen mit drei Füßen, ein Unheil verkündendes Vor⸗ zeichen; noch heute aber wird das Bruſtbein der Martinsgans be⸗ nutzt, um die Witterung des bevorſtehenden Winters zu erfahren: iſt es weiß, wird es ſtrenge Kälte, iſt es dunkel, viel Schnee und laues Wetter geben.

ſelbſt dargebracht.

DieMärtesgans iſt in Schwaben ein Feſt für ſämmtliche Volksſchulen. Schon ungefähr acht Tage vor Martini regt es ſich geheimnißvoll unter dem jungen Völkchen in den Schulſtuben, Knaben und Mädchen wispern heimlich miteinander, und ebenſo heimlich werden Liebesſpenden geſammelt; der Lehrer darf es aber beileibe nicht merken, denn es gilt, ihm eine Freude zu machen. Einige größere Schüler und Schülerinnen nehmen die Sache in die Hand und beſorgen die Einkäufe. So ſieht Alles voll Erwartung dem Martinstage entgegen. Iſt dieſer endlich erſchienen, ſo werden dem Lehrer im Beiſein der ganzen Schule und im Namen ſämmtlicher Schüler und Schülerinnen die für ihn beſtimmten Geſchenke überreicht: vor Allen eine prächtig auf⸗ geputzte Gans und der zum Mäſten derſelben erforderliche Mais, ferner Wein, Trauben und ein möglichſt großer Kuchen oder Heffenkranz. Laut und lauter wird alsbald die Freude die Kinder hängen ſich an Hand und Arm des geliebten Lehrers, und ſchnattert einmal die Gans, gleichſam theilnehmend an der allge⸗ meinen Luſt, dazwiſchen, ſo erhebt ſich allenthalben fröhliches Ge⸗ lächter. Zum Schluß werden ſämntliche Gaben in des Lehrers Wohnung abgeliefert. So ſehen wir den uralt heidniſchen Gebrauch in der chriſtlichen Volksſchule der Gegenwart in geläuterter Geſtalt ſich fortſpinnen ein ſinnigesOpfer mit dem ganzen unaus⸗ ſprechlichen wohlthuenden Reize kindlichfröhlichen Gebens. Im Mittelalter lieferte frommer Glaube fette Gänſe an noch fettere Mönche; den hin und wieder noch ſehr mager beſoldeten Volks⸗ ſchullehrern ſind ſie unſtreitig weit dienlicher.

Wenn wir uns heute an den Tiſch ſetzen, um der Martins⸗ gans ihr Recht widerfahren zu laſſen, fühlen wir uns in unſerm proteſtantiſchen Gewiſſen durchaus nicht beunruhigt. Ehemals glaubte man hierbei mit größerer Vorſicht zu Werke gehen zu müſſen. Thomas Neageorgius und Andere verurtheilen mit heili⸗ gem Ingrimm das Eſſen der Martinsgans alspapiſtiſchen Un⸗ fug, ja, Martinus Schockius wirft im Ernſte die Frage auf, ob es erlaubt ſei, am Martinstage eine Gans zu ſpeiſen. Milder urtheilen die Lutheraner, weil der große Reformator den Namen des Heiligen von Tours trägt.

Bedeutſamer als der Gegenwart mußte die Sitte früher er⸗ ſcheinen, zu einer Zeit, wo dem Vogel des heiligen Martin auch mediciniſche Eigenſchaften zugeſchrieben wurden. Der biedere Bütt⸗ ner reimt in ſeinemLobgedicht auf die Gänſeu:

Man pflegt auch von der Gans Arzneyen zu bereiten,

Mit Gänſe⸗Schmalz und Blut hilft man gar vielen Leuten.

Die Gall', der Koth, die Zung', die Leber und die Nier'n,

Die Fußhaut, Eingeweid' ſind gut ſammt dem Gehirn. Für beſonders heilkräftig wurden namentlich diePlatſchen an⸗ geſehen. Das Fett ſollte gegen den Krampf, das Blut wider Gift dienlich ſein, Gänſekoth gegen Gelb- und Waſſerſucht ſowie gegen den Scharbock helfen! Heutzutage glaubt Niemand mehr an ſolche Heilmittel; höchſtens nimmt der Volksglaube zur Gans ſeine Zuflucht, wenn ein Kind von einer ſolchen gebiſſen worden

das Pulver dem Kinde eingegeben.

ſchmecker.

und heftig erſchrocken iſt die üblen Folgen abzuwehren, wird der Uebelthäterin eine Feder ausgezogen, zu Aſche gebrannt und Aber iſt auch der Nimbus der Heilkräftigkeit längſt dem Vogel des heiligen Martin ent⸗ zogen: noch immer wird das zarte Fleiſch einer jugendlichen Gans geſchätzt und ihre Leber bildet das Entzücken aller Fein⸗

1

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