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unſerem Erſtaunen ſſahen, wie viel Intelligenz und Fleiß dieſes
ausgebackener
Bei Beſichtigung der verſchiedenen Häuſer, welche ich auf dem
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Sie verfertigen ihre Jagdflinten, ihre undurch
Völkchen beſitzt. dringlichen hohen Waſſerſtiefeln von Seehundsleder, ihre Kleider ꝛc. ſelbſt. Sie ſind ferner Zimmerleute, Tiſchler, Bäcker, Weber, Klempner, Schmiede ꝛc., alſo auch, was die Handwerke betrifft, unabhängige, ganz ſelbſtſtändige Leute. Aber ſie wiſſen dies auch und ſcheinen es gern auszuſprechen. In unſerem alten treuher zigen Führer entdeckte ich ſogar einen Renommiſten, wie man ihn nicht in der civiliſirteſten Stadt ſindet.„Von wem,“ fragte ich ihn,„haben Sie aber alle dieſe Fähigkeiten gelernt?“
„Von Gott,“ antwortete er mit mehr Selbſtbewußtſein, als mir Angeſichts der Beſcheidenheit, welche im Uebrigen die Ein wohner zeigten, nothwendig erſchien. Schließlich nahm er eine feierliche, vielverheißende Miene an, die mich höchſt erwartungsvoll ſtimmte, und ſagte nicht ohne Pathos:„J kann ook ſriewen“(ich kann auch ſchreiben).
Eine Eigenthümlichkeit, die unſern Reſpect vor dem alten Tauſendkünſtler noch erhöhte, war das häufige Begleiten ſeiner Antworten mit recht treffend angewandten Citaten aus der Bibel. Wir hatten es mit einem Gelehrten der Inſel zu thun, und er wußte, daß er uns durch eine ſolche Summe von Fähigkeiten impo niren würde. Von ihm, der früher ſelbſt lange Jahre Lehrer und Cantor geweſen war, erfuhren wir auch, daß der Cantor die Kinder im Leſen, Schreiben und Rechnen unterrichtet, daß aber die wirkliche Erwerbung dieſer Kenntniſſe für den einzelnen Runoer Sprößling nicht obligatoriſch ſei. Er meinte, nicht jeder Menſch habe Kopf und Luſt, ſich„gedruckte oder geſchriebene Kenntniſſe“ zu erwerben, aber arbeiten könne ein Jeder. Was zum Seehunds fang oder zur Arbeit auf der Inſel gehöre, lerne jeder Runoer, und wenn der Knabe ſechszehn Jahre alt ſei, dann treffe er mit der Flinte auf ziemlich weite Entfernung einen Gegenſtand, der wie ein Kopeken groß ſei, und das ſei dann der Beweis, daß er mit zur Seehundsjagd fahren könne. Die Erziehung und auch einen Theil des Unterrichts leiten die Mütter. Bei unſerm Wege durch's Dorf ſahen wir in der Ferne Kornfelder. Der Alte ſagte, daß auch Kartoffeln und Rüben auf der Inſel gut gedeihen. Ihre Viehzucht beſchränkt ſich auf Kühe, Schweine, Gänſe und Hühner.
Gange durch's Dorf zu ſehen bekam, bemerkte ich, daß ſie alle ziemlich egal gebaut und eingerichtet ſind. Jede Wohnung beſteht aus einem großen rußig ſchwarzen Vorraum, der zum Räuchern der Fiſche beſtimmt iſt und dem jungen Volke bei ſchlechter Witte⸗ rung und im Winter zum Tanzen dient, dann der großen Wohn ſtube, deren Wände mit Betten beſetzt ſind, und einem Nebenzim mer, welches als Werkſtätte und Ablegekammer benutzt wird. Ihre Betten ſehen ſauber aus und ſtechen vortheilhaft gegen das Düſter der niedrigen Stuben ab, welche, weil die Häuſer durchgängig
ohne Schornſtein gebaut ſind, oft durch ihre kleinen Fenſter einen großen Theil des Rauches hinauslaſſen müſſen, der ſeinen Weg in's Freie eigentlich durch die Hausthür nehmen ſollte.
In dieſen unwohnlichen niedrigen und düſtern Räumen ſitzen die Frauen während der einſamen Wintertage am Spinnrocken und am Webeſtuhl, während die Männer, ganze Tagereiſen weit
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von ihnen entfernt, der ſchrecklichſten Gefahr des oft ſo tückiſchen winterlichen Meeres preisgegeben ſind. Bei dem matt und un⸗ heimlich roth flackernden Schein einer Lampe, wie ſie das erſte Menſchenpaar nicht primitiver und unvollkommener haben konnte, nämlich eines dünnen Kienholzſpahnes, nähen die ſchlanken Mäd⸗ chen Klekder für ihre Väter und Brüder oder arbeiten, ohne noch zu wiſſen, wer ihr künftiger Ehegenoſſe ſein wird, an ihrer Aus⸗ ſteuer, mit deren Aufertigung die Runoerinnen ſchon im früheſten Kindesalter beginnen. Dann kommt der Tag, an welchem ſie die Männer von ihrer Fahrt zurückerwarten. Klopfenden Herzens eilen die Frauen, Jungfrauen und Knaben mit geladenen Flinten an's Ufer, um mit ſpähenden Augen einer Wiederkehr entgegenzu⸗ harren, die oft noch fraglicher iſt, als die aus einem Kriege. Doch plötzlich tauchen am Horizont Punkte auf, die, näher und näher kommend, ſich zu einer Flottille von kleinen Böten vergrößern. Sehnſucht führt die Steuer und Sehnſucht ſchlägt die Ruder. Darum kommen ſie auch ſo raſch der einſamen Inſel näher, und jetzt erdröhnen am Ufer aus der Menge Flinten unzählige Freuden⸗ ſchüſſe; doch die Herzen der Runoerinnen beruhigen ſich erſt, wenn ſie ſehen, daß die Männer und Jünglinge, die zur Seehundsjagd auszogen, auch alleſammt zurückkehren und gute Beute mitgebracht haben; denn oft fehlt dieſer Jüngling oder jener Mann, der den Gefahren des Unternehmens zum Opfer gefallen iſt. Ja, der alte Nunoer, der mir dieſes mittheilte, erzählte, daß vor vielen, vielen Jahren einmal eine ganze ſolche Jagdexpedition ausgeblieben und die Bewohnerzahl der Inſel dadurch ſehr bedeutend decimirt wor⸗ den ſei.
Jedenfalls haben die Runoer durch die Gefahr ihrer Arbeit ein weit größeres Wohlgefühl des Lebens und genießen ihre Exiſtenz viel mehr, als den meiſten Bauern des Feſtlandes mög⸗ lich iſt. Ein Dutzend Mal jährlich ſeine Exiſtenz dem gähnenden Todesſchlunde des mit Eisbergen bedeckten Meeres abzuringen, und dann eben ſo oft mit ſchwerer Beute in den holden Frieden der Heimath und in das milde Antlitz der Treue und Liebe hinein⸗ zuſchauen das iſt ohne Frage Glück, um ſo größeres Glück, als es ſich ſo oft erneuert und die Menſchen ſo friſch, ſo klar, ſo kräftig erhält.
Als wir von unſerer Wanderung durch's Dorf nach dem improviſirten Tanzplatz zurückkehrten, drehten ſich die Paare noch immer in der Runde. Doch der Capitain mahnte zur Heimkehr. Wir waren vier Stunden auf der Inſel geweſen und zogen jetzt, von den Bewohnern begleitet, zurück zum Ufer. Eine Menge junger Runoerinnen hatten auf dieſem Wege ihren ſtädti⸗ ſchen Tänzern den Arm gereicht, um ſo jene ſo plötzlich erfolgte trauliche Verbindung verſchiedener Culturepochen bis zum letzten Augenblicke feſtzuhalten. Nachdem eine große Anzahl runoe'ſcher Frauen und Mädchen unſer Schiff neugierig beſichtigt, trat daſſelbe die Rückfahrt nach Riga an, wo wir Abends elf ein halb Uhr anlangten. Die faſt ſpiegelglatte See, der klare Himmel und eine durch die mehr als befriedigten Reiſeerwartungen erzeugte überaus gemüthvolle Stimmung unter den Fahrgäſten waren die prächtigen Requiſiten zu einem freundlichen Abſchluſſe der kleinen ſo intereſſanten Seereiſe.
Die drei preußiſchen Wehs.
Die großen Ereigniſſe, durch welche in dieſem Augenblick Spanien die Aufmerkſamkeit der Welt auf ſich zieht, decken das Bild einer Günſtlingswirthſchaft auf, die allerdings hinſichtlich
ihrer Verſündigung gegen Staats⸗ und Volkswohl ihres Gleichen ſucht. Wir kennen indeß kein Land, deſſen Geſchichte ſich rühmen könnte, ganz frei von ähnlichen Bildern zu ſein. Wenn wir nun gerxade in vieſer Beziehung Preußen durchaus nicht mit Spanien, wo die Weiberherrſchaft das Staatselend herbeiführte, in gleiche Linie ſtellen dürfen, ſo iſt dennoch auch ihm das Unglück nicht erſpart worden, durch freche Abenteurer und unfähige Günſtlinge ſeiner Fürſten beherrſcht und dem Verderben nahe gebracht zu werden. Schon der Vorgänger des großen Kurfürſten ließ ſich von ſeinem Miniſter, dem Grafen Schwarzenberg, leiten, der notoriſch im Solde Oeſterreichs ſtand und eine verrätheriſche Rolle ſpielte. Dieſe Günſtlings⸗Wirthſchaft erreichte jedoch ihren Höhe⸗
punkt unter dem erſten König Friedrich, deſſen Miniſter, der be⸗ rüchtigee Kolbe von Wartenberg, im Verein mit ſeinen er⸗ gebenen Creaturen, den Grafen Wittgenſtein und Wartens⸗ leben, ein verrufenes Kleeblatt bildete, welches der damalige Volkswitz mit dem Namen der„drei Wehs“ belegte, da der Anfangs⸗ buchſtabe dieſer Camarilla von einem„W“ gebildet wurde. Johann Caſimir von Kolbe ſtammte aus einer her⸗ untergekommenen pfälziſchen Familie von Adel und trat noch ſehr jung in die Dienſte der Pfalzgräfin von Simmern, einer geborenen Prinzeſſin von Oranien. Bei einem Beſuche, den die⸗ ſelbe ihrer Schweſter, der Gemahlin des großen Kurfürſten, ab⸗ ſtattete, kam der gewandte Höfling nach Berlin, wo er ſich durch ſein einſchmeichelndes Weſen zu empfehlen wußte. Ein Anerbieten, in die Dienſte Brandenburgs zu treten, konnte er damals nicht annehmen, da er mit ſeiner galanten Gebieterin in einem zärt⸗
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