Jahrgang 
42 (1868)
Seite
664
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Ich mußte mich mit dieſer idürftigen hiſtoriſchen Wahr⸗ nehmung begnügen, zumal mir(die ſchließliche Unfruchtbarkeit meines Suchens, als ich aus dem ſtillen Kirchlein heraustrat, recht draſtiſch durch den vom Dorfe her luſtig erſchallenden Walzer, den unſere Muſik jetzt ſpielte, vor die Seele gezaubert wurde. Auf dem ſanft emporſteigenden Rücken einer von Fichten, Ellern und Birken angenehm beſchatteten Anhöhe bis zum Fuße derſelben hatte ſich eine große Anzahl der Beſucher in den ver ſchiedenſten Gruppen gelagert. Gegenüber befanden ſich, von kleinen mit Obſtbäumen ꝛc. verſehenen Gärten lunnerbrdchen, die erſten Häuſer des hier beginnenden Dorfes, vor denen die ſpielenden Muſiker aufgeſtellt waren, und dazwiſchen hatten Einwohner und Fremde einen Kreis gebildet, in welchem junge Kaufleute, Literaten, Beamte ꝛc. mit den Runoerinnen nach dem Tacte eines fröhlichen Walzers herumtanzten. Die Paare flogen ſicher, und auffallender⸗ weiſe auf dem ſchlecht parquettirten holperigen Wieſenboden ſo rhythmiſch gewandt, daß ich meinen Augen kaum trauen mochte. Da war von den ergötzlichen Miſéren, die ſich ſo oft bei der ungleichen Zuſammenſetzung der Paare aus ad tiſchen und länd lichen Tänzern ereignen, nichts zu finden. Die Runoerinnen be⸗ wegten ſich trotz der ſchwerfällig ausſehendenPaſteln, womit ihre Füße bekleidet waren, ſo leicht und bewahrten ſelbſt in dem rapiden Tempo eines ausgelaſſen ſtürmiſchen Galopps eine ſo ge⸗ fällige ungezwungene Haltung, wie ich es bei hieſigen lettiſchen oder ruſſiſchen Bäuerinnen niemals gefunden habe; und dieſe Runoerinnen hatten doch ſammt und ſonders bis dahin nur nach der höchſt mittelmäßigen Muſik ihrer Väter und Brüder, die zu⸗ gleich die Functionen der Dorfgeiger ausüben, getanzt. Es liegt viel Naturgabe in dieſem eigenthümlichen Völkchen. Ich ſollte hiervon und von ihrer Intelligenz noch Ueberraſchenderes erfahren, als ich einige ihrer Wohnungen und Werkſtätten beſuchte

Nachdem ſich mein Erſtaunen über die auf einer nordiſchen Inſel gewiß auffallende Fertigkeit und Leidenſchaft ihres T Tanzes einigermaßen beſäuftigt, erwachte in mir das Verlangen, nun auch die Wohnungen dieſer eigenthümlichen Menſchen kennen zu lernen. In Geſell ſchaft eines Neiſegefäl hrten und eines alten Runoers begab ich mich in's Dorf, in der ſelbſtverſtändlichen Ueberzeugung, im Innern der Häuſer, den hohen Geſtalten der Bewohner ent⸗ ſprechend, wenn auch keine mächtigen Hallen, ſo doch wenigſtens hohe geräumige Gemächer zu finden. Ich hatte mich aber ſehr getäuſcht, denn ich fand nichts als dunkele niedrige Zimmer, die zwar geräumig waren, dafür aber auch mehreren Familien zugleich zur Wohnung dienen. Es giebt in Runoe Stuben, in denen Nachts fünfzehn Perſonen zu gleicher Zeit ſchlafen, das Eltern⸗ paar und verheirathete Söhne nebſt ihren Frauen und jüngeren Geſchwiſtern. Daß es eine Welt giebt, in der hieran ſittlicher Anſtoß genommen werden würde, ſcheint ihnen völlig unbekannt zu ſein; eine junge Frau mit ihrer jüngeren unverheiratheten Schweſter, welche wir in einer von vier Familien bewohnten Stube trafen, gaben uns über dieſe Einrichtungen in der unbefangenſten harmloſeſten Weiſe die ausführlichſten Berichte.

Es iſt deshalb kein Wunder, daß wir nach allen Eindrücken, welche die Bewohner auf uns gemacht, von der unangetaſteten Reinheit ihrer Sitten die beſte Meinung empfangen mußten. Die Kunſt des Verſtellens und Komödieſpielens gegen Fremde ſcheinen die Frauenzimmer wenigſtens nicht zu verſtehen, und auch bei den Männern kann dieſelbe Angeſichts ihrer rauhen und kühnen Arbeit pſyc hologiſch gewiß nur in ſehr geringem Grade voransgeſeßt wer⸗ den. Diplomatie iſt ja faſt nur eine Exrungenſchaft der Civili⸗ ſation. Der Manneskraft und Kühnheit pflegt die Verſtellung ge⸗ wöhnlich recht ſauer zu werden. Die Männer mögen ſchlau und geldgierig ſein, wie man ihnen nachſagt. Man darf dann aber auch nicht vergeſſen, welch' einen Werth das Geld für ſie hat. Es iſt ja das Einzige, wodurch ſie auch im Verkehr mit der Welt die Freiheit und Selbſtſtändigkeit zu wahren vermögen, die ſie von Jugend an auf ihrem Eiland gewohnt ſind. Ich glaube nicht ganz fehlz ugehen, wenn ich die Untugenden, die man ihnen nach⸗ ſagt, ſofern ſie dieſelben wirklich beſitzen, auf ihren Inſular⸗ Egoismus zurückführe, der, ſo natürlich und unausbleiblich er bei ihnen erſcheint, allerdings viel Herbes, ſogar bis zur Inhumanität Gehendes im Gefolge haben kann. Ich erinnere an die im zweiten Abſchnitt meines Berichtes mitgetheilten Worte des Bauern:Dann, binden wir ihn in ein Boot und fahren ihn an einen anderen Strand. Dieſes iſt überhaupt das letzte Aus⸗

kunftsmittel, welches ſie bei Vergehen anwenden, die ſo arg ſind, daß ſie in ihrem auf mündlicher Ueberlieferung beruhend en, wahr⸗ ſcheinlich ziem lich primitiven und harmloſen Strafcodex gar keinen Paragraphen dafür haben. Unverbeſſerliche oder reueloſe Unſittlichleit Faulheit oder Feigheit bei der ſchweren gefahrvollen Arbeit des See

hundfanges beſtrafen ſie, wenn nichts mehr helfen will, durch Aus⸗ ſetzung des Betreffenden an einen fremden Strand. Fremd nennen⸗ ſie jedes nicht Runoe'ſche Meeresufer.

Während der Regierungszeit des Czainren Nicolaus iſt es vorgekommen, daß ſie einen ihrer Landsleute wegen irgend eines Verbrechens, das hier vielleicht mit einigen Monaten Zuchthaus, möglicherweiſe auch gar nicht beſtraft worden wäre, auf dieſe Weiſe nach Riga bras hten. Sie waren, wie gewöhn lich in jedem Sommer, in ihren kleinen Böten mit Seehunds⸗ fellen, Thran, Fiſchen ꝛc. angekommen, hatten ihre Varkiufe und Einkäufe beſorgt, und waren wieder fortgefahren. Da fiel es auf, daß ſich Einer von ihnen noch immer auf der großen

Dünabrücke herumtrieb und ſich aus Hunger ſchließlich auf's Steh⸗ len legte. Es ſtellte ſich heraus, daß er ein Depenliſler war. Die Behörde ließ ihn ſofort durch ein Lootſenboot wieder ſeiner Heimath zuführen und den Runoern ſagen, d daß ſie ihre Verbrecher gefälligſt bei ſich behalten möchten, da Riga deren ſelbſt ſchon ge⸗ nug zu beherbergen habe. Es dauerte nicht lange, ſo trieb ſich der Runoer Delinquent wieder auf der Rigaer Dünabrücke umher. Abermaliger Rücktransport durch die diesſeitige Behörde. Was thaten jetzt die Häupter des Runoe'ſchen Volkes? Sie machten! ſich in ihren kleinen Böten auf nach Petersburg und beſchwerten ſich beim Kaiſer über das B Benehmen des Rigaer Civil⸗Gouverneurs, der ihren Verbrecher immer und immer wieder zurüickſchice.

Was kommt Euch in den Sinn? erwiderte der Kaiſer; wie würde es Euch gefallen, wenn man plötzlich die livländiſchen Verbrecher nach Runoe bringen würde? Man bringt überall ſeine Verbrecher bei ſich unter.

In unſerem Lande nicht, Herr Kaiſer, erwiderte der Runoer Sprecher,in unſerem Lande iſt es Geſetz, daß die Verbrecher an einen anderen Strand gebracht werden, und wir kommen, Dich, Herr Kaiſer, zu bitten, daß Du dieſem Gouverneur in Riga ver⸗ bieteſt, unſere Geſetze zu ändern.

Das iſt allerdings etwas Anderes, erwiderte der ſtrenge Herr Kaiſer Nicolaus, dem die Runoer Burſchen ein unſägliches Vergnügen bereiteten,wenn das in Eurem Lande Geſetz iſt, dann muß der Gouverneur in Riga gehorchen.

Und ſo geſchah es; Riga mußte den verbrecheriſchen Inſu⸗ laner aufnehmen, der ſpäter ein ſehr tüchtiger Matroſe geworden ſein ſoll.

So halten die Runoer alle Länder, nur nicht ihre Inſel, für den Aufenthalt von Verbrechern geeignet, eine Anſchauung, die ge⸗ wiß das wunderbarſte Gemiſch von Egoismus, Naivetät und Dünkel repräſentirt. Jedoch kommen, wie geſagt, Fälle, in denen die Nu⸗ noer zum Deportiren in civiliſirte Länder greifen, höchſt ſelten vor, weil die Veranlaſſungen dazu bei ihnen immer etwas Uner⸗ hörtes ſind. Der Letzte, dem eine derartige Ehre zu Theil wurde, war, wie ſie erzählen, ihr letzter Paſtor. Trotzdem ſie ihn nämlich wiederholt aufgefordert hatten, da er ihnen nicht mehr gefiele, einen neuen Seelſorger aus Schweden zu verſchreiben und dann zu gehen, hatte er doch keines von beidem gethan, und deshalb wurde er in ein Boot geſetzt und nach Arensburg gebracht, in Folge deſſen ſie noch heute ohne Paſtor ſind.

Bezüglich ihrer Sittengeſetze haben ſie mir unter Anderem Folgendes mitgetheilt: Wenn ein Burſche und ein Mädchen ſich in Liebe vergehen, ſo müſſen ſie ſich heirathen, dürfen nicht in der Kirche, ſond dern nur auf der Straße vor derſelben getraut werden, und der junge Ehemann muß dann ſchließlich noch fünf Rubel Strafe in die Kirchencaſſe bezahlen. Damit in aber die Sache vollſtändig abgethan und das Paar iſt gleich angeſehen mit allen übrigen Eheleuten. Auf meine Frage, ob denn in den zwei Jah⸗ ren, die ſie ohne Paſtor ſeien, ſich gar kei Heirathsluſtigen ge⸗ funden und was dieſe armen Leute anfingen, wurde mir geant⸗ wortet:Wenn der neue Paſtor kommt, werden ſie Alle auf der Straße getraut.

Und die fünf Rubel?

Müſſen ſie Alle bezahlen.

Doch zurück in die Wohnungen. Unſer alter Begleiter führte

uns auch in ſeine eigene Behauſung und Werkſtätte, wo wir zu

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