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verkauft werden, weshalb ſie ärmeren Leuten ſehr willkommen ſind. Die gelegentlichen goldenen und ſilbernen Funde darin ſollen eigentlich an den Herrn abgeliefert werden, verſchwinden aber meiſt zwiſchen den Lumpen der Siebeweiber. Von den metalliſchen Be ſtandtheilen, alten Nägeln, Bruchſtücken von eiſernen und metalli ſchen Kochgeſchirren, Bratpfannen ꝛc. wird auch ſchönes Geld ge macht, da ſie in vielen Werkſtätten, wo Eiſen und ſonſtige Metalle verarbeitet werden, einen Vorzug vor friſchem Material genießen, der chemiſcher Natur ſein ſoll. Die vielfältige Verwerthung der Knochen und Lumpen iſt auch bei uns bekannt genug, doch in England viel ausgebildeter, da die verächtlichſten Fetzen wollener, baumwollener oder gemiſchter Art bis auf die letzten Faſern theils wieder zu Shoddy oder Mungo verſponnen und verwebt werden und ſelbſt der daraus geſchüttelte„Teufelsſtaub“ für chemiſche Zwecke oder wenigſtens als Dünger die lohnendſte Verwendung findet. Der Chauſſee⸗Schlick wird nach gehöriger Sichtung haupt
ſächlich zu Bindemitteln bei allerhand Bauten und zum Häuſer
Anwurf benutzt, und verdient wegen ſeiner größeren Härte und Waſſerdichtigkeit durchaus den Vorzug vor den gemeinen Kalk und Sandmiſchungen, womit in Deutſchland ſelbſt große Pracht bauten oft locker und liederlich zuſammengeklebt werden.
Durch dieſe Andeutungen wird es uns wohl ſchon klar geworden ſein, daß aller Kummer und Kehricht aus ſeiner tiefſten Erniedrigung und Peſtilenzialität wieder zu nützlichen Werthen erhoben und veredelt wird. In London leben Tauſende von Menſchen davon, die ſonſt ſelbſt als Kehricht verkümmern würden, und die Herren ſolcher Geſchäfte werden nicht ſelten zu„goldenen Duſtmännern“ und zwar auf ganz redliche Weiſe, da ſie für das Geld, welches ſie ernten, die Ernten in Feldern und Gärten ver— mehren und alle ſonſtige Müllproducte, die ſie verkaufen, den Kunden auch wieder Geld und Gewinn bringen.
Sehen wir uns das kleine Nebengeſchäft unſeres Bierwirthes, als ſinanzielles Unternehmen, etwas näher an. Alle ſeine Koſten belaufen ſich auf etwa drei Schillinge oder einen Thaler für jede Ladung. Da nun täglich im Durchſchnitt vierzig ankommen, hat er hundertundzwanzig Schillinge oder vierzig Thaler Tageskoſten. Aus dieſen vierzig Fudern gewinnt er durch Sieben dreißig Ladungen„Erde“ und„Luftzug“, die, à vier und einen halben Schilling, für hundertfünfunddreißig Schillinge verkauft werden. Der harte und der weiche Kern werfen täglich fünfzehn, alſo zu Obigem gezählt hundertundfünfzig Schillinge täglich ab. Sonach
Die Mitglieder der in unſerer Geſellſchaft beſindlichen„Rigaer Liedertafel“ hatten den Runver Cantor gefragt, ob es erlaubt ſei, daß ſie in der Kirche durch vierſtimmigen Männergeſang eine Art Gottesdienſt verrichteten. Der Cantor meinte, die Runoer hätten zwar ſoeben ihren Sonntag⸗Nachmittags⸗Gottesdienſt gehalten, und das Singen ſei ſonſt nur ſeine, des Cantors Sache, aber die Herren aus Riga würden gewiß ſchöner und auch recht feierlich zu ſingen verſtehen, ſo möchten ſie nur die Gemeinde durch ihren Geſang erbauen. Alsbald ſchallte die hölzerne Wölbung des kleinen von Menſchen überfüllten Gotteshauſes von Kreuzer’s unſterblichem„Das iſt der Tag des Herrn“ wieder, dem noch eine zweite ſeriöſe Compoſition folgte. Die Geſichter der Runoer Männer und Frauen leuchteten in Andachtswonne. Beſonders fiel mir die mächtige Geſtalt eines Jünglings auf, deſſen jugendlich ſtrotzende Kraft nur gebändigt erſchien von dem myſtiſchen Dämmer eines halbwachen religiöſen Empfindens. Dieſe rauhen Hände, die gewohnt ſind, mitten in den Eisbergen des winterlichen Meeres mitleidlos die Hdeise Haapüne auf die Seehunde zu ſchleudern oder das ebenſo verderbliche Feuerrohr gegen dieſe Opfer feſt und ſicher zu führen, waren jetzt andächtig gefaltet, und das in Sturm und Gefahren gebräunte kühne Antlitz, zu deſſen beiden Seiten das dunkelblonde Haupthaar aus einem natürlichen Scheitel dicht und glatt herabfiel, hatte in dieſem Augenblick den milden frommen Ausdruck eines Kindes. Nachdem der Geſang vorüber war, wurden dem Cantor ſechsundzwanzig Rubel übergeben,— das Ergebniß
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bleiben nach Abzug der Ausgaben dreißig Schillinge oder zehn Thaler täglicher Reingewinn übrig, was jährlich über vierhundert undfünfzig Pfund, alſo etwa dreitauſend Thaler ausmacht. Davon müſſen noch hundert Pfund für jährlichen Pacht abgezogen werden. Unter allen Umſtänden bezieht der pfiffige Bierwirth aus ſeinem kleinen ſchmutzigen Nebengeſchäfte mindeſtens zweitauſend Thaler ganz reinliches Geld, und macht ſich dadurch außerdem nach den verſchiedenſten Seiten verdient und nützlich.
Die goldenen Duſtmänner Londons und ſonſtiger engliſcher Städte laſſen die Häuſer und Höfe durch ihre dienſtbaren Geiſter immer friſch und fleißig von den Neſtern der modernen Drachen und ihrer jungen Brut befreien und zaubern aus dieſen Kummer⸗ haufen, zum Vortheil unſerer Geſundheit, für alle Bewohner ſtets neue Koſtbarkeiten des Lebens und Wohlſtandes hervor. Da man nun in London und faſt allen engliſchen Städten auch ſtets mit Millionen von Waſſer⸗ und Dampfkräften dafür ſorgt, daß die feuchten und flüſſigen Brutbetten der epidemiſchen Krankheits⸗ drachen immer ausgeſpült und gereinigt werden, und man ganz neuerdings auch die koſtbare Entdeckung gemacht, aus den unſchädlichen unterirdiſch davongeſpülten Cloakenflüſſigkeiten die reinen Düngerwerthe durch einen wohlfeilen chemiſchen Proceß herauszufiſchen, ſo ſollte man ſich in Deutſchland, wo Berlin und andere große Städte während der Sommermonate thatſächlich wie die Peſt geflohen werden, da die Drachen, in giftigen Lachen ge zeugt und weit und breit ſich ſonnend auf warmem Grunde, mit ihres Athems giftigem Wehen die Luft verpeſten, wohl endlich auch entſchließen lernen, den Kampf mit dieſen Drachen aufzunehmen.
Wir haben viele ritterliche, adelige Geſchlechter mit alten Stammbäumen, auf welche mancher Hoflieferant und Bankier als neues Reis gepfropft wird. Wir brauchen, wir verlangen gegen die ſich immer mehrenden Heerden von Lindwürmern, Typhus⸗ und Choleradrachen ein neues, kühnes Rittergeſchlecht von Helden, die ſich gewiß von ſelbſt finden werden, wenn die hohe obrigkeit⸗ liche Bewilligung zur Ausführung ſolcher Heldenthaten nicht mehr durch Mangel an Einſicht und gutem Willen vereitelt wird.
In England leuchten Tauſende von Lichtern für dieſe Ein⸗ ſicht und brennen unzählige Dampfkeſſel zur Anfeuerung unſeres Muthes. Man lerne ſie benutzen, dann wird es bald kühne Ritter geben, die wir ehren, und manchem werden wir zurufen, wie dem Schiller'ſchen:
„Ein Gott biſt Du dem Volke worden!“
Eine kleine Republik in der Oſtſee. Reiſeſkizze von Friedrich Pilzer. (Schluß.)
einer Collecte, welche während der Fahrt in unſerer Geſellſchaft für die Kirche veranſtaltet worden war. Der Cantor erzählte,
daß die letzte vor fünfzehn Jahren zum Beſuch auf der Inſel
geweſene Geſellſchaft ebenfalls der Kirche ein Geldgeſchenk gemacht habe. Als der improviſirte Gottesdienſt beendigt war, wurde die Menge von dem hellen Geläute der kleinen Kirchenglocke hinausbegleitet.
Da ein Paſtor, von deſſen Mittheilungen ich mir ſo manchen Aufſchluß über Geſchichte und Eigenthümlichkeiten des Runoer Völkchens verſprochen, nicht vorhanden, die Paſtoratswohnung kurz vor Entlaſſung des letzten Geiſtlichen abgebrannt war, und der Cantor mir erklärte, keinerlei Chronik zu beſitzen, ſo blieb ich noch einige Augenblicke in der Kirche, in der Hoffnung, daß vielleicht die ſtummen, ärmlichen Reliquien und Zierrathe derſelben mir einige intereſſante Mittheilungen machen würden. Ganz’ hatte ich mich nicht geirrt, obwohl meine Ausbeute gering war. Ich ſah daſelbſt nämlich vor der verhältnißmäßig großen Altarniſche das lebensgroße, zwar von der Zeit ziemlich mitgenommene, aber, wie mir ſchien, von gediegener Künſtlerhand gemalte Bild eines Ritters in anſcheinend fürſtlicher Tracht, welche auffallenderweiſe, wenn der Mantel und die Schmuckſachen hinweggedacht werden, beinahe die jetzige Tracht der Runoer Männer darſtellt. Auf meine Fragen erwiderten mir die Einwohner, es ſei Herzog Wilhelm von Kurland, der gegen das Volk von Runoe ſehr gut geweſen ſei. Was ſie in ſich widerſprechenden Verſionen weiter von ihm erzählten, war ſagenhafte Tradition.
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