Jahrgang 
42 (1868)
Seite
662
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thümlichen humoriſtiſchen Muſe, als wirkliche Rieſen der Wirklich⸗ keit ſeien. Wir wollen deshalb, alſo aus literariſchen, wie prak tiſchen Gründen, einen ſolchen Londoner wirklichen Kummerhof ge nauer in Augenſchein nehmen.

Es giebt deren natürlich in großer Menge und zum Theil von fabelhaftem Umfange; doch wollen wir keinen der größten beſuchen und ſelbſt das Rieſengeſchäft Fergufon's im Weſten Lon⸗ dons, des berühmten Millionärs aus Staub, unbeachtet laſſen, um an einem kleineren, überſichtlicheren Nebengeſchäfte dieſer Art zu zeigen, was ſelbſt mit geringen Anfängen und wirthſchaftlicher Ausdauer gleichſam nebenbei aus allerhand Kummer für Gold und Freude gewonnen werden kann. Ein ſolches kleines, noch ziemlich neues Geſchäft finden wir weit draußen im Nordoſten mitten zwiſchen den herrlichſten Landſchaften und grünen Gebüſchen auf einer Halbinſel des Themſenebenfluſſes Lea.

Wo hier vor einigen Jahren noch liebliche Blumen dufteten, erheben ſich jetzt unförmlich und durchaus nicht wie Blumen duf⸗ tende Haufen, aus denen geſchäftige Hände fortwährend Geld machen, während die Behörden Oſt⸗Londons früher jährlich große Summen ausgeben mußten, nur um dieſe Drachenſaat aus den Häuſern und Höfen los zu werden. Da fiel es einem pfiffigen Bierwirth ein, ſich draußen die Halbinſel mit dem Blumengarten zu kaufen, Landungsbrücken für Kähne anzulegen und für die Er laubniß, den Kummer aus den Häuſern fortzuſchaffen, noch be trächtliches Geld zu bieten. Dies wurde natürlich mit Freuden angenommen, und ſo verwandelte ſich der einſame Blumengarten in einen blühenden Kummerhof mit goldenen Früchten für eine ganze Arbeitereolonie.

Faſt auf allen Straßen Londons ſieht man jeden Vormittag ſchmutzige Karren dahinrumpeln und hört daneben weit und breit das unmelodiſcheDust ahoi!(Kummer her!) Das Hausmäd⸗ chen oder die Hausfrau, welche nun die in der Regel ſehr prak tiſch verſteckte oder wenigſtens bedeckte Müllgrube geleert wiſſen will, braucht nur einen Wink zu geben, und die beiden Männer befreien das Haus, ſehr häufig durch eine ebenfalls ſehr praktiſch angebrachte Hinterthür, im Nu von allem Kummer und bezahlen auch bei etwaiger Concurrenz mehrerer Geſchäfte noch eine Kleinig keit dafür. Unſer Bierwirth beſchäftigt jetzt gegen dreißig ſolcher Karren, von denen manche täglich zwei Ladungen auf ſeinen Kummerhof bringen. Andere Laſten kommen zu Waſſer. Der Hof beſteht aus zwei Abtheilungen, von denen die erſte Schlick von Chauſſeen und Straßen, die zweite den eigentlichen Kummer oder Müll, d. h. Kohlenaſche, Kehricht, Küchenabfälle, allerhand Scherben von Glas, Porcellan und Töpferei mit gelegentlich da zwiſchen gefundenen ſilbernen Löffeln und goldenen Ringen und verſchiedenen geltenden Münzen aufnimmt. Jeder ankommende Karren wird durch einen einfachen Mechanismus auf den Haufen gezogen und unter furchtbarer Wolkenbildungausgeſchoſſen, wes halb auch jeder Haufen ein Schuß genannt wird. Ein ſolches aufgeſchoſſenes Gebirge ſieht zwar nicht ſehr maleriſch aus, aber wir ſinden auf. der linken Seite unſerer Abbildung doch eine An ſicht des Chimboraſſo unſeres Kummerhofes.

Die Verwandlung dieſer Kummerhaufen in Geld und Geldes⸗ werth iſt zwar ſelbſt eine ſehr kummervolle, aber ſehr einfache und lohnende Arbeit. Männliche Fänuſte und Rücken tragen immer große Körbe voll von den Haufen zu umſtehenden Vertreterinnen des ſchönen Geſchlechts und füllen deren Siebe damit, einfache, runde Drahtſiebe mit langen, unten offenen Säcken darunter, welche blos zur Minderung des Staubes beitragen ſollen. Jedes ſolche Sieb wird von vier Händen geſchüttelt, welche ihre Arbeit ſo oft unterbrechen, als auf dem Siebe irgendwie dicke und werthvolle Gegenſtände zum Vorſchein kommen. Dieſe werden mit ſchnellem, geübtem Auge nach Nang und Werth gewürdigt und demgemäß in verſchiedene umherſtehende Körbe vertheilt. Aus dieſen Körben wird es von Jungen auf die verſchiedenen ſortirten Kummerhaufen getragen, wie wir auf der rechten Seite unſerer Abbildung einen bewundern können, wenn wir dazu die gehörige äſthetiſche Bildung haben.

Rechts im Vordergrunde erhebt ſich ein Häufchen Unglück, beſtehend aus alten Blechſachen und ſonſtigen metalliſchen Inva⸗ liden der Küche. Der große, alte Kaſten daneben enthält allerlei Koſtbarkeiten der Schneider⸗ lund Bekleidungskunſt auf der erſten Stufe zu neuer Veredelung aus tiefſter Erniedrigung, nämlich Lumpen, die in England, beiläufig geſagt, als ſolche ſchon einen

viel höheren Werth haben, als unter uns Deutſchen. Weiter im Hintergrunde auf derſelben Seite machen ſich die Hütten zur Auf⸗ bewahrung von allerlei Geräthſchaften und dahinter ein Haufen von pflanzlichen und fleiſchigen Küchenabfällen bemerklich, welche der vorn liegende, halb verhungerte Hund ſchon nach beſten Kräf⸗ ten zu verwerthen ſucht. Auch laſſen es die Männer, Frauen und Kinder, welche hier nicht ſelten in ganzen Familien arbeiten, nicht an ſcharfer Kritik dieſer Haufen geſunkener Delieateſſen feh

len, um Alles, was ſich irgendwie noch entweder unmittelbar oder durch neue culinariſche Künſte in eine Macht gegen den barbari⸗ ſchen Hunger verwandeln läßt, gehörig zu verwerthen. Zur Er

hebung aller dieſer verhaßten Abfälle des Lebens aus ihrer tiefſten Erniedrigung auf die erſteunterſte Stufe der Veredelung geben ſich natürlich nur Menſchen auf der niedrigſten Stufe der Bildung und des Elendes her. Wenn man daher wahre Schreckens⸗ und Jammergeſtalten, maſſenhaft verkörperten Hohn auf die gebildete Menſchheit und unſeren Jahrtauſende langen Fortſchritt in Cultur und Bildung kennen lernen will, ſo beſuche man dieſe Londoner Kummerhöfe.

Wir finden hier einige Andeutungen davon. Man ſehe ſich dieſe Geſtalten in Beinkleidern an. Das ſind auch Männer, ſogar freie Engländer; ſie nenten dieſe Lumpen auf ihrem Körper ſogar nach ihrem ehemaligen ÜUrſprunge Hemd, Hut, Hoſen ꝛc., und ſelbſt die Stiefeln ohne Oberleder und Sohlen heißen noch Stie feln. Die Vertreterinnen des ſchönen Geſchlechts ſind nicht ſelten Kummer und Auswurf unſittlichen Freudenlebens in Sammet und Seide und nächtlicher Champagner⸗Orgien. Sieht dieſes ſchlanke Weib mit noch einigen Spuren ehemaliger Schönheit und Unſchuld in ihrem runzligen Schmutzgeſſichte nicht noch frech und heraus⸗ fordernd von ihrem Müllſiebe auf den unerwarteten Beſuch, wie einſt in den Blüthentagen ihres nächtlichen Gewerbes? Und die Jüngere daneben hat noch ihren Forſcherblick für das klingende Silber oder Gold in den Taſchen ihrer ehemaligen Taugenichtſe und Opfer. Die kleinen Schmutzhaufen, unter denen man halb⸗ nackte Kindergeſtalten verſchleiert findet, ſind natürlich junge Spröß⸗ linge von Eltern, die ſich meiſt blos immer ſelbſt getraut haben, und verrathen deutlich, daß ſie ſchon von der Wiege an auf den

Hund gekommen ſind, mit welchem ſie übrigens in rührender Zärt⸗

lichkeit ſelbſt bei großem Hunger ihre Leckerbiſſen theilen. Selbſt ihnen können wir einen gewiſſen Grad von Achtung nicht ver⸗ ſagen, wie dieſe ganze Müllverwerthungs⸗Induſtrie durch Umwan⸗ delung von allerhand werthloſen, ſchädlichen und ſelbſt tödtlichen Stoffen in neue Werthe auf unſere Anerkennung und Nachahmung gerechten Anſpruch machen kann. Dieſe kummervollen Familien arbeiten täglich ihre zwölf Stunden auf der niedrigſten Stufe aller Thätigkeit in jedem Wind und Wetter, in höchſter Hitze und tiefſter Kälte, wobei die Männer täglich fünfundzwanzig, die Frauen zwölf und die Kinder etwa fünf Silbergroſchen verdienen. Das iſt ein jämmerlicher Lohn, aber ohne ſolche Müllinduſtrie würden ſie wahrſcheinlich längſt geſtorben und verdorben ſein oder als Verbrecher, Kranke und Elende der geſunden Geſellſchaft zur Laſt fallen.

Die Leute arbeiten unter einem Flügel⸗ oder vielmehrHügel⸗ mann, der ſie beaufſichtigt und bezahlt und dafür einen Gewinn⸗ antheil erhält, d. h. etwa ſieben Silbergroſchen für jeden abge⸗ ladenen Karren und alle metalliſchen, Glas-, Knochen⸗- und Lumpenbeſtandtheile des ſortirten Kummers. Derſelbe wird in vier Hauptſorten getheilt: erſtens Erde, d. h. die feingeſiebte Aſche mit allen ſonſtigen ſtaubigen Beſtandtheilen, welche einen ſehr guten Stoff zu Backſteinen liefern. Dieſe werden getrocknet und dann mit einer zweiten Sorte des Mülls gebrannt, nämlich zweitens den gröberen und doch noch kleinen Beſtandtheilen von Kohlen und Coaks, welche, zwiſchen die Steine locker geſchichtet, nun von unten auf durch Luftzug in Gluth gebracht, langſam verbrennen und ſo die Steine gründlich härten. Daher heißt dieſe Sorte von Müll kurzweg draft oder Luftzug. Die dritte, der harte Kern, aus allerhand Scherben und metalliſchem Gerumpel be⸗

ſtehend, iſt ſehr geſchätzt und willkommen für unterſte Lagen bei

Chauſſeebauten und ſonſtigen Wegeverbeſſerungen, während die vierte, der weiche Kern, nämlich allerhand pflanzliche und thieriſche Küchenabfälle, zu mächtigem Dünger der Felder und Marktgärten verarbeitet wird. In dem Müll befinden ſich immer auch noch große Mengen von unverbrannten größeren und kleinen Kohlen⸗ ſtücken, die natürlich ſehr gut brennen und verhältnißmäßig billig

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