Jahrgang 
42 (1868)
Seite
659
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hervor. Das

L

im Stande, das

Gewehr, um Dich niederzuſtrecken aber ich will Dein Blut nicht! Das Unglück, hab' ich nicht verſchuldet.

Meinen Sie, ich fürcht' mich vor Ihrem Feuerſpielzeug da? Mit einem Sprung bin ich doch über Ihnen!

Nun denn, wenn es gekämpft ſein muß, rief Günther, in deſſen Angeſicht ebenfalls die Erbitterung emporzuwallen ſo ſoll es ſein; aber mein Wille iſt es nicht. ſchießen, weil Du keine Kugel mehr haſt; ich wie Du; alſo zurück, Wahnſinniger!

Wild ſchlugen die Gewehre zuſammen; die Klingen daran klirrten gegen einander. Wohl war Ambros dem Gegner an wilder Kraft überlegen; aber dieſer wußte den Abſtand durch die Gewandtheit auszugleichen, mit der er das Gewehr handhabte und, hin und wieder ſich wendend, raſch die Stöße des Gegners abwehrte. Dennoch gelang ihm dies nicht immer, und bald drang ihm die Bajonnetſpitze tief in die linke Schulter. Einen Augen blick wankte er; aber die Gefahr begreifend, nahm er ſeine volle Kraft und Geſchicklichkeit zuſammen.So geht es denn um Leben und Leben! rief er und fing, als Ambros die ganze Wucht ſei nes blinden Zornes zu einem entſcheidenden Schlage zu ſammeln ſchien, denſelben als gewandter Fechter ſo kräftig auf, daß der ſchon während des Gefechtes ſchadhaft gewordene Stutzen d Jägers am Laufe brach und ihn wehrlos dem ü berſtellte.

Du biſt wehrlos, fliehe! Ich ſag' es Dir wir uns begegnet ſind.

Ergeben? Ich mich Dir ergeben? ſchrie Ambros außer ſich.Wer ſagt Dir, daß ich wehrlos bin? lang ich noch einen Arm rühren kann, um zu erwürgen..

ich will Dich ſchonen; das leider gekommen iſt,

begann, Ich will nicht habe ein Bajonnet

es Gegner gegen

ſagte Günther. noch einmal:

Ergieb Dich jetzt oder Ich will nicht wiſſen, daß

Ich bin's nit, ſo Dich mit den Händen Mit wildem Sprunge ſtürzte er ſich auf den verhaßten Gegner, um ihn im verzweifelten Ringkampfe zu um faſſen aber in Mitte deſſelben ſtürzte er mit grellem Aufſchrei zuſammen; er hatte das von Günther zur Abwehr vorgehaltene Bajonnet ſich tief in die Bruſt gerannt. Ein Blutſtrom ſchoß Auge feſt auf den Gegner gerichtet, ſchien er noch ein Wort des Fluches ſprechen zu wollen; aber die Lippen ver mochten nicht mehr, es hervorzuſtoßen, und wie ſterbend ſchloß er die Augen.

Du haſt es ſelbſt begehrt, Unglücklicher! ſagte Günther.

flüchtigen Beſchauer wäre es kaum mehr möglich geweſen, die Spuren des Unheils zu erkennen, welches über die ſchönen, fried⸗ lichen Fluren dahingezogen war. Im Thale und die Höhen hin⸗ an, auf welchen der Kampf bis an die nächſten Dörfer ſich aus⸗ getobt hatte, haben lange ſchon die Maſſengräber ſich friedlich über Freund und Feind geſchloſſen als letzte, einträchtige Ruhe⸗ ſtätte; an Straßen und Häuſern begannen die Kugelſpuren und ſonſtigen Zeichen der Zerſtörung wieder zu verſchwinden, und nur in den Spitälern blieben noch lange die traurigen Beweiſe zurück, mit welch' hartnäckiger Erbitterung von beiden Seiten um den Sieg gerungen worden war, wie viele unglückliche, brave Menſchen dabei Leben und Geſundheit eingeſetzt und nichts gewonnen hatten, als einen frühen ſchmerzlichen Tod oder ein verkümmertes Leben als ſiech gewordene Männer oder Krüppel.

Eines Abends, als eben der Arzt durch den Saal ſeine letzte Runde machte, begann Ambros ſich zu regen; er ſchlug die Augen auf, ſprach einige Worte mit dem Wärter und verlangte zu trinken. Sein Blick war ſichtbar klarer geworden, und mit dem Ausdruck unverkennbaren Behagens ſchlürfte er den kühlenden Trunk; aber wieder war es nur ein flüchtiger Augenblick der Sammlung und Erholung; denn über den Arm des Wärters hin fiel das Auge des Kranken auf Günther, welcher theilnehmend näher getreten war, und wie mit einem Schlage kehrte das Fieber mit ſeinem Wahne zurück. Nur mit Anſtrengung vermochte Ambros einen Laut aus der wunden Bruſt hervorzuſtoßen, während die Augen im Feuer der alten Wildheit aufloderten.Da iſt er wieder! keuchte er endlich.Thut mir ihn weg. Muß ich ihn denn überall finden, den Teufel? Lache nur, weil Du wohl auf biſt und geſund! Komm' her, wenn ich daliegen muß auf den Tod ich nehm' es auf mit Dir Du ſollſt ſie nicht haben, Teufel ich werfe Dich hinunter über das Gewänd... Beim erſten Laute war Günther hinweggeeilt; Ambros rang einen Moment mit dem Wärter, der ihn zurückhielt er wollte auf ſpringen und auf den Verhaßten losſtürzen, aber dann verließ ihn die Kraft und lallend ſank er auf's Lager und in den alten Zu⸗ ſtand zurück.

Während der Arzt herantrat, nach Veranlaſſung und Zu⸗ ſammenhang des Vorfalls zu fragen, kam der Wärter mit der Meldung herein, daß zwei fremde Frauensperſonen vor der Saalthür ſtünden, die einen Verwundeten zu beſuchen gekommen

ſeien.Sie müſſen weit her ſein, ſagte er;denn die Kleider 7 4/

Wälze nicht mir die Schuld zu, daß es ſo gekommen ich hätte es anders gewollt. Er bückte ſich zu dem Gefallenen nieder und verſuchte, ihn aufzurichten. Jetzt erſt fühlte er den heftigen Schmerz ſeiner Armwunde. Das Blut ſtrömte in ſtarkem Guſſe aus derſelben, dunkel umflorten ſich ſeine verſchwimmenden Augen, und mit einem Seufzer ſank er neben Ambros zur Erde. Unbekümmert um die Beiden ging das Gefecht ſeinen blutigen Gang. Der Abend brach bereits herein, als die ſiegenden Preußen die ganze Umgebung der genommenen Stadt nach den Gefallenen und Verwundeten durchſuchten. Die kühler werdende Abendluft b

hatte Günther aus der Ohnmacht geweckt, in welche Schmerz und Blutverluſt ihn verſenkt hatten. Auch Ambros hatte noch nicht zu leben aufgehört; ſein Puls ging noch ſchwach, wenn auch das Bewußtſein vollſtändig geſchwunden war. Trotz der ſchweren Wunde ſetzte die Kraft der geſunden Natur und der unverdorbene Körper der Vernichtung einen hartnäckigen, wenn auch vom Arzte der Ambulance nach kurzer, flüchtiger Unterſuchung für vergeblich erklärten Widerſtand entgegen. In dem nänlichen Saale, nur durch wenige Lagerſtätten von einander getrennt, wurden die Doppelfeinde untergebracht. Für Günther mit ſeiner, wenn auch ſtarken und ſchmerzhaften, Fleiſchwunde zeigte ſich bald, daß keine Gefahr vorhanden; er bedurfte nur der Erholung und Ruhe, um wieder Kraft zu ſammeln und einer etwaigen Lähmung des Armes vorzubeugen. Schon nach wenigen Tagen war er wieder Bett zu verlaſſen. Ambros dagegen war noch immer beinahe ununterbrochen in demſelben bewußtloſen und ſchlafähnlichen Zuſtande gelegen, nur ſelten öffneten ſich die ſtarren Augen, und wenn es geſchah, war es unverkennbar, daß ſie nicht ſahen und nicht erkannten, was ihn umgab; die Wahngebilde eines heftigen Wundfiebers hielten ihn unerbittlich umſtrickt. So waren ein paar Wochen vorübergegangen, und

einem

welche ſie tragen, ſind in der ganzen Gegend unbekannt.

Zu welchem Verwundeten wollen ſie? fragte der Arzt. Es iſt ſchon ſpät, und der Beſuch kann die Ruhe der übrigen Kranken ſtören. Es wird wohl bis morgen Zeit haben.

Der Beſuch gilt dem baieriſchen Jäger, ſagte der Wärter, dort in der Ecke, der den Bajonnetſtich in die Bruſt bekommen hat. Es ſind wohl Mutter und Schweſter, die ihn beſuchen wollen, oder es iſt gar ſein Schatz, weil ſie ſo verweinte Augen hat.

Erinnern Sie ſich, Herr Doctor, ſagte Günther, leiſe hin⸗ zutretend,daß auf meine Veranlaſſung an die Angehörigen des Unglücklichen, die mir bekannt ſind, geſchrieben und ihnen Nachricht von ſeinem Zuſtand gegeben wurde!

Ganz recht, entgegnete gleichgültig der Arzt;wenn es den angeht, dann erleidet die Sache allerdings keinen Aufſchub.

Ich glaube nicht, daß der Burſche den Morgen erlebt. Da iſt der Beſuch noch gerade recht gekommen. Wollen Sie, fuhr er, ſich zu Günther wendend, fort,es vielleicht übernehmen und die

Frauen hereinführen, da Sie doch mit ihnen bekannt zu ſein ſcheinen? Günther kämpfte einen Augenblick mit ſich ſelbſt.Nein, ſagte er dann,es wird beſſer ſein, wenn ich ihnen nicht begegne. Es würde ſie und mich zu ſehr erſchüttern und doch nichts fruchten. Ich will beiſeite gehen, damit ich ihnen nicht zu Geſicht komme wenigſtens für heute nicht.

Der Arzt wendete ſich dem nächſten Bette zu, und auf den Wink des Wärters, der die Thüre leiſe öffnete und zur Stille aufforderte, trat die Funkenhauſer⸗Bäuerin ein, hinter ihr Tonerl. Man ſah es der Frau au, wie ſauer ihr der Gang wurde, den ſie machen mußte; aber ſie hielt ſich tapfer aufrecht; das Mädchen dagegen hinter ihr ſchwankte, als ihr die Luft des Krankenzimmers entgegenſchlug; aus dem einſt ſo lachenden An⸗ geſicht war alle Fröhlichkeit gewichen, und der Wärter hatte wohl Recht: man ſah es den Augen an, daß ſie viel geweint hatten und bitterlich. 4

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