„O du liebe Mutter vom Birkenſtein!“ rief die Bäuerin ſchmerzlich, als ſie den Leidenden bleich und entſtellt vor ſich liegen ſah.„Iſt's denn menſchenmöglich, daß dies der Ambros iſt, der gute, brave Burſch, der noch vor ein paar Wochen dag'ſtanden iſt, ſo friſch und g'ſund wie ein Kirſchbaum?“
Tonerl konnte nicht ſprechen. Schweres Schluchzen erſchütterte ihre Bruſt; wie unwillkürlich ſank ſie am Bettrande in die Kniee und beugte das thränenübergoſſene Antlitz auf die kaltfeuchte Hand des Verwundeten nieder.„Ambros!“ rief ſie weinend,„hörſt mich nimmer? Das Tonerl iſt da! ich bin bei Dir— Ambros — Ich will Dich um Verzeihung bitten für Alles, was ich Dir angethan hab'— daß ich Dein gut's, treu's G'müth ſo von mir geſtoßen und veracht't hab'. Schau mich nur noch ein einzig's Mal an und ſag', daß Du mir verzeihſt! Ich bin hart g'nug g'ſtraft, auch ohne das, davon iſt Gott mein Zeug'!“
Waren es die heißen Thränen, welche die Hand des Leiden⸗ den überſtrömten, oder hatte die bekannte Stimme eine ſolche Gewalt über die entſchwindenden Lebensgeiſter,— Ambros öffnete noch einmal die ſchweren Augenlider, ſein Blick traf das Antlitz der Bäuerin; er ſtreifte über dem gebeugten Haupte des Mädchens hin und ein unbeſchreiblicher Ausdruck der Seligkeit und des Glückes brach aus den dunklen Augen hervor.„Was? Baſ' kommt zu mir!“ flüſterte er.„Das iſt ſchön; das freut mich... Und Du biſt auch da, Tonerl, und Du weinſt wohl gar um mich? Das macht mir das Sterben leicht.“
„Red' net vom Sterben, Vetter!“ ſagte die Bäuerin.„Du wirſt vielleicht ſchon wieder werden. Du mußt halt ein recht's Vertrauen faſſen zu der heiligen Mutter vom Birkenſtein; die hat ſchon noch viel größere Wunder gewirkt.“
„Nein, Baſ',“ ſagte Ambros mit leichtem, traurigem Kopf⸗ ſchütteln,„was in meiner Bruſt zerriſſen is, das wird net wieder ganz. Ich ſpür's, das Bajonnet iſt zu tief'neingegangen; er hat gar z' feſt zug'ſtoßen, der Herr Günther.“
„Wer?“ rief die Funkenhauſerin.„Wer, haſt Du g'ſagt?“ und die wenigen Silben blieben ihr beinahe auf der Zunge haften. Toni ſtarrte ihn entſetzt und wie verſteinert an: die Thränen in ihren Augen ſtanden einen Augenblick ſtill.
„Der Günther,“ wiederholte Ambros matt.„Ihr kennt ihn ja, den Herrn Schulze, der unſer Gaſt g'weſen iſt auf dem Funkenhauſerhof Wir ſind mit einander z'ſamm kommen und haben abg'rechnet mit einander.“
„Das auch noch!“ ſtammelte Toni halblaut und taſtete, dem Unſinken nahe, um ſich.„Mir wird ſo ſchwarz vor den Augen; ich glaub', mir wird net gut.“
„Das macht die Luft von der Krankenſtube und die Altera⸗ tion,“ ſagte der Wärter.„Ich führ' die Jungfer ein wenig hinaus an die friſche Luft; da wird ihr ſchon wieder beſſer werden.“ Er that's; Toni wankte hinaus, und mit Augen, die wie zwei er— löſchende Kohlen funkelten, blickte Ambros der Verſchwindenden nach.
„Sie hat ihn noch immer gern, Baſ',“ ſtammelte er.„Daß ich ſterben muß, das kränkt ſie viel weniger, als daß es der Günther iſt, der mir das gethan hat...“
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Die
Die gebildete Induſtrie darf heutzutage gar keine Abfälle und ſchädlichen Kummer⸗ und Kehrichtſtoffe mehr kennen und dulden. Allerdings wußte man dies ſchon lange und deutſche Gelehrte, wie Pettenkofer ꝛc., führten den wiſſenſchaftlichen Beweis dafür wohl noch eher, als die Engländer; aber Letztere warteten nicht auf dieſe Beſtätigung der Wiſſenſchaft, ſondern kämpften ſchon ſeit mehr als einem halben Jahrhundert immer maſſenhafter und ſiegreicher gegen den alten gefährlichen Drachen alles geſunden Lebens und friſchen Fortſchritts. Wie man aus ſtinkendem Theer die prachtvollſten Farben und koſtbarſten Wohlgerüche, aus den ekelhafteſten Lumpen nicht nur warme, ſondern auch ſchöne neue Kleider, aus allen Theilen gefallener Gäule die werthvollſten Dinge des Nutzens und der Niedlichkeit bereiten, aus verhaßten Cloakenflüſſigkeiten durch einen noch neuen chemiſchen Proceß Werthe von zwei Silbergroſchen um mehr als vierhundert Procent erhöhen kann, ſo weiß man in England auch allerhand Kummer und Kehricht, der ſich bei uns zu Drachenburgen anhäuft
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„Denk' jetzt nit an ſolche weltliche Sachen!“ rief die Bäuerin. „Jetzt' iſt zu ernſthaften Gedanken Zeit. Mach Ordnung mit unſerem Herrgott! Ambros— denk' an die Ewigkeit!“
„Ich kann nit, Baß jammerte er.„Das hat mir wieder einen Stich'geben, mitten durch's Herz, der brennt mehr als die
Wunden von dem ſpitzigen Eiſen— ſo kann's hölliſche Feuer nit brennen. Sie hat mich amal gern g'habt, Baſ'; ich weiß's g'wiß, von Herzen gern, bis der Preuß' kommen iſt mit ſeine Schmeichelwort' und ſeine ſchönen Reden— der hat ſie verkehrt und hat mir ihr Herz geſtohlen und ihre Lieb', und jetzt nimmt er mir auch noch mein jung's Leben! Und ich kann michnit rächen an ihm und kann's ihm nit vergelten!“
„Scham' Dich, Ambros,“ ſagte die Bäuerin ernſt,„daß Du ſo abſcheuliche Reden führſt! Iſt Dein ganz' Chriſtenthum verloren'gangen in der kurzen Zeit von Dein' Soldatenleben? Denk' an die Ewigkeit, denk' an's Beten! Schau, ich will bei Dir bleiben, Ambros, und will Dir vorbeten.“ Sie hatte ſich auf den Rand des Lagers geſetzt und ein altes, vergriffenes Büchelchen mit großgedruckten Gebeten und unſcheinbaren Holz⸗ ſchnitten hervorgezogen; ſie blätterte und wollte eben anfangen zu leſen. Darüber fiel ein Blatt heraus und flog auf die Decke.
Ambros griff darnach, ſchaute es an, und wie in den Tagen der Kraft und Geſundheit trieb ihm das Blut die letzten ſeiner Wellen in's Angeſicht.„Die heilige Philomena!“ hauchte er, und aus ſeinem Auge brach ein Glanz des Friedens, wie ein plötzlicher Sonnenſtrahl durch das Gewölk bricht.„Die Heilige vom Seitenaltar in unſerer Kirchen daheim,— die Fräul'n!“
Es war das letzte Aufflackern der erlöſchenden Flamme ge⸗ weſen. Mühſam hob er die erlahmende Hand und ſtreckte ſie der Bäuerin und Tonerl entgegen, die gefaßter eben wieder in's Zimmer trat. Sie ergriff ſeine Hand; ihr letzter Druck durch⸗ zitterte ſie. Feſt und ſtarr hing ſein Auge an ihr, aber nicht mehr feindlich und bitter wie zuvor; immer heller, immer verklärter brach der Strahl der Liebe daraus hervor., Um ſeinen Mund breitete ſich ein verſöhnendes Lächeln— noͤch wenige Augenblicke,. und er hatte vollendet.
In wort- und thränenloſer Rührung verließen die Frauen den Saal und traten auf den von trüben Laternen beleuchteten Vorplatz hinaus; hart an der Schwelle, ſo nahe, daß die Be⸗ gegnung nicht mehr zu vermeiden war, ſtand ihnen Günther gegenüber.
Einen Augenblick blickten ſie ſich ſchweigend und überraſcht an. Günther machte eine Bewegung, als ob er ſich nähern wollte; ein Wort ſchwebte auf ſeinen Lippen; die Bäuerin aber wies ihn mit heftig abweiſender Geberde zurück. Toni verbarg ihr verſtörtes Angeſicht in ihrem Tuche; dann ſchritten ſie an ihm wie an einem Fremden vorüber.„Ein Begegnen auf Nimmerwiederſehen,“ ſagte er dann vor ſich hin, trat an die Thür und ſchaute den Dahin⸗ ſchreitenden nach in die Nacht, die draußen ſich niedergeſenkt hatte, finſter und ſternenlos.
(Fortſetzung folgt.)
Ein Londoner Kummerhof.
der großartigſten Induſtrie auf das Vortheilhafteſte zu verwerthen⸗ und zu lachenden Geld- und Lebensquellen zu veredeln.
Da man in Deutſchland die genialen Bücher von Charles Dickens wohl eben ſo gern lieſt, wie die beſten Romage unſerer⸗ eigenen Schriftſteller, wird der goldene Kummermann(tlie golden dustman) aus ſeiner letzten großen Schöpfung:„Unſer beider⸗ ſeitiger Freund“ auch in Deutſchland keine unbekannte Größe ge⸗ blieben ſein. Wir ſehen ihn im Geiſte, den kleinen, knurzigen Kröſus mit dem Stock im Arm, ſehen die geheimnißvollen, unge⸗ heuren Müllhaufen, aus denen ſein Vater und Vorgänger die Haufen goldener Pfunde deſtillirte, und die gierigen Erbſchleicher, welche ſich gegenſeitig um dieſe goldhaltigen Kummerhaufen zu be⸗ trügen ſuchen, und haben dadurch wohl ſchon eine mehr ideale Vorſtellung von ſolchen engliſchen Müllgeſchäften gewonnen. Man⸗ cher Leſer mag dabei geglaubt haben, daß der goldene Duſtmann und ſeine Haufen von Müll und Geld mehr Kinder der eigen⸗
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und den Niemand umſonſt haben will, in allen Theilen vermittels
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