Jahrgang 
41 (1868)
Seite
655
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es ankam,

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kändigkit und geiſtige Selbſtthätigkeit waren ihm Ziel des akade⸗

miſcher Studiums. Seine Erläuterungen nahmen häufig die Form der Frage und Antwort an. Der Zuhörer antwortete zwar nicht laut, aber er antwortete im Stillen und er hörte die

Antworten des Meiſters, die jener auf ſeine Fragen gab. Er ließ im Hörer die Fragen ſelbſt auffinden, auf deren Beantwortung und erfüllte ihn mit der Begierde dieſe Fragen zu löſen. Und doch ſagte Schleiermacher ſelbſt ſcherzweiſe, daß di Studenten nichts bei ihm lernen könnten! Er war allerdings kein Münzmeiſter, der Jeden mit einer Anzahl von ausgeprägten Geldſorten verſah zur Wegzehrung für den nächſten Bedarf, aber die Zutageförderung edler Metalle aus dem Schachte des Geiſtes lernte man bei ihm und die Münzkunſt ſelbſt. Wie Ganzen ſeine Lehrkunſt jetzt auf unſern Univerſitäten verſtanden und gehandhabt wird, weiß Jeder, der diepoſitiven Einflüſſe auf den meiſten derſelben kennt.

Wie berauſcht war ich aus

dem erſten Colleg gegangen, der

Mann hatte mich ganz defangen genommen. Bald machte ich meine Aufwartung in Schleiermacher's Wohnung. Der Herr Profeſſor arbeitete in ſeinem Studirzimmer, ich wurde gemeldet

und erwartete ihn klopfenden Herzens.

Bekannte, die Schleiermacher bereits beſucht, hatten ihn beim erſten Zuſammentreffen etwas kühl zurückhaltend gefunden. Er verhielt ſich allerdings gewöhnlich ſcheinbar kalt, d. h. zuſchauend, prüfend, indem er dem Gaſte ruhig geſtattete, ſich ausführlich auszuſprechen, und dabei ruhte ſein Blick feſt durchſchauend, faſt körperl ich fühlbar auf dem Fremden. Das mochte unter Umſtän den etwas beengend ſein. Nicht nur ſein Naturell, auch die Ver hältniſſe veranlaßton dieſe Eigenthümlichkeit ſeines Benehmens. Schleiermacher war ſehr thätig und in der Ausbeutung ſeiner Zeit äußerſt ſorgſam; ſo ſetzte er ſich an den Arbeitstiſch, auch wenn ihm nur fünf bis zehn Minuten freie Zeit zum Arbeiten blieben. Wurde er nun, wie ſo oft geſchah, von ſeinen gelehrten Arbeiten weg zu Beſuchen oder Geſchäften gerufen, ſo hatten ſeine Züge allerds anfangs einen etwas ſtarren Ausdruck, der aber bald wich Lin ſeinem Kopfe proceſſirten eben noch Gedanken, die einer ganz andern Welt angehörten als der, der er ſich im Augenblick widmen ſollte*

Mich nahm er freundlichſt auf und zeigte in ſeiner gewin⸗

nenden Unterhaltung ein merkwürdiges⸗ Verſtändniß für jugendliche Intereſſen; hatte er doch ſelbſt noch ein jugend dliches Herz neben ſeiner hohen Weisheit, undein alter Kopf und ein junges Ha. haben in ihrer ſeltenen Vereinigung immer eine empfängliche, ſtreb ſame Jugend entzückt.

Er lud mich auf den folgenden Sonnabend

Abend ein. Am

Sonnabend jeder Woche hielt nämlich Schleiermacher offenes Haus und mochte es gern, wenn ſich da auch die akademiſche Jugend unter ſeinen Gäſten einfand. Als Halleſcher Profeſſor hatte er ſogar einen Empfangsabend nur für Studenten beſtimmt.Ich weiß nicht, ſagte er,wer mehr dabei gewinnt, ſie oder ich; ihnen wird vielleicht manches Dunkle durch dieſe freie Unterhal tung aufgehellt und ſie gewinnen an Vertrauen. Ich aber ge

einen ſicheren Tact für meine Vorträge und weiß genauer, wie ich mir die beſſeren unter meinen Zuhörern zu denken habe, welches ihre Fähigkeiten und welches ihre Bedürfniſſe ſind. Dadurch gewinne ich auch an Muth, und ſo erweitert ſich mir mit jedem Jahr die Bahn, die ich noch zu durchlaufen habe.

Schleiermacher war eine durchaus geſellige Natur, trotz ſeiner Monologe ſo wenig monologiſch, daß er es als ſeine Ueber zeugung ausſprach:Wie abgeriſſen und elend würde eine Exiſtenz ſein, wenn man nicht durch, in und mit beſſeren Menſchen leben könnte! und ſich ſelbſt einemehr ſprechende, als ſchreibende Natur nannte. So hat er mannigfaltige Freundſchaften gepflegt, ſo ließ er auch oft und gern die verſchiedenartigen Anregungen einer bunten Geſellſchaft auf ſich einwirken. Und wie ſprudelte es da von ſeinen Lippen, wie glänzten die lebhaften Augen, wie

winne dadurch offenbar

energiſch geſticulirten die kleinen Hände durch die Luft, wenn er unter den Bekannten ſaß!

GlSchleiermacher war ein ausgezeichneter Geſellſchafter. Sicht lich war ſein Behagen, ſich in Geſellſchaft als Menſch unter Men⸗ ſchen wohl fühlen zu können, und von dieſem Wohlgefühl ging

immer wenig im

Aurz⸗

ſeenidarinſten⸗ ihm ganz fernlegenden Verhältniſſe ein, er hatte Sinn für die leiſeſten perſönlichen Beziehungen, er fand für Alles nene Geſichtspunkte und wußte ſich und ſeine Umgebung für das Un⸗ ſcheinbarſte zu intereſſiren, er ſah mit ſeinem Meiſter Spinozaim Alltäglichen das Höchſte.

Wenn Archenholz vom Philoſophen fordert, imGewühl des Marktes und unter Geſchrei der Kraͤmer phil oſophiren zu können, ſo war Schleiermacher auch in dieſer Beziehung Philoſoph. In leb⸗ hafteſter Geſellſchaft trat er manchmal plötzlich ſeitwärts und ſtand ſtill verſunken oft zehn Minuten lang am Ofen, die beiden Vorder⸗ finger an das linke Auge gelegt, wie er bei tiefem Nachdenken . that. Man kannte dieſe Momente und ließ ihn ruhig ge⸗ währen, wußte man doch, daß, was die Geſellſchaft in dieſen Angenblicken des Verſunkenſeins von ſeiner Unterhaltung entbehrte,

ſie in der ſhndict des nächſten Sonntages reichlich wüädererſtattet erhalten würde. Schleiermacher fing nämlich ſchon am Montag an, die Predigt des nächſten Sonntages zu überdenken und im

Kopfe auszuarbeiten ſeine ſchrift tlichen Notizen dazu waren ganz und dies geſchah ebenſowohl in der Einſamkeit des Studir⸗ zimmers, als im Geplauder einer Abendgeſellſchaft. Wurden viel⸗ leicht ſeine Predigtenvon der Geſellſchaft ſo gut verſtanden, weil ſie zum Theil in der Geſellſchaft entſtanden waren?

Seine Predigten! Sie waren ſo einzig, wie ſeine akademi⸗ ſchen Vorträge. Vierundzwanzig Jahr lang zog er Tauſende und aber Tauſende mit ſeinem wunderbaren Worte in die früher oft leergebliebenen Räume der Dreifaltigkeitskirche. Wer Schleier macher nicht predigen hörte, wird in den gedruckten Predigten nur eine ſchwache Ahnung ihrer außerordentlichen Wirkung haben. So wie Schleiermacher hat ſeit ſeinem Tode kein Prediger wieder in Berlin gepredigt und Keinem iſt es gelungen, ein Publicum zu ſammeln, wie er es vermochte. Leute aller Stände hat er zu ſei nen Füßen gefeſſelt, ausgebildeten Verächtern der Religion fleißige Kirchgänger gemacht ohne Eifern über Weltluſt und ſchlechten Kirchenbeſuch!

Allſonntäglich kamen ſie gezogen, die und Frauen, Jedermann ſucht den gewohnten Sitz, wohnten Nachbar, feſtlich ſtille Erwartung liegt auf der dichten Verſammlung. Noch ehe der Geſang ſchweigt, ſteigt er empor zur Kauzel, der kleine Mann, der ausſprechen ſoll, was die viel⸗ geſtaltige Menge da unten bewegt, deſſen eigentlicherBeruf es iſt, wie er ſelbſt ſagt,klarer darzuſtellen, was in allen ordent⸗ lichen Menſchen ſchon iſt, und es ihnen zum Bewußtſein zu bringen.

Sein Auge ſchweift ruhig über die Verſammlung, ein feines, freundliches Lächeln zuckt um ſeine Lippen, er findet ſeine Ge⸗ treuen gegenwärtig. Wie ein Kirchenvater ſteht er droben auf der Kanzel und mit wahrhaftbibliſcher Zunge verkündet er ſeine quellenden Lebensworte. Es iſt ſehr richtig, was einer ſeiner Zu⸗ hörer ausgeſprochen hat:Wer in die perſönliche Nähe des Mannes gerieth und die Gewalt ſeiner Beredſamkeit über ſich ergehen ließ, der wurde durcheihn auf wunderbare Weiſe zum Chriſtenthum be⸗ kehrt oder in ihm befeſtigt.

Und allerdings, es lag ein ſeltener Zauber in ſeinen Worten. erſchien er auf der Kanzel als der Senator, der die Offenbarung proclamirt, immer war er der Tribun des Volkes, der in deſſen Namen ſich erhebt, um das geheimnißvolle Buch des Lebens tſiegeln. Schmetternd klang ſeine Stimme, wenn er ſein Veto ausrief über alle Geſetze der Welt, wenn ſie von Außen kamen oder die Ueberlieferung ſie brachte. Der ſinnende, ſtillberechnende Blick ſeines Auges leuchtete dann wie ein zünden⸗ der Blitz, die kleine Geſtalt des Mannes ſchien aus ſich ſelbſt herauszuwachſen, wenn er ſich über den Rand der Kanzel bog, um einen Jeden an's Herz zu klopfen und auch im felſenfeſten Unglauben die Quelle des Lebens zu entriegeln.

Mächtig zündend habe ich Schleiermacher hundertfach ſprechen hören, doch nie ſo unvergeßlich ſchön und innig, als am Grabe ſeines neunjährigen Sohnes Nathanael. Abraham hatte er⸗ lange gehofft auf einen Sohn, und dieſen einen, den er unendlich lieb hatte, nahm ihm der Herr wieder. 4 hatte er jubelnd die Geburt dieſes Sohnes esten Freunden gemeldet, in ſeiner frommen Freude in dieſem häfe

Schaaren der Männer grüßt den ge⸗

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etwas über auf Jeden, der ihm nahe kam. hatte denTact Geſchenknur eine neue Aufforderung gefunden, ſich ſelbſt es des Herzens, das ſichere Gefühl für das, was dem Andern wohl⸗ zu veredeln; wie hatte er ſorgſam ſeine Erziehung geleiter, wie thun oder ihn verletzen könnte. Mit Virtuoſität ging er auf die]reich war nun ſein Familienleben geworden, als es neben Frau und . 4 1* 5 1* 8* 8. 3 8 22 4₰½*.. 4 1 1 5

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