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Sie hatten, ſo alt ſie waren, außer den Dorfgeigern, keine gehört und ſeit fünfzehn Jahren, wo die Inſel kleinen Expedition beſucht wurde, keinen modern ſchen in ihrem Schatten geſehen.—
Da uns bis zur Rückfahrt nach Riga nur halt von wenigen Stunden auf der Inſel vergönnt war, ein Zeit⸗ raum, der kaum hinreicht, nur die oberflächlichſte Neugier nach den eigenthümlichen Menſchen und Verhältniſſen zu befriedigen, ſo hatte ich vorher, um wenigſtens einigermaßen orientirt anzu⸗ kommen, eine Schi ld derung der Inſel von J. G. Kohl in ſeinem bekannten Buche über„die den ſch⸗ ruſſiſchen Oſtſeeprovinzen oder Natur⸗ und Völkerleben in Kur⸗, Liv⸗ und Eſthland“ geleſen, merkte aber ſehr bald, daß dieſe L Lectilre nichts als eine verlorene Mühe war. Herr Kohl, das„correſpondirende Mitglied der Kurlinhiſen Geſellſchaft für Literatur und Kunſt“, erzählt z. B., daß Runoe holzarm ſei, ſehr wenig größere Bäume und nur niedriges Gebüſch und deshalb lauter ſteinerne Häuſer beſitze. Unſer Weg in das Innere der Inſel, der durch einen dichten, oft recht dunkeln Wald hoher kräftiger Fichten führte, und der Anbl lick des Dorfes, das ohne Ausnahme höl lzerne Häuſer hat, beſtätigte mein erwachtes Mißtrauen gegen das„correſpondirende Mitglied“, deſſen Mitthei⸗ lungen ich vollends ad acta zu legen mich bewogen fühlen mußte,
als ich durch die Runoer erfuhr, daß ſeine Angabe von taulſend Einwohnern der Inſel ſich in Wirklichkeit auf eine Geſammtzahl von circa vierhundert reducirt. Da Kohl ſich ſo unzuverläſſig er— wies, ſo mußte ich mich, ſo gut es ging, durch Ausfragung der Bewohner mit ſpäter dorzunehmender Vervol llſtändigung durch zu⸗ rerläſſigere Werke zu belehren ſuchen. Die Verſtändigung mit den Nunoern ging ziemlich glatt von Statten, da ſie, wenn auch das Schwediſche ihre eigentliche Mutterſprache iſt, doch faſt Alle, wenigſtens die Männer, zufolge ihres Verkehres mit Riga und den dieſſeitigen Oſtſeeküſtenbewohnern, eine Art Plattdeutſch ſprechen.
Dennoch hatte das Examen, das ich in dieſer Weiſe, um keine Zeit zu verlieren, ſchon auf dem Wege zum Dorfe mit der Inſulanern vornehmen mußte, ſeine Schwierigkeiten. Das Be⸗ nehmen der in freudigem Stolze über die Ehre eines ſo zahl reichen fremden Beſuches einherſchreitenden Bauern, ihre ſtrahlen⸗ den Geſichter bei den für die Meiſten von ihnen ſo fremdartigen
Muſik zuletzt von einer gekleideten Men⸗
der kurze Aufent⸗
und berauſchenden Klängen der weithin ſchallenden Muſik, die
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Wonne, mit der die Mädchen unſere Nachricht empfingen, daß 7 8 1
dieſe ſchöne Muſik auch ſpäter zum Tanze aufſpielen werde— das Alles hatte für uns Beſucher e etwas ſo Anziehendes, daß es meinerſeits mit den trockenen Fragen ebenſowenig recht vorwärts wollte, als die durch die Ueberraſchung etwas zerſtreuten Runoer, die höchſt vergylicherweiſe mehr auf die Muſik als auf meine läſtigen Fragen hörten, beſondere Luſt zum Antworten verſpürten. Ich glaube, wenn Heinrich Heine dieſe Fahrt mitgemacht hätte, ſo würde er mit malitiöſer Entrüſtung uns in die Ohren geflüſtert haben:„Aber meine Herren, ſehen Sie denn nicht die emporragende männliche Haltung, den majeſtätiſchen Gang, die tieffklaren Blicke und ſtolz zuckenden Lippen der Männer von Runoe? Machen dieſelben nicht den unabweisbaren Eindruck, als ſtammten ſie ſammt und ſonders von einem uralten nordiſchen Fürſten⸗ geſchlecht ab, das ſich, vielleicht weil ihm die übrige Welt zu ſchlecht war, vor Jahrhunderten auf dieſes ent tlegene Eiland in ſtolzer Selbſtgenügſamkeit zurückgezogen hat? ln Sie, meine Haxrren, laſſen von dieſen Männern Ihre Plaids und Paletots und aße Körbe mit Wein und Bier, ja ſogar, 49 wage es kaum auszu ſprechen, ganze Paudelchen“ mit Butterbroden tragen?“ Glücklicher⸗ weiſe war„der ungezogene Liebling der Grazien“ nicht unter uns, um zu ſeinen Nordſee⸗Phantaſieen eine Fortſetzung in Form von Oſtſeebildern zur Welt zu bringen. Ich ſuchte den romantiſchen Blüthenſtaub von mir abzuſchütteln, indem ich erſt den hochge⸗ wachſenen jungen Menſchen, der, neben mir herſchreitend, meinen Paletot trug, ſcharf von der Seite anſah und dabei zur Beruhigung meines Gewiſſens doch einiges Unfürſtliche an ihm wahrnahm, und mich dann zu einem bejahrten Runoer wandis eent dem ich ein ageben auf meine Fragen ehree Ich hatté mich in ihn t getäuſcht. An 48 Antworten merkte i, was ich en Runoern ſpäter beſtätigt fand, daß dieſes Arsäaue mit wahrhaft imponirendem Stolze von ſeiner durchaus ſelbſtſtändigen und freien Regierungs⸗ und Ver⸗ waltungsweiſe ſpricht. In ihrem ſeemänniſch⸗ deutſchen Jargon ſagen ſie Alle mit ſtolzem Selbſtbewußtſein, welches wohl viel zu
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ihrer männlichen Haltung beiträgt:„Wir ſelbſt wählen unſere neun Männer, die über Recht und Unrecht entſcheiden. Wenn wir unſere ſährlichen Steuern nach Arensburg gebracht haben, darf Niemand außer unſeren neun Männern auf Runoe etwas anord⸗ nen; denn ‚wir haben unſere geſchriebenen Frühüten“!“.
Ich fragte, ob ſie dieſe geſchriebenen Freiheiten immer ge⸗ habt hätten?
„Ja, immer, wir hatten ſogar vor vielen hundert Jahren noch viel mehr geſchiebene Frühüten, aber da war ſlechter König Carolus von Sweden, der uns große Frühüten fortgenommen
hat.“ Näheres über dieſen König Carolus und die geſchriebenen Freiheiten, die er genommen, konnte ich nicht von ihnen Erfahren
Die mündliche Ueberlieferung des poſitiv Geſchichlichen iſt bei den Runvern mit der Tradition der Sage in ſo naiver anachroniſtiſcher Weiſe vermiſcht, wie es bei einem naturwüchſig intalligenten, aber
culturarmen Volke nur der Fall ſein kann. Später fand ich über dieſen grauſamen König Carolus, der an dem ſchrecklichen
Freiheitenraub unſchuldig wie ein Kind zu ſein ſcheint, Dunkels, welches über der Geſchichte von Runve ſchwebt, einigen Aufſchluß; in Ekman's„Beſkrifning om Runoe“ leſen wir: „Carl der Zwölfte(von Schweden) fuhr 1700, als er von Do⸗ mesnees nach Pernau ſich überſetzen ließ, an Runoe vorbei, wo damals, wenigſtens ſeit 1689, ein ſchwediſcher Commandeur nebſt einem Lieutenant, Namens Andreas Lindenberg, und einem Com⸗ mando Soldaten ſtand, das aber 1708 von den Ruſſen, die mit einem Kriegsfahrzeuge landeten, überfallen und größtentheils niedergemacht wurde; 1713 leiſteten die Runver den Huldigungs⸗ eid, und ſeitdem war Runoe in politiſcher und kirchlicher Hinſicht immer von Oeſel abhängig.“
Was für geſchriebene Rechte König Carolus ihnen genommen, wußte mir kein Runoer zu ſagen. Mein Runoe'ſcher Geſchichts⸗ Docent, der bejahrte Einwohner nämlich, ſteifte ſich blos darauf, daß es„ſehr viele geſriebene Frühüten“ waren.„Aber,“ fragte ich ihn,„habt Ihr denn mit Eueren jetzigen Freiheiten noch nicht genug? So viel Freiheit und Selbſtſtändigkeit, wie Ihr, beſitzt ja kein Volk.“
Im Widerſpruch zu dem Stolz und Selbſtbewußtſein, womit der Alte vorhin von den Runoeſſchen Freiheiten geſprochen, ſchien er über meine letzten Worte ſehr erſtaunt.
„Was, Ihr habt nicht ſo viele Freiheiten,
„Nein,“ ſagte ich,„nicht die Hälfte.“
„Dürft Ihr denn nicht thun, was Ihr wollt?“
Ich mußte natürlich„nein“ antworten, denn gegenſeitige Wahr⸗ heit war ſelbſtverſtändliches Uebereinkommen. Jetzt aber übernahm der greiſe Inſulaner das Examiniren, indem er mich fragte: „Was dürft Ihr denn zum Beiſpiel nicht thun?“
Durch dieſe Frage gerieth ich in eine gelind denn wer die Wahl hat, hat die Qual. Endlich das Erſte, was mir einfiel— ſagte ich ihm:„Nun, wir dürfen zum Beiſpiel nicht Alles ſchreiben, was wir wollen.“ Dem Bauer ſchienen meine Worte etwas zu doctrinär zn ſein, er hatte ſie nicht recht gefaßt. Ich ſuchte mich deshalb folgendermaßen populär aus⸗ zudrücken:„Geſetzt, Euer Cantor(ſie nennen ihn„Vorſingern ſchreibt eine Schrift, die das ganze Dorf leſen und wiſſen ſoll, und die er deshalb an die Kirchenthür oder an dieſen Wegweiſer anheftet. Bei uns,“ fuhr ich fort,„würde in ſolchem Falle ein Beamter erſt die Schrift leſen und dann, was ihm nicht geſiele, ausſtreichen.“ Der Bauer wollte mir anfangs nicht glauben, er meinte, ich treibe Scherz mit ihm, und erſt meinen wiederholten Betheuerungen gelang es, ihn von der Wahrheit meiner Mittheilung zu überzeugen. Er ſah mich wie mitleidig herablaſſend an, ſo daß ich über ſeine Mienen, die jetzt das drolligſte Gemiſch von Stolz und Treuherzigkeit zeigten, beinahe hell aufgelacht hätte. würdet Ihr thun,“ fragte ich ihn,„wenn von der Inſel Oeſel vom Arensburger Ordnungsgericht jetzt ein Beamter käme und Euch eine ſolche vom Cantor geſchriebene Schrift zur Hälfte ausſtriche?“
„Er thut es nicht.“
„Wenn er es aber doch thut?“
„Er derp nicht.“
„Wenn er aber als Beamter das Recht es trotzdem thut?“
„So was iſt noch nicht vorgekommen, er es thut,
trotz des
als wir?“
e Verlegenheit, es war juſt
zu haben glaubt
aber ich glaube, 1 dann kommen unſere neun Männer zuſammen
„Was
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