Jahrgang 
41 (1868)
Seite
647
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Wallner kam. Mit dieſem kehrte er endlich von Neuem nach ſeiner Vaterſtadt zurück, um im Verein mit den ausgezeichneten Komikern Reuſche, Neumann und der liebenswürdigen Soubrette Fräulein Schramm jenes berühmte vierblätterige Kleeblatt zu bilden, das in der Geſchichte des Theaters unvergeßlich und un⸗ verwelkt bleiben und grünen wird.

Helmerding ſelbſt iſt der eigentliche Repräſentant der nord⸗ deutſchen oder ſpeciell der Berliner komiſchen Muſe, die ſich weſent⸗ lich von ihrer ſüddeutſchen Schweſter durch ihr ſcharfes, prickelndes Weſen, durch ihre Elaſticität, Vielſeitigkeit und ihren ſprühenden Witz auszeichnet, während die Letztere mehr durch gemüthliche Heiterkeit, anſprechende Gutmüthigkeit und eine gewiſſe ſtereotype und breite Behaglichkeit ſich auszeichnet. Der Schwerpunkt des Künſtlers liegt zunächſt in der treffenden Charakteriſtik, in dem unerſchöpflichen Reichthum ſeiner Masken und Figuren, wobei ihm ſeine früheren Zeichenſtudien und die dadurch geſchärfte Be⸗ obachtungsgabe die beſten Dienſte leiſten. Stets erſcheint er neu und originell; ſelbſt wo er an die Caricatur ſtreift, wird man noch ſein großes Talent bewundern müſſen.

Am beſten giebt er die einheimiſchen Typen, den bornirten Weißbierphiliſter, den verkommenen Bummler, den heiteren Lebe⸗ mann, den geldſtolzen Rentier und Hauswirth, den heiteren und angeheiterten Referendarius oder Aſſeſſor auf dem Juriſtentag. Um Berlin kennen zu lernen, muß man Helmerding ſehen. Er iſt der verkörperte Berliner, abwechſelnd bornirt und witzig, malitiös und gutmüthig, pfiffig und leichtgläubig, ironiſch und gefühlvoll, egoiſtiſch und opferfähig, kurz ein trotz aller Schwächen

und Mängel intereſſantes Berliner Kind. Dabei iſt er nichts weniger, als einſeitig und beſchränkt, da ſein Talent auch die ihm ferner liegenden Geſtalten mit gleicher Liebe zu erfaſſen und dar⸗ zuſtellen weiß, wofür ſeinfranzöſiſcher Tanzlehrer in Kotzebue's Unglücklichen ein glänzendes Zeugniß ablegt.

Dieſe Vielſeitigkeit wird weſentlich durch die Kunſt ſeines Mienenſpiels unſtützt. Helmerding beſitzt eine ſeltene Herrſchaft über ſein Geſicht, dem er jeden beliebigen Ausdruck zu geben ver⸗

mag. Ohne Schminke und oft ſelbſt ohne Beihülfe einer Perrücke, nur mit Unterſtützung eines alten Hutes

erſcheint er bald alsFriedrich der Große, bald alsNapoleon,

alsOnkel oderNeffe ſo täuſchend ähnlich, daß man an ein Wunder glauben möchte.

Mit dieſer proteusähnlichen Verwandlungsfähigkeit, dem erſten und unentbehrlichſten Erforderniß des Schauſpielers, verbindet er die hinreißendſte Laune, den ſprühenden Witz, den ſprudelnden Humor des geborenen Komikers. Eine Bewegung, ein Blick, ein Wort von ihm reicht ſchon hin, das Publicum zu elektriſiren und ein ſchallendes Gelächter hervorzurufen.

Jeden Abend feiert der Liebling der Berliner neue Triumphe, eine neue Rolle Helmerding's iſt in den meiſten Fällen ein Er⸗ eigniß für die Reſidenz, und ſein Name allein wirkt wie ein an⸗ ziehender Magnet auf Heimiſche und Fremde. Als Schauſpieler und Menſch genießt Helmerding die Anerkennung und Achtung, die ſeinem Talent und ſeinem liebenswürdigen, harmlos beſchei⸗ denen Charakter gebührt. Der Berliner aber ſagt:Es giebt nur einen Helmerding. Max Ring.

Der letzte deutſche Landgraf.

Ein Stillleben.

1ℳ

Stände nur nicht überall ein Prinz von Heſſen⸗Homburg So ſoll Napoleon in der Völkerſchlacht bei Leipzig ausgerufen haben, als er wahrgenommen, daß fünf Söhne dieſes Hauſes, und zwar fünf Brüder, als höhere Truppenführer in den Heeren Oeſterreichs und Preußens dort gegen ihn kämpften, nachdem ein ſechſter und der jüngſte dieſer Brüder im Frühling deſſelben Jahres, am zweiten Mai, bei Lützen den Heldentod gefunden hatte.

Dieſe Anerkennung aus dem Munde des größten Kriegs⸗ meiſters ſeiner Zeit kann wohl als ein Blatt zu dem Lorbeer⸗ kranze gelten, welchen die Kriegsgeſchichte dieſem alten fürſtlichen Geſchlecht zuerkannt hat. Von den Sturmzügen des dreißig⸗ jährigen Krieges an, die den erſten Homburger Landgrafen in den Kreis der deutſchen Reichsſtände treten ſehen, bis zu den Befreiungs⸗ kriegen, an deren Schluß der Wiener Congreß die heſſiſche Land⸗ grafſchaft zu einem ſelbſtſtändigen Staat des deutſchen Bundes erhob, glänzen die Jünglinge und Männer aus dem ſtolzen Schloſſe Homburg auf der Höhe nicht bloß als tapfere Kriegsleute, ſondern nicht wenige derſelben als hervorragende Heerführer, deren Name ſich an bedeutende Schickſalswendungen des europäiſchen Fürſten⸗ und Staatslebens knüpft. Wir erinnern nur an den Helden von Fehrbellin, an den Tatarenbeſieger unter Rußlands Fahnen und an jenen Erbprinzen Friedrich Joſeph, welcher als öſterreichiſcher Feldmarſchall bei Leipzig den Sieg mit entſcheiden half. Man geht durch eine Heldenhalle, wenn man die Ver⸗ gangenheit dieſes Geſchlechtes durchwandelt.

Nicht weniger, als die Betrachtung der thatkräftigen Perſön⸗ lichkeiten, nimmt das Ende des Hauſes unſere Theilnahme in Anſpruch, das ein Stück zugleich wunderlicher, rührender und erhabener Romantik unſerer Zeit darſtellt.

Landgraf Friedrich der Fünfte war ſeinem Vater, Friedrich dem Vierten, im Jahre 1766 als achtzehnjähriger Jüngling ge⸗ folgt. Zehn Jahre ſpäter gründete er die ihrer Zeit vielbeſprochene Patriotiſche Geſellſchaft für allgemeines Wohl, Verbeſſerung der Sitten und Hebung der Induſtrie. Das thätigſte Mitglied der⸗ ſelben war ſeine Gemahlin Caroline, die Heſſen⸗Darmſtädterin, welche den Wiſſenſchaften und dem Aberglauben mit gleiche ad Kinderzate. Seitdem ihr im Homburger Schloſſe die wei gefähr zwe n war, verwandelte ſie in ihrer Lebensweiſe die geſticuli⸗ 6 Dich in d meind

Mutter zu ſein.

gſten derſelben, Prinz Leopold, ausgenommen, der,

bemerkt, ſechsundzwanzig Jahre alt, bei Lützen fiel, 5

e. Das hinderte ſie jedoch nicht, ihren ſechs Söhnen

ſind dieſe Brüder ſämmtlich als Landgrafen zur Regierung des Ländchens gekommen und einer nach dem andern ſtarb ohne männ⸗ liche Nachkommenſchaft. Die innigſte Geſchwiſterliebe ſoll eines der ſchönſten Erbſtücke dieſer Familie geweſen ſein. Wunderbarer Weiſe war es wiederum die Liebe, aber die trauernde, verſchmähte, welche des Hauſes Ende herbeiführte.

Noch bei Lebzeiten ihres Vaters, der erſt 1820 ſtarb, wider⸗ fuhr den beiden jüngſten der Brüder, Guſtav und Ferdinand, das Mißgeſchick, daß beide ſich in ihre wunderſchöne Nichte Louiſe von Deſſau, mit, wie die Folge zeigt, ungewöhnlicher Gluth verliebten.

Die Prinzeſſin ſchien keine leiche Wahl zu haben. Beide Brüder ſtanden im beſten Mannesalter und in hohem militäriſchem Rang. Der ſiebenunddreißigjährige Guſtav war kaiſerlicher General Major, der zwei Jahre jüngere Ferdinand ſogar Feldzeugmeiſter. Die ſchöne Louiſe hegte jedoch einen höheren Ehrgeiz: die Kinder⸗ loſigkeit der älteren Brüder eröffnete für Guſtav die nächſte Aus⸗ ſicht auf den ſouverainen Thron von Homburg, und dies mehr, als der Umſtand, daß er ſchöner, als ſein jüngerer Bruder geweſen, beſtimmte ihre Wahl. Am 12. Februar 1818 reichte ſie dem Bevorzugten am Altare die Hand.

Der Verſchmähte nahm im ſelben Augenblick Abſchied vom höchſten Glück des Lebens: er blieb unvermählt.

Aber auch Louiſens ehrgeiziger Traum ging in kaum andere als traurige Erfüllung. Zwar beſcheerte ihr der Himmel einen Sohn, aber achtundzwanzig Jahre mußte ſie auf die Erbſchaft der ſouverainen Würde warten, denn erſt 1846 ſegnete Landgraf Philipp, der letzte der drei vorangegangenen Brüder, das Zeitliche. Da endlich war's erreicht. Zwiſchen Gatten und Sohn hielt die ſtolze Frau ihren Einzug in Schloß Homburg auf der Höhe und ſah auf das ſchöne Land als regierende Landgräfin hinab. Drei⸗ undfünfzig Jahre alt war ſie geworden, ehe ſie den Triumph errang, den die Schönheit ihrer Jugend ihr verheißen hatte. Und doch ſollte das Glück, das ſo lange erſehnte, ſo kurz ſein! Erſt ſtarb ihr Sohn, und ſchon am ſiebenten September des Sturm⸗ jahres 1848 vertauſchte Landgraf Guſtav ſeinen landgräflichen thron mit der vorletzten Stelle in der Erbgruft ſeines Stammes.

::8;, 53 75 3 So hielt denn, dreißig Jahre nach jenem verhängnißvollen

Hochzeitstage, der einſame Ferdinand als der letzte Heſſen Hom⸗ burger ſeinen Einzug in die Landgrafſchaft.

Der einſt Verſchmähte war Herr des Thrones, um deren willen er ſo Bitteres erlitten hatte. Er

Schloſſes und des aber