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Graf Adlerſparre hatte Alma für meinen Vater, der als geiſtig ſehr bedeutend galt, ausbilden und erziehen laſſen, während die heitere Ulrike Eleonore alles Wiſſen nur für Plunder erklärte, der früh⸗ zeitig alt mache. Sie war ſeit Kurzem heimlich, ohne Vorwiſſen ihres Vaters, mit einem armen däniſchen Officier verlobt, der aber Ausſicht auf die Erbſchaft eines reichen Onkels beſaß. Trotz die⸗ ſer Verlobung nahm Ulrike Eleonore mit Freuden die Huldigungen meines Vaters an, der ſich ihr anſtatt der ernſten Schweſter zu⸗ wandte. Es ſtachelte ihre Eitelkeit, einen ſolchen Triumph zu er⸗ ringen und einen Mann zu beſiegen, deſſen Name ein ſo geachte⸗ ter, deſſen Ruf tadellos und der mit Reichthum und Schönheit Liebenswürdigkeit und Herzensgüte einte. Sie feierte dieſen Triumph. Mein Vater liebte, vergötterte ſie, und an dem Tage, wo ſie ſein Weib wurde, bat ſie ihre Schweſter Alma, die ebenfalls nichts von ihrer heimlichen Verlobung wußte, den ihr urſprünglich beſtimm⸗ ten Bräutigam davon in Kenntniß zu ſetzen, daß ſie Baron For⸗ denſkiöld geheirathet habe. Alma that Alles für die Schyweſter. Sie beſchwichtigte den Zorn des Verrathenen und bewog ihn, Ab⸗ ſtand zu nehmen von dem unglücklichen Gedanken, den jungen Ehemann über die Thaten und den Charakter der angebeteten Ge⸗ mahlin aufzuklären.— Ein Jahr ging Alles gut; da ſtarb der reiche Onkel des Officiers, dieſer kam nach Schweden und trat ſeiner frühern Braut überall entgegen. Sie ſchwach, er leichtſinnig, ver⸗ riethen Beide meinen armen Vater. Wenige Monate nach meiner Geburt verließ meine verblendete Mutter Gatten und Kind, um ſich in die Arme deſſen zu werfen, den ſie einſt aufgegeben. Von dem Schmerz und Jammer, den ihre Untreue, ihr ſchmählicher Verrath über meinen unglücklichen Vater gebracht, brauche ich Dir wohl nichts zu ſagen, Du haſt ja die Spuren ſeiner Leiden in den gramdurchfurchten Zügen geſehen! Nach der erfolgten Scheidung ver⸗ ließ er ſein Heimathland und kam nach Sylt; ihm folgte Alma Adlerſparre, die ihn angefleht, mir Mutter, ihm Freundin ſein zu dürfen. Beider Leben kennſt Du auch, Du weißt, welch ein Engel meine Tante war und wie ſie treu ausgeharrt an der Seite des unglücklichen Einſiedlers.“.
„Sie hat Deinen Vater geliebt?“ rief Erich.
„Ja, ſeit dem Tage, wo ſie ihn zuerſt geſehen, bis zur letz⸗ ten Stunde ihres Lebens! Dieſe treue, tiefe Liebe hätte wohl andern Lohn verdient, als fort und fort zu ſehen, wie ſeine Liebe feſt an die gekettet blieb, die ihn verrathen und verlaſſen.“
„So liebte er Deine Mutter noch?“
„Ja, trotz des Haſſes, mit der er ſtets von ihr geſprochen. Und hätt' er ſie nicht geliebt, würde er dann nicht ein neues Leben an Tante Alma's Seite begonnen haben? Sein Bruder, auch Graf Adlerſparre beſchwor ihn, Alma's Treue mit Liebe zu loh⸗ nen, vergebens! In ſtarrem, unbeugſamem Willen hat er dabei beharrt, der die Treue zu halten, die ſie ihm gebrochen; mit eben ſolcher Starrheit verharrte er auch in ſeinem Groll über ihren Verrath, und kein Flehensbrief, kein Flehenswort hat ihm Ver⸗ gebung abgerungen.“
Erich Larsſon dachte an eine Scene aus ſeiner Kindheit und ſprach nachdenklich:
„Ich höre noch immer ſein hartes ‚Niet, als Deine Tante ihm einmal ſagte, er würde vergeben und vergeſſen.“
„Und es hat ſich erfüllt, denn noch auf dem Sterbebette hat er Tante Alma die Bitte abgeſchlagen, endlich der zu verzeihen, die ſo bitter bereut.“
„So hat ſie alſo bereut?“ fragte Erich leiſe.
„Ja, doch ſpät! Lange Jahre war ſie glücklich und lebte ohne Reue und Buße, und Du wirſt Dich noch der Worte mei⸗ meines Vaters gegen Nanna Hanſen erinnern, als er ſagte: ‚Am
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Schuldigen rächt ſich nicht immer das Unrecht!’ Damals lebte meine Mutter noch in Glanz und Freuden, erſt ſpäter ſollen Ar⸗ muth, Tod ihrer Kinder und anderes Mißgeſchick ſie einſichtsvoller und beſſer gemacht haben.“
„Lebt ſie noch?“
„Nein!“
„Wie verlaſſen und allein Du in der Welt ſtehſt!“
„Standeſt!“ ſagte Ingeborg ſanft;„denn im Kloſter hab' ich mir Viele zu Freunden gewonnen.“
Sie ſah ihn mild an und gab ihm das Schreiben ihres Vaters. Es enthielt nur folgende Worte:
„Führt Euch die Gnade eines Gottes noch einmal zuſam⸗ men, ſo laßt die Fügung des Geſchicks nicht vergebens an Euch herantreten! Laßt ab von Haß und Groll— eint Euch in Liebe — wahrt Euch die Treue und ſeid meines Segens gewiß.“
Tief erſchüttert las Erich die ernſte Mahnung. Er gab ſie Ingeborg zurück und ſprach mit feuchtem Auge:„O Ingeborg, Ingeborg, hätteſt Du nicht gewaltſam in das Walten des Schickſals eingegriffen, wir konnten auf Erden noch glücklich ſein!“
Sie las den Brief, ſie hörte die Worte des Geliebten, Gluth und Bläſſe wechſelten in ihrem Antlitz, und kaum hörbar waren ihre Worte, als ſie ſagte:
„Ich gelobte meinem Vater, nicht eher mein Noviziat im Kloſter zu beenden, bis ich Dich noch einmal geſprochen hätte, und Erich— ich habe Wort gehalten!“
„So biſt Du noch nicht Nonne?“
„Nein!“
Wie war dies eine„Nein“ ein tauſendfaches„Ja“ für die Beſtätigung des heißerſehnten Wunſches— der lang genährten Hoffnung!— Kurz, nur ſehr kurz war für jetzt das Glück der endlich Vereinigten, es war aber ſo groß, daß ſeine Momente ihnen die Jahre des Leids aufwogen. Wie ſchwer, wie bitter auch jetzt die unvermeidliche Trennung, nicht den tauſendſten Theil ſo ſchwey, ſo bitter, wie einſt, denn Beide ſchieden in Glück und in Hoffnung!
Dieſe Hoffnung, die mit Sonnenglanze Ingeborg's Zukunft durchwob und ſelbſt verklärend über dem Dunkel ihrer Vergangen⸗ heit zitterte— dieſes Licht, dieſes neue Leben, das mächtig ihr ganzes Sein durchſtrömte, umnachtete ſich noch einmal. Es war in jenen verhängnißvollen Tagen, wo der Donner der Kanonen nicht nur vernichtend über dem feſten Bollwerk der Düppler Schan⸗ zen dahinrollte, ſondern auch vernichtend in das Leben von Tau⸗ ſenden eingriff, um den ſchwarzen Boden, auf dem das goldene Banner der Freiheit ſich erheben ſollte, erſt mit dem rothen Blute Derer zu weihen, deren Loos es war, für dieſe Befreiung, für die heiligen Rechte eines Bruderſtammes zu ſterben.
Mit Tauſenden zitterte Ingeborg in dieſen Stunden der Ge⸗ fahr, in dieſen Stunden der Entſcheidung; ihre Gebete einten ſich mit tauſend und aber tauſend heißen Gebeten zagender, hoffender Herzen. Wie ſie aber auch zu Gott flehte und vertrauend auf⸗ blickte zu ſeiner unendlichen Gnade, in die Hoffnung miſchte ſich ſtets von Neuem die Furcht, daß all ihr Bitten vergebens ſein, daß ſie verlieren könnte, was ſie kaum erſt gefunden.—
Der Sieg war errungen. Angſterfüllt harrte Ingeborg der vom Geliebten verheißenen Kunde und ſtand täglich am Fenſter— die Straße hinausſchauend, auf der er kommen mußte, wenn das Glück mit ihr war. Und eines Nachmittags— ſchon in der Dämmerungs⸗ ſtunde— rollte ein Wagen dem Städtchen zu, ein weißes Tuch winkte heraus, ein Schrei des Jubels und der Freude entrang ſich Ingeborg's Bruſt— er kommt— er iſt mein, ſo ſtürzte ſie nach der Thür——
Wo iſt die Feder, die dieſen Augenblick ſchildern möchte!
M. von Humbracht.
Naturrechtliche Jagd.
(Mit Abbildun g 2
Sollen wir unſerm Bilde noch eine beſondere Erklärung beifügen?
„SHalt auf! Brrrr! Ach Gott, meine Milch!“— So hören wir den Jungen von ſeinem Karren herunter ſchreien. Aber— hurre hurre hopp hopp hopp— geht'’s fort in ſauſendem Galopp! Der gewaltige Zug der Natur erringt einen fröhlichen Sieg über das eingepeitſchte Gefühl der Pflicht.
Die Tücke iſt groß, mit der hier von der geprieſenen Waid⸗ mannsluſt das Milchgeſchäft heimgeſucht wird. Sie verließen ſo harmlos und ſo zufrieden mit dem Morgenfutter die heimiſche Hundehütte; ſie gingen in's Joch mit einer deutſchen Geduld, die einen Clavierlehrer entzückt hätte; ſie zogen ihre Tageslaſt unver⸗ droſſen jenſeits den Berg hinauf und wedelten auf der Hochebene mit den Schwänzen beglückwünſchend einander an, weil in ihnen⸗
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