§. 1 der Satzungen lautet:
„Die Schillerſtiftung hat den Zweck, dentſche Schriftſteller und Schriftſtellerinnen, welche für die Nationalliteratur(mit Ausſchluß der ſtren gen Fachwiſſenſchaften) verdienſtlich gewirkt haben, vorzugsweiſe ſolche, die ſich dichteriſcher Formen bedient haben, dadurch zu ehren, daß ſie ihnen oder ihren nächſtangehörigen Hinterlaſſenen in Fällen über ſie verhängter ſchwerer Lebensſorge Hülfe und Beiſtand darbietet.“
„Hülfe und Beiſtand“, und dieſer Paragraph muß erhalten bleiben; an dieſen Worten darf nicht geſchnitten oder gedeutelt werden, denn ſie allein enthalten den Sinn und die Bedeutung der ganzen Stiftung, für welche die geſammte Nation das Geld beiſteuerte.
Auch der deutſche Schriftſtellerverein in Leipzig hat ſich vor einigen Tagen direct dahin ausgeſprochen. Er ſagt:
„Die Schillerſtiftung iſt unter Mitwirkung der geſammten Nation und der klar ausgeſprochenen Bedingung in's Leben gerufen worden, würdigen deutſchen Schriftſtellern oder deren Hinterlaſſenen in Fällen über ſie verhängter ſchwerer Lebensſorge Hülfe und Beiſtand zu gewähren. Zu dieſem und keinem anderen Zweck iſt das Geld von Hunderttauſenden geſtiftet worden, und durch keinen Majoritätsbeſchluß kann nach irgend einem Recht der Welt dieſer Zweck, ſo lange er erfüllbar iſt und ſich nicht augenſcheinlich als gemeinſchädlich erweiſt, verändert, umge deutelt, beſchränkt oder erweitert werden. Das Stiftungseigenthum zu an deren Zwecken verwenden, würde ebenſoviel heißen, als durch das große Nationalunternehmen der Schillerlotterie unter der heiligen Aegide von un ſeres Schiller's Namen die Lüge in 660,000 Exemplaren in die Welt ge⸗ ſchleudert zu haben.“
Dauach proteſtirt der Schriftſtellerverein gegen die„von der General verſammlung beſchloſſene Einſchaltung des Wörtchens ‚iusbeſondere“, durch welches die Hülfsbedürftigkeit als unerläßliche Bedingung zur Gewährung der Ehrengaben bei Seite geſchoben werden ſoll.“
Der Zweck der ganzen Stiftung iſt auch in der That in dieſem erſten Paragraphen der Satzungen ſo entſchieden und unzweifelhaft ausgeſprochen, daß eine andere Deutung unmöglich iſt— auch gar nicht verſucht wurde. Das eingeſchobene kleine Wort ſoll ſie nun abändern, und das darf eben nicht ſein. Das deutſche Volk würde auch wohl ſchwerlich ſein Geld dazu hergegeben haben, wenn es ſich darum gehandelt hätte, daß ſich die Schrift ſteller unter einander Geſchenke machen ſollten.
Der erſte Paragraph der Satzungen muß deshalb wieder in ſeiner ur ſprünglichen Faſſung hergeſtellt werden, und nicht allein die Regierungen haben die Pflicht, wohlthätige Stiftungen zu überwachen, damit ihr Capital nicht zu anderen Zwecken verwendet werde, ſondern die deutſche Nation hat auch ein Recht, zu verlangen, daß die Gelder, die ſie geſteuert hat, auch dazu verwandt werden, wofür ſie gefordert wurden.
Einige Schriftſteller haben allerdings davon geſprochen, die Schiller ſtiftung dürfe nicht zu einer Armen⸗ oder Almoſenanſtalt„herab gewür digt“ werden.
Sie iſt zu Nichts weiter in's Leben gerufen worden, und ich ſelber bin der Meinung, daß es der ſchönſte und ehrenvollſte Zweck ſei, den ſie er⸗ füllen kann.
Ehrengaben ſind allerdings ſchon vertheilt worden, aber laſſen wir alles Geſchehene auch eben geſchehen ſein. Ein Irrthum iſt auf jeder Seite ver zeihlich, ſolange er nicht zum Geſetz erhoben wird.
So hoffen wir denn, daß eine recht baldige Verſöhnung möglich iſt. Der Verwaltungsrath wird gewiß nicht ſtarr auf der Majorität behar⸗ ren, die er gewonnen hat, denn es muß ihm ja ſelber daran liegen, den Frieden in der Stiftung hergeſtellt zu ſehen. Der einzige mögliche Aus⸗ gleich kann dann nur durch eine neue Generalverſammlung ſtattfinden, und recht von Herzen wünſchen gewiß Alle, die es gut mit der Stiftung meinen, daß dort nachher kein unfreundliches Wort mehr geſprochen werde, ſondern Die ſich in Frieden und Freundſchaft die Hand reichen mögen, die auser wählt ſind vor Vielen zum erſten Mal in Deutſchland— ſeit es ein Deutſch land giebt das wahre Wohl deutſcher Schriftſteller zu vertreten.
Friedrich Gerſtäcker.
Pariſer Salonplaudereien. 2. Eine unſerer erſten Modedamen, eine Ausländerin zwar, zur hohen Diplomatie gehörig, allein nichtsdeſtoweniger in Temperament und Weſen eine echte Pariſerin, von der man ſich erzählt, ſie ſinge wie Thereſa vom Café Alcazar, ſie tanze wie Rigolboche und rauche wie ein Schornſtein, ſie beſuche alle Maskenbälle der Oper, die Studenten bälle im Jardin Mabille und der Closerie des Lilas verſteht ſich, ſtets in Geſellſchaft ihres Gemahls und nur aus Neugierde kurz, dieſe neugierige Dame hatte oft genug von den komiſchen Scenen erzählen hören, die ſich zuweilen oben auf den Imperialen der Omnibuſſe zutrügen, und wollte um jeden Preis auch das Vergnügen koſten, auf der Omnibusimperiale zu fah ren, was ihr um ſo wünſchenswerther erſchien, als es den Frauen unter ſagt iſt. Der Gatte ſtellte ihr alle Unmöglichkeiten und Unzukömmlichkeiten ihres Verlangens vor, aber das machte die Sache nur ſchlimmer, und nach dem alten franzöſiſchen Sprüchwort:„ce que femme veut, Dieu le veut“, ſetzte ſie ihren Willen durch und kletterte eines ſchönen Tages in der Tracht eines Schülers oder Gymnaſiaſten, wie wir ſagen würden, und in Beglei tung ihres Gemahls, der über ſeine Schwäche lachte und raiſonnirte, die unbequemen Stufen zur Imperiale eines Omnibus hinauf. Ganz roth und freudig aufgeregt ſetzte ſie ſich triumphirend auf die harte Holzbank und zün⸗ dete ſich, ihrem Coſtüm zu Liebe, welches ſie ſehr ungenirt trug, eine Ci⸗ garette an. Hierauf rückte ein junger Arbeiter, wecher auf der anderen Seite des Pſeudoſchülers ſaß, näher heran, zog eine Cigarre heraus und bat um die Erlaubuiß, dieſelbe an der parfümirten Cigaratte anzünden zu dürfen. Die Dame war ganz glücklich; man hielt ſie ganz beſtimmt wirk⸗ lich für einen jungen Mann! Sie begaun hierauf eine Unterhaltung mit dem Lehrling, der mit vollſtändiger Unbefangenheit darauf einging und ihr über die Gewohnheiten und Sitten in den Ateliers tauſend Dinge erzählte, wgvon ſie bis dahin keine Ahnung gehabt. Wohl erſchien zuweilen ein
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malitiöſes Lächeln um den Mund des Gamins, beſonders wenn die Dame im Austauſch der Mittheilungen ihm von der Langweiligkeit des Collegs, von den den Pedellen geſpielten Streichen und den gewonnenen Ballſpiel⸗ partien ſprach, allein ſie bemerkte dieſes Lächeln um ſo weniger, als ſie, hin⸗ geriſſen von der Poeſie ihrer Erzählungen, ſich ganz in einen Schüler ver⸗ wandelte und zuletzt faſt ſelbſt an ihre Lügen glaubte.
Als der Omnibus am Ziel ſeiner Fahrt angelangt war und man her⸗ abſteigen mußte, ſprang der Lehrling zuerſt hinunter, reichte dann ſeiner Nachbarin galant die Hand und ſagte mit jenem zugleich höflichen und ſpöttiſchen Ausdruck, der den Pariſer Gamin charakteriſirt:„Geben Sie Acht, daß Sie nicht fallen, Madame!“ Damitt verſchwand er lachend um die nächſte Ecke. Die Dame wir dürfen jetzt unſeren Leſern verrathen, daß es die Fürſtin Metternich war ſtand ſehr betroffen da und mußte ſich auch noch von ihrem Manne auslachen laſſen.
Des Kaufmanns Redlichkeit und Klugheit. Zwei glänzende Beiſpiele, das eine von der unerſchütterlichen Verpflichtung, vor Allem die Wahrhaftigkeit, den Glauben, das Vertrauen im Verkehr heilig zu hal⸗ ten, das andere von einer höchſt ſchlauen Weiſe, ein Geſchäft in Blüthe zu bringen, erzählt Heinrich Lomer in ſeinem Buche„der Rauchwaaren Handel“, und zwar in dem vortrefflichen Abſchnitt über den„Kaufmann und Rauchwaarenhändler“ wie er ſein ſoll.
Er ſagt dort u. A. von der Rechtlichkeit: Der Kaufmann muß darin ſtrenger ſein als die meiſten anderen Stände, als jedes Geſetzbuch. Wenn ein Banquier bei Vorzeigung eines fremden Wechſels gefragt wird, ob ſolcher Wechſel gut ſei, ſo wird er durch ſeine Antwort„Ja“ ſich rechtlich für verpflichtet halten, den Wechſel zu bezahlen, ſelbſt wenn er die ganze Summe verliert; er müßte denn dem„Ja“ die Bemerkung:„ohne meine Verbindlichkeit“ hinzugeſetzt haben. Wir erinnern unter vielen anderen an den Fall, als an der Börſe in Lübeck ein Kaufmann gefragt wurde, ob ein gewiſſes Hamburger Haus für zehntauſend Mark gut ſei. Als er die Frage bejaht hatte und zwei Tage ſpäter erfuhr, daß jenes Hamburger Haus fallirt habe, bezahlte er auf ſein„Ja“ hin ohne Weiteres die zehn tauſend Mark. Er war damals nicht reich, aber er hat bis heute ſeine Ehre bewahrt.
Der rechtliche Kaufmann, ſagt H. Lomer weiter, ſoll ſein Licht leuchten laſſen. Kenntniſſe und Geſchicklichkeit allein nützen nicht; der Handel will auch betrieben und empfohlen ſein. Ein Schuhwichsfabrikant in London, der überzeugt war, die beſte Schuhwichſe anfertigen zu können legte faſt ſein ganzes Capital zur Verfertigung dieſes Artikels an. D kündigte er ſeine Waare in Zeitungen und Briefen an; aber ⸗Nit kümmerte ſich um ſeine Wichſe, er hatte keine Käufer. Als er ſah, daß er bald kein Geld zum Lebensunterhalte mehr haben würde, fiel ihm noch ein Mittel zur Bewirkung des Verkaufs ein. Er zog ſeine beſten Kleider an, ging zu allen großen Londoner Handlungshäuſern und fragte nach einer großen Partie Schuhwichſe; er verlangte aber Waare von Day und Martin (ſo hieß ſeine Firma), von welcher man ihm noch keine liefern konnſe. Nun erſt ward Nachfrage für ſeine Wichſe laut; man ſuchte ſie, kaufte en wues ſie an, die Waare entſprach der Empfehlung, er lonnte bald kaum genug Wichſe liefern. Der Mann iſt durch dieſen einfachen Artikel reich gewor den; ein großes Haus in Holborn, das ihm gehört, trägt die Firma„Day und Martin“. Öft ſieht man drei bis vier eiſerne Laſtwagen hintereinan der durch Londons Straßen ziehen, jeden mit vier glänzend ſchwarzen ſtar ken Pferden beſpannt, neben jedem Wagen einen Fuhrmann und einen Kuecht mit weißen Schürzen; dieſe Laſtwagen und Leute gehören Day und Martin; ſie holen von den Speichern die Jugredienzen der Schuhwichſe, oder ſie bringen große Fäſſer voll Wichſe zu den Schiffen, die nach über
ſeeiſchen Häfen gehen. Auch eigene Schiffe beſitzt der Mann, die von In⸗ dien Specereien bringen und dorthin Schuhwichſe führen.„ 4
Wislicenus' Bibel. Wie die Solidität der deutſchen Forſce⸗ Wiſſenſchaft ſchließlich doch immer den Sieg davon trägt über ſo glänzende Form, in welcher fremdländiſche Ungründlichkeit zu und zu beſtechen weiß, das zeigt von Neuem Wislicenus' Bibe das jetzt ſeit einiger Zeit vollendet vorliegt. Die elegante einſchmeichelnde Sprache, welche Renan's Leben Jeſu eine Zeitlaug auch in Deutſchland zum Modebuch gemacht hat, beginnt nachgerade ihre Zaubermacht zu ver⸗ lieren, während das bei aller Gründlichkeit ſo klar und verſtändlich geſchriebene Buch Wislicenus', des tapfern Forſchers auf dem Gebiete der Theologie, fortfährt ſich der ungetheilten Auerkennung ſeiten der Kritik zu erfreuen und mehr und mehr das ihm gebührende Bürgerrecht in den deut⸗ ſchen Häuſern und Familien erobert. Auch werden bereits mehrere Ueber⸗ ſetzungen des Werkes vorbereitet. 4
Neue Ausgabe von Karl Herloßſohn's Schriften. Unlängſt erſt hat die Gartenlaube das Andenken eines unſerer liebenswürdigſten deutſchen Dichter, Karl Herloßſohn's, aufgefriſcht. Wie deſſen„Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n“ den Rundlauf durch die ganze deutſche Welt gemacht hat, ſo ſind auch ſeine vielen lebensvollen modernen undd⸗ geſchicht⸗— lichen Novellen und Romane einſt beſondere Lieblinge des Publicums ge⸗ weſen. Es darf daher ſicher als ein glücklicher Gedanke bezeichnet werden, wenn jetzt die Verlagshandlung von J. L. Kober in Prag eine Auswahl der beſten Schriften Herloßſohn's in anſprechendem äußern Gewande ver⸗ anſtaltet, worüber die unſerer heutigen Nummer beiliegende Anzeige das Nähere beſagt.
Zur Kreuz⸗ und Quer⸗Charade. Es wird uns unmöglichdeu
vielen Auflöſern der in Nr. 7 enthaltenen Kreuz⸗ und Quer-Charade 1
zu antworten; wir wollen daher hier nur bemerken, daß die ne 65 gerathen haben, wenn ſie„Gartenlaube“ als das zu ſindeif— Di
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