Jahrgang 
9 (1865)
Seite
132
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132 O dieſes Wort! murmelte die Zurückbleibende. rief troſtlos:So iſt's denn gekommen, wie ich es ſtets ge⸗ Sie faltete die Hände, blieb ſo, den Blick auf den Kranken fürchtet!

gerichtet, ſtehen und ſchreckte nur zuſammen, wenn durch die wil⸗ Dann noch einmal auf ſie blickend, die in dem dunkeln Non⸗ den Fieberphantaſien der Ruf:Ingeborg! Ingeborg! als tiefſter nenſchleier ſo ernſt, ſo düſter vor ihm ſtand, ſetzte er leiſe hinzu: Klagelaut ertönte... Nein, ſchlimmer noch, als ich gefürchtet, weit ſchlimmer, als DiesIngeborg, einſt vergebens erwartet, wurde es jetzt ich gedacht! vergebens gehört?

Faſt ſchien es ſo, als Erich Larsſon endlich den Namen mit Bewußtſein ausſprach und angſterfüllt auf die Geſtalt an ſeinem

In den nüächſtfolgenden Wochen hatte die Kunſt der Aerzte

Crich Larsſon wieder hergeſtellt und ſeine geſunde Natur ihre Be⸗

Lager ſchaute, die bewegungslos gleich einer Statue am Bette mühungen wirkſam unterſtützt. War er auch noch bleich und noch ſaß und ihm kein Zeichen von Leben, von Liebe gab. ſchwach, im Vergleich zur frühern vollen, ungebrochnen Körper V Ingeborg, ich danke Dir, daß Du gekommen biſt! rief er kraft, ſo ſehnte er ſich doch fort und hinaus auf den Tummel warm und herzlich. platz des Kampfes, wo er leichter und beſſer die raſtloſen Kämpfe Wie tonlos und wie troſtlos klangen Stimme und Wort, ſeiner Seele zu beſiegen hoffte. Ingeborg hatte er nicht wieder als ſie darauf entgegnete:Der Arzt ſagte mir, es ſei Pflicht geſehen. Der Arzt hatte ihm geſagt, ſie ſei krank, was er iu⸗ zu kommen. deſſen keinen Augenblick geglaubt. Gern hätte er ſie noch einmal Trotz dieſer äußeren Ruhe ſchlug ihr Herz laut und ſtür⸗ V geſprochen und ihr ein letztes Lebewohl geſagt, wagte aber nicht miſch, zitterte jede Fiber ihres Weſens, und um zu verbergen, darum zu bitten. H was in ihr vorging, beeilte ſie ſich ihm den verordneten Trank Alles war zu ſeiner Abreiſe gerüſtet, denn er ſtand im Be⸗ 1* zu bereiten. Als ſie ihm den Becher reichte, wies er ihn zurück V griff, zu ſeinem Regimente zurückzukehren, das in den Laufgräben und ſprach ernſt: vor Düppel arbeitete. Jetzt hatte er auch die letzten Vorbereitungen Wie ich auch nach dieſem Trunke ſchmachte, Ingeborg, noch V vollendet und ſtand, des Wagens harrend, am Fenſter, als Inge⸗ mehr lechze ich nach dein einen Wort, um das ich Dich ſchon ſeit borg zu ihm eintrat. Auf den erſten Blick ſah er, wie krank ſie Jahren gebeten haben würde, wenn ich gewußt hätte, wo Dich V geweſen ſein mußte, um ſich ſo verändern zu können. Die feinen G finden! Sprich jetzt dieſes Wort aus, Ingeborg! ſei der Engel Augenbrauen ſchienen jetzt wie auf Marmor gemalt, die Schatten der Milde, der Du einſt warſt, ſage, daß Du mir vergeben haſt, unter den Augen waren tiefer und dunkler geworden, jedoch aus was ich in blinder Rache Dir und, ach, noch mehr mir ſelbſt an⸗ ihren lieblichen Zügen war jener erſchütternde Ausdruck von Schmerz gethan! Gieb mir Ruhe, Frieden, Glück, gieb mir Leben durch und Seelenpein gewichen. Deine Verzeihung!Du haſt's nicht geglaubt, daß ich krank bin, ſprach ſiel Ich vergab Dir lange, Erich! vergab Dir Alles, als ich freundlich,doch ſieh, man kann auch ohne Kugeln und Sa aus dem Leben ſchied und dies Gewand anlegte. hieb auf's Krankenlager geworfen werden. Wär' es nicht der Er ſah ſie ſtarr, entſetzt an, ſah erſt jetzt, daß ſie eine ihm geweſen, ſo war ich längſt wieder bei Dir, nicht allein, bekannte geiſtliche Ordenstracht trug, und fragte tonlos:Wann Zu ſagen, wie froh ich bin, Dich wiedergeſehen zu haben, ſo⸗ geſchah das? auch, um einen Auftrag meines Vaters an Dich zu beſtellen une Nach meines Vaters Tode. Dir einen Brief von ihm zu geben. Haſt Du Zeit mich anzu⸗ Ingeborg, wenige Monate nach ſeinem Tode war ich an hören, ſo nimm Platz. der Pforte Eueres Gartens! ich fand ſie verſchloſſen, Läden und Er ſetzte ſich ihr gegenüber. Seine Hand ihr reichend, ſprach Thüren des Hauſes verriegelt und erloſchen auch jenes kleine er bewegt:Könnte ich doch Etwas für Dich thun, Ingeborg! Licht, den Stern meiner Kinderjahre! Ein zarter Anflug von Farbe überhauchte ihr klares, faſt Es verlöſchte in dem Augenblick, Exich, als ich das ſtille durchſichtiges Antlitz und ſie ſprach lebhafter:O, Du thateſt Aſyl der Geſtrandeten verließ, um in einem andern Bekenntniß viel, Erich, ich fühlte es neulich nur nicht ſo tief. Du haſt ja im Hafen des Kloſters die Ruhe zu ſuchen. gethan, was Du einſt verweigerteſt: vergeben und vergeſſen, und Beide ſchwiegen lange Zeit. Sie ſaß ſtill an ſeinem Lager, ich bin darüber ſo glücklich. er blickte unverwandt auf ſie.Jügeborg, Erbarmen! Mahne mich nicht an den Wahnſinn Wie klagte dieſe ſtumme Geſtalt ihn ſo laut an! Welche tiefe jenes Abends!*. V Reue empfand er beim Anblick dieſes farbloſen Geſichts mit denIch thu es jetzt ohne Groll! entgegnete ſie mit flüchtigem verweinten Augen, mit jenem bittern Schmerzeszuge um die fei⸗ Lächeln. nen Lippen, die einſt ſo fröhlich gelacht, einſt ſo flehend gebeten:So grollſt Du nicht mehr? Nein, Erich, nun endlich habe ich Frieden.

Laß mich wiederkehren!

Nicht, wie Nanna Hanſen, rief der laute Donner in⸗ mitten des Tobens der Elemente ihm zu:Dies iſt Dein Werk! nein, in ſtiller einſamer Nacht legte ſich das drückende

Er ſprang auf und durcheilte das Zimmer. Dann blieb er I vor ihr ſtehen und rief heftig:Was iſt Frieden? ein langſamer Tod! Ich aber möchte Dir ſo gern den vollen Pulsſchlag des

Bewußtſein:Dies iſt Dein Werk! immer furchtbarer um ſeine Lebens Glück geben und vermag's nicht! Seele und immer entſetzlicher wurde ihm der Gedanke, nicht ändern Sie verbarg ihr mehr und mehr erglühendes Antlitz in den b zu können, was einmal ohne Gnade und Erbarmen geſchehen. Händen. Raſch aufblickend, ſagte ſie danach mit feuchten Augen: Ingeborg! rief er plötzlich lebhaft,wie ich mich auchSei jetzt zufrieden, Erich, denn Du haſt mir jetzt Glück gegeben! darnach geſehnt, von Deinen Lippen das Wort der Vergebung zuO Ingeborg! rief er erſchüttert und wollte zu ihren ſ hören, faſt glaub' ich, ich trüge es leichter, wenn Du mir grollteſt. Füßen hinſinken, da fiel ſein Blick, der an dem Antlitz des ge⸗ Sie ſchrak zuſammen; ſie heftete einen andern, ſeltſamen liebten Mädchens gehangen, auf das Gewand der Nonne und er Blick auf ihn, in dem Nichts von Erbarmen lag, und griff, immer wich zurück. I heftiger erbebend, nach dem am Gürtel befeſtigten Noſenkranze.O Leben! o Schickſal! rief er düſter. I In tiefes Sinnen verloren, ließ ſie eine Perle nach der andernErich, es war licht und wir, wir haben es dunkel gemacht; durch die ſchlanken Finger gleiten, da kam ſie an's Kreuz! Wieder doch traure darüber nicht alſo, ſchaue wieder froher in das Leben auf Erich blickend, hob ſie das Sinnbild des Chriſtenthums empor und, Erich, erfülle meine Bitte: ſchone jetzt Dein Leben mehr! und ſprach feierlich:Erich, ich will Dir beichten, was ich ſoWozu? undgfür wen? fragte er bitter. Woft meinem Gotte gebeichtet habe: wohl legte ich einſt das Ge⸗ Sie ſchwieg einige Secunden und ſagte dann ruhig:Wilſſt V wand ſtillen Friedens an, aber Frieden fand ich bis jetzt nicht! Du mich jetzt anhören, Erich? 1 Tagtäglich betete ich vor dem Crucifix, an dem die Geſtalt Deſſen Er nahm ſeinen Platz wieder ein, und ſie fuhr fort: 1 ſich uns zeigt, der ſterbend am Kreuz noch voll Erbarmen ge⸗Mein Vater trug mir auf, Dir ſein Schickſal zu erzählen, 8 Aufen: Vater, vergieb ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun!e ehe Du den Brief hier lieſeſt. Als junger Mann kam er in 3

und trotzdem lernte ich kein Erbarmen! Ich verzieh Dir nur der das Haus des Grafen Adlerſparre, um die ihm von ſeinem Vaten Form nach, Nichts drang in's tiefinnerſte Weſen; ich grolle Dir zugedachte Braut, meine Tante Alma, kennen zu lernen. Dieſe fort und fort, klage Dich an, Tag und Nacht! V hatte eine jüngere Schweſter, Ulrike Eleonore, die ſo reizend, wie

Erich Larsſon beheckte das Geſicht mit beiden Händen und Alma ſchön, ſo liebenswürdig war, wie Jene klug und gebildet

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