befangenem Lächeln ſprach:„Sie vergeſſen eine Hauptbeſchuldigung, gnädiges Fräulein, die der Unhöflichkeit! Bot ich Ihnen doch noch nicht einmal einen Stuhl, holte ich nicht einmal Licht, obſchon ich dadurch der Freude beraubt werde, Sie, die Jugendgeſpielin, wieder⸗ zuſehen. Unſere Begegnung auf dem Meere war zu tragiſcher Art, als daß ſie Anſpruch auf den Namen ‚Wiederſehen’ machen könnte, und als Zeit war, Sie zu begrüßen, wir feſten Boden un⸗ ter unſern Füßen hatten, mußte ich eilen, hierher zu kommen.“
Er ſtockte, überwältigt von einer Erinnerung, und ſie rief bewegt:
„Du retteteſt mich, während Deine Mutter ſtarb, und ich habe Dir noch nicht einmal danken können.“
„Gnädigſtes Fräulein,“ ſagte er rauh,„ich bemerkte Ihnen ſchon einmal, Ihr Herr Vater veranlaßte mich zu der That, er dankte mir auch, und ich gehöre nicht zu den Menſchen, die über⸗ mäßige Anſprüche machen, bin demnach vollkommen befriedigt!— Erlauben Sie mir, jetzt Licht zu holen.“
Erich Larsſon verließ das Zimmer. Ein genauer Beobach⸗ ter der Zeit würde vielleicht gefunden haben, daß er ungewöhnlich lange ausblieb, ehe er mit der Lampe zurückkehrte.
Als er eintrat, ſah er Ingeborg auf den Knieen am Boden liegen, das zarte Antlitz weißer denn der Schnee, die Augen auf den letzten bleichen Schimmer des Abendroths gerichtet, das durch das dunkle Grün der Taxusbäume zitterte; in ihren lieblichen Zü⸗ gen, die einſt ſo freudig geleuchtet, lag ein Schmerz, ein an tiefſte Seelenqual grenzendes Weh, daß die Eisrinde geſch molzen ſein würde, die ſich in den drei Jahren bittern Grames um ſein Herz gelegt, wenn Erich ſie ein wenig länger betrachtet hätte. Er that das aber nicht, er wandte ſich an das entgegengeſetzte Fenſter, das die Ausſicht nach der ſchäumenden See bot, ſtarrte düſter auf die dichten Nebelmaſſen, die aus dem Meere aufſtiegen, und lehnte ſich mit verſchränkten Armen an die Wand, während in ſeinen wie aus Granit gemeißelten Zügen ſich einzig Ruhe, entſetzliche Ruhe und kalte, ſtrenge Entſchiedenheit ausprägten. Er regte ſich auch nicht, als Ingeborg ſich erhob; bewegte ſich nicht, als ſie leiſe, wie ein Geiſt, durch's Zimmer glitt; ſah ſie feſt, unverwandt an, ohne daß eine Muskel ſeines Geſichts zuckte, als ſie die gefalteten Hände auf ſeine Arme legte, mit trüben, verweinten Augen flehend zu ihm emporblickte und flehend ſagte:
„Um der alten Zeiten willen, ſei anders, ſei wieder gut, Erich!“
Wie dehnte ſich jede Secunde, die ſie, ſeiner Antwort bang entgegenharrend, daſtand, zu Ewigkeiten!
Hätte ſie aber auch ſo bis an's Ende der Welt vor ihm ge⸗ ſtanden— er würde ihr keine Antwort auf dieſe Bitte gegeben haben, denn gerade die alten Zeiten machten ihn zu Dem, der er heute war. Die lange, furchtbare, qualvolle Pauſe unterbrach endlich ſeine ernſte Mahnung:
„Gehen Sie nach Hauſe, Baroneß Fordenſkiöld!“
Sie ſchüttelte verneinend den Kopf, es war, wie wenn ſie nicht ſprechen könnte, dann rief ſie plötzlich:
„Ich kann ſo nicht fort! Ich muß Dir erſt Alles ſagen!“
Er näherte ſich dem Tiſche, aber nichts als Ungeduld lag in ſeinem Blicke, als er kurz und gleichgültig ſagte, wie Jemand, d ſich in ſein Schickſal zu ergeben hat:
„So nehmen Sie mindeſtens Platz, Baroneß Fordenſkiöld.“
Ob ſie ihn nicht hörte? faſt ſchien's ſo. Den Kopf geſenkt, die ſchlaff herabhängenden Hände ineinander faltend, ſchritt ſie im Zimmer auf und nieder und bemerkte nicht, wie er ihr aus dem Wege trat, den vorgeſchobenen Stuhl bei Seite ſtellte und ſich ſelbſt aus dem Bereich ihres Ganges brachte, indem er in der entfernteſten Ecke des Gemachs, ſich an den Kachelofen lehnend, ſeine alte Stel⸗ lung wieder einnahm, die Arme über der Bruſt verſchränkt. Sein Blick mied ſie, der ihre ſuchte ihn, und zu ihm tretend, ſagte ſie, wie in Gedanken verloren:
„Das Leben iſt ſo lang, wenn man unglücklich iſt! Die Tage dehnen ſich zu Jahren und die Nächte— o, die ſind ent⸗ ſetzlich!“
„Seit wann machten Sie dieſe trüben Erfahrungen, gnädig⸗ ſtes Fräulein?“
Sie ſah ihn ernſt an und antwortete ruhig:„Seit jenem Abend, Erich, wo Du mich im Groll an der Mooshütte verließeſt und auf meinen Flehensruf nicht zurückkehrteſt!“
Alle Ruhe wich ihm aus Blick und Zügen, haſtig wandter
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er ſich ab und durchmaß raſtlos das Zimmer. Sie lehnte ſich bleich und erſchöpft an die Wand. Aber wiederum hatte er die flüchtige Aufregung ſchnell beherrſcht, ſeine Stimme war nur we⸗
niger hart, als er ernſt ſprach:
„Was Sie auch thun und ſagen— es iſt vergebens! Hier, hier, Ingeborg, wo einſt ein Herz für Sie ſchlug, iſt's todt! Dar⸗ um genug und— leben Sie wohl.“
„Dein Herz todt!“ rief ſie mit aufleuchtendem Blick,„o nein, Erich! Meinſt Du, ich hätte Deine Augen vergeſſen, als Du mir neulich die Hand entgegenſtreckteſt, um Dein rettend Boot zu be⸗ treten; als uns im ſelben Moment die Wogen wieder auseinander’ riſſen, wo kaum unſere Schiffe ſich genähert und der Sturm von Neuem mit unſerem Leben ſpielte? Meinſt Du, Erich, ich hätte jenen Blick vergeſſen, als, endlich vereint, Du mich umfaßteſt und ſchützend hielteſt im Toben der Wogen? O nein, Erich, vergeſſen hab' ich das nicht und nie wird es aus meiner Erinnerung ſchwin⸗ den! Du nimmſt mir auch nicht den Strahl dieſes Lichts, den r nach drei endlos langen Jahren voll Nacht und Finſterniß ein Gott mir ſandte in ſeinem Erbarmen, den Strahl dieſes Lichts, der mir auch als Stern leuchtet im bangen Dunkel dieſer Stunde.“
Auch bei dieſen Worten des Mädchens blitzte es in ihm auff es war ein anderer Blick, als vorhin, aber raſch verglomm der Schein. „Sie täuſchen ſich, Baroneß Fordenſkiöld,“ entgegnete er kühl,
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„wenn Sie in meinem Blick Etwas laſen, wovon das Herz nichts weiß. Bewundert, ja, bewundert hab' ich Sie, von der Minute ab, wo wir, Ihrem Boote nah, Sie ſo muthig mit Wog' und Welle am Steuer ringen ſahen, während der Mann neben Ihnen, dem Ihre Stelle gebührt hätte, in Todesangſt und Verzweiflung
den Maſt umklammert hielt, den der Sturm ſchon gebrochen hatte. Doch, ich will deſſen nicht ſpotten, den Sie lieben, da ja möglich, daß die Rückſicht auf die beglückende Erkenntniß, wie theuer Ihnen ſein Leben iſt, ihn zu all den angewendeten Vorſichtsmaßregeln&†. ſ' trieben hat und—“
„Still, Erich!“ rief Ingeborg leiſe und wie von heftigem 4
Froſt geſchüttelt,„was an ihm iſt, das habe ich nicht erſt neulich im Kampfe mit den Elementen geſehen, das weiß ich ſchon lange; d jetzt aber, Erich, wollen wir ihn einzig Dem überlaſſen, vor deſſen Nichterſtuhl er nun ſteht und der die Fehler der ſchwach gebornen 1ℳ” h Menſchheit milder beurtheilt, als wir.“ fi „Wie hab' ich das zu verſtehen? Was geſchah?“ D „Oscar Fordenſkiöld iſt geſtern Abend, am achten Tage nach le unſerer unſel'gen Meeresfahrt, am Nervenſieber geſtorben.“ G m „Jene wahnſinnige Angſt trieb ihn in den Tod!“ rief Crich raſch;„doch, um Gott— wo iſt Nanna?“ „Sie war bei ihm bis zum Tode! Sie hoffte von Stunde Di zu Stunde auf einen Moment erwachenden Bewußtſeins, um ſeine Verzeihung anzuſlehen, vergebens! er ſtarb beſinnungslos, wie er vic die ganze Zeit geweſen.“ in „Wo iſt ſie jetzt?“ 3— „Noch immer bei uns.“ 7 I— Was macht ſte2s ſch „Sie ſitzt ſtill d da und ſagt nur: ‚In acht Tagen!*“ er „So iſt ſie irrſinnig?“ ſch „Der Doctor fürchtet es.“ „Entſetzlich!“ rief er ſchaudernd. hii „Erich, trage ich Schuld darau?“ rief ſie bebend an „Welcher Gedanke, welch' unſeliger Gedanke!“ „So meinſt Du nein, und Gott ſei Dank dafür! ſch „Tauſendmal nein, Ingeborg!“ rief Erich lebhaft ipoll warmen Eifers.„Du warſt ja ſchuldlos, denn Niemaon ihr uns hatte eine Ahnung von dem Verhältniſſe der Beiden. „Doch als— ich's wußte, Erich?“ fragte ſie bange. „Da hatte ſie ihn bereits aufgegeben, Ingeborg! Dß ich genau.“ 8- „Sie ſchlug mindeſtens meinem Vater gegenüber ſeine ½ 3 aus.“ ge „Ich weiß, ich weiß; doch darum eben iſt's mir ſo unfaß G daß ſie nach alledem, was geſchehen, ihn noch lieben konnte 6 we ſo in Verzweiflung gerathen, als ſie ihn in Gefahr auf d 8 te Meere wußte.“ „Ja, ſiehſt Du, Erich! Die ſtarren Frieſtunen ſind ap,
nicht anders, als jedes andere Weib. Wo Eine einmal erſt that und innig liebt, iſt's mit dem Haſſe nicht weit her.“*


