Jahrgang 
5 (1865)
Seite
76
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lentes zu verwenden. Diday, der berühmte Genfer Landſchafts⸗ maler, der mit Calame die Palme theilt, nahm den ZJüngling in ſein Atelier, und hier machte der Schüler ſo überraſchende Fort ſchritte, daß ſein Gönner auch den letzten Zweifel an der glänzenden Zukunft des jungen Künſtlers aufgab und ihn ſelbſt bewog, der kaufmänniſchen Laufbahn völlig zu entſagen. Schon nach zwei Jahren verließ Calame Diday's Werkſtatt als ebenbürtiger Rivale ſeines Meiſters. Damals ſchon fanden ſeine Bilder ſchnell ihre Liebhaber und gute Preiſe.

Im Jahre 1837 ſtellte er ſieben Oelgemälde im Genfer Mu⸗ ſeum aus, welche trotz des Wortſpiels eines eiferſüchtigen Künſtlers, der dieſelbenCalamitäten nannte, großes Aufſehen erregten. Schon vor dieſem Erfolge hatte ſich Calame mit einem liebenswürdigen Mädchen verheirathet, und nun war ſein Leben getheilt zwiſchen dem Heerde friedlicher Häuslichkeit und der dop⸗ pelten Werkſtätte ſeines genialen Schaffens: der Alpgnwelt, wo er ſeine großartigen Eindrücke ſam⸗ melte, und dem Atelier, wo er die Bilder ſchuf, die nun die Muſeen und Galerien zweier Welten ſchmücken. Obgleich ſeine erſten Verſuche ebenſoviele glänzende Siege waren, machte er unabläſſige Stu⸗ dien für ſich und ſeine Schüler, die aus ganz Europa und ſelbſt über den Ocean herüber nach Genf ſtrömten. Mit ihnen und einigen Herzensfreun⸗ den durchwanderte er jeden Sommer die Schweiz und kannte dieſe hald ſo genau, daß er jedes Plätzchen wußte, wo er dieſe oder inne Studie für einen Baumſtamm, eine Gleu⸗ ſcherform oder den Wuchs einer ſeltenen Pflanze zu ſuchen hatte.

Vor Diday hatten die Künſtler höchſtens am Fuße des Gebirgs die Motive zu ihren Bildern geſucht, erſt jener ſtieg in die mittlere Zone, in die Gebirgsthäler, auf die Alpenpäſſe, und dort machte auch Calame als Diday's Schüler in den erſten Jahren ſeiner Meiſterſchaft Halt. Das 3 Hauptbild Calame's aus der mittleren Zone der Alpenwelt, welches zuerſt ſeinen europäiſchen Ruf gründete, iſtder Sturm auf der Handeck.

Wer kennt nicht die Handeck, mit dem prachtvollen Waſſer⸗ ſturze der Aare auf dem vielbetretenen Pfade zur Grimſel? Ein Felſen einige Tannen ein Bergſtrom das iſt Alles, und doch⸗ macht das Bild einen unbeſchreiblichen Eindruck. Es graut einem vor dieſem Kampf der Elemente, der ſchon ausgetobt hat, deſſen zerſtörende Wuth ſich aber an den Opfern offenbart. Tannen ſind ſo wundervoll plaſtiſch gemalt, daß man glaubt, man brauche nur hineinzutreten in ihr Dickicht, allein man bebt davor zurück, man hört die vom Sturm gepeitſchten Bäume ſeufzen und ſtöhnen und leidet mit den zerbrochenen Aeſten, die wie jammernd am Boden liegen. Und der Felſen! Calamie's Felſen ſind keine glatten oder eckigen Gebilde, die mit dem Roth der Alpenroſen überiüncht werden. Nein, ſeine Felſen erzählen. Gſchichte von

. Die

Alexander Calame.

Jahrtauſenden; ſie tragen die

Spuren des Wildwaſſers, das ſie übertoſt, der Quelle, die ſie

tropfenweiſe ausgehöhlt; die Spur der Lawine, des Blitzſtrahls, des niſtenden Mooſes, der üppig wuchernden Baumflechte; man glaubt den Sturm zu hören, der ſich heulend an ihnen bricht. Und doch verläßt die Seele befriedigt dieſes Schauſpiel, weil die Kunſt, die das Einzelne zur allgemei⸗

nen Weihe ruft, über die Schrecken und die Unordnung der Ele⸗ Beſchauers die Ahnung

mente triumphirt hat und im Herzen des des ſiegreichen Menſchengenius weckt.

Wie aber hat Calame dieſe Naturwahrheit ſo unnachahmlich getroffen? Etwa, zufällig durch flüchtiges Beſchauen mittels des Fernrohrs aus den Fenſtern des ſchützenden Hotels? Nein, in ſein dünnes Plaid gehüllt eilte er hinaus in den markdurchdringenden Ne⸗ bel, in die eiſigen Regen und Hagelſchauer, in den wüthenden Schneeſturm, um dem Herzſchlag der Natur zu lauſchen, der Natur in's Angeſicht zu ſchauen. Einer ſeiner näch⸗ ſten Freunde erzählte mir vor drei Jahren, als Calame ſchon von Krank⸗ heit gebeugt nur noch müh⸗ ſam Athem holte, als er bereits eine Million beſaß und ſeit Jahren auf dem Gipfel des Ruhmes ſtand, ſei er einen ganzen Tag am Fuße eines nackten Felſens in der verzehren⸗ den Gluth der Auguſt⸗ ſonne vor einem Bg ſtehen geblieben, um die Farbe der Steine im Son⸗ nenglanze zu ſtudiren. Wie ſeine Ausdauer, ſo war auch ſein Muth und ſeine Wahrheitsliebe in der Kunſt. Calame hatte für eine Pariſer Ausſtellung einige Eichen im Sturm gemalt. Das Original befindet ſich jetzt im ſtädti ſchen Muſeum in Leipzig. Zwei Bekannte beſuchten den Künſtler, um das voll⸗ endete Werk zu bewundern. Sie fanden den Freund in fieberhafter Aufregung. Seit drei Nächten hatte er kein Auge geſchloſſeſt. Es fehlt etwas an dem Bilde, ich weiß aber nicht was; helft mir, ſaget mir . wo es fehlt! ruft Calame den Eintretenden zu und eilt nach dem Atelier zu ſeinen Schülern.

Ich weiß, was fehlt, ſagt der Eine leiſe zu dem Andern, die Eiche, die auf dem Vorderplan lang hingeſtreckt am Boden liegt, wundervoll als Detail, ſtört die Harmonie des Ganzen.

In dieſem Augenblicke tritt Calame in den Salon.Was haſt Du geſagt? Du weißt etwas, ſprich.

Zögernd rückt Töpffer denn er war's, der bekannte Ver⸗ faſſer derGenfer Novellen, der die Bemerkung gemacht hatte

mit ſeiner Vermuthung heraus.

Das iſt's, das iſt's! jubelt Calame, nimmt das Radir⸗ meſſer und im Nu iſt die prachtvolle Eiche vom Bilde entfernt. Es waren nur noch einige Tage bis zum letzten Termin der Ein⸗ ſchickung. In dieſer kurzen Zeit malt der Künſtler einen einfachen Vordergrund, und das Meiſterwerk wird mit der goldenen Medaille, belohnt. Eben dieſe Treue im Detall, dieſe meiſterhafte Ausfühy⸗ rung des(ordergrundes, welche die franzöſiſche Schule achſelzuck.

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