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Glaube an Unſchuld und Herzenseinfalt erſchüttert. Siech und gebrochen ſchleppte er ſich nach Bern, wo er auf das Krankenlager niederſank und mehrere Wochen in Gefahr ſchwebte. Die Seelen⸗ kämpfe und Erſchütterungen ſeines Gemüths, ſo wie die Ueberan ſtrengung ſeiner geiſtigen Kraft drohten ihn aufzureiben, doch ſeine geſunde Natur und die Pflege ſeiner Fiumde retteten ihn.
Mit gebrochenem Herzen verließ er die Schweiz, wo er ein kurzes Liebes⸗Idyll geträumt.
In Oßmanſtädt, einer ländlichen Beſitzung in der Nähe von Weimar, lebte der liebenswürdige Dichter des Oberon, der alte Wieland, im Kreiſe ſeiner zahlreichen Familie, umringt von ſechs blühenden Töchtern und vier begabten Söhnen, ein heiteres, poetiſches Stillleben. Poetiſche Arbeiten wechſelten mit angeneh men Spaziergängen und Ausflügen in die reizende Umgegend. Das einfache Mahl wurde mit heiteren, attiſchen Scherzen gewürzt, und es gab wohl ſo leicht kein glücklicheres Haus als das des allgemein verehrten Dichters, der wie ein ehrwürdiger Patriarch mitten unter ſeinen ſchönen, wohlgerathenen Kindern erſchien. In dieſen Kreis guter und bedeutender Menſchen trat der ſchwer geprüfte, ruheloſe Kleiſt. Eine dringende Empfehlung von dem jugendlichen Ludwig Wieland, dem er in der Schweiz einen bedeutenden Freundſchafts⸗ dienſt geleiſtet, verſchaffte dem ſeltſamen Gaſt eine herzliche Auf⸗ nahme, obgleich der alte Wieland keineswegs ein Freund der ſogenannten„romantiſchen Schule“ war, zu der ſich Kleiſt offen bekannte. Manche Eigenheit des wunderlichen Beſuchers, der in Oßmanſtädt längere Zeit verweilte, konnte nicht unbemerkt bleiben. Seine Abſonderlichkeiten traten jetzt weit ſchärfer, als früher her⸗ vor, beſonders ſeine zunehmende Zerſtreutheit. Ein einziges Wort genügte, ihn dermaßen zu feſſeln und ſein ganzes Nachdenken in Anſpruch zu nehmen, daß er von Allem, was man zu ihm ſprach, nichts vernahm und auch keine Antwort auf die an ihn gerichteten Fragen gab, ganz in Selbſtvergeſſenheit verſunken. Oefters ſaß er auch bei Tiſch, für ſich zwiſchen den Zähnen murmelnd mit der Miene eines Menſchen, der ſich allein glaubt, oder mit ſeinen Gedanken fern von der Geſellſchaft weilt. Nicht ohne Bedenken beobachtete Wieland das ſeltſame Treiben ſeines Gaſtes, dem er mit der ihm angeborenen Liebenswürdigkeit und Offenheit entgegengekommen war, ohne daß derſelbe eine gewiſſe Scheu und Zurückhaltung ablegte und ihm mit gleichem Vertrauen vergalt.
Nach und nach befreundeten ſich jedoch der greiſe Dichter und ſeine Familie mit dem Weſen Kleiſt's, der unwillkür⸗ lich Theilnahme erweckte. Die reizende Lieblingstochter Wie⸗ land's, ein ſinniges, echt postiſches Mädchen von neunzehn Jahren, ahnte mit weiblichem Inſtinct ein tiefes Leiden in der Seele des melancholiſchen Gaſtes und fühlte ſich dadurch zu ihm um ſo mehr hingezogen. Die Liebe, welche ihm von allen Seiten entgegen kam, löſte endlich die Rinde von ſeinem Herzen und öffnete die verſchloſſene Bruſt. Eines Tages, als ihn Wieland in ſchonender Weiſe wegen ſeiner Zerſtreutheit und Geiſtesabweſenheit mit freundlichem Lächeln zur Rede ſtellte, geſtand er ihm, daß er in ſolchen Augenblicken mit der Dichtung eines neuen Dramas be⸗ ſchäftigt ſei. Als Wieland darauf in ihn drang, entſchloß er ſich ihm einige Bruchſtücke ſeiner unvollendeten Tragödie„Robert Guiscard“ aus dem Gedächtniſſe mitzutheilen. Der Eindruck war ſo mächtig, daß Wieland keinen Ausd ruck für ſeine Bewunderung fand.„Wenn die Geiſter des Aeſchylus, Sophokles und Shakeſpeare's ſich vereinigten,“ rief er bei dieſer Gelegenheit begeiſtert aus,„eine Tragödie zu ſchaffen, ſie würde das ſein, was Kleiſt's Tod Guis⸗ card's des Normannen, ſofern das Ganze demjenigen entſpräche, was ich gehört.“ Es ſtand bei ihm feſt, daß Kleiſt dazu geboren ſei, die große Lücke in unſerer dramatiſchen Literatur auszufüllen, die, nach Wieland's Meinung wenigſtens, ſelbſt von Schiller und Goethe noch nicht ausgefüllt worden iſt. Er bat und beſchwor ihn, das angefangene Werk zu vollenden, indem er hinzufügte: „Nichts iſt dem Genius der beiligen Muſe, die Sie begeiſtert, unmöglich. Sie müſſen Ihren Guiscard vollenden, und wenn der ganze Kaukaſus und Alles auf Sie drückte.“
Der liebenswürdige Enthuſiasmus des Vaters theilte ſich natürlich dem noch leichter entzündlichen Herzen der Tochter mit. Zu der aus Mitleid entſprungenen Neigung trat noch die Be⸗ wunderung für den Genius, in deſſen Verehrung ſie aufgewachſen und erzogen war. Sie liebte Kleiſt und verbarg ihm nicht ihre zärtlichen Gefühle, die er jetzt doppelt liebesbedürftig bald erwiederte.
Mit Freuden ſah Wieland dies Verhältniß entſtehen, das ſeinen Wünſchen für das Wohl ſeines Kindes vollkommen zu entſprechen jbien Noch einmal lächelte das Glück dem armen Dichter, aber
r ſelbſt zerſtörte es ſchnell wieder. Trotz der Bewunderung Wie⸗ nnd's genügte ihm nicht das Geſchaffene, er verzweifelte und viel⸗ leicht nicht ohne Grund daran, ſeine Tragödie ſo zu vollenden, wie er ſie angefangen; ſie blieb in der That nur ein Fragment. Mit demſelben grübelnden, zerſetzenden Verſtande betrachtete er ſeine Liebe. Er fühlte ſich unfähig, ein Mädchen noch glücklich zu machen. Flüchtig, heimathslos, ohne Beruf, den eigenen Heerd zu bauen, glaubte er, entſagen zu müſſen. Was konnte er ohne Vermögen, ohne Stellung der Geliebten bieten? Nichts, als ein zerriſſenes Herz, eine unſichere Zukunft und jenen unnennbaren Drang nach dem Ideale, der ihn der Wirklichkeit entfremdete. Cr⸗ prüfte ſich und fand, oder glaubte wenigſtens zu finden, daß kein irdiſches Weib ihn ganz auszufüllen im Stande ſei. Sein Herz gehörte der Poeſie und ihr allein ſein Sinnen und Trachten.„Ich habe hier,“ ſchrieb er an ſeine Schweſter, der er Alles anvertraute, „mehr L Liebe gefunden, als recht iſt, und muß über kurz oder lang wieder fort; mein ſeltſames Schickſal!“
Nicht ohne Schmerz und ach ſhweren Kämpfen riß er ſich los und verließ das friedliche Oßmanſtädt, den väterlichen Freund und das geliebte Mädchen, welches weinend von ihm Abſchied nahm, ſeine Gründe ahnend und ehrend.
Durch eigene Schuld hatte er den ſchönen Liebestraum ſeines und ihres Lebens für immer zerſtört.
Mehrere Jahre waren ſeitdem vergangen; nach manchen Irr⸗ fahrten lebte Kleiſt in Dresden, wo ihm ſein bedeutendes Talent in den erſten Kreiſen eine günſtige Aufnahme verſchafſte. Das Schickſal ſchien müde, ihn zu verfolgen. Er fand Freunde und Anerkennung, die bedeutendſten Männer und Frauen intereſſirten ſich für ihn. Auch ſeine Stimmung war eine andere geworden, e finſtere Melancholie geſchwunden, ſein Herz voll Hoffnung für Zukunft; er ſelbſt heiter, zuweilen faſt überr Kei dem zſterreichiſchen Geſandten, der in Dresden dam gab, wurde auf der eleganten Privatbühne ein
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Stück von ihm mit großem Beifall von vorn,
aufgeführt. Nach beendeter Vorſtellung erhob ſich das ſchönſte Mädchen Dresdens, um ihn mit einem Lorbeerkranz zu krönen. Man verglich ihn mit Taſſo, mit dem er in der That ſo manche Aehnlichkeit hatte, vor Allem die gleiche Neigung, vom tiefſten Schmerze ſich zur höchſten Freude aufzuſchwingen. Hinter Kleiſt lag die düſtere Vergangenheit, vor ihm die heiterſte, lachende Zu⸗ kunft. Auch die Liebe regte ſich in ſeiner Bruſt von Neuem; die holde Kranzſpenderin hatte es ihm angethan. Sie war nicht nur das ſchönſte, ſondern auch das reichſte Mädchen Dresdeus und lebte in dem Hauſe des bekaunten Appellationsraths
Körner, dem Sammelplatz und Mittelpunkt aller geiſtigen Ele⸗
mente. Hier war Kleiſt ein täglicher, willkommener Gaſt, und ſeine aufkeimende Liebe fand kein Hinderniß. Die Geliebte hatte keine Eltern mehr, und ihr Vormund, der treffliche Körner, gab von ganzem Herden ſeine Einwilligung zu dieſer Glück verheißen⸗ den Verbindung des Talents mit der Schönheit, um ſo mehr, da für die Zukunft des liebenden Paares ausreichend geſorgt war. Kleiſt war glücklich, aber er gehörte leider zu jenen Naturen, die das Glück nicht zu ertragen vermögen. Wieder regte ſich der alte Dämon, jene unheilvolle Neigung, ſein Glück auf die Probe zu ſtellen. Von dem Gedanken erfüllt, daß die Geliebte ihm ganz und ausſchließlich angehören müſſe, verlangte er von ihr, ohne allen Grund, ohne jede Veranlaſſung, daß ſie ihm ohne Vor⸗ wiſſen ihres Vormundes, des alten Körner, ſchreiben ſolle. Lächelnd ſchlug ſie ihm die ſeltſame Bitte ab, in der ſie nur eine vorüber⸗ gehende Laune erblickte. Drei Tage ließ er ſich darauf nicht ſehen, und als ſie ihn trotzdem freundlich empfing, wiederholte er ſein wunderliches Verlangen nur noch dringender, als das erſte Mal. Da ſie ſich von Neuem weigerte, ging er fort, um erſt nach drei Wochen wiederzukehren. Auf ihre zärtlichen Vorwürfe antwortete er nur mit der Erneuerung ſeiner Forderung. Auch diesmal wurde er von ihr zurückgewieſen, indem ſie zwar liebevoll, aber ernſt auf das Unſtatthafte ſeines Betragens hinwies. Er verließ ſie bereits mit dem feſten Entſchluſſe, noch einen Verſuch zu machen und dann das ihm ſo theuere Verhältniß für immer zu löſen. Volle drei Monate ſwartete der Sonderling, ehe er zu ihr zurückkehrte. Selbſt
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