Das Clät
(Schluß.)
In Betreff der äußeren Form der Inſtrumente ſei erwähnt, daß die erſten von Silbermann gebauten Fortepianos Flügelform hatten. Die Fortepianos in Tafelform rühren von dem Inſtru⸗ mentenmacher Friederiei in Gera her(gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts); ſie wurden von ihm, zur Unterſcheidung von den Silbermann'ſchen Inſtrumenten, Fortbien genannt. Das erſte In⸗ ſtrument in aufrechter(Flügel⸗) Form, von dem alſo die heutigen Pianinos abſtammen, baute im Jahre 1742 der Hoforganiſt Ger⸗ ber zu Nordhauſen. Als Verfertiger des erſten Pianinos(Anfang des neunzehnten Jahrhunderts) iſt der Londoner Fabrikant Southwell zu nennen. Es wurde von Pape im Jahre 1815 nach Frankreich eingeführt und gelangte dort durch ihn und namentlich durch Rol⸗ ler und Pleyel zu allgemeiner Geltung. In Deutſchland baute es zuerſt Grüneberg in Halle, im Jahre 1821. Auch an Spielereien und horriblen Auswüchſen fehlte es dem Fortepiano, wie früher dem Claviere, nicht. Der Ergötzlichkeit wegen ſei in erſterer Be⸗ ziehung hier ein von Pape in Paris, freilich in ſehr ſinnreicher Weiſe, verfertigtes Inſtrument in Form eines achteckigen Thee⸗ tiſches, angeführt, woran ebenſoviele Perſonen Platz hatten. Mit⸗ telſt Drucks auf eine Feder war das Inſtrument auf der Säule, die ihm als Fuß diente, zu drehen, ſodaß die Claviatur, die eben⸗ ſalls vermittelſt Federdrucks hervorſprang, ohne weitere Unbequem⸗ lichkeit beliebig jedem Theilnehmer des Theekränzchens zugeſchoben werden konnte. Ja, es bedurfte nur eines dritten Druckes, ſo zauberte dieſes ſeltſame Theegeſellſchaftstiſchpianoforte allſogleich eine zweite Claviatur hervor und flugs ging's an die Verdoppelung der bisherigen muſikaliſchen Begeiſterung. Zum Beweiſe der be⸗ haupteten„horriblen Auswüchſe“ brauchen wir wohl nur an die jetzt freilich ausgeſtorbenen, aber der ältern Generation unter den hentigen Muſikliebhabern wohl noch in gutem Andenken gebliebe⸗ nen Pianofortes mit Pauken, Trommeln, Triangeln, Becken und 8 nzen übrigen Janitſcharenmuſik zu erinnern.
eber die verſchiedenen Bemühungen, am Pianoforte einen wnismus anzubringen, der die ſofortige Notenaufzeichnung des eben Geſpielten ermögliche, glauben wir wohl hinweggehen zu kön⸗ nen, da dieſe Einrichtung, trotz vielfacher ſcharfſinniger Verſuche, bis jetzt eben nur— ein Verſuch geblieben iſt. Nicht vergeſſen aber dürfen werden, wegen ihres großen Einfluſſes auf die Qualität des Tones, die von Joh. Andr. Stein zuerſt angewandte Belede⸗ rung der Hammerköpfe und die von Pape eingeführte Garnirung derſelben mit dem von ihm zu Anfang dieſes Jahrhunderts er⸗ fundenen Filze.
Indem wir auf den heutigen Stand der Clavierfabrikation übergehen, wollen wir zunächſt einen Blick werfen auf die unge⸗ heure Ausdehnung und hohe mercantiliſche Bedeutung, den dieſer Induſtriezweig gegenwärtig einnimmt. Leider iſt es bei den gänz⸗ lich mangelnden ſtatiſtiſchen Angaben über die in den verſchiedenen Ländern beſtehenden Fabriken und die Anzahl der von ihnen ver⸗ ſertigten Inſtrumente durchaus unmöglich, eine auch nur annähernd zuverläſſige Ueberſicht über die Geſammtfabrikation zu geben; aus einigen Zahlen aber werden unſere Leſer leicht die Großartigkeit derſelben erkennen. Wir beginnen den Reigen mit dem Auslande Wie ſchon früher angegeben, beläuft ſich die Zahl der in London allein von etwa zweihundert und fünſzig Fabrikanten alljährlich ver⸗ fertigten Inſtrumente auf etwa fünfundzwanzigtauſend. Davon kommen z. B. auf Collard u. Collard über eintauſend fünfhundert, auf Stoddart faſt ebenſoviele, auf Broadwood and Sons aber ſo⸗ gar zweitauſend fünfhundert. Dieſes alte berühmte Haus, das weit über ſechshundert Arbeiter beſchäftigt, baute überhaupt ſeit Anfang 1780, von welcher Zeit an die verfertigten Inſtrumente in den Büchern ſich einregiſtrirt finden, bis zu Ende 1861 nicht weniger als 124,048 Inſtrumente und muß alſo in dieſem Augen⸗ blicke die faſt unglaubliche Zahl von 130,000 überſchritten haben. In dem Magazine dieſer Fabrik, worin die fertigen Inſtrumente aufgeſtellt werden, fanden wir in einer unabſehbaren Reihe von Sälen über tauſend Claviere jeglicher Form zum Verkauf bereit ſtehen.
Außer den Nenannten liefern noch viele andere Londoner Fabriken, wie Kirkman, P. Erard, Wornum, Peachy(an acht⸗ hundert), Hopkinſon, Towus und Parker, Addiſon u. A. m. jede
jährlich mehrere Hunderte. In Frankreich ſiſt, wohl zum Theil
in Folge der vielen Unruhen Ende des vorigen und im Wufe dieſes 3 war und von denen auch die Pianofortefabriken nen
bleiben konnten, die Zahl der alljährlich gebauten Claviere nich ſo groß; doch gehen aus den Pariſer Fabriken von Herz, Pleyel Pape, Roller und Blanchet, Kriegelſtein und namentlich Erard, der Broadwood wohl ſehr nahe kommen dürfte, große Maſſen von Inſtrumenten hervor. Großen Aufſchwung hat in den letzten Jah⸗ ren auch Amerika genommen, und es kann ſich namentlich rühmen, in der von dem Braunſchweiger Steinweg erſt vor wenigen Jahren zu New⸗York gegründeten Fabrik überhaupt die größte der Welt zu beſitzen. Steinweg baut jetzt wöchentlich ſechszig bis fünfund⸗ ſechszig Inſtrumente, alſo dreitauſend und einige Hundert jährlich! Als von ebenfalls gewaltigen Dimenſionen nennen wir noch die Chickering'ſche Nabelt zu Boſton.
Was nun Deutſchland anlangt, ſo kann ſich zwar keine ſeiner Städte mit den obengenannten in Bezug auf die Großartigkeit der Fabrikanlagen meſſen, aus dem einfachen Grunde, weil eine Con⸗ centration nach einem Punkte hin, wie in jenen Ländern, in Deutſch⸗ land nicht vorhanden iſt. So baute z. B. Wien, mit einhundert und acht Fabrikanten, im Jahre 1851 n Ganzen nur etwa zweitauſend ſechshund ert Inſtrumente; eine ſehr thätige und ausgedehnte Fabrik, die von Schiedmayer und Söhne in Stuttgart, lieferte in einem Zeitraume von 40 Jahren nicht mehr als 4200; die Irmler'ſche Fabrik in Leipzig vollendete vor Kurzem, nach etwa 50 jährigem Beſtehen, ihr 6000. Inſtrument— Zahlen, die den obigen gegen⸗ über faſt verſchwinden. Dagegen beſitzt Deutſchland allerwärts, nicht allein in ſeinen zahlreichen Haupt- und Neſidenzſtädten, ſon⸗ dern in jeder Stadt von nur einiger Ausdehnung blühende Fabriken, deren Totalproduction, bei der hervorragend muſikaliſchen Bildung des deutſchen Volkes, die alle Schichten der Geſellſchaft durchdringt, wohl noch eine bedeutendere ſein dürfte, als die Englands. Er— freulich und von hoher Wichtigkeit iſt beſonders auch die jetzt wieder mit jedem Jahre wachſende Ausfuhr nach Amerika und andern überſeeiſchen Ländern, die eine lange Zeit in Folge der äußerſt unſoliden und auf das heiße Klima jener Gegenden nicht genug Rückſicht nehmenden Bauart auf ein Minimum ſich reducirt hatte. In frühern Jahren exportirte man dahin, durch Gewinn⸗ ſucht getrieben, nur die ſchlechteſten Inſtrumente; dieſelben wurden ſelbſt in Deutſchland verachtet als„erbärmliche Arbeit“, und die größte Zahl derſelben war ruinirt, ehe ſie an dem Orte ihrer Be⸗ ſtimmung anlangte, ſo daß die nothwendigen Reparaturen oft mehr koſteten, als die Inſtrumente werth waren. So konnte es auch nicht fehlen, daß Deutſchland bald von andern Ländern und namentlich von England, das ſich die Fehler andrer Nationen ſo gut zu Nutze zu machen verſteht, faſt vollſtändig aus jenen Gegenden verdrängt wurde, und es hat lange genug gedauert, bis die ſoliden deutſchen Fabrikanten durch ihre in jeder Hinſicht muſtergültige Arbeit die Achtung vor der deutſchen Fabrikation ſich zurückerobert
haben. Die bei gleicher Güte beträchtlich größere Wohlfeilheit d deutſchen Inſtrumente vor den engliſchen und franzöſiſchen mag wohl auch nicht wenig dazu beitragen, den Sieg der erſtern
beſchleunigen zu helfen; ſchon jetzt wandern alljährlich wieder viele Tauſende derſelben über den Ocean, ja, manche deutſche Fabriken arbeiten faſt ausſchließlich für außereuropäiſche Länder.— Fügen wir nun noch hinzu, daß auch in Rußland, Dänemark, Belgien, Italien, kurz, in allen übrigen europäiſchen Staaten dieſer Fabrikzweig in großer Blüthe ſteht, ſo leuchtet ein, daß das Heer von Pianofortes, welches alljährlich nach allen vier Himmelsgegenden auszieht, um das Reich der Töne auf Erden immer weiter aus zubrriten, ein gar gewaltiges iſt und ſicherlich kein geringer Mit⸗ ſtreiter ſein dürfte im Kampfe der Civiliſation gegen Uncultur und Barbarei.
Wir kommen endlich zur Betrachtung des heutigen Claviers vom muſikaliſchen Standpunkte. Es bleibt uns hierüber nur Weniges zu berichten übrig. Wie ſchon früher erwähnt, iſt die hohe Vervollkommnung vor Allen Crard und Broadwood zu danken. Auch jetzt noch gehören ihre Fabriken, wie weltbekaunt, zu den hervorragendſten Vertretern der Pignofortebaukunſt; doch bo— ſie nicht mehr allein das Monopol, vorzügliche Inſtrumeſ=
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