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Hochlande, einmal etwas Apartes, Mühſeliges, Abenteuerliches zu unternehmen. Die Feinſten beſuchen wenigſtens eine nahe Senn⸗ hütte und lächeln nach ihrer Rückkehr ſchelmiſch, wenn ſie gar über Nacht ausgeblieben ſind. Die Rüſtigſten tragen einen ſchweren Kugelſtutzen nebſt großem Büchſenranzen hinauf an die Schneehöhe und ſofort wieder herunter und behaupten dann, ſie ſeien auf der Gemſenjagd geweſen. Jene aber, denen die Sennhütten zu nah, die Schneehöhen aber zu entlegen ſind, löſen ihre Aufgabe in ge⸗ ſellſchaftlichen Partien auf ein ſchönes Berghorn, deſſen Spitze etwa ein Belvedere iſt, wie es die Sommergäſte von Partenkirchen mit dem Krotenkopf, die von Brannenburg mit dem Wendelſtein, die von Reichenhall mit dem Sonntaghorn zu machen pflegen. Da geht es denn familienweiſe hinaus in die thauigen Wieſen, im
Angeſicht der Morgenröthe, die um ſo überraſchender wirkt, je—
länger man ſie nicht mehr geſehen hat. Bald beginnt das Steigen, und nun entwickelt ſich der Knäuel. Der Papa in ſeinem Reiſe⸗ hemd, gleichſam der Hauptmann der liebenswürdigen Bande— wie ſchwer war er zu gewinnen!— und die Mütter, die ſchon etwas leichter mithalten, bleiben keuchend mehr und mehr zurück; die Münchner Fräulein und die jungen ſcheinkranken Badeherren hüpfen wie Zicklein voraus. Die Jungen tragen ſich phantaſtiſch⸗ jägerhaft, ſo daß die Spielhahnfeder auf dem grünen Hütchen und die graue Joppe mit den grünen Aufſchlägen nicht leicht fehlen; die Mädchen, unter dem Einfluſſe der idylliſchen Umgebungen, dich⸗ ten ebenfalls an ihrer Tracht, und wenn ſich die Jünglinge am Liebſten als Waidmänner darſtellen, ſo liegt den Damen am Nächſten der Aufzug der arkadiſchen Hirtinnen, wie ſie im Ballete erſcheinen. Es iſt ein gar erheiternder Anblick, wie das junge Volk, in allen Farben ſpielend, lachend und ſchäkernd, unter den ſchwarzen Tannen ſich hinaufwindet, nun über den Felſenvorſprung klimmt, nun in langer, ängſtlicher Zeile am Rande des Abgrunds hintrippelt. Dort ruht ein Pärchen aus, um neugeſtärkt wieder nachzueilen, da werden Alpenroſen geſucht und unter bedeutſamen Winken verſchenkt. Die Alten ſehen ſich auch zuweilen an, aber mit den Blicken der düſtern Reſignation, denn zum Steigen ſind die Berge ſchrecklich hoch.
Endlich iſt der Vortrab auf dem Gipfel; die Herren jodeln und rufen Halloh, die Damen ſchwenken die Taſchentücher zur An⸗ eiferung für die Nachkommenden, die ſich langſam aus dem Wald⸗ ſchatten herauslöſen. Nach und nach hat ſich Alles eingefunden und ſteht in ſchönen Gruppen auf der freien Höhe, hinabzuſehen in's unendliche Blachland, auf Hügel und Thäler, Wälder und Felder, Seen und Ströme, Städte und Dörfer. Die Mädchen ſind gar liebreizend, wie ſie daſtehen, herrlich roth im Geſicht vom Steigen in der reinen Alpenluft, ſeligen, träumeriſchen Blickes hin⸗ unterſtarrend in die Tiefe, während der friſche Morgenwind in ihren Locken wühlt. Mit Vergnügen weiſen die Kundigen auf die Münchner Frauenthürme, die ſich in blauer Ferne dem trun⸗ kenen Auge darbieten und an die Lieben in der Heimath mahnen. Nach dieſem vergißt aber die Geſellſchaft keineswegs, ſich auch ge⸗ gen Süden zu wenden, wo die beſchneiten Berghäupter von Tirol in unzählbaren ſilbernen Zacken in'’s blaue Firmament hineinſtar⸗ ren. Iſt dann ein bewanderter Alpenfahrer darunter, der die ma⸗ jeſtätiſchen Hörner zu benennen und zu deuten weiß, ſo kann er bei ſolcher Gelegenheit mit ſeiner Wiſſenſchaft viel Ehre einlegen. Iſt aber ein Norddeutſcher dabei, was jetzt kaum mehr fehlen kann, ſo benutzt dieſer den Augenblick, ſtellt ſich in die Mitte und decla⸗ mirt etwas, zum großen Verdruß eines Andern, der die Erreichung des Zieles mit einem Sturme auf der Guitarre feiern wollte, die ihm über dem Rücken hängt, und zum nicht mindern Aerger eines Dritten, der ein Flageolet bei ſich hat. Die Verſe aber hat der Poet geſtern Abend noch zuſammengeſtoppelt, als er wegen erdich⸗ teter Uebelkeit ſchon um neun Uhr auf ſeine Stube ging, und die Reime klappern wunderbar ſchön. Die Jugend klatſcht begei⸗ ſtert Beifall, denn er hat ihren Gefühlen Worte gegeben; die Mütter nicken einander zu, als wollten ſie ſagen: der kann's; Papa aber, der unbeſtechliche, macht ein Geſicht, das nicht viel mehr ausſpricht, als: Für ſo'nen jungen Menſchen iſt's gut ge⸗ nug. Unterdeſſen hat der Dichter das langhaarige Haupt verſchämt geneigt und die Rechte dankend auf's Herz gelegt, damit aber auch zu gleicher Zeit aus der Seitentaſche ein Album gezogen, das er herumgeben will, mit der Bitte, einen Gedanken hineinzuſchreiben zur ewigen Erinnerung an dieſen unbszahlbaren Moment. Da er
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a Alles vorausbedacht, ſo zieht er auch gleich ein tragbares Schräo⸗ zeug hervor und richtet die Federn her. Dies dämpft den Jubel etwas, denn nicht alle Alpenſteiger ſind ſo vorſichtig, immer einen Stammbuchvers im Hinterhalt zu haben; doch faßt und ſindet man ſich bald.„Auf den Bergen iſt Freiheit“ ꝛc., das würde freilich Jeder am Liebſten ſpendiren, wenn nicht ſchon der Aller⸗ erſte ſo boshaft geweſen wäre, dieſe Verſe der ganzen Geſellſchaft wegzuſchnappen. So iſt's denn kein Wunder, wenn der Löwe des Tages mit gewöhnlichen Sinnſprüchen, wie z. B.„Ehrlich währt am Längſten“, öder„Bleib zu Haus und nähr' dich redlich“, für⸗ lieb nehmen muß.
Endlich iſt die peinliche Feierlichkeit vorüber und das Album wieder in der ſchattigen Rocktaſche. Papa ſitzt ſchon lange auf ſeinem Tragſtuhl und bläſt den Knaſterdampf vergnügt über die Wälder hin, die von unten herauf rauſchen; die Mütter kauern maleriſch auf den Felsblöcken umher und ſtricken. Das Feuer, das die Jungen angemacht haben, brennt luſtig und friſch, die Töpfe mit Waſſer und Milch fangen nachgerade zu ſieden an. Nun geht's ernſtlich an die Vorbereitungen zum Frühſtück. Da zeigt ſich erſt, mit wie viel Umſicht der Plan zu dieſem Unterneh⸗ men entworfen und wie paſſend die Rollen ausgetheilt worden. Vor Allem wird der große Reiſeſack aufgethan, den der Führer heraufgetragen, und aus welchem nun Kalbskeulen und Schinken ſpringen, wobei die Meſſer und Gabeln, die auch in ſeinem Bauche liegen, kampfluſtig erklingen. Nun erſchließen ſich auch die Trag⸗ körblein der Schönen, und wer hätte es dieſen zierlichen Täſchchen, die den ganzen Weg herauf ſo gleichgültig mitbaumelten, anſehen ſollen, daß ſie heute als Vorrathskammern für die feingebildete Gourmandiſe der bergſteigenden Hauptſtädter eingerichtet ſeien? Und doch iſt's nicht anders! Aus der einen Taſche richtet ſich vielverſprechend eine edle Wurſt aus Wälſchland empor, aus der andern ſteigt ein Senftopf, der wenigſtens Pariſer Etiquette trägt; von anderen Seiten kommt wieder Anderes, geräucherte Zungen, gebratene Hühner und dergleichen. Jetzt zeigen aber auch die Pa⸗ ladine, daß ſie nicht umſonſt dabei ſind. Ihre Aufgabe war's, den Wein zu liefern, und nun kommen die Vertreter der angeſehen⸗ ſten Rebenhügel vom Frankenland bis Bordeaux aus den Reiſe⸗ ränzchen. Das wird aber für jetzt Alles nur bei Seite geſtellt, geordnet und, was zerlegbar iſt, zerlegt; denn der Kaffee iſt fertig und die Mädchen machen lächelnd die Honneurs. Man nähert ſich aber auch bald dem nahrhafteren Theile des Frühſtücks. Ein⸗ zelne Vorläufer machen ſchon die Runde, die Kernſpeiſen dringen unwiderſtehlich nach. Am Meiſten haben wieder die Mädchen zu thun, die friſchen, heitern, roſigen Mädchen, die jetzt, in der Glorie der Alpenluft ſtrahlend, wie dienende Engel hin und her eilen voll Leben und Luſt, die nun ſpielend alle Reize deutſcher Häus⸗ lichkeit entfalten, welche uns hier oben auf der grünen Bergmatte, in der hellen Sommerſonne, mehrere tauſend Fuß hoch über dem Meere noch viel tauſendmal einnehmender erſcheinen, als unten im langweiligen Abendcirkel beim trüben Lampenſchimmer. Und wenn nun die Gläſer erklingen, da klingen alle Herzen mit, und wenn die Champagnerpfröpfe knallend in die Lüfte fliegen, dann fliegen auch die letzten Grillen ſtill in's Thal hinunter. Die Freude tritt immer königlicher auf, der Jubel wird immer lauter; der Nord⸗ deutſche declamirt wieder, der Andere fällt mit der Guitarre rau⸗ ſchend in den Lärm, der Dritte ſpielt ſein Flageolet, und dann ertönen— Alles ſchweigt— die Almenlieder, dieſe herrlichen, himmelanſteigenden Geſänge, die Keiner vergeſſen kann, der ſie je in ihrer milden Kraft gehört hat, die in Jedem die Sehnſucht nach den Alpen wecken, der ſie draußen wieder hört auf der flachen Haide dort:
Und die Blümerl, i ſag's euch, Sind grad ſo wie d' Leut,
Und ſie bußeln ſich d' Wangerln A öfters voll Freud.
Mein' Freud is im Wald, Weil's Jodeln ſchen ſchallt Und a Dirnerl drin graſ't, Dös ma goar ſo guet gffallt.
Weil's aber kein Aermerl, Kein Handerl nit ham, So biegt der Wind ihnen Die Köpferl oft z'ſam.
Da ob'n auf da Wand Wachſt vierblattleter Klee, Den brech' i mein Schatzerl, V Nacher liebt ſie mi ch'.
Drum, Schatzerl, ſo gib ma— Horch', hörſt nit den Wind?— Jetzt bußeln ſich d' Blüemerl— A Bußerl geſchwind!
— Gk, geht
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