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kehr mit den andern Ausgeſchloſſener da. folgten mir, wo ich ging und ſtand. Die einzige Erholung, die es für mich gab, nach ermüdender Arbeit an ſchönen Sommer⸗ abenden mich in freier, friſcher Luft vor den Thoren zu ergehen, brachte mich in neue Conflicte mit der Polizei, da ich bei gelegent⸗ lichen Viſitationen ein paar Mal nicht Schlag neun Uhr zu Hauſe angetroffen wurde. Hierdurch Lalor ich zwei Mal die beſten Dienſte; andere zu ſuchen und zu finden, wurde mir mehr und mehr Luſt und Möglichkeit genommen. Ja, meine Herren Geſchwore⸗ nen,“ ſo ſchloß A.,„die troſtloſe Lage des Beſtraftr nach ſeiner Entlaſſung aus dem Gefängniſſe, das Auge der Polizei, das ihm auf Schritt und Tritt folgt, ihre L Organe, die den Makel, der ihm anhaftet, bei den verſchiedenſten Gelegenheiten offenkundig machen, ſie ſchneiden ihm die Möglichkeit ehrlichen Erwerbes ab, henogmen ihm Muth und Kraft, die guten Vorſätze auszuführen, und treiben ihn endlich der Verzweiflung und ſo auf's Neue dem Verbrechen in die Arme. Das iſt mein Schickſal geweſen, wie es das Schikfal ſo Vieler vor mir war. Nehmen Sie, meine Herren Geſchworenen, mit Rückſicht auf ſo troſtloſe Zuſtände, einen Unglücklichen, der die ganze Schwere ſeiner Verbrechen reuig erkennt, mildernde Umſt'inde an.“
Wenn ich erwähne, daß der Vorſitzende des Gerichtsoſs in ſeinem Reſumé den mächtigen Eindruck betonte, den des A. Rede gemacht, die ich natürlich hier nur in kurzen allgemeinen Zügen wieder gab; wenn er deſſen ganzes Benehmen und Auftreten als ein ungewöhnliches, auf der Anklagebank dieſes Saales wohl kaum vorgekommenes bezeichnete und es natürlich fand, wenn die Ge⸗ ſchworenen dadurch für ihn eingenommen wären, ſo wird man es begreiflich finden, daß es uns allen ſehr ſchwer wurde, unbedingt das„Schuldig“ zu ſprechen. Wir konnten nach Lage der Sache nicht anders, aber ich bedauerte von⸗Herzen den Armen, der bei beſſerer Einſicht, bei gutem Willen durch die Macht der Verhält— niſſe, nicht durch Luſt am Böſen, auf's Neue zum Verbrecher ge⸗ worden und nun einer zwölfjährigen Zuchthausſtrafe entgegenging. Es ſollte dieſe Stimmung indeß nicht lange anhalten; nur zu bald ſollte ich erfahren, daß A. uns eine wohl überlegte Komödie vor— geſpielt hatte, daß wir mit unſern Bedenken und Gewiſſensſerupeln die Betrogenen eines Gauners geweſen waren, der vielleicht unter den acht Angeklagten der geriebenſte. Als die Drei, A., B., C., in das ſichere Arreſtzimmer abgeführt waren, konnte ich mir einen Blick durch das Loch in der Thür deſſelben nicht verſagen. Da ſah ich ſie denn in tollſter Ausgelaſſenheit ſingen, ſpringen, ſich umarmend, lachend über den Gang der Verhand⸗ lungen und auch der Geſchworenen Gutmüthigkeit nicht ſchonend. Bald, ſo hofften alle Drei, würde ihnen der Ausbruch gelingen und nur das bedauerten ſie, daß ſie nicht in dieſelbe Anſtalt gebracht werden würden. Dagegen rechneten ſie feſt darauf, ſich nach gelungener Flucht bald wieder zu gemeinſamer Thätigkeit zuſammenzufinden. Mich meiner Leichtgläubigkeit ſchä⸗ mend ging ich von dannen.
Mißtrauen, Beſchimpfung
Eine Scene von draſtiſcher Wirkung brachte uns die Ver⸗ handlung einer jener betrüglichen Wechſelreitereien, wie ſie ge⸗ genwärtig ſo häufig Gegenſtand gerichtlicher Unterſuchung wer⸗ den. Der Angeklagte war in dieſem Falle ein ſogenannter Win⸗ kel⸗Advocat und hatte in den verſchiedenſten uaiauberen Geſchäf⸗
Der
für mich,
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einäugige Erzengel der
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ten die— um das Wort zu mißbrauchen— juriſtiſche Vermittelung übernommen. Es handelte ſich nun um die Frage, in wie weit er hierbei auch ſeinen eigenen Vortheil wahrgenommen und ſomit die Früchte der Betrügerei mit den Uebrigen getheilt habe. Uebrigens iſt es, um das nebenher zu erwähnen, unglaublich, wie viele ſolcher Pſeudo-Advocaten, meiſtens ehemalige Schreiber bei Rechtsanwalten, in großen Städten ſich umhertreiben und Beſchäftigung, oft in großartigſtem und lohnendſtem Maſßze ſinden. Unſer Mann bot in ſeinem ganzen Erſcheinen, der gekniffenen Phyſiognomie, den verſteckt liegenden Augen, dem magern, ſchmiegſamen Körper mit langzeftireten Armen, die in ſch male, wie abgeſchriebene Finger ausliefen, and denen man nur den bekannten Federeindruck des mittleren wegen der Ruhe in der Haft vermißte, ein höchſt charakteriſtiſches Bild des Genus Schreiber und hätte ſich ſofort für die Illuſtration eines Boz'⸗ ſchen Romanes verwenden laſſen. Der Proceß bot an ſich nicht viel Bemerkenswerthes und gewann erſt Leben, als der Vertheidiger des Winkelſch reibers in folgender Art das Wort ergriff:„Ich bitte Sie, meine Herren Geſchworenen, werfen Sie vor allen Dingen einen Blick auf meinen Clienten. Iſt Ihnen je eine dümmere, nichts⸗ ſagendere Phyſiognomie vorgekommen, als dieſe? Halten Sie es für möglich, daß ſich an einen Menſchen von ſo augenfälliger Einfalt, wenn es ſich um die Ausführung irgend verwickelter, mißlicher, zweideutiger Geſchäfte handelt, wirklich Jemand um Hülfe wendet, und glauben Sie, daß er der Mann wäre, dieſelben mit auch nur einigem Geſchick zu führen? Ich geſtehe Ihnen offen, ich kann nicht begreifen, daß er, wie doch aus den Acten hervor⸗ geht, auch nur gewöhnliche Schreiberdienſte bei einem Advocaten ordentlich verrichten konnte.“— Daß meine Augen während der für den Angeklagten wenig ſchmeichelhaften Einleitung auf ihm ruhten, verſteht ſich von ſelbſt, und da entging es nnir Dena nicht, wie er ſich unter dieſer Schilderung ſeines Ich's e ſo weit abwich von ſeinen eigenen Vorſtellungen, von dor adden Werth⸗ ſhabung, förmlich wand und krümmte vor innerlichem Verdruß; wie er am liebſten laut Proteſt erhoben hätte und doch wieder dankbar ſchweigen mußte im Hinblick auf den vielleicht guten Eindruck der Rede und die dann erfolgende Freiſpr Später hörte ich, daß der gute Winkeladvocat— der übrigeng kurzer Zeit einer gleichen Schuld angeklagt, ſeinem Schickſa entging— dem Defenſor bihhent Vorwürfe ob der Rof habe, die ſeinen geſchäftlichen Ruf und ſomit ſeuee hätte erſchüttern können.
Von den übrigen Fällen, die während dieſer Schwurgerichts⸗ periode zur Verhandlung und Aburtheilung kamen, erregte nur
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noch ein Meineidsproceß, an ſich traurig genug, durch ein komiſches f
Antemndeßse Intereſſe, das nach dem gefällten Spruche den Zuhörer⸗ raum in ziemlich laute Heiterkeit verſetzte. Die eigentliche Urhe⸗ berin des Meineids, eine äußerſt verſchmitzte Berlinerin in höhexen Jahren, die ihr unerfahrenes junges Dienſtmädchen vom Lande zu dem genannten Verbrechen zu veranlaſſen gewußt hatte, war, der juriſtiſchen Auffaſſung nach, als„nicht ſchuldig“ erklärt, das arme Dienſtmädchen dagegen verurtheilt worden; da wurde im Auditorium eine tiefe Stimme laut:„Herr Jott, wieder nich in's Loch, und ich dachte's doch diesmal ganz ſicher!“ Es war die des zärtlichen Chen anns der feſt darauf gerechnet hatte, auf zwei Jahu ſeine böſe Sieben los zu ſein.
Cuſtur.
Deutſches Induſtriebild.
„Es iſt ſchwerer, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in's Himmelreich komme,“ heißt es ſchon in der Bibel, im neuen Teſtamente. Demnach hat es ſchon vor zwei Jahrtauſenden Nadeln gegeben. Da aber ſchon Adam und Eva, nachdem ſie in den verbotenen Apfel gebiſſen, es etwas kühl im Paradieſe fanden und das Eva⸗Coſtüm zu leicht, ſo daß ſie ſich Kleider machten, ſind wahrſcheinlich auch ſchon die erſten Menſchen die erſten Nadler geworden. Ich vermuthe, daß Cva, welcher je⸗ denfalls die meiſte Arbeit bei Anſchaffung der erſten Kleider zufiel, auch die erſten Nadeln erfand. Ihre Nadel mag freilich weder eine engliſche, noch eine Aachener geweſen ſein.
nadel, obgleich unſtreitig eines der erſten und unentbehrlichſten
In der That iſt die Näh⸗
artikel einer der neueſten. die Nähnadeln mühſelig und theuer und verhältnißmäßig unvoll
Sie fallen meiſt blos als Opfer ihrer Dienſte, obgleich au Werkzeuge in Menſchenhand, dennoch als olltommeyor Fabrikations⸗
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Bis vor etwa fünfzig Jahren wurden
kommen vom Handwerker, vom zunftmäßigen Nadler, gemacht. Erſt ſeit jener Zeit bemächtigte ſich allmählich das zauberhafte Rad der Miaich ue und die allmächtige Triebkraft des Dampfes dieſes kleinen, glatten, ſpitzigen, einäugigen Erzengels aller Cultur.
Die Fortſchrittsbahnen der Menſchheit ſind ſpärlich mit Ro⸗ ſen, ſehr zahlreich mit zerbrochenen und zerſchoſſenen Waffen und Menſchengliedern, am dichteſten aber mit zerbrochenen Näh⸗ und verbogenen oder kopfloſen Stecknadeln beſtreut. Je mehr von lez⸗ teren Holden fallen, deſto ſteigender und raſcher die Civiliſatich.
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