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zurück, und beim Lichte der hochhängenden Steinöllampe gewahren wir eine der ſeltenſten Erſcheinungen Tirols, einen Cither⸗ ſpieler. Es iſt ein armer Burſche im Sommer draußen in Baiern als Zimmermann gearbeitet hat und jetzt heimgeht, um ſich durch ſeine Muſik während der herannahenden Faſchingszeit ein wenig Geld zu verdienen. Wohl werden noch allerlei Stücke geſpielt, aber keine mehr zum Sin⸗ gen, zum Beiſpiel der Marſch vom alten Radetzky und ein paar alte Walzer von Strauß. Zwei tridentiniſche Hauſirkrämer be⸗ nutzen die fröhliche Stimmung zum Auslegen ihrer Waaren, Meſſer, Scheeren, Pfeifenköpfe und Taſchentücher. Aber bei Bur⸗ ſchen und Mädchen verfangen heute derartige Sachen nicht, denn ganz beſonders der Sinn letzterer iſt auf etwas Anderes gerichtet. Haben doch ſchon manche während des Gebetläutens Eierdotter in's Waſſer gegoſſen und ſich aus den Figuren, welche die zerrin⸗ nende zähe Flüſſigkeit zu bilden ſchien, Vorſtellungen von den Schick⸗ ſalen des kommenden Jahres gemacht. So bedeutet z. B. ein Thurm, daß man in die Stadt heirathen wird, geflammte Zacken einen Hausbrand, ein Kreuz gar den Tod. Wollen wir wünſchen, daß ſie ſchöne Dinge geſehen haben, denn um die hübſchgewachſenen Mädchen wäre es jammerſchade. Wie anmuthig haben ſie ihre Köpfe, auf denen die Zöpfe nach Tirolerſitte rund herum zuſam⸗ mengeflochten ſind, zu den Spinnrocken geneigt, während das ge⸗ meinſchaftlich geſungene Almenlied ſie in der traurigen Stube er⸗ heiterte. Wenn ſie ſich dann vor der Chriſtmette das Geſicht waſchen, ohne ſich wieder abzutrocknen, was ſie gern thun, ſo hoffen wir, daß es ihnen in der Kirche der künſtige Ehemann abtrocknet, denn ſonſt wird es, glauben ſie, der Tod thun.
Endlich wird zur Chriſtmeſſe aufgebrochen. Draußen hallen von der fernen, hochliegenden Kirche die Glocken durch die Finſterniß. Die Polizei, welche die Fackeln nicht liebt— es könnte durch Wehen der Funken der Schnee Feuer fangen— hat die Laternen doch nicht einzubürgern vermocht, und ſo geht es denn durch die rabenſchwarze Nacht, in welche unſere Kienhölzer ovale Lücken reißen, auf dem knarrend feſt gefrornen Boden vorwärts. Hier und dort eilen Funken von den Bergen herab; es ſind die Fackeln, die von den
hliegender Höfe getragen werden. So mag einſt der
ade Germane zum gemeinſamen Opfer des Jul gewan⸗
's war für ihn ein ebenſo freudiges Feſt, wie dem
9e ole Weihnacht. Freute er ſich doch der Wiederkehr der Sonne, die ſich ſeinen verſchneiten Wäldern näherte, um ſie lang— ſam und unter unendlichen Kämpfen mit dem Froſt ſeiner harten Erde, aber doch endlich ſicher aus dem erdrückenden Schlaf zu wecken.
Eine der hochſtämmigen Dirnen, die jetzt eine mächtig breu⸗ nende Fackel trug, war mir während des Abends beſonders auf⸗ gefallen. Sie war im Gegenſatze zu den übrigen ſchwarzhaarigen Mädchen goldblond und blauäugig. Auf meine neckiſchen Fragen, ob ſie ſich heute Abend auch bei dem Eidottergießen betheiligt habe, antwortete ſie ausweichend, gab aber endlich aufrichtig zu, daß ſie vor drei Tagen, in der Thomasnacht, in der Holzlege eine An⸗ zahl Scheite auf's Gerathewohl herausgenommen und in's Zimmer getragen habe. Es war eine gerade Zahl, eine gute Vorbedeutung für's Heirathen. Auch hatte ſie ſchon mehrmals in den Backofen hineingehorcht und allerbei Verſprechungen gehört. Um ſich ganz zu vergewiſſern, habe ſie ſich, fügte ſie hinzu, auch auf den Boden gelegt und den Schlappſchuh mit dem Fuß über den Kopf hinaus geſchleudert. Richtig zeigte die Spitze gegen die Thür und jetzt war für die Glückliche kein Zweifel mehr, daß ſie im Lauf des nächſten Jahres vom Freier aus dem Hauſe geholt werden würde. Ein hübſcher, aber noch unbärtiger Burſche, den ich vorher neben dem Citherſpieler ſitzen geſehen hatte, war der augenſcheinliche Be⸗ weggrund aller dieſer Exereitien.
So ſchritten wir plaudernd weiter. Von Zeit zu Zeit ſtieß ſie ihre Fackel gegen den Schnee, um losgelöſte glimmende Theil⸗ chen zu beſeitigen, und ich blies mir hie und da in die Hände, um ſie lebendig zu erhalten. Dumpf dröhnte die Ache aus der Schlucht herauf und miſchte das Toſen der Waſſer in die immer näher und ſtärker hergetragenen Orgelklänge der Kirche, aus deren hellerleuch⸗ teten Fenſtern breite gelbe Lichtſtreifen die gegenüberliegenden Fels⸗ wände hinanklommen. Bald ſchauen die Kerzen, welche ihr Licht
aus dem Innthal, der
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auf den Hochaltar werfen, durch die geöffnete Kirchenthür, und der davon erglänzende Schnee vor der Thür erſcheint wie der lichte An⸗ trittſchemel zum Heiligthum. Die Fackel meiner Begleiterin iſt niedergebrannt und der Stumpf fliegt Funken werfend auf die ſtarre Decke. Mit einem Händedruck nehme ich Abſchied, da die ländliche Sitte dem ſchönen Geſchlecht die linke, dem ſogenannten ſtarken die rechte Seite der Betſtühle anweiſt. Der Lehrer— bei⸗ läufig geſagt, der einzige Menſch im Achenthal, der ſeinen Kindern einen Weihnachtsbaum anzündet— dirigirt auf dem Chore die beſcheidene Muſik, welche dem rauhen Alpenthale die Geburt des Heilandes kündet. Die Einfachheit der Scene in der niedrigen Kirche, die aber von Lichtern taghell erleuchtet iſt, gemahnt mich an jene Viſion der Hirten, welche in der finſtern Mitternacht die Glorie eines ungeahnten Himmels umfloß und deren Armuth die Gewißheit eines neuen ſeligen Bundes wurde. Das feierliche Amt iſt bald zu Ende; vor dem gegenwärtigen Gott haben ſich die Kniee dieſer Mühſeligen und Beladenen gebeugt, und nun gemah⸗ nen die ernſt einfallenden Accorde der Orgel zur Heimkehr in die finſtern kalten Thäler, aus denen erſt eine neue Weihnacht die Andächtigen wieder zur Mitternachtſtunde in das Haus des Herrn rufen wird. Es iſt etwas Sonderbares und Rührendes um dieſe Feier. Man denke ſich in der öden, unſäglich langen Decembernacht, in welcher Wolken, Waſſer und Eis im gemeinſchaftlichen Lager über der kalten Erde ſchweben; in der Nacht, welche den Mond löſcht und die Sterne verſchlingt; in der ſtillen, ſtillen Einöde der Finſterniß, in der nichts lebt, als der Pulsſchlag unſerer Adern und die wil⸗ den Waſſer draußen, die der Froſt noch nicht gebändigt hat; in der dunkeln Nacht, die ſo ſtill und taub iſt, als ob ſie nie enden würde; in der Nacht, welche die Qual des Leidenden und der Alp des Geſunden iſt— in dieſer Nacht, in Mitten dieſer Nacht er— klingen mit einem Schlage im vereisten Thal der Alpen, das von den Nebeln des Sees durchzogen wird, wie durch die wimmelnden Straßen der Großſtadt, in welche Gas und Gold ihren Schimmer werfen, die ehernen Glocken, welche der Welt verkündigen, daß vor achtzehnhundert vierundſechszig Jahren in einem verſteckten Wintel Paläſtinas ein armes Kind geboren wurde, deſſen reine Lippen bald jenes einfache helle Evangelium der Liebe und Menſchlichkeit pre⸗ digen ſollten, aus dem ſpäter Prieſterherrſchſucht und ſcholaſtiſche Sophiſterei ſo engherzige, dunkle Dogmen zuſammengedeutelt haben. Nun ſind wir, vom vobiscum dominus des Prieſters ent⸗ laſſen, wieder vor der Thür. In der Dunkelheit, die uns um ſo ſchwärzer erſcheint, je mehr uns drinnen das Licht geblendet, er⸗ kennen wir nicht ſogleich unſere Bekannten und Begleiter wieder. Aber was iſt das? Eine laue Luft ſchlägt uns entgegen und ein ſonderbares Schwirren und Klingen geht über den Himmel und die Alpen, als wenn die Banden, welche die feſte Erde halten, klirrend ſich löſten. Das„wilde Gejaid“, Wuodans Gefolge, will die ſtarre Luft durchjagen und das Knacken und Knarren auf den hohen Firſten rührt von den Hufen der Roſſe her, welche über die eistragenden Gipfel dahineilen. Es ſind Töne, als ob der See unten, der vorhin im Froſte ſeine braunen Nebel nach oben geſendet, die Bergwand durchbrochen hätte und ſich anſchickte, die Aeonen lang in dem unergründlich tiefen, aber engen Gefängniß eingelegten Gewalten in die erzitternde Ebene hinab zu wühlen; auch von den Bergen berſtet und kracht es herüber, als wähnten die Rieſen, die drinnen wohnen, die Götterdämmerung ſei gekom⸗ men, daß ſie heraustoben könnten; die Ache unten heult, als wären ihre Waſſer aufgeſtaut und müßte ſie den Urkalk durchbohren, daß er darüber in zerwühlte Trümmer zuſammenſtürzt— aber nein, dies Alles iſt es nicht. Der welſche Wind, der Scirocco, iſt in's Land gekommen, bindet das Gefeſſelte los und ſchlägt den Froſt in die tiefſten Klüfte nieder, über die er warm und lebenerweckend als Sieger dahinjagt. Wann aber wird der Morgen tagen, wo ein anderer Wind
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