neuen Weins, geſtärkt, welchen der Fuhrmann erſt geſtern aus dem ſonnigen Etſchland mitgebracht hat, hinaus in's Freie, ſo wird uns, wenn wir Flachländer ſind, vor Allem der am Wege liegende Schnee auffallen. Nicht als ob er etwa nicht weiß wäre, wie die Flocken, die auf die Dächer anderer Men⸗ ſchenkinder fallen, im Gegentheil, ſeine Farbe iſt vielleicht noch blendender, als die der feuchteren Decke, welche auf den Niederungen lagert— aber er zeigt uns eine Bildung, wie man ſie faſt nur in den hohen Lagen der Alpen antrifft. Große, viereckige Tafeln, die vertical nach oben ſchauen, ſind zu den zierlichſten Roſetten zuſammenkryſtalliſirt; der ganze weiße Plan ſieht aus, als ob er mit blinkendem Moos bedeckt wäre. Dieſe großen Kryſtallbildungen rühren von der geringen freien Feuchtigkeit her, die ſich zwiſchen den
Schneenadeln befindet; es iſt dies eine Folge der trocknen ſcharfen
Luft und der hohen Lage, welche der Verdunſtung überaus förderlich ſind. Man erinnere ſich, daß unſer See dreitauſend und drei⸗ hundert Fuß über dem mittelländiſchen Meere lagert, eine Höhe, welche ſchon derjenigen der höchſten Gebirge in Mitteldeutſchland nahe kommt. Ein ſeltſamer Anblick dieſes blätterige Geſchiebe! Zerſtören wir die ſchönen Ornamente neugierig mit dem Stock, ſo dämmert uns aus den Brüchen ein fahler Laſurſchein entgegen, der ſchwach an den tiefern Glanz des körnigen Eiſes mahnt, das oben in ſicherer Mulde der auflöſenden Strahlen des Hochſom⸗ mers harrt.
Den Weg am öden Geſtade, an das unabläſſig die Welle rollt, geht ſelten ein Menſch. Ein Jäger vielleicht in brau⸗ ner Joppe mit Gewehr und Bergſtock, die Pfeife mit dem übel⸗ riechenden öſterreichiſchen Soldatenknaſter im Mund, oder ein Knecht, der einen mit Streu beladenen Schlitten zieht, ſind die einzigen, denen wir begegnen. Hier und da liegt ein alter, halbverfaulter Stamm im Waſſer, laichenden Fiſchen ein willkommener Zufluchts⸗ ort. Die Alpenroſenbüſche, die im Juli den felſigen Strand mit purpurnen Sträußen ſchmücken, ragen nur mit ihren Spitzen, oft vom weißen Berghaſen benagt, aus der dichten Schneedecke. Die Legföhre, die hier bis an's Waſſer herabſteigt, wird aber von dieſer nicht gedrückt; denn niedrig und leicht vom Winde bewegt ſchüttelt ſie ſich die froſtige Laſt bald vom Leibe, daß es ausſieht, als ob nur blinder Zufall einige ſpärliche Flocken über ſie ausgeſtreut hätte.
Der immer höher angehäufte Schnee treibt uns wieder in unſere Behauſung, zur viellieben Scholaſtica zurück. Wir nehmen um den viereckigen Kachelofen Platz, zünden uns eine„Havanna“ oder„Cuba“ zu vier Neukreuzer ö. W. an, fahren in der Probe des rothen Etſchländers fort und betrachten uns, was in der Weihnachtsdämmerung vorgeht.
Das Land Tirol iſt ein Juwel im Kranze unſerer Ger⸗ mania, aber ſein Volk iſt arm an geſelligen Freuden. Ich brauche hier nicht erſt zu ſagen, wer vor Allem den finſtern, ich möchte ſagen, ascetiſchen Geiſt in das Leben eines Völkchens ge⸗ bracht hat, dem die karge Natur allerdings auch ſonſt wohl wenig Genüſſe zu bieten vermöchte. So ſieht man den Hausvater, der jetzt in andern Gegenden des Vaterlandes, ſelbſt wenn er wenig beſitzt, in freudvollen Sorgen für die Ueberraſchung ſeiner Lieben thätig iſt, hier ſchweigend im dumpfen Zimmer ſitzen und große Roſinen von kleinen ausklauben, zur Bereitung des„Kletzenbrodes“,
des einzigen Luxus, welchen er zur Feier des herrlichen Feſtes
kennt. Denn der heilige Abend, zwar in allen katholiſchen Län⸗ dern ein Faſttag, iſt doch hier von beſonderer Strenge, und wenn man die gedrückten Geſichter der Mägde betrachtet, die im Lichte des ergrauenden Tages wie Maſchinen an ihren Spinnrocken ſitzen und ihr Rädchen ſchnurren laſſen, möchte man ſich eher in den Buß⸗ und Bettag eines Arbeitshauſes verſetzt glauben, als in die unſerm Andenken heilige Märchenzeit, aus welcher noch dem alten und verlaſſenen Manne die goldenen Bilder des Weihnachtsbau⸗ mes, ſeiner lächelnden, längſt in der Erde ruhenden, lieben Eltern und ihrer gutgemeinten theuern Geſchenke auftauchen, von dem Glanze der einzigen Glückszeit ſeines ſinkenden Lebens, ſeiner Zugend, umſtrahlt. Nur das ſtrenge Faſten und die Mitter⸗ nachtsmeſſe in der kalten Kirche machen die Weihſacht. Statt des liebelächelnden Chriſtkinds, das unſichtbar ſich anderswo in Deutſchland in geſchmückte Häuſer niederläßt und⸗Geſchenke ſpendet, ſieht das Tiroler Kind blos den goldbedeckten Prieſter am Altar und hört in der Finſterniß die Glocke, die ſonſt um dieſe Stunde der Nacht nur erſchallt, wenn Fluthen und Lawinen Verderben und Tod drohen. Draußen„im Lande“, das heißt in den größeren
Thälern Tirols, beſonders im Innthal, wo durch Eiſenbahnen und ſonſtigen Verkehr viel fremdartige Sitten in das alte. Rhätien hereingeſchleppt werden, ſieht man wohl hier und da einen lichter⸗ glänzenden Chriſtbaum; doch das iſt immer nur noch vereinzelt und wird auch von gewiſſer⸗ Seite, der nicht dieſe Lichter allein zu⸗ wider ſind, gar nicht gern geſehen.
Gehen wir lieber wieder hinaus aus dem Zimmer mit ſei⸗ ner bedrückenden Stille!
Schwarz, wie der Fluß der heidniſchen Unterwelt, kommen die Wellen des Sees an die morſche Schiffhütte heran; es iſt ein unheimliches, feindſeliges Kluckſen. Drüben auf der Kante des hohen Spieljoches liegt, wie auf jenem Berg des Märchens, ein funkelnder Rubin; es iſt die röthliche Scheibe des Mars, die hinter dem ſcharfen Grate ſchwebt. Er zittert, wie zornig, in der froſt⸗ klaren Luft, der grimme Gott. Es iſt, als ob er heute in der heiligen Nacht wieder beſondere Wuth verſpürte, daß ſein und ſei⸗ ner Genoſſen Reich von dem Unbekannten aus Judäa zerſtört wor⸗ den iſt. Bei dieſen heidniſchen Exrinnerungen fallen mir die„ver⸗ bannten Götter“ unſeres armen Heinrich Heine ein, von denen einer, der ſchöne Dionyſos, hier an unſerm See ein ſonderbares Abenteuer unternimmt. Er kommt Nachts— ſie mag ſo finſter und undurchſichtig geweſen ſein wie dieſe Froſtnacht— zu einem jungen Fiſcher am Strande und entlehnt ſich einen Kahn, den er in wenigen Stunden zurückzubringen verſpricht. Der Fiſcher ſchlich ſich dem Unbekannten nach und ſah ihn ſo an einer wenig beſuch⸗ ten Uferſtelle auf einen Triumphwagen ſteigen und mit Satyrn, Faunen und Bacchanten jene ſeltſame Orgie feiern, die uns My⸗ thologiekundigen als Bacchuszug wohlbekannt iſt. Der ſchlichte Sohn der Berge hielt die Erſcheinung für hölliſches Blendwerk und wollte ſie, ſein Gewiſſen zu erleichtern, dem Prior eines Fran⸗ ciscanerkloſters mittheilen, der in der ganzen Umgegend den Ruf eines großen Geiſterbanners genoß. Wie groß war aber ſein Ent⸗ ſetzen, als dieſer die Kapuze zurückſchlug und er in ihm den nächt⸗ lichen Gaſt erkannte! Auch wurde ſein Anliegen ſehr ungnädig aufgenommen, indem ihn der Prior für einen betrunkenen Knecht erklärte, der nicht wiſſe, was er ſage, und die Fuchtel verdiene. Darauf befahl er ihm, reinen Mund über das Vorgefal halten. 3
Noch ein wenig von dem duftigen Rothwein und es wäre auch für uns nicht unmöglich, ſeltſame Ge⸗ ſtalten von den Wänden wiedergeſpiegelt zu ſehen. Denn im Scheine einer der Fackeln, die, bereits zum Chriſtnachtgange vor⸗ bereitet, da ſtanden und von uns mit in die Nacht hinausgetragen worden ſind, ſchneidet der Fels, an den der grasgrüne Eiszug eines Gießbaches angeklebt iſt, mit ſeinen Ritzen, Spalten und Vertie⸗ fungen wunderliche Geſichter. Unten ſteht er auf unförmlichen Klumpfüßen, denn das klare Eis iſt ihm mächtig und bauſchig über die Sohle angeſchwollen, die bereiften kahlen Sträucher hän⸗ gen ihm wirr über den Kopf, und ein ſonderbarer Geifer, halb Reif, halb Schnee, luftig ſchwebend wie die Fäden des alten Weiber⸗ ſommers, hängt an ſeinem krauſen Bart, den Latſchen.* Es iſt, als ob er höhniſch zu den Klängen grinſte, die eben aus unſerm Häuschen herübertönen— denn, o Wunder, es muß eine Feſt⸗ laune, eine Ahnung der Weihnacht unter die Spinnerinnen gekom⸗ men ſein. So deutlich, wie es der Anprall des Sees an das aus⸗ gehöhlte Ufer zuläßt, höre ich ein im nördlichen Tirol weit bekann⸗ tes Lied durch die Dunkelheit tönen, in deſſen halb feierliche, halb wehmüthige Melodie ſich der weiche Reſonanzklang der Cither miſcht:
„Auf der Alma ragt a Haus
Still und öd in's Thal hinaus;
Drin im Haus mit munterm Sinn
Wohnt eine ſchöne Sennerin.
Die Sennerin ſingt manch ein Lied,
Wenn durch das Thal der Nebel zieht,
Und da ertönt's durch Luft und Wind:
Auf der Alma, auf der Alma giebt's koa Sünd'.“ Dazu fletſcht er ſpöttiſch, der alte verwitterte Stein, denn es iſt ein Sommerlied und er weiß es aus der Erfahrung von Jahr⸗ tauſenden, wie weit die goldene Zeit noch fern abſteht und wie viele Schneeſtürme noch den empörten See peitſchen werden, ehe auf den Matten droben wieder laue Lüfte wehen und die grauen Zin⸗ ken ſchneelos gegen den Himmel ragen.
Neugierig wenden wir uns zu unſerm zeitweiligen Aſyle
* Pinyjs Mughus Scop. 4
4
————
zurü wir ſpiel um hat der ge al
—


