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von dem Vor e
kam, war es zu ſpät. Er eilte hinaus. Die vier Extrapoſtpferde flogen ſchon im Galopp mit dem Wagen davon. Der Wirth rief. Der Poſtillon hörte es nicht mehr, und der Wagen verſchwand.
„Wo iſt die Frau, Herr?“ fragte der Knecht.
„Hat er es Euch nicht geſagt?“
„Wir haben ihn nicht gefragt.“
Auch den Poſtillon und den Knecht hatte das Weſen des Fremden in Reſpect gehalten. Keiner von ihnen hatte gewagt, ihn nach ſeiner Frau zu fuagen Er war raſch in den Wagen geſtiegen, hatte dem Poſtillon ſein befehlendes„Fort!“ zugerufen und die Wagenthür zugeſchlagen. Der Poſtillon hatte auf die Pferde eingehauen, der Wagen flog davon. Den Wirth hatte eine ungeheure Angſt ergriffen. Er hatte den Kopf völlig verlo⸗ ren und wußte nicht mehr, was er thun ſollte. Er weckte das ganze Haus.
„Wir haben eine Leiche im Hauſe! Die Frau des Fremden. Und er iſt fort!“
Angſt und Entſetzen ergriff ſie Alle, wie ihn. Sie eilten in das Zimmer oben und ſchlugen die Aüna hädin des Bettes aus⸗ einander. Die Leiche der Frau lag vor ihnen in dem Bette. Sie lag ineinander gekrümmt; Arme und Hände waren wie verrenkt; das Geſicht war dunkelroth, faſt blau. Das waren Erſchelnungen, die allerdings— Tod im Krampfanfall andeuteten. Die Leiche war ſchon kalt; der Tod mußte ſeit mehreren Stunden eingetreten ſein. Es war die Leicho einer noch ſehr jungen Frau. Sie konnte höchſtens achtzehn Jahre gezählt haben. Sie war eine ungewöhn— lich ſchöne Frau geweſen; eine große, ſchlanke Geſtalt, vollendete nargnſornen. Das Geſicht war verzerrt; aber man erkannte auch in der Verzerrung die ſchönen, regelmäßigen Züge. Und, es war wunderbar, dieſe Züge, je länger man das Geſicht anſah, traten um ſo agelnäßiger, ſchöner, edler hervor und ſelbſt die dunkle Farbe entwich mehr und mehr und machte der natürlichen weißen des Todes Platz.
Das Entſetzen der Leute wich der Theilnahme, dem tiefſten Mitleiden mit der ſchönen, ſo jung Verſtorbenen. Das Mitleiden wich wieder dem Entſetzen: die Unglückliche haitr hier in der Fremde ſterben müſſen, allein mit dem Manne, der keine Hülfe zu ihr gerufen, der mit jener Ruhe dem Wirth ihran Tod hatte ankün⸗ digen, der ſie allein, ganz allein in der Fremde, wildfremden Men⸗ ſchen hatte überlaſſen können!
Der Krämer in dem Zimmer nebenan war durch die Unruhe wach geworden. Man wollte ihn wecken; da trat er in das Zim⸗ mer. Er mußte irgend eine Auskunft geben können. Er theilte mit, was er wußte. Es zeigte nicht geradezu ein Verbrechen an, auch jetzt nicht, da man die Todte vor ſich ſah. Ein Krampfan⸗ fall, von dem der Fremde geſprochen hatte, war noch immer mög⸗ lich, natürlich. Aber—
„Hier i ein Verbrechen begangen, ein Mord!“
Man las es auf all den bleichen, entſetzten Geſichtern. Und was nun weiter? Der Mörder war fort. Vier raſche, kräftige Ertrapoſtpferde hatten ihn früher zu der nächſten Station gebracht,
als man in der Linde Pferde zu ſeiner Verfolgung ſatteln konnte. Hatte man die nächſte Station erreicht, ſo war er ſchon auf der dritten. Gleich hinter der zweiten Station war die Landesgrenze, ieuſeits welcher der Verfolgung neue Hinderniſſe jentgegentratan. Und man wußte nicht einmal ſeinen Namen. Der Wirth hatte nicht gewagt, ihn danach zu fragen; den Poſtillon noch einmal zu fragen, hatte er vergeſſen. Vielleicht gaben die Kleidungsſtücke und die Wäſche der Todten Alusbumft. Man durchſuchte ſie, fand aber nur enen Unterrock, das Hemd, ein Nachttuch. Alles Andere mußte der Fremde in die Koffer gepackt und mitgenommen haben. War es nicht ein neuer Beweis für ein Verbrechen? Hemd und Tuch trugen den Buchſtaben B. eingenäht. Das war Alles, was man fand. Was war weiter zu t thun? Man beſchloß Folgendes. Der Krämer mußte in der Rich⸗
tung weiter reiſen, in welcher die Ertrapoſt gefahren war. Die nächſte Poſtſtation war in e nächſten Städtchen. In dieſem waren Gerichts⸗ und Polizeibehörden. Ihnen ſollte der Krämer fallenen Anzeige machen. Gericht und Polizei muß⸗ ten dann ſofort herüber kommen. Vis zu ihrer Ankunft ſollten „Bett u Zimmer in dem Zuſtande bleiben, in dem ſie Das Weitere mußten die Beamten wiſſen. Der Krämer
reiſte auch ſcheunig ab. Das Zimmer, in dem die Leiche war, wurde verſchl ſoſjen.
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Nach einer Stunde kam der Poſtillon mit den Pferden zurück.
„Was iſt es mit der Frau?“ fragte er.
„Was hat man Euch von ihr geſagt?“ war die Rückfrage.
„Gar nichts!“
Der Poſtillon hatte nicht den Muth gehabt, an den ſtolzen, hochfahrenden Mann eine einzige Frage zu richten. Auf der Sta⸗ tion hatte der Fremde ſich ſofort neue Pferde geben laſſen und war ohne Aufenthalt weitergefahren.
„Und ſein Name, Schwager?“
Der Poſtillon zog ſeinen Begleitzettel hervor.
„Herr Bormann aus Hamburd zwei Perſonen.“
Das war Alles, was über den Fremden und die Todte in dem Zettel ſtand. Am ſpäteren Vormittage kamen die Gerichts⸗ beamten aus dem Städtchen. Gericht und Polizet dort waren vor⸗ ſichtig geweſen, vielleicht zu vorſichtin⸗ Zu einer ſchleunigen Feſt⸗ ſtellung des Thatbeſtandes forderte die Anzeige des Krämers ſie auf. Aber zu einer Verfolgung des Reiſenden hielten ſie ſich erſt dann berechtigt, wenn der Thatbeſtand eines Verbrechens feſtgeſtellt ſei. Das Gericht erſchien ſofort mit den Gerichtsärzten. Die Unterſuchung begann.
Die Aerzte gewannen in den erſten zehn Minuten die Ueber⸗ zeugung, daß die Frau keines natürlichen Todes geſtorben war: ſie war vergiftet— durch Strychnin. Schon der äußerliche Befund ſprach unzweifelhaft dafür. Die gekrümmte, verzerrte Lage der Verſtorbenen, die dunkelrothe Geſichtsfarbe zeigten, daß der Tod in jenem eigenthümlichen Starrkrampfe, Tetanus, erfolgt war, der gerade durch den Genuß von Strychnin herbeigeführt wird. In einer der Theetaſſen, die noch auf dem Tiſche im Zimmer ſtanden, fand man die Ueberreſte des Giftes ſel bſt. Die darauf vorge⸗ nommene Section der Leiche wies die Spuren des Giftes in dem Körper auf. An eine Selbſtvergiftung war nicht zu denken; es lag ein Giftmord vor. Das Gift war der Frau in dem Thee
beigebracht. Der Mörder war ihr Mann. Sie ſe leſ hatte krank im Bette gelegen; ihr Mann hatte ihr den Thee eeinſchenken, reichen müſſen; nur er hatte das Gift in die Taſſe bringen kön⸗
nen. Und mit welcher furchtbaren Rohheit war das Verbrechen ver⸗ übt worden! Der Mann hatte der krank im Beit liegenden Frau das Gift in das Getränk miſchen können; er ſelbſt hatte es ihr ge⸗ reicht; er hatte dabei geſtanden und zugeſehen, wie ſie es genoß; er hatte die Taſſe aus ihrer Hand zurückempfangen. Das Alles hatte er mit ruhigem Blute, mit völlig klarer Ueberlegung ge⸗ konnt; hatte er gekonut gegen das arme, junge, ſchöne Geſchöpf, das mit ihm allein in fremdem Lande, unter wildfremden Men⸗ ſchen allein, das ſeine Frau war, das er wenigſtens ſelbſt ſeine Frau genannt hatte, das unter allen Umſtänden nur in ſeinem Schutze ſtand, nur von ihm Hülfe erwarten, erhalten konnte. Er war ihr Mörder geworden. Welche empörende Rohheit zeigten dabei die Nebenumſtände! Auch das Geſchirr für ſein Abendbrod ſtand noch auf dem Tiſche; er hatte Alles verzehrt, die ganze Flaſche Wein geleert. Er hatte Hunger gehabt, er hatte ſich an dem Wein laben können, während die Unglückliche in jenen entſetz⸗ lichen Schmerzen ſich krümmte, mit dem fürchterlichen Tode rang, den er ihr bereitet hatte. Wie er ihr dann augenblickliche Theil⸗ nahme geheuchelt, wie ihm aber das bald langweilig geworden, davon war der Krämer in dem Zimmer nebenan Zeuge geweſen.
Polizei und Gericht verfolgten die Spur des Verbrechers, in der Richtung, aus der er mit ſeinem Opfer gekommen war, in der, die er nach vollführter That weiter genommen hatte. In jener erſten kam man nur bis zu der zweiten Station vor der Buchhauſer Linde. Es war eine größere Provinzialſtadt. Der Fremde, Herr Bormann, wie er ſich auch dort genannt hatte, war am Abende vorher in einem Gaſthofe der Vorſtadt mit einem fremden Lohnkutſcher angekommen. Der Lohnkutſcher war nach kurzem Anfenthalt zurückgekehrt. Niemand hatte ihn gekannt— er war noch nie dort geweſen; Niemand hatte ihn gefragt, wer er ſei, woher er komme. Der Fremde hatte ſich mit ſeiner Be⸗ gleiterin, die er auch damals ſeine Frau genannt, ſofort in das ihnen augewieſene Zimmer begeben. Beide hatten dieſes den Abende nicht verlaſſen. Die Frau hatte friſch, geſund ausgeſehenz war ſie ſtill geweſen. Der Herr hatte ein kurzes, voruehies, be fehlendes Weſen gezeigt. Am folgenden Morgen Wirth zu ſich kommen laſſen.
„Kaufen Sie mir einen Reiſewagen,“ befe hlenden Weiſe geſagt.
kurzen,


