Jahrgang 
11 (1865)
Seite
170
Einzelbild herunterladen

ſind niedrig, hauptſächlich des Holztransports wegen; im Winter ſind jedem einzelnen oft zwölf und mehr Paare Ochſen vorge⸗ ſpannt. In jedem Orte an der Landſtraße wohnen Fuhrherren, die insgeſammt über zehntauſend Fuhrknechte in Sold haben ſollen. Nun denke man ſich im Winter, wo für den Verkehr eine Bahn durch den Schnee gegraben werden muß, die dann oft zwiſchen haushohen Schneemauern hinführt, eine Begegnung mit ſolch einer Wagenreihe! Oft iſt das Umwenden und Umkehren ebenſo un⸗ möglich, wie das Ausweichen. Dann iſt kein anderer Ausweg, als daß die Zugthiere und Menſchen einzeln ſeitwärts an eine der Schneemauern ſich feſt an⸗, ja faſt hineindrücken, während der Schlit⸗ ten der Reiſenden ſo hoch gehalten wird, daß das wilde Heer vor⸗ überdrängen, treiben und ſchlagen und ſtoßen und fluchen und prü⸗ geln kann. Iſt die Straße ſelbſt dazu zu eng, ſo bleibt nichts übrig, als in eine Schneewand eine Niſche für den Zug der Rei⸗

ſenden auszugraben, wozu Alles Hand anlegen muß.

In einer ſolchen Niſche ſtaken wir mit unſerm Schlitten auf dem jenſeitigen Abhang des Berges, über welchen die Straße von 1' Präwald(faſt am Fuße des Nanos!) nach Adelsberg führt.

Arbeit und todtmüde kauerten wir da, und immer wollte des Fuhrwerks kein Ende werden, als plötzlich der Zug ſtockte und vom Berge her der Angſtſchrei:Bora! Bora! erſcholl. Die Thiere brüllten, ſie kennen die Gefahr, und 1 mit einem Male wurde es Nacht über uns, um uns einen langen, bangen Augenblick eine Schneelawine hatte ſich über uns hingewälzt, und nun folgte der zerriebene Flugſchnee wie ein raſſelnder Regen und jagte über uns hin. Dann begann ein Drängen von rückwärts an uns vorüber etwa zwanzig Fuhr⸗ knechte waren es, die keuchend vorbeiſtürmten und wir ihnen nach, Gepäck und Schlitten und Thiere im Stiche⸗laſſend, drängten wir uns zwiſchen den Geſchirren und den Schneemauern fort es waren nur noch wenige, aber noch viel weniger Augenblicke hätten vazu gehört, uns ein Grab der Lebendigen zu bereiten. Die Bora ſchleuderte uns in der Hohlgaſſe der Schneemauern wie Schnee⸗ ballen vorwärts, ſo daß wir kaum auffußten, und doch mit dem klirrenden Schnee uns die Nacken peitſchend die Sinne wollten mir vergehen, als ich plötzlich niederſtürzte und dies blos, weil die Bora plötzlich mich nicht mehr trug, ſondern über unſern Häuptern weiter wüthete. Als ich die Augen wieder gebrauchen konnte, das Bewußtſein der erlebten jüngſten paar Augenblicke mir klar wurde, ſuchte mein erſter Gedanke, der erſte Strahl des Blicks nach meinen Zöglingen. Vor mir lagen allerlei Geſtalten durch⸗ einander der arme Türke war der Erſte, den ich ſah, und da, neben ihm krochen meine Jungen hervor, der eine im Geſicht blutend, der andere hinkend, aber ſonſt geſund und gerettet Beide. Gerettet waren übrigens Alle, die nicht verweht waren. Die Bora hatte uns in Adelsberg ſelbſt abgeworfen, und Hülfe kam nun von allen Seiten, und auch wir fanden ein Fleckchen im überfüllten Wirthshauſe.

Aber welcher Jammer brach nun los, als die Menſchen erſt wieder zu Beſinnung gekommen waren! Mehr als dreißig Geſchirre ſtaken zwiſchen den Schneemauern, wie viel Reiſende noch hinter uns ſich eingewühlt haben mochten, wußte Niemand. Der halbe Ort machte ſich auf den Weg, um die Rettung zu verſuchen. In der Wirthsſtube wurde es trotzdem nicht leerer, denn auch von⸗ der anderen Seite dieſer Schreckensſtraße, von Planina her kamen Flüchtige und Boten des Unglücks. Geſchirre waren in den Ab⸗ grund geſchleudert, Handwerksburſche von einer Schneewehe ver⸗ ſchüttet und der Einzige, der ſich gerettet hatte, ſtand an der Thür und konnte vor Erregtheit und Erſchöpfung nur ſtoßweiſe die Erzählung des Jammers vollenden; er hatte einen Bruder unter den Verwehten.

Schweißtriefend von der

6 L

eute zurück, die den vielen Fuhrgeſchirren Alle Mühe war vergebens. Die Bora ließ keinen Menſchen zu der Stätte, wo ſie ihr großes Grab vollendete. Haushoch hatte ſie die Grabhügel über der Straße aufgeworfen. Händeringend liefen Frauen und Kinder umher aber Hülfe war unmöglich. Die Nacht war rabenſchwarz herein⸗ gebrochen. Trotzdem keine Laterne, keine Fackel in dem Sturm zu benutzen war, eilten doch viele der Männer der anderen Seite des Unglücks zu. Der Handwerksburſch führte ſie. Sie kamen jedoch noch früher zurück, als vom erſten Verſuch. Die Bora ſpottete der aufopferndſten Anſtrengung des Menſchen, ja ſie begann die

Indeß kamen di zu Hülfe geeilt waren.

E

Straßen im Orte ſelbſt zu verwehen, ſo daß wir bald auch von jeder Nachricht von außen abgeſperrt waren.

Es war eine fürchterliche Nacht, an Schlaf natürlich nicht zu denken, auch wenn wir Betten hätten bekommen können. Der Vorrath des Gaſthauſes war längſt beſetzt und doch ſchlief Niemand, die Kälte rüttelte Alles munter. Dabei war nicht ein⸗ mal ein Einheizen möglich; der Sturm ließ keine Flamme auf⸗ kommen, und unſere Mäntel und Burnuſſe lagen bei unſerm übrigen Hab und Gut begraben. Nur unſer Türke hatte Nichts verloren, die Pantoffeln unter den Armen und einen Zipfel des Turbans in der Fauſt war er dahingeweht worden. Aber trotz all ſeiner Habe fror er doch mehr als Alle. Erſt weit nach Mitter⸗ nacht ließ der Sturm ein wenig nach, ſo daß uns wenigſtens eine kräftige Ofenwärme erquicken konnte, und da fiel auch manches Auge in Schlummer.

Sobald der Morgen graute, Neuem. Die Straße in Adelsberg ich eilte mit hinaus und überließ meine Zöglinge an der Seite des Türken ihrem geſunden Schlaf. Welch ein Anblick! Die Gegend war nicht mehr zu erkennen. Wo die Straße ſich hinzog, ragte ein Schneehügel auf, unheimlich von der Morgenſonne ge⸗ röthet. Aber die Luft war ruhig geworden, und ſo gingen denn Hunderte von Händen mit Schaufeln und Karren an die Arbeit. Ich eilte auch nach der andern Seite der Verwüſtung hin, zur Straße, die nach Planina führt. Sie war weniger verweht. Es war Hoff⸗ nung, daß ſie bald wieder fahrbar würde, zumal man dieſe Arbeit von jedem Orte am Wege aus in Angriff nimmt.

Gegen Mittag war die Ausgrabung auf der Präwalder Seite bis zu unſerer Schneemauerniſche vorgerückt. Die Arbeit war außerordentlich ſchwer. Die Bora hatte ihren Flugſchnee ſo feſt zwiſchen die Geſchirre und die Wände eingekeilt, daß man viele Thiere ſtehend erſtickt und erfroren fand. Auch unſere Pferde lehnten wie lebend an der Schneemauer. Wir fuhren unſeren Schlitten ſelbſt zum Gaſthaus, und da Nachmittags die Nachricht von Planina kam, daß der Weg frei ſei, ſo verließen wir die Stätte des Schreckens und Jammers, deſſen Bilder uns auf der Straße noch oft genug entgegenſtarrten. Von den verſchütteten Handwerksburſchen lagen mehrere ausgegrabene an der Straße.

begann das Rettungswerk von ſelbſt war bald gangbar. Auch

Was der Abgrund zur Rechten verſchlungen hatte, bedeckte der Schnee; nur ein Pferd konnten wir erkennen, deſſen Hals ein Fuhr⸗ knecht umklammert hielt. Sie hatten treu bis in den Tod zuſam⸗ mengehalten.

In Planina begrüßten wir die Grenze des Reichs der Bora; die ausgeſtandene Schreckniß blieb nicht zurück, ſondern hielt noch auf der Eiſenbahn, die wir in Laibach beſtiegen, die Erinnerung feſt an die Adelsberger Nacht gebannt.

Schon damals ſprach man in Laibach gegen uns die Hoff⸗ nung aus, durch die Locomotive auch der Bora Herr zu werden. Eines der großartigſten und kühnſten Bauwerke aller Zeiten und aller Länder wurde vollendet: die Karſtbahn. In der That ſchien ihr Sieg über den König aller europäiſchen Sturmwinde ein vollendeter zu ſein, denn außer den Schneewehen hatte man Zahre

V lang keinen Unfall auf der Bahn zu beklagen. Da U imbn V Oſtdeutſche Poſt folgende Nachricht:Schon ſeit Sonn off 11. Februar) früh herrſchte auf der Strecke nächſt] esßte derartige Bora, daß Telegraphenſtangen umgeworfen, 2 in wurzelt und rieſige Schneemaſſen in die Bahneinſchnitte zurb= V wurden. Beſonders auf dem Karſt wüthete das Unwetter bien, lichſten und gerade zu der Zeit, als der aus Wien cheiſt Laſtenzug Nr. 133 die Karſtböſchung paſſiren wollte.* g die

mit voller Kraft gef langſam vorwärts und hatte das den die größte Vorſicht zu beobachten, dem Bahnzuge herabgeſchleudert zu werden. In dieſer Situe

wurde die Station Viavaca gegen ſechs Uhr Abends glüfich paſ

Eine kurze Strecke jedoch vor der Station Ober⸗Leſe, bekam

Zug von dem furchtbar wüthenden Sturm einen tigen Ste dem ſofort ein zweiter derartiger folgte, daß derug aus da Gleiſe gebracht wurde, und nun hatte der Stu. vollkommenen Spielraum. Als wären es leichte Wägelchen, wych zwei Waggons auf den Schienen plötzlich umgeworfen und hieüber d beſchädigt,

ahren wurde, bewegte ſich der Zug ulr en Zug begleitende Dienſtz um nicht vom Sturme

während drei andere Waggons, von dem Su Glü Böſchung geſchleudert in der Tiefe gänzlich zertrünf ücklicherweiſe Pfeecc4üeee⸗ 8

xxx