——
—õõ—
———— —
—————
Der Lloyddampfer ſchaukelte uns, von Venedig kommend,
zwiſchen Grado und Pirano auf der Adria, die von einer abſter⸗
benden Maretta, wie die italieniſchen Schiffsleute das nördliche Nachzittern ſüdlicher Stürme des adriatiſchen Meeres nennen, zu ſchönen langgeſtreckten Wogen gehoben wurde.
„Hier iſt ein reizender Punkt der Erde,“ wandte der Capitain ſich an die heitere Gruppe von deutſchen Reiſenden, die wir am Compaßhäuschen bildeten.„So oft ich auch dieſe Tour mache, dieſe Einfahrt in den Golf von Trieſt hat in den langen Jahren meines Dienſtes für meine Augen nichts von ihrem Zauber ver⸗ loren. Wie prachtvoll der Rieſenkranz der cadoriſchen, carniſchen und juliſchen Alpen in weiten Bogen am fernen Horizonte ſich vor uns ausſpannt! Sehen Sie dieſe zackigen, fauſtigen, feſtungs⸗ artig emportrotzenden weißſchimmernden Felskoloſſe, und doch ſtehen bei uns Seeleuten zwei nähere Berge höher in Achtung: der Monte Spaccato(geſpaltener Berg, von ſeiner Form ſo genannt),
weil er zunächſt über Trieſt liegt, und der Nanos des Karſt, der
als Thron und zugleich als Signalthurm der Bora gilt.“ „Bora?“ fragten mehrere Stimmen.
„Ja,“ fuhr der Capitain fort,„dieſer Nord⸗ oder vielmehr
Nordoſt⸗Sturmwind ſteht bei den Fiſchern des Golfs und den Schiffsleuten von Iſtrien und Dalmatien in ſo hohem Reſpect, wie bei den Fuhrleuten, die beſonders zur Winterzeit über den Karſt fahren müſſen. Soweit das Haupt des Nanos ſichtbar iſt — und man ſieht ihn noch vom Marcusthurm in Venedig aus
— geht in ſeinem ganzen ſüdlichen Bereiche kein Schiffer in See, kein Fiſcher auf den Fang, kein Fuhrmann auf die Reiſe, ohne
erſt nach ihm geſchaut zu haben, denn wenn er ſeine ſchimmernde Wolkenkrone trägt, ſo verkündigt er damit, daß er gerüſtet iſt, ſeine wilden Wetter über Land und Meer zu ſchleudern. Als ob der große Birnbaumer Urwald, vor dem er als ſüdlichſter höchſter Wächter ſteht, in ſeinem noch unerforſchten Innern die Stürme für ihn bereite, ſo brauſen ſie hinter ihm hervor und fegen über den Boden hin mit geradezu unbeſchreiblicher Gewalt.“
„Es ſcheint,“ fiel ein Herr aus Laibach ein,„als ob von den Naturwundern Illyriens die Adelsberger Grotten und der Cirknitzer See draußen im Reich bekannter wären, als unſer eiſi⸗ ger Samum. Mit Sand überſchüttet er freilich keine Karawanen, denn längſt hat er auf der Hochebene der Karſt jedes Bischen Erde hinweggefegt, das nicht hinter Schutzmauern oder in den Dollinen* geborgen iſt. Soweit die Bora ihn beſtreicht, iſt der Boden nichts als eine Maſſe auf das Sänberlichſte abgeriebener Kalkſteinbröck⸗ chen. So lange noch kein Schnee auf dem Gebirge liegt, kündigt die Bora ſich meilenweit durch die maſſenhaften Staubwolken an, die ſie aufwühlt und vor ſich hertreibt. Aber erſt im Winter be⸗ ginnt ihre volle furchtbare Herrſchaft, da fordert ſie oft viele, viele Menſchenleben.“
„Im Sommer,“ ergänzte der Capitain,„iſt ſie, den wahr⸗ haften Staubregen, den ſie von Optſchina her über uns ergießt, abgerechnet, mehr wohlthätig, als ſchädlich. Wir verdanken ihr den ziemlich guten Geſundheitsſtand von Trieſt, weil ſie die ſchäd⸗ lichen Ausdünſtungen aus der Stadt vertreibt und der ſtets ſieg⸗ reiche Gegner des Sirocco iſt, der alles Leben erſchlafft und manche Geſundheit untergräbt. Die erfriſchende Kraft der Bora zeigt ſich auch im beſſeren Appetit der Menſchen, die während ihrer Ober⸗ herrſchaft im Reich der Lüfte kräftigere Nahrung vertragen und denen dann auch Auſtern und Ihre ſtarken deutſchen Weine und Biere nicht ſchaden, die außerdem Niemandem zu empfehlen ſind, der in Trieſt geſund bleiben will.“
„Das wird aber wohl das einzige Lob ſein, das die Bora verdient,“ warf der Laibacher dazwiſchen.
„Allerdings,“ fuhr der Capitain fort,„denn außerdem haben wir nicht blos in Trieſt, ſondern hauptſächlich zur See viel von ihr zu leiden. An den dalmatiſchen Küſten und beſonders im Quarnero(dem Fahrwaſſer zwiſchen den Inſeln ſüdlich von Iſtrien und von Fiume) zerſchmettert ſie jährlich manches Schiff, beſon⸗ ders gehen der armen kleinen Trabacoli, unſerer eigentlichen Küſten⸗ handelsſchiffe, die beladen oft kaum einen Fuß Bord haben, jähr⸗
»Dollinen, trichterförmige Vertiefungen des Karſtbodens; vergl. weiter unten.
Der Rönig der europäiſchen Sturmwinde.
Von Friedrich Hofmann.
lich viele zu Grunde. Das Gefährlichſte, die eigentlich vernich⸗ tende Kraft der Bora, beſteht in ihrer ſtoßweiſen Wirkung. der Vulcan ſeine Lavagarbe plötzlich hinaufwirft und dann ebenſo plötzlich wieder ruht, um Kraft zu ſammeln, gleichſam wieder friſch zu laden für die nächſte Exploſion, ſo iſt's auch der Anprall, der Stoß, mit dem die Bora, wenn ſie hinterm Nanos hervorbricht, ſo vernichtend wirkt; ſie ſteht nach ſolchem Stoß für Augenblicke plötzlich ſtill, ehe der zweite und dritte und ſo fort erfolgt, bis ſie endlich auf dem Boden des Karſt dahintobt, von der ſteilen Höhe herniederfährt, die Kronen aller Bäume bricht, die ſtärkſten Stämme entwurzelt, durch die Straßen von Trieſt raſt, oft ganze Dächerreihen abhebt und endlich das Meer zerpeitſcht, daß es einer Rieſenſchüſſel voll Seifenſchaum gleicht.“
„Herr Capitain,“ rief da eine norddeutſche Stimme aus,„Sie machen mir angſt und bange. Jetzt ſtehen wir ſchon im Spät⸗ herbſt und ich kann erſt in ſechs Wochen von Trieſt weiter reiſen und muß nach Laibach; da komme ich ja gerade in die ſchlimmſte Zeit dieſer ſchauderhaften Bora.“
„Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ erwiderte ruhig der Capitain. „Indeß iſt für Poſtreiſende ſtets Vorſorge getroffen. Sobald die Borawolke des Nanos ſich zeigt, begleiten jeden Poſtwagen zehn bis zwölf Männer mit Stangen und Stricken, und ſobald die Ge⸗ fahr naht, werden von der einen Hälfte der Mannſchaft auf der Sturmſeite die Stricke oben am Wagen befeſtigt und angezogen, während die andere Hälfte die Stangen ebenfalls oben am Wagen einſtemmt— ſo geht es Schritt vor Schritt dem Orean entgegen und in ihm vorwärts. Es geſchieht freilich oft genug, daß den⸗ noch ſelbſt der ſchwerſte Poſtwagen umgeworfen wird, aber doch ſelten gerade an einer ſo böſen Stelle, daß Wagen, Pferde und Menſchen in die Abgründe ſtürzen.“
„Heiliger Himmel, das ſind ſchöne Ausſichten!“ rief unſer Norddeutſcher. Der Laibacher, dem es lange ſchon auf der Zunge gebrannt, ergriff nun das Wort.„Mit Vorſicht,“ ſagte er,„iſt auch dieſen Gefahren zu entgehen, man muß nur nicht auf ſeinem Kopf beharren, wenn die Bewohner der Orte an der Straße, die von der Bora beſtrichen wird, von der Weiterreiſe abmahnen. Gegen die Bora gilt kein Trotz, das hat erſt neulich wieder ein ſchweres Unglück bewieſen. In Planina kam eine Schwadron Hu⸗ ſaren an, die nach Verona beſtimmt war und die ſogleich nach Adelsberg weiter reiten wollte. Der kaiſerliche Weginſpector machte dem Rittmeiſter pflichtſchuldig die Meldung, daß ſeit zwei Tagen ſehr ſtarke Bora ſei. Der Ort ſtand voll Fuhrwerk, das ſich nicht weiter getraute, und Nachricht war gekommen von vielen verun⸗ glückten Geſchirren und Menſchen,— denn Sie müſſen wiſſen, daß der ungeheure Verkehr auf der Straße von Wien und Laibach nach Trieſt und Italien durch die Bora oft wochenlang unter⸗ brochen iſt.— Bei dem Herrn Rittmeiſter half jedoch alles Ab⸗ reden nicht. Komme Jemand einem Huſaren mit Gefahr! Sie rit⸗ ten, trotzdem der Weginſpector flehentlich bat, ſo viel Menſchen⸗ leben und kaiſerliches Gut zu ſchonen, nun erſt recht— und von den braven Huſaren ritten die meiſten in den Tod.“
„Entſetzlich!“ riefen wir Alle, und„Ja, ſo iſt's!“ beſtätigte der Capitain.
„Die Bora,“ fuhr der Laibacher fort,„lauerte wie ein Raub⸗ thier auf ihre Beute. Und es iſt eine der ſchlimmſten Stellen, die zwiſchen Planina und Adelsberg, weil die Straße links meiſt an tiefen Abgründen hinführt. Dort brach der Sturm über die, Schwadron herein— ſchon der erſte Stoß ſchleuderte Alle von den Roſſen und Viele in die Tiefe. Nur Wenige, die Geiſtes⸗ gegenwart genug hatten, ſich nach dem Sturz hinter ihre Pferde auf den Boden zu legen, oder die beim Sturz glücklich ſo zu lie⸗ gen kamen, daß die ſchwere Pferdelaſt ſie ſchützte und ſie ſelbſt gleichſam einen Hemmkeil bildeten, der auch dem Pferde einen feſtern Halt gegen die Stöße der Bora gab,— nur dieſe Wenigen wur⸗ den gerettet. Und das iſt nur ein Beiſpiel, das eben Aufſehen gemacht hat, weil es kaiſerliches Militär und gerade Huſaren be⸗ troffen, die Jedermann beſonders lieb hat. Wie viele Fuhrmanns⸗ wagen werden jährlich umgeworfen und zertrümmert; wie viele Fuhrleute unter den Schneelawinen begraben, die der Sturm vom Boden ordentlich aufwirbelt und über Alles hinwälzt; wie viele
d) Wie


