Jahrgang 
11 (1865)
Seite
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thalter von und merkte und ſchob Söller,

durchrauſcht

die te, wo ble⸗

darin eine ſolche Menge von Kriegsrüſtungen und

Waffen aller Art aufgehäuft, daß ſich in wenigen Augenblicken mehrere Schaaren Krieger vollkommen darin rüſten und wie aus dem troiſchen Pferde hervorbrechen könnten. Aus dem Schloſſe führte man den Prin⸗ zen in die anliegende Gegend zur Rennbahn, in's Ballhaus und dergleichen Uebungsplätze für die ritterliche Jugend. In den auf's Beſte gepflegten Gärten erblickt man Paradieſe, Labyrinthe und allerlei Grotten, den Waſſernymphen geheiligt und mit künſtlichen Quellen bewäſſert. Dieſe verſchiedenen Springbrunnen an ver⸗ ſchiedenen Orten werden reichlich mit Waſſer verſehen durch die Wildbäche, die man aus den nahen Bergen in unterirdiſchen Röh⸗ ren herleitet. Die im Freien angebrachten Speiſeſäle, mit aller⸗ hand lebendigem Grün umkleidet, ſind beſonders niedlich; vor allem aber jene Rotunde, in deren Mitte ein runder Tiſch aus Ahorn ſteht. Unter dieſem ſind Radwerke angebracht, die vom Waſſer getrieben werden und mittels welcher man den Tiſch ſammt den Gäſten ſachte oder raſch herumdrehen und, wenn es gefällt, auch die Leute bis zum Schwindel treiben kann.

Nun ging es nach dem Heiligthum des Weingottes, wo die Fremden gewöhnlich in ſeine Geheimniſſe eingeweiht werden. Es iſt dieſes eine gewaltige und finſtere Felſenhöhle, in welche man über ſteinerne Stufen hinabſteigt. Die Fremden verwundern ſich da ob der dickleibigen Humpen, und ohne Widerrede ſpenden dieſe das edle Naß. Doch nicht eher fühlen jene, daß ſie eingeſperrt ſind, als in dem Augenblicke, da ſie heraus wollen. Nun erken⸗ nen ſie die Macht des Bacchus und merken die Fußfeſſeln, die im Finſtern gelegt und die Gitter, welche verriegelt ſind. Sie finden ſich nicht mehr heraus. Im Nu kommen die Bacchanten, die mit den Gebräuchen auf's Beſte vertraut ſind, herbei, ungeheure Hum⸗ ven, welche an drei Maß halten, in den Händen. Ihr Vorſteher

ggt das Ceremonienbuch und lieſt daraus die Trinkordnung vor. un führt man die Novizen zu einer Tafel voll Nachſchwerk und ſckereien, welche den Durſt reizen. Haben ſie das gewaltige Ge fäß in einem Zuge geleert, ſo ſind ſie eingeweiht und ſchreiben ihren Namen in das Trinkbuch zu den übrigen Verehrern des Gottes ein.

So der Welſche über die verſunkene Herrlichkeit von Amras und deutſche Trinkluſt im Kleid der luſtigen Renaiſſance. In der Amraſer Sammlung findet man jetzt noch die zwei Trinkbücher, worin die eigenhändigen Namenszüge der Herren und Frauen ent⸗ halten ſind, welche zu Lebzeiten des Erzherzogs Ferdinand beim Beſuche des Schloſſes den vorgeſchriebenen Trunk gethan haben. Der erſte Band enthält gleich anfangs die folgenden Zeilen:Im 1567. Jahr den letzten Tag Januarii iſt in dem Schloſſe zu Amras von wegen Erzeugung guter Freundſchaft, Gutwilligkeit und Geſellſchaft aufgericht worden, daß ein Jeder, ſo in gemeldt Schloß Amras kommt, ein Glas wie ein Fäßlein geſtalt mit vier geſchmelzten Reiflein mit Wein in einem Trunk austrinken ſoll und ſeinen Namen zur Gedächtniß in dieſes Buch ſchreiben. Wel⸗ cher aber ſolches in einem Trunk nicht endet, dem ſoll es wieder⸗ um voll eingeſchenkt werden, auch aus dem Schloß nicht weichen, bis er ſolchen Trunk, wie obgemeldt, vollendet hat. Das ſolle alſo dieſes Schloß und Glas Gerechtigkeit ſein und bleiben. Deß⸗ gleichen und obgemeldter Maſſen ſolle auch ein jede Frau und Jungfrau ein kryſtallin Glas wie ein Schiff in einem Trunk aus⸗ zutrinken verbunden und verpflichtet ſein.

Mit dem Erlöſchen des tiroliſchen Regentenhauſes ging auch der Stern von Amras unter. Einzelne Theile der berühmten Sammlung wurden bald den kaiſerlichen Cabineten in Wien ein⸗

verleibt, ſo namentlich die ſeltenen Handſchriften, darunter die ein⸗ ge der Gudrun, welche dem Kaiſer Marimilian gehört hatte, und ſie koſtbaren Gemälde; auch die Perle des Wiener Belvedere, Ra⸗ phael's Madonna nel verde. Was noch zurückblieb, war nur zu oft von unkundigen oder nachläſſigen Schloßhauptleuten ver⸗ wahrloſt, bis 1773 der bekannte Forſcher und Gelehrte Johann Primiſſer zu dieſem Amte berufen wurde und die planlos durch⸗ einander geworfeuen Gegenſtände wieder entwirrte und ordnete. Daß die Sammlung ſpäter ganz nach Wien geſchleppt wurde und trotz dem Teſtamente Ferdinand's und allem Verſprechen ohne Rück⸗ ſicht auf die Wünſche und Rechte des Landes dort zurückbehalten wird, wurde bereits erwähnt. Ein noch ſchlimmeres Loos ward dem Schloſſe ſelbſt beſchieden. Die unteren Werke wurden abge⸗ tragen und die Steine zu Neubauten verwendet. Von den vielen

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und herrlichen Anlagen, welche ſich bis zum Amraſer See erſtreck⸗ ten, iſt kaum mehr eine Spur zu ſinden; der Amraſer See, auf welchem ſich im Winter die Innsbrucker Schlittſchuhläufer tum melten, iſt erſt vor Kurzem ausgelaſſen und in Wieſen umgewan⸗ delt worden. Das Schloß diente lange Zeit als Kaſerne, die un⸗ gariſchen Soldaten ſchlugen den Frescobildern der Habsburger Nägel in die Köpfe, um die Torniſter und Patronentaſchen auf⸗ zuhängen. In Kriegsjahren wurde es auch als Militärſpital benutzt.

Mein Freund wies auf eine Gruppe rieſiger Tannen im nahen Walde. Dort war der Rennplatz, wo einſt vor den Augen der ſchönen Philippina Bogenſtechen abgehalten wurden; jetzt iſt er ein Wallfahrtsort, welchen andächtiges Volk häufig beſucht, um beim Rauſchen der alten Tannen für die Märtyrer zu beten, die hier begraben ſind.

Märtyrer?

Ja, viele tauſend! Hier wurden damals die Leichen der Soldaten, welche im Spitale drauf gingen, eingeſcharrt; demjenigen, der in die k. k. öſterreichiſche Spitalwirthſchaft gerieth, wird wohl Nie⸗ mand den Namen eines Märtyrers verweigern! Das Volk erzählt, daß manche während der franzöſiſchen Revolutionskriege lebend in die Grube geworfen wurden, weil ſich Aerzte und Wärter die Mühe der Pflege erſparen wollten.

In neueſter Zeit wurde Mancherlei an der alten Burg ge flickt. Es waltete wieder eine holde Frau aus fürſtlichem Stamme hier, die Erzherzogin Margaretha, eine ſächſiſche Prinzeſſin. Auch ſie iſt bereits todt. Ihr Gatte, der Erzherzog Karl Ludwig, wel cher, wie ſein großer Vorgäuger Ferdinand, mit der tiroliſchen Glaubenseinheit ſympathiſirte, hat Tirol längſt verlaſſen und nach Ablauf der Wittwertrauer eine Schweſter des Exkönigs von Neapel geheirathet. So wechſelten die Schickſale der Burg und ihrer Bewohner.

Mein Freund mahnte zum Aufbruch. Im Vorbeigehen warfen wir durch die Thür noch einen Blick in Philippina's Badſtüblein; noch ſteht die kupferne Wanne dort, in der ſie ermordet worden ſein ſoll. Wir überlaſſen es dem Leſer, anſtatt der Gräuelſeenen der Sage ſich ein reizenderes Bild herzumalen und mit den Farben Tizian's zu vollenden.

Vor dem Thore gaben wir dem Kutſcher Auftrag, uns im Dorfe Amras zu erwarten. Wir ſchlugen den Fußpfad ein und ſtiegen am grünen Hügel nieder zur Kirche. Dort hieß mich der Freund noch einmal aufblicken. Die Landſchaft ſchloß ſich hier zu dem Bilde, von dem der Leſer eine Skizze ſieht. Das Schloß glänzte in den letzten Strahlen der Sonne, welche auch noch auf dem Knauf des hohen Spitzthurmes blitzten. Auf dem Platze war das Bauernvolk zum Heimgarten in allerlei Gruppen zerſtreut; ein Mann mit dem Knaben im Arm erzählte einem böhmiſchen Sol⸗ daten von Philippina, wie ſie ſo zart geweſen ſei, daß man den rothen Tirolerwein habe durch ihre Kehle fließen ſehen. Dann wandte ſich das Geſpräch auf Doris, den luſtigen Zimmermann, der vor etlichen Jahren den Thurm mit einem neuen Dache ver ſah. Als er es fertig gebracht, ſchwang er ſich auf den Knauf, trank dort jauchzend ein Glas Wein und ſtellte ſich dann auf der Kopf. Sowie das Politiſiren begann, welches nun auch auf den Dörfern um ſich greift, gingen wir in's Wirthshaus zum Kaß peller; nun, der Wein war gut, vielleicht ſo gut, wie ihn Philip⸗ pina geſchlürft.

Es war bereits tiefe Dämmerung, als wir in den Wagen ſtiegen. Zu Innsbruck machten wir noch eine kleine Runde. In der Hofgaſſe zeigte mir mein Freund in einer Niſche die rieſige Statue eines geharniſchten Mannes von faſt neun Fuß Höhe. Er war einer der Söldlinge Ferdinand's, die Amras bewachten. Gleichzeitig diente Philippina ein Zwerg; dieſer wettete, er wolle dem Ungethüme eine Ohrfeige geben, ohne hinaufzuklettern. Heim⸗ lich ſchlich er hinzu, loͤſte dem Rieſen die Schuhriemen und als ſich dieſer bückte, um ſie wieder feſtzuknüpfen, gab er ihm zu allge meinem Gelächter raſch eine Ohrfeige.

Wir waren durch den Bogen der Burg gegangen. Ich konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, noch einmal⸗ in die Hoſtirche zu treten, um das Grab Philippinas ſcheidend zu begrüßen. Das eiſerne Gitter der Kapelle war geſchloſſen.

Am nächſten Morgen führte mich das herrlichen Bergen Tirols nach Baieru⸗

Dampfroß aus den

na