der Habsburgiſchen Phyſiognomie, doch zeigt es mehr Kraft und Geiſt, als man ſonſt durchſchnittlich bei den Köpfen jener ausgeſtorbenen Dynaſtie beobachtet. Im nächſten Zimmer birgt ein Schrank ein kleines Schmuckkäſtlein Philippina's, eine köſtliche Arbeit der Renaiſſancezeit; ein ſchlechtes Gemälde zeigt ſie mit dem Gatten und den Kindern, nette Aeffchen, die in ſteifer ſpaniſcher Tracht zu den Füßen Beider ſpielen. Die be⸗ rühmte Scene, wie ſie durch eine Liſt den kaiſerlichen Schwieger⸗ vater zwingt ihr gegen ſich ſelbſt Recht zu ſprechen und als Vater zu halten, was er als Kaiſer geurtheilt, gab dem Tirolerkünſtler J. Malknecht Stoff zu einem hübſchen Bilde. Auch die Melodie, welche ſie am liebſten zu ſingen pflegte, wurde mir in der Bib⸗ liothek auf Noten geſetzt vorgewieſen.
Der Freund, der meine Theilnahme für die ſchöne Philippina bemerkt hatte, geleitete mich vom Muſeum zur Hofkirche. Dort führte er mich über die Treppe in die ſilberne Kapelle, wo Ferdinand und Philippina begraben liegen. Vorn an der ſüdlichen Wand vertieft ſich eine hohe Niſche geſchmückt mit allerlei Basreliefs, gegen den Altar gewendet kniet ein geharniſchter Ritter mit gefalteten Händen— es iſt die Rüſtung Ferdinand's, der ein gewaltiger Mann geweſen ſein muß; das Volk erzählt von ihm, er habe ein friſchgeſchmiedetes Hufeiſen mit der Hand zerbrochen. Etwas weiter gegen den Eingang zurück wölbt ſich eine zweite kleinere Niſche. Ihr Rand iſt eingefaßt von einem Streifen weißen Marmors mit Engelsköpfen; darunter ruht auf einem Sarkophag, den zwei Basreliefs ſchmücken, das Mar⸗ morbild Philippina's gemeißelt von dem kunſtreichen Meiſter Collin aus Mecheln. Der Ernſt des Lebens hat dieſe Geſtalt berührt, die Züge des ſchönen Antlitzes ſind matronenhaft, die Verklärung des Todes umſpielt ſie, nachdem ihnen der Schmerz ſeine Weihe
trägt das Gepräge
aufgedrückt. Unter dem Steinſarg liegt Philippina begraben. Sie ſtarb 1578 an einer Krankheit, welche ſie unerwartet beſiel. Das Gerücht, als ob ſie von Adel und Jeſuiten, welche die Bürger⸗
tochter des halblutheriſchen Augsburg bitter haßten, im Bade er⸗ mordet worden ſei, verdichtete ſich allerdings zu einer Volksſage, es liegt aber kein Anhaltspunkt vor, der es beſtätigen könnte. Die Geſchichte der edlen Frau iſt zu bekannt, als daß wir ſie hier ausführlich zu berichten brauchten, nur einige Zahlen mögen dem Leſer zur Orientirung dienen. Ihr Geburtsjahr läßt ſich nicht nachweiſen; ſie mochte 1547, wo Ferdinand mit ſeinem Vater den Reichstag zu Augsburg beſuchte, etwa achtzehn Jahre alt ſein. Er ſah ſie auf dem Söller ihres Hauſes, ein Blick entſchied. Die heimliche Vermählung erfolgte am 24. April 1550 zu Innsbruck. Erſt acht Jahre ſpäter verſöhnte ſie den ſchwer gekränkten Vater Ferdi⸗ nand's, welchem ſie zwei Enkel zuführen konnte, zu Prag; 1564 wurde die Ehe öffentlich anerkannt und Phil ippina zur Markgräfin von Burgau ernannt. Fürſten gilt ja der Menſch, und ſei er noch ſo groß und edel, in der Regel erſt dann, wenn ſie ihm einen Orden oder Adelstitel angehängt. Die Ehe war zufrieden und glücklich. arf man Philippina ein Muſter weiblicher Tugenden nennen, ſo zeichnete ſich auch Ferdinand durch viele Eigenſchaften vor Manchem der Purpurgebornen aus. Unter ihm wurde Innsbruck der Mittelpunkt einer großartigen Kunſtthätigkeit; der prächtige Harniſch Franz des Erſten von Frankreich ward urkundlich hier verfertigt, er brachte mit großem Geldaufwande die berühmte Amraſer Sammlung zuſammen. Nur ein Flecken verunſtaltete ſei⸗ nen Charakter: er war im höchſten Grade intolerant gegen Anders⸗ gläubige und befehdete mit den gewaltſamſten W affen den Pro⸗ teſtantismus, wie es auch jetzt eine fanatiſche Partei in Tirol gern thun möchte, wäre nicht die Zeit eine andere.
Dieſe und ähnliche Geſpräche mit einem Freunde Schall der Kloſterglocke, welche die Mönche an den mich an die Table d'hôte in das Gaſthaus rief. ſchaft war ſehr gemiſcht und daher herrſchte aus Furcht vor den Polizeiſpitzeln, die in Oeſterreich epidemiſch ſind, große Zurückhal⸗ tung. Als ich das Geſpräch auf die Amraſer Sammlung brachte, ſeufzte ein Herr in einer grauen Joppe und murmelte halblaut: „Ja die Amraſer Sammlung! die iſt jetzt im Belvedere zu Wien, obwohl ſie großentheils mit tiroliſchem Gelde gekauft ward. Kaiſer Franz hat zwar die
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ſtörte der Tiſch und auch Die Geſell⸗
Der Rückgabe verſprochen, man lieferte ſie jedoch nicht aus, als man die tiroliſchen Stutzen nicht mehr brauchte. So blieb dem Landtage nichts züir, als ſich auf das Teſtament Ferdinand's zu berufen und eine ohnmächtige Rechtsverwahrung inzulegen.“
Die Amraſer Sammlung liegt den Tirolern ſehr am Herzen 8 d 2.,
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Von der welche man den Tirolern gern andichten möchte, habe ich überhaupt nichts bemerkt; wenn man einer ſervilen Phraſe begegnet, ſo iſt es hier wie auch anderswo höchſtens in officiellen Blättern.
Aber nach Amras!— Bei den letzten Häuſern Innsbrucks
ſie können den Verluſt derſelben nicht verſchmerzen.
Hyperloyalität,
that ſich vor uns die Ebene von Wiltau auf; etwa eine Stunde breit iſt ſie die größte, welche Tirol beſitzt. Aus dem kurzen Graſe hoben ſich bereits die erſten Zeitloſen, das Laub der Pap⸗ peln fing an zu vergilben. Rechts von uns ſtreckte ſich mitten in den Wieſen eine lauge Mauer, düber welche goldene Kreuze fun⸗ kelten. Es war der Militärfri wo der unglückliche Tiroler⸗ dichter Johann Wni den cwigen Schlaf ſchläft, ein genialer Mann zertreten und verkümmert im Vormärz Oeſterreichs. Wie viele ſolche Geiſtesmorde mag das Regime von Metternich auf dem Gewiſſen haben? 5
Eine Wendung! der Kutſcher kehrt ſich um der Peitſche auf ein großes unförmliches Gebäude, tüncht von dem Vorſprung eines grünen Hügels in ſchimmert.
„Das iſt Amras!“
Amras? Ich muß geſtehen, ich war bedeutend enttäuſcht. Das Gebäude hätte eben ſo gut eine Kaſerne oder eine Fabrik vorſtellen können, nur nicht ein Fürſtenſchloß umrankt vom Epheu der Sage. Kein Zinnenkranz, keine altersgrauen Thürme, keine
und deutet mit welches weißge⸗ das Thal
dräuenden Wälle, kein Schlagthor! In neueſter Zeit war dem unſchönen Bau ein kleines Thürmlein mit einer Uhr aufgeſetzt
man hatte alles beim Alten belaſſen, vielleicht war es am beſten ſo, wozu der moderne Aufputz? Mein Freund holte den Caſtellan; er führte uns durch die weiten Säle, in einem derſelben hing das Portrait Philippina's aus ihren älteren Tagen; ſie war bereits breit und behäbig geworden, nur das herrliche Auge er⸗
worden;
zählte noch vom Reiz der Jugend. Eine Reihe Zimmer war wohnlich eingerichtet, hier pflegt der jeweilige Statthalter von
Tirol ſeinen Sommeraufenthalt zu nehmen. Mein Freund merkte mir einiges Mißbehagen an, da öffnete er eine Thür und ſchob mich raſch hinaus. Faſt erſchrocken ſtand ich auf einers Söller, zu Füßen das prächtige Thal von Schwaz bis Telfs durchrauſcht vom wilden Inn, gegenüber die lange Wand des Kalkgebirges gekrönt von Tauſend majeſtätiſchen Felſenzinnen, welche im Son⸗ nenlicht ſchänmerten⸗ von Nebeln umflattert. Dieſer Ausblick allein verdient, daß der Fremde Amras beſuche, Amras, dem nur der wundervolle Zauber ſeiner Lage und die Erinnerung an eine Ge⸗ ſchichte blieb, wo die Poeſie ſich hell und lauter in das Leben ergoß. Schon die Römer ſollen kien ein Caſtell errichtet haben, wel⸗ ches ſich ſpäter in eine mittelalterliche Burg verwandelte, wo die Gaugrafen aus dem Hauſe Andechs walteten, bis ſie 11: 36 von Heinrich dem Stolzen, einem Baiernherzoge, belagert, erſtürmt und ausgebrannt wurde. Die Herren von Tirol bauten ſie wieder auf, ihre Glanzzeit beginnt aber erſt mit dem Jahre 1567, wo Ferdinand, der Gemahl der ſchönen Welſerin, vom glücklichen Feld⸗ zug gegen Sultan Soliman zurückgekehrt war. Früher hatte hier lange Jahre der unglückliche Kurfürſt Friedrich von Sachſen, der in der Schlacht von Mühlberg gefangen worden war, vertrauert, ſein treuer Lucas Cranach ſuchte ihn durch Gemälde zu erheitern; ſo manches Bild iſt von dieſem Meiſter in Tind zurückgeblieben. Erzherzog Ferdinand baute das Gefängniß in einen Sommerſitz um, der wohl mit den Fürſtenſchlöſſern italieniſcher Fürſten wett⸗ eifern durfte. Hier verſammelte er mehras der gelehrteſten Män⸗ ner ſeiner Zeit. Stephan Pighius, den Prinzen Friedrich von Cleve 1574 nach Italien begleit hildert uns das Schloß, wie es damals ausſah.„Man zeh Nem Prinzen an den Ab⸗ hängen und in den Thälern Schhit ſeltenen Fiſchen; dort Weingärten, Obſtanger, Wälder, Haſengehege, Wildplätze und Thier⸗ gärten. Darauf beſtieg man das Schloß und beſchaute die Lage und die zierliche Einrichtung, Höfe, Hallen und Sxeiſeſäle mit Serdichen, Statuen und Bildern ausgeziert. In einem weiten Saale ſah man die Ebenbilder der Grafen von Tirol von ihrem Urſprunge bis auf unſere Zeit ſammt der Angabe der von einem jeden d dieſer Fürſten vollbrachten Thaten. Dann führte man ſie in die Wohnung der fürſtlichen Frauen, in die ſchwebenden Gär⸗ ten und zu den Vogelbehältern, die mit Netzen von Draht be⸗ zogen ſind. Die Rüſtkammer
im obern Stocke iſt ſehr geräumig u. 8


