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und ungariſchen Grenze. Oft drangen ſie vom Rothenthurm, auch mit einem Umwege von Ungarn her in's Sachſenland ein.
Gleich hinter dem Rothenthurm verengt ſich der Paß, herrliche Karol linenſtraße, von Kaiſer Karl dem Sechsten angelegt und nach ihm benannt, beginnt, dem Laufe der Aluta folgend, ſich zwiſchen den Bergen hinzuziehen. Schäumend wälzt der Fluß ſeine vom Szeklerlande her in wachſender Macht andringenden Fluthen der Walachei zu, eine prächtige Waſſermaſſe, leider aber der vielen Klippen und Untiefen ihres Bettes halber nicht ſchiſſbar. Es mag den alten Sachſen vielen Schmerz bereitet haben, bei ihrem aus gebreiteten Handel ohne Waſſerweg zur Donau geblieben zu ſein. Wir älteren Turner wechſelten manches Wort darüber, wie wir ſo, den Blick wendend, noch einmal der Landskrone anſichtig wur⸗ den und uns des geſchichtlichen Momentes erinnerten, wo im Jahre 1376 der Land robiſchof von Siebenbürgen, der Sachſe Goeb linus, und der Caſtellan der Landskrone, Johann von Scherfeneck, auf Anordnung des Königs Ludwig und im Einverſtändniß mit der Gauverſammlung, die Zünfte in den Städten Hermannſtadt, Schäßburg, Mühlbach und Broos regelten. Damals zählte Her mannſtadt neunzehn Zünfte mit fünfundzwanz zig Gewerben, wäh— rend Augsburg zu herſelben Zeit nur ſechszehn Zünfte mit zwanzig Gewerben beſaß. Was die Hände in icham Maße Nothwendiges und Kunſtreiches zum Bedarf und im Ueberfluß ſchufen, ward im Handel nach allen Richtungen hin auedelr Die ſächſiſchen Kauf— leute ſtanden in der Levante in Verkehr mit Geſchäftsfreunden bis nach Aegypten hin, während ihre Handelsreiſen ſie gen Norden nach Polen und Deutſchland und ſelbſt auf eigenen Schiffen von Ofen nach Wien führten. Es muß ein herrliches, kräftiges, urwüchſig deutſches Volk geweſen ſein, dieſes alte ſiebenbürger Sachſenvolk, daß es ſo gleich geſchickt das Schwert wie den Arbei⸗ tshammer zu führen verſtand!
Die Wanderung durch den Paß nach der Contumaz gab den Turnern reiche Gelegenheit zu Ansbrüchen jugendlicher Heiterkeit. Alles, was nur an Liedern in der Kehle ſteckte, mußte heraus; rüſtige Bergſteiger, wie die Siebenbürger ſind, ſcheuten wir auch keine Abſchweifungen von dem Wege, und oftmals überraſchten uns an deſſen Krümmungen, von den Höhen herab, die bewill⸗ kommnenden Rufe vorausgeeilter Geaßeten. Endlich, gegen Mittag, langten wir an unſerem Ziele an. e Contumaz, deren Name ſchon den Zweck andeutet, bildet die Guen 3ſtation zwiſchen Sieben bürgen und der Walachet Es iſt ein aus einer Reihe größerer und kleinerer Gebäude für die Beamten, das Militär und für die der Beobachtung unterworfenen Reiſenden beſtehender Ort, deſſen Bedeutung natürlich heute ſich wenig mehr über die einer gewöhn lichen Mauthſtation erhebt. Da der Grenzverkehr nicht gerade übermäßig ſtark iſt, herrſcht im Ganzen an der äußerſt roman
oft
die
tiſch gelegenen Contumaz eine große Stille, welche wir ſiebenzig Turner nun in ganz ungewöhnlicher Weiſe nterhrachen Ein Hauptreiz der jüngeren Turner lag, wie man ſich denken kann, in dem Ueberſchreiten des die eigentliche Grenze bildenden, in den Alt ſich ergießenden Bächleins. Das war übrigens bald gethan. Ohne weitere Förmlichkeiten drangen wir in die zu jener Zeit
noch äußerſt um irhe Walachei ein, und ſchnurſtracks ging es auf die Hü— 8 Mann l beſtehenden walachiſchen Grenz⸗ poſtens lo
Der Wachtper P es ruhig geſchehen, daß wir uns den
vor der Thür angekehaten Gewehren nahten und ihn gewiſſermaßen bei Seite ſchoben; er ließ es ruhig geſchehen, als wir unbekümmert die Gewehre in die Hand nahmen und unſere Meinungen über dieſen. Ausſchuß engliſchen Fabrikats austauſchten; er fand die Sache ſo wenig bemerkenswerth, daß er ſogar Antheil an unſerem Ge⸗ ſpräch nahm. Die Walachei des Fürſten Bibesko war eben eine andere, als die des heutigen Fürſten Couſa, ob darum glücklicher, iſt noch eine andere Frage. Fürſt Bibesko zahlte ſeinen Taibut der Pforte und— nahm ſeine Zahlung von Rußland. Im Lande
ging es in einem althergebrachten orientaliſchen Schlendrian fort, der weder die von der Hörigkeit abgeſtumpften Bauern, noch die im Schlemmerleben entnervten Bojaren ſonderlich befremd ete. Der jungen Leute, welche in Paris und in Deutſchland außer der Liebe zum Luxus auch eine ſolche zur Freiheit einſogen, gab es nicht viele; ein um ſo e ehrenvolleres Zeugniß gebührt ihrer Energie, vermöge welcher ſie im Jahre 1848 den Fürſten verjagen und an eine Regeneration ihres Vaterlandes denken konnten. Omer Paſcha, der einſtige Pſterreichiſche Cadet⸗Feldwebel, machte zwar im Ver
eine mit den Ruſſen der kurzen Blüthe walachiſcher Freiheit bald wieder ein Ende, aber der Anſtoß war einmal gegeben, die Er⸗ innerung an die Yſilantis ohnedies noch nicht erloſchen. Als
dann Ludwig Napoleon zur Zeit des Krimkrieges ſeine Aufmerk
ſamkeit auf die Donaufürſtenthümer richtete und Oeſterreich in unbegreiflicher Sergloſigkeit dieſe ihm damals gewogenen Nachbar⸗ länder dem auf die Einigung aller romaniſchen Stämme ge⸗ richteten franzöſiſchen Einfluß überließ, konnte es dem die napo⸗
leoniſche Staatsweisheit nachahmenden Fürſten Couſa mit leichter Mühe gelingen, das Jung⸗Walachenthum wenigſtens für den Ge⸗ danken eines vereinigten moldau⸗wa lachiſchen Donaufürſtenthums zu gewinnen. Welchen Antheil die Wa lachen oder Romanen, wie ſie ſich lieber nennen, des öſterreichiſchen Ko Kaiſerſtaates an der Ent wickelung dieſes romaniſchen Reiches nehmen werden, das liegt noch im Schooße der Zukunft verborgen.— Doch die Politit luß uns zu weit von der Beſchreibung unſerer Turnfahrt nach dem Rothenthurmpaſſe abſchweifen. Möge es uns der Leſer verzeihen, wir waren ja ohnehin am Ziele unſerer Fahrt.
Kerztliche Ninderſtuben⸗Predigten.
Nr. 1. „Jung gewohnt, alt gethan“, oder auch:„Jung gethan, alt gewohnt“;—„der alte Mann ſchmeckt nach dem jungen“; „wie die Alten ſungen, ſo zwitſchern die Jungen“;„der Apfel
fällt nicht weit vom Stamme“; krümmt ſich bei Zeiten“, ſpitzt ſich bei Zeiten“
„was ein Häkchen werden „was zum Dorn werden „jung gebogen, alt erzogen“, iſt beſſer, das Kind weine, als die Mutter“ und„es die Kinder bitten Dich, denn Du ſie.“
Das ſind zwar ſehr alte, aber durchaus nicht veraltete Sprüch
will, will, „es iſt beſſer,
oder:
„
wörter, die leider viel zu wenig beherzigt werden, obſchon ſie, bei gehöriger Beachtung von Seiten der Eltern und Erzieher, zur Bildung ganz anderer, nalürlich weit beſſerer und geſünderer Men ſchen beitragen würden, als die meiſten jetzigen Menſchen ſind. Denn alle jene Sprüchwörter kommen darin überein, daß ſie eine richtige Erziehung in der Jugend, und zwar hauptſächlich durch
Gewöhnung und gutes Beiſpiel, als die Grund lage bezeichnen, auf welcher das Kind zum richtigen Menſchen heranwächſt. Leider exi ſtirt nun aber eine ſolche richtige Erz ziehung und darum auch eine
richtige Menſchheit in körperlicher und geiſtiger Hinſicht zur Zeit
noch nicht. Die Urſache davon liegt haupt ſächlich im unrichtigen und zwar im zu ſpäten Anfange der Erziehung und im zu zeitigen Beginnen der Verziehung.—„Wenn der
Gewöhnung zum Geſundſein.
Verſtand kommt“ und„in der Schule“, behaupten einfältige El⸗ tern,„werden ſich ſchon die kleinen Pinse zogenheiten unſeres ſonſt geſcheidten Kindes(zu denen gar nicht ſelten auch ſchon ſchlaue
Mauſereien und Lügen mit gerechnet werden „Ja, mein Carl, der wird einmal den Lehrern tüchtig zu ſchaffen machen,“ ſagte eine Mutter mit ganz freudiger Miene, weil ihre vierlährige Range niemals folgte und Alles zu ertrotzen wußte.
Mit einem gefühlvollen Herzen oder weichen Gemüthe und„wenn Anna erſt verſtändiger iſt, wird ſie ſchon das Weinen laſſen,“
entſchuldigte eine Mutter das bei faſt jeder Gelegenheit, nur nicht
beim Zanken der Mama, hervorbrechende Grinſen ihres kleinen Töchterchens. Anna iſt jetzt zwölf Jahre alt und heult zur Ver⸗
zweiflung ihrer Eltern immer noch.
Eltern! Erzieher! Laßt's Euch doch geſagt bin und nehmt endlich einmal Lehre an:„der ſogenannte Verſtand fährt wahrlich nicht zu einer beſtimmten Zeit in den Menſchen hinein oder iſt etwa gar angeboren und wacht dann zu einer beſtimmten Zeit auf.“— Gleich von der erſten Zeit des Lebens an, wo der Menſch noch ohne alles Bewußtſein iſt, wird der Verſtand mit dem Be⸗ wußtſein durch Eindrüie, welche die Außenwelt mittels der Sinne auf das Gehirn des Kindes macht, ganz allmählich hervorgebildet. Alles verſtändige Denken und Handeln iſt ebenſo wie das unver⸗
wieder verlieren.“
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