Jahrgang 
10 (1865)
Seite
160
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zeitig an Lagerbier und Wein. Milch und Waſſer ſei das kindliche Getränk, und da unſer Körper zum allergrößten Theile aus Waſſer beſteht und zu ſeinem Geſundbleiben eine ziemlich große Menge Waſſers einnehmen muß, ſo laſſe man dem Kinde ſchon das Waſſertrinken(beſonders beim Mittag⸗ und Abendeſſen) lieb ge⸗ winnen, damit dem Erwachſenen dann nicht aus Scheu vor'm Waſſer ein dickflüſſiges, träge fließendes Blut in den Adern rinnt, was gar zu gern Stockungen macht. Bei dieſer Gelegenheit wollen wir auch den Eltern, die es, da ſie zu Hauſe Wärterinnen haben, gar nicht nöthig hätten, ihre Kinder überall mit ſich herumzuſchleppen, und dieſelben doch mit zu Biere in Locale voller Tabaksrauch nehmen, nicht bergen, daß dies in doppelter Hinſicht ein höchſt tadelnswerthes Gebahren iſt. Denn zuvörderſt kann den

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Kindern der zumal längere Aufenthalt in ſolchen rauchigen Bo localen ebenſo für die Gegenwart wie für die Zukunft ſehr nach⸗ theilig werden; ſodann ſind aber auch ſolche kindliche Kneip⸗ genies ihrer Unarten wegen ſtets allen Biergäſten ein Gräuel, zumal wenn ſich die Eltern neben dem Biertöpfchen noch mit lauten Erziehungsſtudien befaſſen.

Bis jetzt iſt gezeigt worden, welchen Einfluß gewiſſe aus der Jugend ſtammende Gewohnheiten beim Eſſen und Trinken auf den Geſundheitszuſtand des Erwachſenen ausüben können. Ebenſo muß nun aber auch auf die Luft, das Licht und die Wärme ſchon in der Jugend Rückſicht genommen werden, wenn nicht Verſtöße gegen dieſe Mittel zum Leben ſpäter ein ungeſundes Leben nach ſich ziehen ſollen. Und davon im nächſten Aufſatz. Bock.

Blätter und Blüthen.

Ein Nonplusultra von Diebeskunſt. So weit es die Londoner Diebe in der Kunſt des Angriffs auf das Eigenthum gebracht, ebenſo haben naturgemäß die Londoner Eigenthümer die Mittel und Wege ausgebildet, ſich gegen dergleichen Angriffe zu ſchützen, beſonders in der City, wo auf einer engliſchen Quadratmeile die größten Schätze der Welt dicht neben⸗, über⸗ und untereinander aufgehäuft ſind. Was Schloß und Riegel, feuer⸗ und diebesfeſte Eiſenkaſten⸗Extra Vorſichtsmaßregeln vermögen, das ſchien Alles im höchſten und vollkommenſten Grade angewandt zu ſein. Und doch ka⸗ men wieder und immer wieder wahre Helden- und Geniethaten von Ein⸗ brüchen ans Tageslicht. Aber das Großartigſte und Entſetzlichſte für die Eigenthümer wurde neulich von einem Sonnabend an bis zum Montag früh in dem Juwelierladen des Herrn Walker in Cornhill, der eigentlichen Gold und Edelſteinſtraße in der City, geleiſtet. Publicum und Preſſe ge⸗ riethen in die größte Aufregung. Kaufleute, Fabrikanten, City⸗Obrigkeiten, Polizeibehörden hielten ſtürmiſche Verſammlungen und Reden, Alles war wochenlang in Beſtürzung und Aufruhr. Nach dieſem Einbruche gilt nichts mehr für ſicher und man verlangt andere, ſtärkere, zahlreichere, wachſamere Polizei, während die City⸗Obrigkeit gegen ſolche Beſchuldigungen die Eigen thümer ſelbſt der Nachläſſigkeit bezichtigt. Der Scandal war groß und hat ſich noch nicht beruhigt. City⸗Obrigkeit, Kaufleute und der Beſtohlene haben zuſammen einen Preis von mehr als fünfzehntauſend Thalern auf Entdeckung der Einbruchsdiebe geſetzt, doch hatte man bis jetzt(Mitte Februar) noch keine Spur gefunden.

Der Werth des geſtohlenen Gutes tauſend Thaler.

Das Entſetzliche dabei war, daß dieſe Werthe mitten aus dem beſon⸗ ders geſchützten und geſicherten Laden, mitten unter beſonders wachender Polizei, mitten in der dichten City aus der feſteſten Geldſpinde herausge brochen und. ungeſtört weggeſchafft wurden. Faſt alle Bureaus und Läden der City werden des Nachts ohne Menſchen darin gelaſſen, ſehr ſicher und feſt verſchloſſen und der ununterbrochen gegen Diebe und Einbrecher wachenden Polizei anvertraut. Der Juwelier Walker hatte außerdem als beſondere Vor⸗ ſichtsmaßregel den Vor⸗ und Hinterladen ſo eingerichtet, daß dieſelben, wäh⸗ rend der Nacht durchweg glänzend mit Gas erleuchtet, durch Oeffnungen in den eiſernen Schaufenſterläden von dem Auge der Polizei jederzeit bis in jeden Winkel überſehen werden konnten. Entſprechend angebrachte Spiegel reflectirten jeden Theil des Ladens, der nicht direct durch eine der Oeff⸗ nungen zu ſehen war, ſo daß jede Geſtalt und Bewegung darin von außen bemerkbar und ein Verſteck nicht möglich wurde. Ausgelöſchte Gasflammen würden die Anweſenheit von Dieben ſofort um ſo ſicherer verrathen haben.

1 Außerdem war im Innern Alles feſt verſchloſſen und die werthvollſten Koſtbarkeiten ruhten doppelt und dreifach ſicher in einem diebes⸗ und feuer feſten eiſernen Geldſchranke. Gleichwohl ſind Diebe nicht nur in den La den, ſondern auch in dieſen Geldſchrank eingebrochen und haben durch Decken und Böden des Hauſes Oeffnungen gebohrt und ſind hinein⸗ und davon⸗ gekommen, nachdem ſie jedenfalls die ſechsunddreißig Stunden vom Sonn abend bis zum Montag früh wie Helden und Künſtler gearbeitet. Um das Techniſche und Tüchtige ihrer Leiſtung zu würdigen, muß man ſich Um⸗ ſtände und Localität möglichſt veranſchaulichen.

4 Der Laden Walker's befindet ſich zu ebener Erde in einem ganz aus Läden, Bureaus und Geſchäftslocalen beſtehenden Hauſe, ſo daß des Nachts Niemand darin ſchläft. Ganz oben in der höchſten Etage iſt ein photogra phiſches Atelier, das vom übrigen Hauſe durch eigene Treppen und Flure getreunt iſt. Die zweite und erſte Etage beſtehen nur aus verſchiedenen kaufmänniſchen Bureaus. Alle dieſe Theile ſind am Tage durch eine offene Thür an der Seite in einer kleinen Nebenſtraße zugänglich. Das Erdge ſchoß wird auf der einen Seite von Walker's Laden, auf der andern von dem Geſchäft einesKaufmann⸗Schneiders ausgefüllt, der das ganze Ge ſchoß darunter als Zuſchneide Werkſtatt benützt. Der Laden Walker's hat

beträgt ſechstauſend Pfund oder vierzig⸗

verlaſſen hatten. Gleichwohl bleibt keine andere Annahme übrig, als daß an jenem verhängnißvollen Sonnabend ſich die Diebe und Einbrecher irgend⸗ wie verborgen hatten und ſich einſchließen ließen. Als ſie im Beſitz des geſchloſſenen Hauſes waren, hatten ſie ſechsunddreißig Stunden vor ſich, die ſie, wie genaue Unterſuchungen ergaben, auf folgende Weiſe benutzt haben.

Sie hatten ſich im Zimmer unter dem Atelier des Photographen ver⸗ ſteckt und einſchließen laſſen. Von da aus brachen ſie in das Bureau darunter im erſten Flur ein. Hier gelang es ihnen, durch vortreffliche Inſtru⸗ mente die feuerfeſte Geldſpinde zu öffnen und das zufällig wenige Geld darin herauszunehmen. Aergerlich über die geringe Ernte beſchloſſen ſie, die Gelegen⸗ heit weiter auszubeuten. Sie wußten, daß unter ihnen Maſſen von Gold⸗ und Silberſchätzen, wenn auch hell beleuchtet und von außen ſichtbar, aufgeſtapelt waren. Unter dem Bureau, in welchem ſie waren, befindet ſich die Schneider⸗Werkſtatt(oder vielmehr der Kleiderladen). Sie arbeiteten ein Loch durch die Decke und ſtiegen hinunter in dieſen dunkeln Raum. Nun befanden ſie ſich neben den Schätzen Walker's, durch eine Wand getrennt. Durch dieſe verſuchten ſie einzubrechen, aber die innere Seite des Walker' ſchen Ladens war mit Eiſen beſchlagen, ſo daß ſie den Verſuch aufgabg aber nur dieſen Weg. Sie machten nun einen originellen, wenn a mühſamen Umweg. Sie hieben ein Loch in den Boden unter ihnen, dus welches ſie in den unterirdiſchen Zuſchneideraum, der unter doe gar. Hauſe ſich ausdehnt, hinabſtiegen. Da ſie jedenfalls Beſcheid wußer wählten ſie auch die rechte Stelle für eine Oeffnung durch die Decke dem Laden Walkers und zwar in den hintern Theil deſſelben dicht h einer Arbeitsbank am Fenſter, hinter welcher, juſt der einzigen Stelleh hinaufkriechen und ſich verbergen konnten. In der Nähe beſindet ſichd große diebs⸗ und feuerfeſte Geld⸗ und Pretioſenſpinde, aber im vor Lichte des Gaſes und von zwei verſchiedenen Außenſeiten vollauf ſichtba⸗

Es iſt ermittelt worden, wie ſie die angeblich keiner menſchlichen C 82 walt und Liſt weichende Thür des Geld⸗ und Pretioſenſchrankes geöffnet haben, aber empörend und unerklärlich iſt es geblieben, wie ſie im vollen Lichte, von außen den alle elf Minuten vorbei inſpicirenden Policemen un⸗ ſichtbar geblieben ſein können, zumal da ſie unter allen Umſtänden viele Stunden zu dieſer Arbeit brauchten. Wahrſcheinlich haben Einer oder Zwei im dunkeln Untergeſchoß zum Fenſter hinaus gewacht und den jedesmal kommenden Policeman durch ein Zeichen angekündigt, ſo daß ſich die Künſt⸗ ler oben jedesmal während der Minute der Gefahr hinter die Arbeitsbauk verkrochen. Die übrige Zeit benutzten ſie, die feuer⸗ und diebsfeſte Geld⸗ ſpinde zu öffnen. Zwiſchen der Thür derſelben und dem Nande war eine Spur von Ritze, aber nicht ſo groß, um ein Blättchen Briefpapier da⸗⸗ zwiſchen ſchieben zu können. Allein mit beſonders dazu fabricirten, ſehr feinen Stahlmeißeln, deren eine Seite feilenartig gefurcht iſt(um das Zu⸗ rückſpringen zu verhüten), läßt ſich dieſe feine Ritze zunächſt erweitern. Der erſte Meißel fängt dünn wie ein Stückchen Papier an und ſteigt bis zur Dicke eines Achtelzolls. Damit wird die äußere Gewandung der Feuerfeſten ein Achtelzoll nach außen gehämmert. Dann folgt ein zweiter Meißel bis zur Dicke eines Viertelzolls, dann ein dritter ꝛc. immer ſtärker, bis Naum iſt für die gußſtählerne Brechſtange und deren Hebelkraft. Der eine Arm des Hebels iſt ſehr kurz, der andere, womit gehoben wird, verhält⸗ nißmäßig ſehr laug, alſo einer ungeheueren Gewalt fähig. Teaute ſich doch Archimedes zu, allein mit bloßer Hebelkraft die ganze Erde aus ihrér Ben 4 zu ſchleudern! Eine gußeiſerne Brechſtange, einen halben Zoll nach innen i getrieben und drei Fuß lang, giebt einem Menſchen von einhundertachtund⸗ ſechzig Pfund Schwere, der mit ganzer Gewalt ſein eigenes Gewicht an den Hebelarm hängt, ein Gewicht von 18,544 Pfund, dem nichts Feuer⸗ und Diebsfeſtes widerſtehen kann.

Mit ſolcher Hebelkraft ſprengten ſie die Feuer⸗ und Diebesfeſte, nahmen für 40,000 Thaler Waaren heraus und zogen ſich ſicher mit Strickleitenn und

zwei Straßenſeiten, eine nach Cornhill, die andere nach einer engen Neben⸗ ſtraße. Von beiden Seiten konnte man in dem geſchloſſenen und dann ſtets hellerleuchteten Laden das ganze Innere überſehen, und die Policemen, die dem Geſetze nach alle elf Minuten ihr ganzes Gebiet durchwandern und alle Sicherheitsmittel au den Läden unterſuchen ſollen, hatten ſich noch be ſonders verpflichtet, inſpiciren

So ſchien Einbruch unmöglich.

Allerdings war die Seitentreppe zu den Bureaus und dem Photo graphen den ganzen Tag für Jedermann zugänglich, aber Walker und ſeine Untergebenen verließen und ſchloſſen das Haus nie eher, als bis der Pho tograph und die übrigen Geſchäftsleute ihre Locale geſchloſſen und das Haus

den Laden Walker's jedesmal durch die Oeffnungen zu

oder wenigſtens erfolgreicher Einbruch und Raub

einer geöffneten, dann wieder eingeklinkten Seitenthur in beſcheizu?, bis. jetzt undurchdringliche Verborgenheit zurück, es den geleerte⸗.ͤ Löchern durch die Decken und der zurückgebliebenen feinen 7.; K über laſſend, von ihren unerhörten Heldenthaten und Kunſt ſein, Aniß dh

zulegen. Die ganze City iſt nun in Angſt um ihrand jhum. Dabel

kommen die bis jetzt ſicherſten Vorſichtsmaßregeln, diechen in der an Roſt⸗

barkeiten reichſten Straße zu New⸗York, Wallſtreet, anweket, zur Sprache

Man läßt dort die koſtbarſten Läden mit offenen Spiegzſcheiben in Lile lanteſter Beleuchtung in der bis zur Tageshelle erleuchtein Straße ofſen ſtehen, ſo daß jedes Geſicht in denſelben, jede Geſtalt in einem ſolchen Laden in vollem Glanze geſehen werden kann. Mehꝛere Wüchter ſind un⸗ ſichtbar im Dunkeln einiger Häuſer placirt. Glas und Gas ſind des ſicherſten Wächter, ſagen die Amerikaner. Und in dieſer Wi llſtree hat Roch Niemand des Nachts einen Einbruch gewagt. 4