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Haushaltes nur mit Noth in der Balance hielt. Dabei aber liebte der Profeſſor auf's Zärtlichſte ſeine Frau und ſeine Kinder, die, wie er ſich ſagen mußte, bei ſeinem Tode der äußerſten Dürftigkeit anheimfallen würden, da er ihnen nichts zu hinterlaſſen hatte, als die ſchmale Wittwenpenſion ſeiner Gattin.— Und in der That hatte er bald alle Urſache ſich, trotz ſeiner leichten Lebensphiloſophie, mit dieſem trüben Gedanken viel zu beſchäftigen. Denn ein ſeit einiger Zeit bei ihm eingetretener krankhafter Zuſtand, der ihn nöthigte, was Aerzte ſonſt ſelten thun, dem eigenen Leibe den Scharfſinn ſeiner vielbewährten Diagnoſe zuzuwenden, ließ ihn die Entdeckung machen, daß er an der Bright'ſchen Krankheit leide, jenem entſetz⸗ lichen organiſchen Uebel(Entartung der Nieren), das im einiger⸗ maßen fortgeſchrittenen Zuſtande, als abſolut tödtlich, aller Heil⸗ mittel der Arzeneiwiſſenſchaft ſpottet. Seine Tage waren gezählt, im eigentlichen Sinne des Wortes. Der Profeſſor, der gerade merkwürdiges Zuſammentreffen!— über die Bright'ſche Krankheit (morbus Brightii) Collegium las, kannte nach beobachteten Sympto⸗ men nur zu gut die Kürze der Lebensfriſt, die ihm noch zugemeſſen war. Wollte er noch etwas für die Zukunft ſeiner Angehörigen verſuchen, ſo that Eile Noth. Er beſchloß ſein Leben in der Gothaer Lebensverſicherungsbank mit einer ſo hohen Summe zu verſichern, wie ſie einigermaßen zur Exiſtenz einer ſo zahlreichen Familie genügen konnte. Aber wenn er die Annahme ſeines An⸗ trages an der Bank, deren Statuten ih wohl bekannt waren, durchſetzen wollte, durfte er kein kranker un ſein, ja er mußte geſünder als je erſcheinen, da er Grund eermuthen hatte, daß bei ſeiner bekannten Sorgloſigkeit der plör ahe Einfall, ſein Leben und noch dazu auf eine ſo hohe Summe zu verſichern, eine un⸗ bequeme Aufmerkſamkeit der Bankbevollmächtigten auf ſeinen Zu⸗ ſtand hinlenken könnte.
Niemals daher erſchien der Profeſſor den Seinigen wie der braußen ſo heiter, ſo voll geſunder Genußfähigkeit wie zu eit. Niemals war er gegen die Gäſte, die er in ſeinem ih, von einem liebenswürdigeren, überſprudelnderen Humor
u.: Er beſuchte mit ſeiner Familie die gerade ſtatt⸗ findenden Studentenbälle, wo er ſelbſt noch den flotten Tänzer machte, und während die Collegen beim Souper ihre Gläſer
mit beſcheidenem„Rothſpohn“ und billigem Moſel füllten, knallten
vor dem Profeſſor*rr und den Seinigen die Champagnerpfropfen unter dem ſAalen ß sute der von den Schnurren und tollen Einfällen des Profeſſors heiter erregten Tiſchnachbarſchaft. Wer hätte dieſem Manne das Bewußtſein ſeines nahen, trallrigen Endes angeſehen? ZJeder Tropfen, den er trank, war in aWift; jede körpepliche Anſtrengung, jede Aufregung, beſchleunig—en Zerſtö⸗ rungsproceß, der in ſeinem Innern vorging, zu Reeſenſchritten und führte faſt unerträgliche Schmerzen herbei. Aber er durfte die lachende Maske nicht ablegen, wollte er zu ſeinem Ziele ge⸗ ugen, und er trug ſie mit jenem ſtoiſchen Heroismus, mit belchem der ſpartaniſche Knabe ſich von dem geſtohlenen Fuchſe, den r unter ſeinem Gewande verborgen hielt, die Eingeweide zer⸗ fleiſchen ließ, ohne eine Miene zu verziehen.
Von dem Rufe eines kerngeſunden Mannes begleitet, reiſte nunmehr der Profeſſor nach Gotha, um durch perſönliches Ver⸗ nehmen mit den dortigen Bankärzten die ganze Procedur raſch abzukürzen. Mit erheuchelter jugendlicher Claſtieität, mit vor Lebensübermuth leuchtenden Blicken trat der Profeſſor in das Zimmer des Bankarztes; unter Scherz und Lachen warf er die Kleider ab, behufs der vorzunehmenden körperlichen Unterſuchung, die nichts Bedenkliches ergab, da der Profeſſor ſonſt von normalem Körperbau war und er ohnedies die im Formular ihm vorgeleg— ten Fragen in jeder Beziehung zufriedenſtellend ſchriftlich beant⸗ wortet hatte. So gelang denn die Täuſchung vollkommen bei dem mit der Unterſuchung beauftragten Bankarzte wie bei dem ärzt⸗ lichen Reviſor.—
Der Profeſſor hielt ſich noch ein paar Tage in Gotha auf, bis die Präliminarien erledigt waren, während der Zeit in an⸗ ſcheinend genußfähigſter Geſundheit ſich den Freuden der Gaſtlich— keit hingebend, welche ihm die dortigen Collegen zu Theil werden ließen.— Handelte es ſich ja hier um die Angaben, die einer der erſten Pathologen Deutſchlands über ſeinen Geſundheits⸗ zuſtand gemacht hatte! Der Antrag wurde genehmigt und, gegen Einzahlung der erſten Jahresprämie, die Police dem Profeſſor ausgehändigt, der damit ſofort nach Hauſe reiſte, um todeskrank fein Lager aufzuſuchen, das er nicht mehr verlaſſen ſollte. Kurze
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Zeit darauf ſtarb Profeſſor***, wie die Section ergab, an der bereits an ihm zu den äußerſten Stadien gelangten Bright'ſchen Krankheit!— Die Lebensverſicherungsbank weigerte ſich, wegen wahrheitswidriger Declaration und Täuſchung ihrer Aerzte, die von den Erben beanſpruchte Verſicherungsſumme zu zahlen. Es kam zum Proceſſe. Die Sache wurde langwierig und der Ausgang erſchien ſehr zweifelhafter Natur, da, trotz der allgemein getheilten moraliſchen Ueberzeugung von einem an der Bank verübten plan⸗ mäßigen Betruge ſeitens des Profeſſors der juridiſche Beweis nur ſchwer zu führen war. Die Bank zahlte ſchließlich den Klägern, auf dem Wege des Vergleiches, die Hälfte der Verſicherungsſumme aus.
Dieſes Beiſpiel eines aus Liebe zu Weib und Kind mit He⸗ roismus durchgeführten Betruges hat ſeine ernſte und rührende Seite, und mancher Leſer dürfte eine beſondere Genugthuung dar⸗ über empfinden, daß dieſes Märtyrerthum der Lüge nicht ganz fruchtlos geblieben.
Ich erzähle hier, als heiteres Seitenſtück, ein eigenes komi⸗ ſches Erlebniß, das allerdings nicht gerade die Gothaiſche Lebens— verſicherungsbank berührt, gleichwohl aber beweiſt, wie ſehr der⸗ artige Inſtitute überhaupt Grund haben, alle mögliche Vorſicht bei Lebensverſicherungsverträgen anzuwenden, um nicht von raffinir⸗ ten Gaunern ausgebeutet zu werden. Denn nicht oft dürften, wie in dem hier zu erzählenden Falle, die Betrüger auch die Be⸗ trogenen ſein.
Im Anfang der vierziger Jahre gab es zu K. in Preußen eine Anzahl von Speculanten, die neben einem einträglichen Wucher⸗ geſchäfte noch ein einträglicheres mit Lebensverſicherungspolicen betrieben. Theils kauften ſie von Verſicherten, die ſich in drücken— der Geldnoth befanden und deren vorgerücktes Alter oder hinfäl— liger Geſundheitszuſtand einen baldigen Tod indicirten, die Policen um einen wahren Spottpreis an; theils aber und meiſtens ver⸗ ſicherten ſie das Leben von Perſonen, deren mehr als kritiſcher Geſundheitszuſtand den Verſicherern die ſchönſten Ausſichten auf den Gewinn von mehrern hundert Procenten eröffnete. Dieſe Leute gingen förmlich auf die Menſchenjagd aus, um paſſende In⸗ dividuen für Lebensverſicherungen zu finden. Wo ſie nur einen jungen Mann mit hektiſch angerötheten Wangen fanden, oder einen nur äußerlich noch zuſammenhängenden notoriſchen Roué, der be⸗ reits zu viel vom Leben verbraucht hatte, um noch viel davon übrig zu behalten; wo ſie nur bei ihren Nebenmenſchen ſo etwas wie Anlagen zur Waſſerſucht, Apoplexie und dergleichen vielver⸗ ſprechende Krankheiten witterten: warfen ſie, wenn die äußeren Ver⸗ hältniſſe dieſer Perſönlichkeiten ein Eingehen auf ein ſolches ihnen proponirtes Geſchäft verſprachen, die Angel nach dieſen aus. Sie ſuchten arme Teufel, deren Tod ihnen, als lachenden Erben, eine reiche Hinterlaſſenſchaft gewähren würde. Willfährige Aerzte, die für ihre Atteſte anſtändig honorirt wurden, gingen ihnen dabei hülfreich zur Hand. Die Verſicherungen wurden meiſt mit aus⸗ wärtigen Geſellſchaften contrahirt, deren Agenten als nicht allzu rigoros bei Aufnahme von Verſicherungen bekannt waren.
So gelangten eine Menge von Lebensverſicherungspolicen in Umlauf. Es gab in gewiſſen Geſchäftskreiſen in K. eine förmliche Börſe für dieſe Papiere, die je nach den ſichtbaren oder ſonſtwie bekannt gewordenen Geſundheitsſchwankungen der Individuen, auf die ſie ausgeſtellt waren, ihren Cours hatten. Sie wurden nach dem Jargon der Börſe als„flau“,„matt“,„geſucht“,„ange⸗ nehm“ ꝛc. ausgeboten oder gekauft.
Nun fiel gerade in einer Zeit, in welcher das„Geſchäft“ Mangel an geeigneten Perſönlichkeiten hatte, der Blick der Haupt⸗ macher auf ein Individuum, das ihren Zwecken auf die erwünſch⸗ teſte Weiſe zu entſprechen ſchien. Es war dieſes der noch im Amte ſtehende Magiſtratsſecretair Ch— y, ein kleines, mumienhaft ein⸗ getrocknetes Männchen, in bereits ziemlich vorgerücktem Alter, ſtets hüſtelnd, mit geſenktem Haupte und eingefallener Bruſt einher gehend, das Bild eines im Scharwerkdienſte der Bureaukratie zu Ende ſich neigenden Lebens. Ch—y war Wittwer und hatte nur eine einzige bereits im kanoniſchen Alter ſich befindende Tochter, die ihm die Wirthſchaft führte. Trotz dieſer ſo fadenſcheinigen körperlichen Beſchaffenheit wurden dem Magiſtratsſecretair Ch—y die beſten ärztlichen Atteſte hinſichtlich ſeines Geſundheitszuſtandes ausgeſtellt, ſo daß die auswärtigen Banken die Verſicherungsan⸗ träge auf das Leben dieſes Mannes, der natürlich für ſeine Be reitwilligkeit, ſich zu dieſem Experiment herzugeben, gut honorirt wurde, nicht beanſtandeten.
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