Jahrgang 
9 (1868)
Seite
142
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Leſern wiſſen, daß dies der Name eines deutſchen Malers iſt, der ſeit Jahrzehnten in Venedig lebt, als braver Deutſcher zu ſeiner Stammkneipe ſich dieſes Café erleſen und hier als der freundliche Schützer und Berather aller deutſchen Genoſſen aufgeſucht wurde. An dieſem Abend ermahnte er uns, das Kirchweihfeſt von San Simeone piccolo nicht zu verſäumen, das ſoeben beginnen werde. Sofort ward, gehorſam ſeinem Winke, ausgetrunken und aufgebrochen.

Wir ſchlugen den nächſten Weg zur Rialtobrücke ein und beſtiegen dort die Gondel, die uns den großen Canal entlang in kurzer Zeit zur Feſtſtätte trug. Die genannte Kirche liegt dem Bahnhofe gegenüber am großen und einem Seitencanale. Eine Uferſtraße zieht ſich dort vor den Häuſern hin und die Kirche begrenzt ein freier Raum. Schon aus der Ferne erkannten wir an dem Lichtmeer, daß auch dieſes Feſt in Ehren ſteht. Die Kirche ſelbſt, ein Kuppelbau mit Säulenportal, nach dem Muſter des Pantheon in Rom, ſtrahlte von bunten Lampen und Laternen, die ihr Licht auf die Guirlanden und Kränze warfen, mit denen ſie geſchmückt war. Aus den hohen Fenſtern drang ihre innere Erleuchtung, dieſe ward aber ſchier verdunkelt von der bunten Umgebung. Alle benachbarten Gebäude hatten ihren Illumina⸗ tionsſchmuck angethan, köſtliche Teppiche hingen von den Balconen herab und noch köſtlichere Augen ſchauten darüber hernieder auf das ſcenenreiche Spiel der Volksluſt. Wie die Menge auf dem Lande, ſo wogt's auf dem Waſſer in Gondeln und Barken und in der Luft von allen möglichen Tönen, Muſik, Geſang, Reden, Schreien und Lachen durcheinander. Bald da, bald dort leuchten bengaliſche Flammen auf, mit tauſendſtimmigem Ah! begrüßt, und derſelbe Gruß gilt dem Mond, der plötzlich hinter den hohen

Dächern mit ihren poſaunenſturzartigen Schornſteinen hervortritt. Und welche Geſtalten und Geſichter entzücken das Auge! Fehlt es auch nicht an Männern und alten Weibern, welche uns an Dämonen und Hexen erinnern, ſo verzeihen wir ihnen Allen ihre häßlichen Geſichter den vielen leibhaftigen Madonnen zu Liebe, die uns Alle ſo aufrichtig gnädig anlächeln mit den wundervollſten Linien des Mundes und bodenlos liefen Augen.

Hier freut man ſich darüber, daß die Gondel in dem Ge⸗ dränge nur ruckweiſe vorwärts kommt; man ärgert ſich nur, daß man nicht nach allen vier Seiten hin zugleich ſehen kann. Endlich gelang es uns, bei einem der freien Plätze das Land zu gewinnen,

und nun wurde uns erſt die natürliche Gruppirung des Feſtes klar. Hier, auf dieſen Reihen von Bänken, wiſchen dieſen Buden, welche, und zwar zur beſonderen Ehre des Feſtes, in den ſchönſten und wirklich oft kunſtwerthvollen Gefäßen, Fiſche und Backwerk aller Art, Salami und Melonen, Wein und Limonade und Gott weiß was Alles feil boten, erluſtirte ſich das eigentliche ſogenannte Volk, während die vornehmere Welt auf dem Waſſer blieb; aber hier wie dort wurde mit gleichem Appetit gegeſſen und ge⸗ trunken, Guitarre und Geſang klangen von der Bank wie von der Gondel, nur den neckiſchen Fächerſchlag, in welchem die venetianiſchen Schönen ſo unnachahmliche Aumuth zeigen, vermißte man hier. Dagegen nimmt die ungebundene Luſt viel wechſelndere Geſtalt an. Da ſchreit, ſingt, tanzt, redet und lacht Alles durch⸗ einander, Käufer un Verkäufer überbieten ſich in Lunnzenraſcprohen, und dazwiſchen die herrlichen Leierkäſten, Ziehharmonicas und Dudelſäcke, das Stampfen und Ziſchen der Tanzenden, und das Krachen und Knattern abgebrannter Feuerwerke kurz, es iſt viel auf einmal, was über einen armen Menſchenkopf hier herfällt, aber man wird nicht müde und wir Deutſchen hielten Stand.

Wir wollten des Feſtes Ende ſehen und haben es nicht bereut, obwohl wir hier Vergleiche anſtellen mußten, die ähnlichen heimath⸗ lichen Feſten nicht zur Ehre ausfielen. Oder brauchen wir erſt zu ſchildern, wie namentlich in Gegenden, wo Bier und Brannt⸗ wein ihren Einfluß kennzeichnen, das Bild eines Kirchweihſchluſſes ausſieht? Wie ſo ganz anders, wie beruhigend, mit der aus⸗ gelaſſenſten Luſt verſhnend erlebten wir dies hier! Etwa eine Stunde nach Mitternacht begannen die Gondeln und Barken zu verſchwinden, gleichzeitig verlaſchen, hübſch nach und nach, die Lichter der Häuſer, Balcon um Balcon ſchloß ſich, und Volksluſt zwiſchen den Buden ſich ohne das vornehme Publicum der Balcone und Gondeln nicht mehr behaglich fühle, ward Bank um Bank leer, jubelte Trüppchen um Trüppchen ab, ſo daß Geſang und Klang nach allen Seiten hin verhallten. Endlich ſaßen wir allein da vor dem grauenden Morgen und ſahen die Herbſtnebel über dem Canale grande dampfen.

Ja, ſie ſind ſchön, die Kirchweihnächte der Lagunenkönigin! Und da Venedig neunzig Kirchen beſitzt, ſo wird es wohl eben ſo viele Feſte dieſer Art feiern. Mitfeiern möchte man ſie alle, aber auch alle beſchreiben? Doch wohl nicht.

Pariſer Bilder und

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Geſchichten.

Wie man in Paris ſein Glück macht.

Es mögen jetzt drei Jahre her ſein, als ich an einem wunder⸗ ſchönen Märztage mit einem deutſchen Landsmann durch den Tuileriengarten ſchlenderte. Schneeglöckchen und Crocus verkündeten den Lenz, Hyacinthen in allen Farben erfüllten mit ihren ſüßen

Düften die Luft, unzählige Spaz iergänger waren auf den Füßen. Unter ihnen bemerkte ich einen Mann, welcher ſchon mehrmals an uns vorüber gekommen war und uns ſcharf gemuſtert hatte. Der Mann war fein und nach der neueſten Mode gekleidet, hatte ein blaßgelbes, intelligentes Geſicht, kleine, funkelnde Augen und etwas Unruhiges in ſeinem Weſen. Er ſah aus, als ob er mit Ungeduld Jemanden erwartete und denſelben unter den Spaziergängern ſuchte.

Da kommt Dumarſais, er will mir ausweichen, ſagte Wilhelm, ſo heißt mein Freund, der Muſiker iſt,ich ſeh' es aber ich will ihn dennoch begrüßen; und, mich beim Arm

nehmend, ging er mit beſonders artigem Gru auf einen jungen Mann zu, welcher mir durch Dreierlei auſſiel, durch ein auffa llend einnehmendes Aeußere, durch vornehmen Anſtand und einen ab⸗ getragenen, faſt unmodernen Anzug.

Der junge Mann, welchen WilhelmK zumarſais anredete, erröthete lleicht, gab aber auf die Frage nach ſeinem Befinden freundlich Antwort und nahm Wilhelm's Einladung, heute bei ihm zu diniren, nach Ri den Weigerungen an.

D D

Herr von

Wir müſſen doch wieder einmal zuſammen vierhändig ſpielen! ſagte mein Freund.Sie werden nicht finden, daß ich Fortſchritte gemacht habe, entgegnete Herr von Dumarſais.

In dieſem Augenblick wurde der Mann mit dem forſchenden Blick wieder ſichtbar; ſo ſchnell wie ein Tiger, der ein Lamm ver⸗ ſchlingen will, war der Mann an Dumarſais' Seite und grüßte

ihn höflich.Mein Herr, flüſterte er,ich wünſchte einige Worte mit Ihnen zu ſprechen, wenn es gefällig iſt.

Dumarſais ſah den Herrn erſtaunt an und wurde blaß, Sie verkennen mich wohl, ſagte er,denn ich erinnere mich Ihrer nicht, mein Herr.

Erlauben Sie mir nur einige Worte unter vier Augen, ich werde Ihnen Alles erklären.

Nun denn, ſo ſei es, ſagte Dumarſais, rief Wilhelm zu: auf Wiederſehen um fünf Uhr! und wandte ſich zu dem Manne mit dem Forſcherblick.

Als wir allein waren, erzählte Wilhelm:Dieſer junge, ſchöne Mann hat ſchon viel erlebt. Sein Vater war Oberſt, ein An⸗ hänger der Orleans. Er iſt nach ihrem Sturze noch in Paris geblieben und ſoll im Geheimen für ſie agitirt haben. Am erſten December 1851 hat ihn ſeine Frau zum letzten Male geſehen. Als Louis, der damalsſchoölf Jahre alt war, von einem Beſuch zurückkam, welchen er bei einem reichen Oheim in der Normandie gemacht hatte, fand er ſeine Mutter ſterbend. Sie konnte den Verluſt ihres Gemahls nicht ertragen. Louis, beider Eltern plötz⸗ lich beraubt, erkrankte und litt vielleicht in Folge verfehlter Behandlung Jahre lang ſo ſehr an den Nerven, daß ihm die Aerzte verboten, ſich mit Studien zu beſchäftigen. Der Oheim, ein reicher, kinderloſer Wittwer, nahm ſich väterlich des Knaben an und erklärte ihn zu ſeinem Erben. Auf des Barons ſchönem Landſitze erholte ſich Louis, aber er lernte nichts als tanzen, fechten, reiten, ſchießen, las Romane und war Alles in Allem ein

liebenswürdiger Menſch, unfähig, das Geringſte zu erwerben, da⸗

gegen ſehr geſchickt, ſein Geld auszugeben. Vor ſünf Jahren zog ſein Oheim da Paris und lebte nur drei Sommermonate auf

als ob die