Jahrgang 
9 (1868)
Seite
140
Einzelbild herunterladen

gung und Erfriſchung der Canäle zu beſorgen. Die ſchönſte Ueber⸗ raſchung bereitet dieſe Fluth ſtets auf der Piazzetta und dem Marcusplatze, wo ſie eine allgemeine Flucht verurſacht, bis die Gondeln zu Hülfe kommen und das intereſſante Vergnügen einer Gondelfahrt zwiſchen der Marceuskirche und den Procuratien ge⸗ währen, die den Männern vom Ruder gute Beute abwirft, bis die ebenſo unangemeldet fallende Fluth die ganze Flottille auf's Trockene ſetzt. Eilen wir, vielleicht erhaſchen wir noch etwas von dieſer Luſtbarkeit. Und wacker griffen die beiden Gondeln aus, die unſere Geſellſchaft beſetzt hatte.

Hier begannen ſchon die Anzeichen des Feſtes. Gondeln, an deren Häuschen bunte Lampen befeſtigt waren, und Barken, zum Theil mit Teppichen geſchmückt und mit kleinen Maſtenpaaren, zwiſchen welchen Reihen von bunten Lampen an Tauen ſchwebten, kamen, erſt ziemlich einzeln, aus den Seitencanälen in den Canale grande herein, der bekanntlich ganz Venedig in Form eines um⸗ gekehrten S durchſchneidet.

Wie oft ich auch hochentzückt am Tage und unter den Strah⸗ len der Morgen⸗ und Abendſonne dieſe Prachtpalaſt⸗Waſſerſtraße dahingefahren war, ſo überragt doch der Eindruck dieſer Nachtfahrt jede andere Erinnerung. Die zahlreichen Gasflammen an den beiden Seiten des Canals legten auf den Waſſerſpiegel und auf die Facaden der Paläſte, Häuſer, Kirchen ihre ſanft ineinander übergehenden Licht- und Schattenwechſel; bald ſtanden die Vor⸗ ſprünge der architektoniſchen Verzierungen in grellem Licht, bald legte geheimnißvolles Halbdunkel ſich über die ganze Fläche und ließ nur die Spitzbogen der Altanfenſter aus dem Dunkel hinter ihnen hervortreten, bald goſſen die hohen Spiegelſcheiben ſelbſt feſtlichen Lichtſtrahl aus, bald öffnete ſich der Blick in eine Seiten⸗ gaſſe, und das Alles iſt Stadt und iſt lebenvolle Straße, auf der man ſo geräuſchlos dahinfährt, ſo ſanft über die nur vom Ruderſchlag gekräuſelten Wellen. Man muß ſich wach erhalten, um von den ewig wechſelnden Bildern nicht in das Reich der Träume verlockt zu werden. Wie gern möchte man vor jedem Meiſterwerke und Kunſtſtück der Architektur anhalten, wie gern es hier begeiſtert ſchildern, aber dazu war damals und iſt jetzt keine Zeit. Wir eilen vorwärts, das bunte, laute Feſtleben mehrt ſich um uns, da ſchwingt der kühne Bogen der Räaltobrücke ſich über den Canal, auf ſeiner Höhe von glänzenden Läden ſtrahlend, unten von den dahinziehenden Gondeln und Barken in wechſeln⸗ dem Lichte ſpielend. Erſt einen Gruß zur Linken hinauf: Fon- daco dei Tedeschi, die Kaufhalle der Deutſchen, hieß und war einſt dieſer Palaſt, deſſen Außenwände Tizian's Farbenpracht ge⸗ ſchmückt und wo deutſcher Gewerbfleiß eine Schutzſtätte hatte, als noch Augsburg und Nürnberg freie Reichsſtädte waren und die freie Venezia ihre eigene Krone trug. Das iſt Alles vorbei und wir ſind vorbei. Ein paar kräftige Ruderſchläge und hinter uns lag Rialto und vor uns dehnte die längſte, faſt gerade Strecke des Canals ſich aus, die reichſte an hochragender Bauprach', licht⸗ ſtrahlend und auf der breiten ſchimmernden Fläche überſäet mit tanzender und pfeilgeſchwind dahinfliegender Lampenluſt der Barken und Gondeln.

Aber warum plötzlich heraus aus all' dieſer Herrlichkeit? Beim Palaſt Grimani, damals Sitz des k. k. Poſtamts, wo die andere Hälfte des verkehrten S des großen Canals beginnt, bogen unſere Gondler links in den dort mündenden Seitencanal ein. Ihre Abſicht war die vortreffliche, uns auf dem kürzeſten Wege in die Nähe des Marcusplatzes zu bringen; ſie ſchlug jedoch ſo ſehr fehl, daß wir ſelbſt zum Gegenſtand des Springfluth⸗ Volksvergnügens werden ſollten. Die klugen Männer hatten den höheren Waſſerſtand entweder nicht, öder für ſich nur allzugut be⸗ rechnet. Anfangs verſtimmte mich ein wenig der Contraſt zwiſchen der hellen Feſtfreude des breiten Canals und der plötzlich uns umgebenden tiefen Stille im Halbduſter ſpärlicherer Beleuchtung. Als wir aber unter der erſten der vielen die Seitencanäle über⸗ ſpringenden Brücken nur mit genauer Noth und heftigem Reiben des Häuschendachs am Gewölbe durchgekommen waren und nun wieder eilig weiter fuhren, flogen ſchon allerlei Witzworte über unſere Köpfe weg von Fenſter zu Fenſter, und richtig, bei der zweiten Brücke hielten beide Gondeln, ſie konnten nicht durch. Da ſaßen wir. Umfehren und den weiten Bogen des großen Canals fahren würde zu viel Zeit gekoſtet haben. Graf M. entſchied für Ausſteigen. Da aber zu beiden Seiten die Gebäude bis an den Canal reichten, ſo mußten wir die Brücke ſelbſt erſteigen. So

140

kletterten wir denn am Geländer empor, gehoben und geſchoben von den Gondlern, die, bezahlt waren ſie ja, dann eiligſt und mit jedem Ruderſchlag niederträchtiger lachend davon fuhren.

Uns eröffnete ſich nach beiden Seiten die Ausſicht in eine lange ſchmale Gaſſe, beide hell erleuchtet, an allen Fenſtern ſchwatzende und lachende Köpfe, und von beiden Seiten wurden wir von dem neckiſchen Volke zum Springfluthfeſt eingeladen, denn beide Gaſſen waren überſchwemmt. Es half uns nichts, daſſelbe Vergnügen, das uns die Venetianer auf dem Marcusplatze machen ſollten, mußten wir hier ihnen bereiten, wollten wir nicht zwiſchen den zwei Feuern des Hohns ausharren, bis die Fluth ſich verlief. Hinein denn in die Gaſſe zur Linken und entſchloſſen vorwärts gepatſcht. Es war etwas wie ein gelindes Spießruthenlaufen, das wir hier auszuhalten hatten. Mit dem nichtswürdigſten Schelmenton der Bedauerniß, mit ewigempoveretti!ach, die Armen! verfolgte ein Lachſturm unſern naſſen Gänſemarſch, und uns blieb nichts übrig, als um die Wette mit zu lachen. Erſt am Ende dieſer Gaſſe kamen wir auf's Trockene. Graf M. eilte nun mit uns in das Hotel Vittoria. Während unſere Stiefel trocken gerieben und friſche Strümpfe beigeſchafft wurden, nahmen wir barfuß im eleganten Speiſeſaal unſere Abendmahlzeit ein. Dann ging's mit raſchen Schritten zum Feſtort. Abermals durch lange ſchmale Gaſſen, über die Eiſenbrücke des Canale grande, am Palaſt der Akademie der ſchönen Künſte vorüber und von hier an vom Menſchenſtrom durch eine neue Gaſſenreihe mit fort⸗ geſchoben, gelangten wir endlich an den Canal der Giudecca und ſtimmten unwillkürlich in das bewundernde Ah! ein, das hier jedem Mund entfuhr. Jenſeits des hier über tauſend Fuß breiten Canals dehnte in einer Länge von wohl fünftauſend Fuß eine Strahlenlinie von zahlloſen Lichtern ſich aus. Jeder Palaſt, jedes Haus, jede Hütte der Uferſtraße der Giudecca hatte das Möglichſte von reicher und geſchmackvoller Illumination gethan; vor Allem herrlich erhob ſich die Strahlenpyramide der Redentorekirche vom Portal bis zur Thurmſpitze, und Alles dies wiedergeſpiegelt in den zitternden Lagunen, die außerdem noch von den Gondel⸗ und Barkenlampen nicht Buntes genug wiederzuſpiegeln hatten es war ein Anblick, der Stillſtehen und Schweigen gebot!

Eine Schiffbrücke verband heute die Stadt mit ihrer Vorſtadt⸗ inſel. Sie lief vor dem Portal der Redentorekirche aus und war ſo breit, daß ſie bedeutende Menſchenmaſſen zugleich zu tragen vermochte. Die mannigfaltigſten Gruppen drängten hier dicht aneinander, daß das Auge nichts Einzelnes und Beſonderes faſſen konnte. Man ſchwamm recht eigentlich im allgemeinen Wonne⸗ meer mit fort und verlor die Abſicht der Beobachtung.

Leider ſollte das ganze Feſt zu Waſſer und uns nach dem überſtandenen Fußbad auch noch ein Bad von oben bereitet wer⸗ den. Wir hatten bereits den guten Willen des Himmels dazu an ſeineneinberufenen Wolkenhaufen geſehen. Nachdem wir ver⸗ geblich in die Kirche einzudringen verſucht und uns, als Männer von deutſcher Geduld, einen Standort im Freien gewählt hatten, von dem aus wir den Blick nach Venedig hinüber und auf die bei der Dogana ankernden und meiſtens ebenfalls mit bunten Lampen geſchmückten Kauffahrteiſchiffe frei hatten, und als eben eine Flottille von Barken zur Aufnahme der Proceſſion um die Giudecca ſich ordnete und ein Gegenſtrom von Menſchen ſich aus der Kirche heraus und zur Schiffbrücke hinwälzte, da öffneten ſich plötzlich, nach Anmeldung durch einige Blitze und Donner⸗ ſchläge, die Schleußen des Himmels und machten dem größten Theil der Illuminationspracht und der Proceſſion mit einem Male ein Ende.

Die Venetianer ſcheuegandas Waſſer von oben leidenſchaſtlich. Welch' ein Rennen beeie die Schiffbrücke hinüber! Nie habe ich einen volkbedeckten Raum in kürzerer Zeit reinfegen ſehen. Von der rückfluthenden Menge war die Kirche von Neuem über⸗ füllt, und ohne das Treiben im Freien konnte auch das Volksfeſt, das ſich an den kirchlichen Act anſchließt, ſich nicht entfalten. Wir für unſere Perſonen feierten es in Vittoria, und jetzt nicht wieder barfuß, bei einer Flaſche Lacrimä Chriſti und frohen Erinnerungen an die Volksfeſte der Heimath.

Holder, als in dieſer Nacht des Wonnemonds, war mir der Himmel bei einer andern Nachtkirchweihe im Herbſt. Ich hatte mich einem Kreiſe deutſcher Künſtler angeſchloſſen. Mit ihnen ſaß ich eines ſchönen Abends im Café Florian am Marcusplatz, und zwar in der LogeNerly. Die Künſtler unter unſeren

yy p;,

6