Jahrgang 
9 (1868)
Seite
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denn wenn ich die That, wegen deren man mich ſo ſehr beleidigt hat, nicht als eine der beſten Handlungen meines Lebens und als eine ſolche betrachtet hätte, die ich unter denſelben Umſtänden ganz gewiß wieder begehen würde, ſo hätte ich es nicht ertragen können.

Der Schmach fügte die Regierung die Gefährdung ſeiner Exiſtenz hinzu, indem ſie ihn von ſeinem Amte als Poſtmeiſter entfernte.

Aber nicht ihm, ſondern dem Volke von Amerika war die Beleidigung in der Perſon ſeines Agenten angethan worden, und das Volk trat für ihn ein; die Weltgeſchichte übernahm ſeine Rache. Im folgenden Jahre brach die nordamerikaniſche Revo⸗ lution aus, welche das Losreißen der Colonien vom Mutterlande und die Gründung der Republik zur Folge hatte. Die Perſonen gingen ihre Wege und die Geſchicke ihre Bahnen. Franklin breitete durch Wort und Schrift, durch Lehre und Beiſpiel das himmliſche Feuer der Freiheit unter den Sterblichen aus und wurde ein Wohlthäter der Menſchheit, eine der erſten Zierden ſeiner Zeit und ſeines Volkes, deſſen Name mit Segnungen ausgeſprochen werden wird, ſo lange die menſchliche Sprache in einem richtigen Verhältniſſe zur Cultur ſteht, von der Mitwelt aber, wie Georg Waſhington ſich eben ſo wahr wie ſchön ausdrückt,ſeiner Herzens⸗

güte wegen verehrt, ſeiner Talente wegen bewundert, ſeines Parrio⸗ tismus wegen geachtet, ſeiner Menſchenliebe wegen geliebt. Vier

Jahre ſpäter war er als nordamerikaniſcher Geſandter am Hofe zu Verſailles⸗der Gegenſtand allgemeiner Verehrung, der ſchlichte ſittenſtrenge Greis an dem üppigen, verderbten Hofe. Die fran⸗ zöſiſche Akademie ernannte ihn zu ihrem Mitgliede, und bei ſeiner

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Leben, und als er geſtorben war, ſagte der König:So bin ich denn den größten Schurken meines Landes los. Die Weltgeſchichte würde keine Kenntniß ſeines Namens haben, wenn ihn nicht Frank⸗ lin's Name in's Schlepptau genommen hätte.

Den Lords des Staatsraths, die den größten Sohn Boſtons zu brandmarken gedachten, iſt es nicht einmal ſo gut geworden. Wer kennt ihre Namen? Sie ſind verſchollen, als hätten ſie nie gelebt, und wenn ſie wirklich nie gelebt hätten, wer hätte etwas verloren?

Auch der König wurde zweiundachtzig Jahre alt, aber ſein Alter trat in ſteigender Progreſſion in einen merkwürdigen immer ſchärfern Gegenſatz zu dem zunehmenden Alter Franklin's. Wie dieſes immer glänzender, ſeine geſegnete Wirkſamkeit immer breiter und weiter, ſein Geiſt immer klarer, ſein Gemüth immer wohl⸗ wollender wurde, bis er hinabging, wie die Sonne in einem herrlichen Abendroth, das ſeine bunten Lichter noch lange auf die Fluren ſtreut, ſo wurden die letzten zwölf Jahre Georg's des Dritten, wie von einem furchtbaren Fluche beladen, immer finſterer und unheimlicher, ſein Thun und Treiben immer engſpuriger und befangener, ſein Leben immer einſamer, bis es in der finſteren Nacht des Wahnſinns ſchauerlich erloſch. Schon in ſeinen jüngeren Jahren hatte man periodiſche Spuren von Geiſtesſtörung an ihm bemerkt, und ſein wahrhaft ſchrecklicher Starrſinn war wohl nur Folge der Verdüſterung und Verwirrung ſeiner Gehirnthätigkeit. Dabei war er vom Volke ſo allgemein gehaßt, daß eine Menge Attentate auf ſein Leben verſucht wurden. Wie man ihm in ſeiner Jugend einen Galgen auf einem Karren unter ſeine Fenſter ge⸗ ſchoben hatte, ſo ſang man in ſeinem Alter Schmählieder auf ihn

Aufnahme in dieſe berühmte Corporation begrüßte ihn d'Alembert mit dem unſterblich gewordenen Hexameter:

Er entriß dem Himmel den Blitz,den Tyrannen das Scepter. (Eripuit coclo fulmen, sceptrumque tyrannis.)

Der Segen ſeiner Wirtſamkeit ſteigerte ſich mit den Jahren, und er erlebte vierundachtzig Jahre und ſah hochbefriedigt einen großen Reichthum von Volksglück um ſich aufgehäuft, als deſſen würdiger Schatzmeiſter er endlich vom Schauplatz abtrat. Als er am 17. April 1790 geſtorben war, trug ihn ganz Amerika zu Grabe, und die franzöſiſche Nationalverſammlung legte auf Mira⸗ beau's Antrag dreitägige Trauer an.

Wedderburne war fortan eifrig bemüht, Titel und Reich⸗ thümer als Lohn ſeiner Beſtechlichkeit zuſammenzuhäufen, und hatte doch keine Kinder. Verachtet und gemieden führte er ein freudloſes

und der gemeine Mann ſprach ſeinen Namen nie ohne eine Ver⸗ wünſchung aus. Im Jahre 1810 erloſch das Licht ſeiner Ver⸗ nunft gänzlich und nun ſah man ihn mit Grauſen noch zehn Jahre in den Abendſtunden auf der Schloßterraſſe von Windſor umher⸗ irren wie König Lear, Flüche und Verwünſchungen ausſtoßend. Als er endlich ſtarb, bedauerte ihn Niemand. Und wie der Segen Franklin's in Amerika fortzuwirken ſcheint, ſo daß es zur hundert⸗ jährigen Feier ſeiner Unabhängigkeitserklärung 1876 der mächtigſte Staat des Erdbodens ſein wird, eben ſo ſcheint der Fluch und Freiheitshaß Georg's des Dritten in England fortzuwuchern, ſo daß es bereits ſeine Culmination erreicht haben dürfte und lang⸗ ſam rückwärts geht.

Ein merkwürdig draſtiſches und lehrreiches Bild, dieſer Bürger Benjamin Franklin und dieſer König Georg der Dritte, dieſes Amerika und dieſes England!

Machtfeſte der Lagunenkönigin.

Von Friedrich Hofmann.

Am zweiten Sonntag des Wonnemonds 1855 machte in

La Mira, jenem Marktflecken von Paläſten der venetianiſchen Großen und Reichen, der an der Heerſtraße von Fuſina nach

Padua liegt und wo ich den ganzen Mai jenes Jahres verlebte, bei Tiſche Graf M. mir und meinen jungen Freunden, deren Studien

ich damals zu leiten hatte, die Mittheilung, vaß heute die Gemeinde

der Erlöſerkirche Il Redentore auf der Giudecca, einer

Vorſtadlinſel von Venedig, ihr jährliches Kirchenfeſt feiere und

zwar bei Nacht, mit Illumination und großer Proceſſion in illu

minirten Barken und Gondeln. Er lud uns ein, dieſe Herrlich⸗

keit mit ihm zu beſchauen. Die Dämmerung brach ſchon herein,

als wir nach halbſtündiger Wagenf die nächſte Eiſenbahn⸗

ſtation Marano erreichten. Bald brſte die lange Waggonreihe

des Abendzuges von Verona, Brescia und Padua heran, und fort

ging's nun mit Dampf. Hinter Meſtre empfangen uns die zwei⸗ hundert und zweiundzwanzig Bogen der berühmten Lagunenbrücke, der längſten Brücke der Welt; da wir aber ihre volle Stunden⸗ länge in acht Minuten zurücklegen, ſo entſchwindet dieſe Groß⸗ artigkeit unſeren Augen, die ohnedies von dem mit jeder Minute mächtiger vor uns auftauchenden Bilde von Venedig vollſtändig in Anſpruch genommen werden. Dieſe Fahrt über die dunkeln, ſtillen Gewäſſer war entzückend. Links und rechts endloſe Ferne, darüber der ungeheuere Rieſendom des Himmels und vor uns ſchwamm eine lange, ſchmale Wolke, mit Sternchen beſäet, auf dem glanzloſen Spiegel. Je näher wir ihm kamen, deſto zackiger

und ſternenreicher wurde der Wolkenſtreif, und endlich zeichneten ſich Thürme, Kuppeln und Dachgiebel am Himmel ab und von den Sternen ſtanden die oberen alle feſt, und die unteren zitterten in den Lagunen. Ein ſchriller Pfiff, die Locomotive begrüßte den Bahnhof. Nun war noch eine unheimliche Paſſage durchzumachen: es führte kein anderer Weg in die Stadt, als der durch das Paß⸗ bureau und Mauthamt. Da ſaßen ſie in langer Reihe, die Vehm⸗ richtergeſichter, die jeden Herankommenden mit den Blicken anbohr⸗ ten, um die gefährliche Perſon in ihm zu entdecken. Wehe hier dem, der keine guten Briefe hatte! Uns war's beſſer, unter des Grafen Anführung zogen wir ungehemmt, jedoch reſpectvoll entblöß⸗ ten Hauptss, an der langen Reihe vorüber und zur andern Thür wieder Hifaus und Gott Lob, da iſt der große Canal und da tanzen die Gondeln raſch hinein! Erſt wenn man in der Gon⸗ del ſitzt, iſt man in Venedig.

Aber was iſt das? Ich wußte doch ganz genau, daß man eine Anzahl Treppen von der Ufermauer abwärts zu ſteigen hatte, um an den Waſſerſpiegel des Canale grande zu gelangen, heute kam uns die grüne Fluth ſchon oben an der zweiten Stufe ent⸗ gegen.

Ah, wir ſind zu einerSpringfluth zurecht gekommen, rief Graf M. freudig.Wir verdanken dies der Nähe des Neu⸗ mondes, der ſich mit dem Vollmond abwechſelnd bisweilen das Vergnügen macht, der Lachluſt der Venetianer für ſie immer neuen,

wenn auch noch ſo alten Stoff zu liefern und nebenbei die Reini⸗