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und Stärke zu erkennen gab, ſo batte er ſicher auch an Winckel⸗ mann's Schriſt„Verſuch einer Allegorie, beſonders für die Kunſt“ weſentlichen Antheil. Zwei Jahre vor Goethe's Ankunft in Leipzig endlich war Oeſer dem durch Hagedorn und Weiße ver⸗ mittelten Rufe als Profeſſor der allgemeinen Kunſtakademie nach Leipzig gefolgt und ſah ſich hier bald zugleich als Director der Zeichenakademie und als Maler hochgefeiert. Sein heiteres und lakoniſches, derbes und doch gewandtes Weſen, vor Allem aber ſein reicher Geiſt hatten den jungen Goethe, welcher Privat⸗ unterricht im Zeichnen bei ihm nahm, gleich beim erſten Begegnen ſehr angezogen. Die Akademie, wie die Wohnung des Directors, befanden ſich in der durch Mauern, Wälle und Gräben befeſtigten Pleißenburg. Im hohen Alter erinnert ſich der Dichter noch genau der Oertlichkeit, weil ſie ihm wunderſam, ahnungsvoll und reizend war, weil er in ihr die bedeutendſten Anregungen empfangen hatte. Die heitere Wendeltreppe, die hellen, geräumigen ½ der dunkele Gang mit dem Kornboden, die Wohnung mit Bildern, Büchern, Kunſt- und Naturalienſammlungen, die elegan⸗ ten, doch einfachen Möbeln und Portefeuilles— Alles wird uns mit der bekannten plaſtiſchen Erzählungsgabe in„Wahrheit und Dichtung“ dargeſtellt.
Unter den Mitſchülern Goethe's, deren dieſer in ſpäteren Briefen oft grüßend gedenkt, waren auch der nachmalige Staatskanzler von Hardenberg, von Lieven und Gröning; von anderen Freun⸗ den, die im gaſtfreien Hauſe des jovialen Meiſters fleißig verkehr⸗ ten, ſind beſonders Weiße, Huber und Kreuchauff zu nennen. Die Seele der Geſellſchaft aber war die aufgeweckte älteſte Tochter Oeſer's, Friederike, der muthwillige Liebling des Vaters, wie der Kunſtfreunde, die dann im Sommer auf dem freundlichen Landſitze des Meiſters in Dölitz zu ungezwungener Heiterkeit zuſammen⸗ kamen. Hier wandelte über die anmuthigen Pleißenwieſen, durch Feld und Wald auch der junge Goethe an der Seite des Mäd⸗ chens, hörte gern auf ihr geſundes Urtheil und unterwarf ihm, dem bald ſtrengen, bald neckiſchen, ſeine eigenen Dichtungen. Die Freundin war die Vertraute der Schwärmereien und Launen, mit denen er das geliebte Käthchen der Schönkopf'ſchen Wein⸗ ſtube feierte und heimſuchte. Zu Friederiken floh er, um ſein Herz zu erleichtern und zu befreien, wenn ihn Liebe und Eifer⸗ ſucht quälten, aber auch ihr unbarmherziges Gelächter erging über ihn, als er an einem tödtlichen Lungenübel zu leiden glaubte. Sie curirte gründlich die eingebildete Krankheit und verſtand es vortrefflich, dem verzagenden Freunde den Kopf zurecht zu ſetzen. Später, nach ſeiner ihm ſo ſchwer gewordenen Abreiſe, fühlte er ſich unglücklich, beklagte ſich über die Frankfurter Schönen in einem langen poetiſchen Briefe an Friederike und ſchildert dieſe darin am beſten ſelbſt:
„Du lieber Gott! an Munterkeit iſt hie An Einſicht und an Witz Dir keine Einz'ge gleich, Und Deiner Stimme Harmonie Wie käme die heraus in's Reich! So ein Geſpräch, wie unſers war im Garten Und in der Loge noch, mit dieſem ſelt'nen Zug, So aufgeweckt und doch ſo klug, Ja, darauf kann ich warten!... Ja, denken müßt Ihr oft an mich, das ſage Ich Euch, beſonders an dem Tage, Wenn Ihr auf Euerm Landgut ſeid, Dem Ort, der mir ſo manche Plage Gemacht, dem Ort, der mich ſo ſehr erfreut. Doch Du verſtehſt mich nicht, ich will es Dir erklären, Ich weiß doch, Du verzeihſt es mir: Die Lieder, die ich Dir gegeben, die gehören Als wahres Eigenthum dem ſchönen Ort und Dir... Am Tage ſang ich dieſe Lieder, Am Abend ging ich wieder heim, Nahm meine Feder, ſchrieb ſie nieder, Den guten und den ſchlechten Reim.“
Die echten Stimmungslieder, welche er hier erwähnt, ſind höchſt merkwürdig als die erſten Drucke von Gedichten Goethe's. Sie erſchienen 1770 in Leipzig bei Bernh. Chriſtoph Breitkopf und Sohn ohne ſeinen Namen, unter dem Titel:„Neue Lieder in Melodien geſetzt von Bernh. Theodor Breitkopf“. Handſchriftlich, vom Drucke abweichend, mit der Widmung an Friederike Oeſer, werden ſie in der bekannten einzigen Goethe⸗Bibliothek in Leipzig aufbewahrt. Gedruckt erſchienen ſie ohne dieſe Widmung, ver⸗ muthlich weil freie Stellen der Lieder der mädchenhaften Kritik
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anſtößig erſchienen waren. Das zwanzigſte, letzte, Lied„Zueignung“ beginnt:
„Da ſind ſie nun! Da haͤbt ihr ſie!
Die Lieder ohne Kunſt und Müh'
Am Rand des Bachs entſprungen.
Verliebt, und jung, und voll Gefühl
Trieb ich der Jugend altes Spiel,
Und hab' ſie ſo geſungen.“
Poetiſche Huldigungen an die Sängerin Corona Schröter und die Schauſpielerin Karoline Schulze ſind mit unter die erſten Dichtungen zu zählen, welche Goethe nach genußreichen Theater⸗ abenden durch die Leipziger Preſſe veröffentlichte; endlich gehören auch ſeine erſten Luſtſpiele„die Laune des Verliebten“, in der ſiedenden Leidenſchaft zu Käthchen Schönkopf entſtanden, und„die Mitſchuldigen“ derſelben Periode an.
Seit Gottſched und die Neuberin den Grund zur künſtleriſchen Entwickelung der deutſchen Schaubühne ebenfalls in Leipzig gelegt
hatten, ſtand das Schauſpiel beſonders in den ſechsziger Jahren unter
Koch's tüchtiger Leitung in hoher Blüthe. Unter dieſen Umſtänden nahm Goethe großes Intereſſe an der Bühne, wie noch beſonders am neuen Theaterbau, der ſich auf der Ranſtädter Baſtei erhob und eben ſeiner Vollendung nahe war. Oeſer's gute Rathſchläge in Sachen des Geſchmacks wurden wohl dabei benutzt; einige Decorationen, und vor Allem der berühmt gewordene Bühnenvorhang, waren ſeiner Künſtlerhand übertragen worden. Dem alten Grundſatze des Simonides, daß die Malerei eine ſtumme Dichtkunſt ſei, ſtan⸗ den Winckelmann und namentlich Oeſer nicht fern, es konnte alſo der Vorhang nichts Anderes als erdichtete Bilder haben, er konnte nur eine große Allegorie ſein, was er denn auch der Compoſition nach war. Zwei Säulengänge umſchloſſen den runden Vorhof des Tempels der Wahrheit, mit der unverhüllten Göttin. Bronzene Statuen des Sophokles und Ariſtophanes ſchmückten vorn den Eingang zum Vorhofe. An der Statue des erſteren legte Melpo⸗ mene, die tragiſche Muſe, einen Kranz nieder; Ariſtophanes— auf unſerm Holzſchnitte ſichtbar— wurde von Thalia, der heiteren Muſe, mit Blumengehängen umwunden, Terpſichore und ſcherzende Liebesgötter waren ihr dabei behülflich. Zwiſchen Gruppen, von anderen alten und neueren Dichtern gebildet, ſchritt Shakeſpeare, — nach der Idee des Malers— unbekümmert um die großen Vorbilder, ohne Vorgänger und Nachfolger, auf ſeine eigene Hand der Uſerblichkeit, dem Tempel, entgegen. In den Wolken aler thronten die Grazien, von denen zahlreiche ungeflügelte Genien den Dichtern Lorbeerkränze herabbrachten.
Die Malerwerkſtatt war auf dem Boden des Theaterhauſes
eingerichtet, wo der Meiſter Beſuche von Künſtlern und Freunden empfing. Häufig fand ſich der junge Wolfgang da ein, das fort⸗ ſchreitende Kunſtwerk bewundernd, und es war eben ein glücklicher Tag, da Oeſer von Freund Wieland die erſten Aushängebogen des Muſarion empfangen hatte und ſie dem ſtrebenden Schüler mittheilte, der darin die Antike neu lebendig wiederzuſehen glaubte und mit Begeiſterung das Werk dem arbeitenden Maler vorlas, wie einen ſolchen Moment unſer Bild darſtellt. Unter dem Ein⸗ druck geiſtreicher Unterhaltung war endlich der Vorhang vollendet worden und fand, eine Zierde des neuen Hauſes, die Bewunderung von Leipzigern und Fremden bei der im October 1766 mit Schle⸗ gel's„Hermann“ erfolgenden Eröffnung..
Die Theilnahme des Publicums war eine außerordentliche. Der Unternehmer Koch machte jetzt, ſowie in der Folge mit den beliebten Operetten des Kinderſreundes Chr. Felix Weiße, zu denen
Adam Hiller die angenehme Muſik componirte, glänzende Ge⸗
ſchäfte, bis er zwei Jahre ſpäter dem Rufe nach Weimar folgfe,
von wo er dann nur zu den Meſſen nach Leipzig kam.
Zahlreiche anderweitige Werke Oeſer's beſtanden in Bildern
für die Kirche, in Deckengemälden für die öffentlichen und die Säle der reichen Privatleute, endlich in Zeichnungen zu Kupfern Nicht in großen klaren Contouren,
und Vignetten für Bücher. ſondern mehr in vertriebenen Umrißlinien, nicht in die Tieſe,
ſondern mehr in Flächen leicht und licht arbeitete er ſeine beſonders
in weiblichen und Kinderſiguren reizvollen Bilder, die vom Zeit⸗ geſchmack hochgeſchätzt wurden.
zu ſtechen. 1 und Radiren. Zu dem fleißigen, närriſchen Kucferſtecher mit den
munteren Kindern Minna und Dora, in die Manſarde des neuen
ſilbernen Bären Breitkopſ's, kam der kunſtliebende Student of
Sein Schwiegerſohn Geyſer, wie auch Stock, verſtanden trefflich nach ſeinen Zeichnungen in Kupfer Bei Letzterem verſuchte ſich auch Goethe im Aetze


