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der Stadt war,“ antwortete Marianne ſich abwendend und kaum verſtändlich.
„Und haſt ihm dort das Jawort gegeben?“
Marianne war in Beziehung auf den Bräutigam auffallend lakoniſch. Sie nickte nur mit dem Kopfe.
„Und kann der denn heirathen?“ fragte Herbot weiter.
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2. Herbot ließ heute Abend ſehr lange auf ſeine Rückkehr warten. Es ward halb Elf, bis er nach Hauſe kam. Marianne war noch auf, während alles Geſinde längſt zur Ruhe gegangen. Sie ſaß hinter einem Buche am Tiſche in der Küche, die kleine Oellampe vor ſich, aber leſen konnte ſie nicht,
„Er wird nächſtens.. ich weiß nicht, wie man's nennt— ſie hatte kein einziges Blatt in dem Geſchichtenbuche, das vor ihr
er wird etwas... und dann kann er's.“
„Bald?“
„Ich denke, bald.“
Bauer Herbot ſchüttelte den Kopf. Unter anderen Umſtänden hätte ihm ein ſolches Geſtändniß nicht gemacht werden dürfen... Der Friedrich, von dem man gar nicht wußte, woher er ſtammte, der Unterofficier bei der Artillerie war... und eine Tochter vom Herbotshofe... es wäre ihm wahrhaftig nicht eingefallen, dazu ſeinen Segen zu geben! Aber wenn er an die Anna dachte... und wenn es wahr war, daß der Friedrich nächſtens höher hinauf komme, und ein anſehnliches Kindestheil bekam die Marianne ja
aber
mit, daran ſollte es nicht fehlen— und eine ordentliche Bauern⸗ frau wurde ſie ja ohnehin nie— viel beſſer paßte ſie in die Stadt...
Bauer Herbot ſchmauchte ſehr heftig dicke Wolken aus ſeinem gebräunten Maſerkopf; er ſchwieg, aber in ſeinen Zügen lag keine Unzufriedenheit mit dem, was er gehört hatte.
Nach einer Weileé„erhob er ſich. Als Marianne dies ſah, ſprang ſie mit einer eigenthümlichen Erregung in die Höhe, und ihre Hand auf des Vaters Arm legend, rief ſie aus:
„Aber, Vater, Ihr ſagt das Niemand, Niemand in der Welt, hört Ihr?“
„Niemand in der Welt?“
„Nun ja, Eurer Anndhanögt Ihr's ſagen... aber ſonſt darf es Niemand auf Erden erfahren, verſprecht mir das, gelobt es mir heilig, ich verlange es von Euch.“
Herbot ſchüttelte den Kopf.
„Und weshalb denn nicht? Wenn's mir recht iſt...
„Nein, nein, nein,“ rief Marianne in größter Bewegung aus, „es darf es Niemand erfahren, ich hab' es Euch geſagt, und Ihr wißt auch wozu, aber keiner Menſchenſeele weiter dürft Ihr's ſagen, ich will es nun einmal nicht— noch nicht!“
„Sieh, ſieh, ſieh!“ ſagte Herbot ſie verwundert anſchauend, „Du geräthſt ja vollſtändig in Eifer dabei... kannſt Du auch zornig werden? Nun meinethalb— ich will Dir den Gefallen für’s Erſte gerne thun; ſo etwas muß ja doch auch überlegt wer⸗ den... und darum ſei ruhig!“ ⸗
Damit wandte ſich der Herbotbauer und ging in's Haus. Eine Weile nachher ſah ihn Marianne aus der Niederthür heraus⸗ kommen und über den Hof gehen, dem Schlage zu, jenſeits deſſen der Fahrweg durch's Kornfeld lief. Sie wußte, wohin er ging.
Er aber wußte nicht, was in ſeiner Tochter vorging. Sonſt hätte er vielleicht den Weg nicht gemacht. Er konnte die leis geflüſterten Worte ihres Selbſtgeſprächs nicht verſtehen, ſonſt hätte der Herbotbauer ſich am ſpäten Abend wohl nicht mehr in Un⸗ koſten geſetzt und den dunkelblauen Sonntagsrock angelegt, und ſtatt des alten Maſerkopfs die ſchöne, mit dickem Silber be⸗ ſchlagene Meerſchaumpfeife genommen, deren Spitze und ſilberne Kettchen jetzt, wie er eilig an den Kornfeldern herſchritt, zu ſeiner Rocktaſche herausblickten.
Mariannens Selbſtgeſpräch aber lautete:„Gott verzeih' mir die Lüge... aber ich konnte ja nicht anders! Er ſoll ruhig ſein, der Vater und ſeine Anna! Ich will ja ſchon Einen nehmen! Entweder den Raffelsberger oder den Erdmann oder den Wallfurth, oder wer ſonſt noch kommen mag!... Ich will's, ich will's, ja, ja, ja, ich will's, ich werde ja den Tod nicht gleich davon haben! Und damit ich nur Ruhe bekam und die Zeit, mich zu beſinnen, mußt ich ja Einen nennen! Der Friedrich iſt meilen⸗
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welt und kommt nie in's Dorf zurück. Er denkt nicht an's Dorf
und weiß nicht, daß auf dem Herbothof ein Mädchen, das Marianne heißt, lebt; dem ſchadet's nichts, daß ich gelogen habe. Ach, das Heirathen! Es iſt doch was Schreckliches darum! Wenn's nur nicht in der Welt wär'! Der ganze Athem geht mir aus, ſo oft ich daran denk'. Und weshalb muß es denn ſein?!“ Marianne ſchüttelte zu Boden blickend traurig mit dem Kopf; dann ſtand ſie auf und ging in’s Haus.
lag, gewendet. Wär's nur nicht Sonntag geweſen, ſie hätte das Spinnrad nehmen können und ihre Gedanken in die gelben Fäden einſpinnen; ſo aber flogen ſie ihr wirr und rebelliſch alle durch und um den Kopf, und die Schwere, die ihr auf der Bruſt lag, wehrte allen Schlaf von ihr ab, ſie hatte keinen Moment die Lider geſchloſſen.
Endlich hörte ſie draußen den Hofhund anſchlagen und des Vaters Anruf, worauf das Thier ſchwieg und nur mit ſeiner Kette klirrte; dann ging die Thüre auf und der Vater trat ein.
„Nun, Schatz, wie geht Dir's? Biſt noch auf?“ ſagte er und ſchlug Marianne wie in einem ſehr ungewohnten Anſall von Zärtlichkeit auf die Schulter. Sein Geſicht war ſehr geröthet, oder war das blos Wirkung des rothen Scheins, den die kleine Lampe warf?
„Ihr bleibt lange, Vater,“ ſagt Marianne, die ſich ſeiner Zärtlichkeit mit einem unbehaglichen Gefühl entzog,„habt Ihr ſo viel mit der Anna zu beſprechen gehabt?“
„Mit der Anna,“ verſetzte er lachend und mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, indem er dabei höchſt ſchlau die Augen zuſammen⸗ kneifend Marianne anblinzelte.„Mit der Anna nicht! Da braucht's nicht viel Ueberlegung. Sie hat ſchon lang gewußt, was ſie wollte, ſobald Du nur erſt wüßteſt, was Du wollteſt.
„Und mit wem habt Ihr denn ſonſt zu reden gehabt... Vater, Ihr wart doch nicht...“
Der Herbot blinzelte ſie wieder außerordentlich fröhlich und ſchlau an.
„Im Wirthshauſe?“ lachte er hell auf,„Du meinſt, ich war im Wirthshauſe... nein, ich war nicht im Wirthshaus, hatte mehr zu thun, ich war beim Doctor.“
„Beim Doctor?“
„Ja, beim Advocaten.“
„Beim Advocaten!“ ſagte mit niedergeſchlagenem Marianne;„ſchon heut? Ihr habt's eilig!“
Sie wandte ſich raſch ab, um ihrem Vater eine zweite Lampe anzuzünden.
„Laßt uns zu Bette gehen!“ ſagte ſie tonlos.
„Und willſt Du nicht hören, was der Doctor geſagt hat?“
„Was verſteh' ich davon?“ entgegnete Marianne,„ich denk,
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Tone
Ihr werdet mir mein Kindestheil ſchon geben, ohne daß ich mich drum kümmere... Eifer, damit in's Reine zu kommen, zeigt
Ihr ja genug!“
„Ja, ja, wir werden ſchon damit in's Reine kommen!“ lachte der Herbotbauer wieder laut und fröhlich auf. Marianne wußte wirklich nicht, was der Vater hatte; war es denn mäglich, daß er ſo froh war und ſo haſtig, ſein Kind von ſich zu ent⸗ fernen? Hatte er denn für nichts Anderes in der Welt mehr Sinn und Gefühl als für die Anna?
Marianne traten zwei Thränen in die Augen; ſie ging, als des Vaters Lampe brannte, mit einem„gute Nacht!“ in die Kammer.
„Sie läuft fort und will nichts davon hören“ ſagte Herbot ihr nachblickend,„nun, es mag am Ende auch beſſer ſein, daß ſie nicht eher davon hört, als bis Alles in Ordnung und Klar⸗ heit iſt mit dem Glückspilz, dem verwetterten Burſchen, dem Friedrich... ſie würd's ja am Ende auch gar nicht glauben, wie ich's auch nicht glauben wollte, anfangs! Aber wahr iſt's doch, und jetzt, wo der alte Fuchs von Advocat mir Alles aus⸗ einander geſetzt hat, will ich Stein und Bein darauf ſchwören, daß es wahr iſt... nur wunderlich, daß es nicht eher zu Tage gekommen!.. Freilich, der Friedrich war ein armes Blut; wer kümmert ſich um den? Jetzt, wo der Herbotbauer ſich der Sache annimmt, bekommt ſie ein anderes Ausſehen. Und wenn er die Marianne nimmt, dann wird er ihr bischen Abfindung und Ausſteuer gar nicht wollen... der... aber wenn er nur Farbe bekennt, und ſie nimmt! Wenn er ſie nur nimmt!
Mit dieſem Ausruf des Zweifels, der plötzlich ſeine erhöhte Stimmung ein wenig zu dämpfen ſchien, begab ſich der Herbot⸗ bauer endlich in ſeine Kammer.


