Jahrgang 
9 (1868)
Seite
130
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Das junge Mädchen faltete mit einem zweiten Seufzer ihre Hände im Schooße.

Vater, ſagte ſie,ich wollte Euch gern ſagen: ich will mich beſſern. Aber was hälf's, ich fühle es ja ſelber, daß ich mich nicht beſſern kann, ſo geen ich's möchte. Ich habe keinen Kopf dazu! Seht, wenn Ihr mir ſagt: geh den Nachmittag mit den Mägden in's Feld und ſieh', daß der Hanf aufgeriſſen wird, ſo bin ich ſo eifrig dabei und denke nur darauf, daß wir auch bis zum Abend mit der Arbeit fertig werden und daß jede von den Mägden ihr gleiches Theil thut und daß die einzelnen Bündel ordentlich aufgebunden werden, daß ich darüber den Müllerwagen vergeſſe und hernach erſt fällt's mir mit Schrecken ein. Und wenn ich in der Milchkammer ſehe, die Kathrine hat wieder ver⸗ geſſen, eine von den Schüſſeln abzurahmen oder hat nach dem letzten Buttern die Quirle nicht ordentlich ausgewaſchen, dann irgere ich mich wohl über die Kathrine und dann gelobe ich mir, ihr recht tüchtig den Kopf zu waſchen, aber wenn dann die Kathrine wirklich vor mir ſteht und ſieht ſo ruhig und wohl zu frieden mit ſich aus, als ob ſie Alles auf's Beſte gethan hätte, dann hab' ich gar den Muth nicht mehr, ihr etwas Schlimmes zu ſagen, und wenn ich mich recht zuſammennehme und ihr ſage, es ſei doch ſehr unrecht, ſo nachläſſig zu ſein, ſo zuckt ſie mit den Schultern und geht fort, ohne ſich darum zu kümmern!

Bauer Herbot zuckte auch mit den Schultern.

Und das wundert Dich dann wohl noch, daß ſich aus ſol⸗ chen Worten das wüſte Volk nichts macht?

Es wundert mich gar nicht, um ſo weniger, als ſie ja ſehen, daß ich auch oft genug etwas vergeſſe und genug von Euch ge⸗ ſcholten werde!

Herbot ſchwieg und warf heftig die Aſche aus ſeiner eben ausgegangenen Pfeife.

Vater, ſagte das junge Mädchen ſanft nach einer Pauſe.

Was iſt, Marianne?

Ihr ſolltet Euch entſchließen... zu dem, was Ihr doch einmal thun müßt! Es geht ja nicht anders, es muß auf den Hof eine tüchtige junge Frau kommen, die's beſſer anzufaſſen ver⸗ ſteht, als ich. Ihr ſeid ja noch in den beſten Jahren, und wenn Ihr auch nicht der Bauer vom Herbothof wäret, ich glaube, die Anna nähm' Euch doch!

Herbot nickte nachdenklich mit dem Kopfe.

Die Anna nähm' mich ſchon, ſagte er,die Anna iſt ein wackeres und rühriges Mädchen, das mir beſſer gefällt, als jede andere in der Bauernſchaft. Aber...

Bauer Herbot murmelte etwas zwiſchen den Zähnen; er be⸗ ſchäftigte ſich damit, den Tabaksbeutel hervorzuziehen und ſeine Pfeife neu zu ſtopfen.

Aber? fragte Marianne.

Nun, was brauch' ich Dir's zu verſchweigen! Die Anna iſt viel zu geſcheidt, in ein Haus zu ziehen, worin eine Tochter iſt, beinah eben ſo alt wie ſie. Sie hat's nicht nöthig, das!

Hat ſie Euch das geſagt? fragte Marianne, die Farbe wechſelnd.

Bauer Herbot gab keine Antwort auf dieſe Frage.

Eine ſtumme Pauſe folgte.

Du lieber Gott, hob Marianne mit einem ſchweren Seufzer wieder an,ich komme mit der Zeit ja auch wohl noch unter die Haube!

Es hat nicht den Anſchein, verſetzte unmuthig der Bauer. Freier haſt Du genug! Der junge Raffelsberg und der Schulzen⸗ ſohn vom Erdmannshof und der Anerbe vom Walfurth's Colonat ſie alle ſind Deinetwegen hier geweſen... aber Du haſt ihnen Allen ſchnippiſch die Wege gewieſen, und wenn nicht auf den Herbotshof ein Prinz mit vier Pferden gefahren kommt, ſo wird wohl nie etwas daraus werden... Und ſo muß ich mich drein geben; was iſt mit einem verdrehten Weiberkopf anzufangen? Das kommt dabei heraus, wenn man ſeine Kinder mit vorneh⸗ men Leuten in die Stadt ziehen läßt... Zierpuppen werden ſie, denen nichts mehr gut genug iſt! Deine gnädige Frau hat's Dich wohl gelehrt? Die weiß ja auch nicht, was ſie will, und wen ſie mag; ihr Mann iſt ſchon ſeit drei Jahren todt und nun iſt ihr Vater obendrein geſtorben und es thäte bitter Noth, daß ſie

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Ach, Vater, was wißt Ihr davon, daß Ihr den Leuten ſolch' verkehrtes Zeug nachredet. Die Frau von Thorbach iſt die bravſte Frau auf der Welt...

Wenn ſie nicht auch eine Zierpuppe wäre, juſt wie Du, hätte ſie längſt Einen gefunden, der ihr gut genug geweſen wäre!

Eine Zierpuppe iſt ſie nicht, das iſt bös, daß Ihr das ſagt, und wenn ſie die Männer, die um ſie freien es kommen ihrer freilich ſchon genug nicht mag, ſo hat ſie ihre Gründe... Gründe möcht' wiſſen, was für Gründe das ſein ſollten... Die Gründe, rief Marianne, in der Vertheidigung der gnädigen Frau immer hitziger werdend, aus,die ſind, daß ſie Einen gern hat und alle Andern nicht mag, und ich denk', das iſt ganz allein ihre Sache und geht Niemand etwas an.

Nun, weshalb nimmt ſie denn den Einen nicht? Uns geht's freilich nicht an, aber das Schloßweſen geht's an, das verkommt ohne ordentlichen Herrn..

Der Eine, den ſie mag, der mag ſie nicht; der lümmert ſich gar nicht um ſie, oder hat wohl einen Haß auf ſie geworfen, ich weiß es nicht... ich weiß nur, daß es ein ſeltſamer Menſch ſein muß... eine ſo ſchöne und ſo gute junge Frau...

Das müßt freilich ein ſeltſamer Menſch ſein, der das Schloß Stromeck nicht nähme, wenn er's bekommen könnt'. Das iſt ja Alles dummer Schnack!

Es iſt kein Schnack, ſie hat's mir einmal ſelber geſagt, Herr von Mechtelbeck ſtiere ſie immer von Weitem an, als ob ſie ein wildes Thier wäre, und wiche ihr doch aus und ſpreche nie ein Wort zu ihr... ich hab's wohl gemerkt, weshalb ſie ſo zornig dabei war....

Der Rittmeiſter von Mechtelbeck? Der wär's? fragte Herbot,das iſt wunderlich! Zwiſchen denen von Stromeck und den Mechtelbecks hat, ſo lang ich denken kann, niemals große Freundſchaft beſtanden. Nun, ſie mögen das unter ſich ausmachen und mir kann's einerlei ſein, ob die gnädige Frau einen Mann nimmt oder nicht nimmt. Bei Dir aber iſt mir's nicht einerlei, und weshalb mir's nicht einerlei iſt, das hab' ich Dir juſt geſagt, und ich ſag' Dir auch, daß ich die Ziererei müde bin. Die Anna hat am Ende auch nicht Luſt, ewig zu warten, bis Dir's'mal einfällt...

O ſorgt Euch nicht! fiel Marianne gereizt und mit ſchwer verwundetem Herzen ein, in das die egoiſtiſchen Worte ihres Vaters wie Stacheln drangen.Ich werde mich ja ſchon verheirathen. Ihr mögt's der Anna nur ſagen, ſetzte ſie mit vor ſchmerzlicher Erregung zitternder Lippe hinzu.

Und wer iſt's denn, den Du nehmen willſt? fragte der Bauer begierig aufhorchend,iſt's der Raffelsberg oder der Erd⸗ mann, oder der...?

Muß es denn juſt Einer von den Dreien ſein? fragte Marianne mit einem tiefſchmerzlichen Seufzer.

Es hat ſonſt Keiner um Dich gefreit, ſo viel ich weiß... aber hör', es kommt mir juſt ſo vor, als ſei's nur leeres Gered', was Du daher machſt... damit komm' ich nicht weiter werd! mich auch hüten, der Anna davon zu ſagen... ich kenne Dich!

Mein Gott, nein, es iſt kein leeres Gered', ich werde ja heirathen, ganz gewiß werd' ich's; ich kann doch nicht mehr than, als es Euch ſagen!

Dann komm' auch heraus mit der Sprache und ſag' ehr⸗ lich, wer's iſt! So lang Du das nicht thuſt, glaub' ich Dir nichts. Mit Deinem Ich werd' heirathen laß ich mich nicht zum Beſten halten... Nun, wirſt Du endlich reden?

Muß ich denn durchaus Einen nennen... nun in Gottes Namen denn, wenn Ihr gar nicht anders Ruhe bekommt, der...

Marianne ſtockte eine Weile, preßte die Hände in ihrem Schooße zuſammen und ſagte mit zornigem Tone:

Der Friedrich, der bei den Soldaten in der Stadt, iſt's, den ich nehme.

Was? Der Friedrich? rief Herbot mit dem Tone einer ganz außerordentlichen Verwunderung.Der?

Marianne ſchwieg, zu Boden blickend, während ihr Thränen des Zorns in die Wimpern traten.

einen ordentlichen Mann nähme, der nach dem Ihrigen ſchaute und es bei einander hielte... aber es ſei ihr keiner gut genug,

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ſagen die Leute, ſie führt ſie alle am Narrenſeile und...

Aber der iſt ja ſeit Jahren nicht mehr hier im Dorfe ge⸗ weſen, ſagte Herbot jetzt,ſeit vielen Jahren Ich habe ihn geſehen, als ich bei der gnädigen Frau in