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bereits in der vierten Hand, und es iſt gleichgültig, ob er für drei Pfennige verkauft wurde. Hatte Herr v. L. nicht freiwillig den Schmuck gekauft und ihn Amanda geſchenkt?— Wirklich, Betrug lag nirgends vor, und Herr v. L. konnte im beſten Falle Rückgabe des Schmuckes verlangen. Aber Amanda war ſo ſehr in Ver⸗ legenheit geweſen; ſie hatte ihn verkauft und Herr v. L. verzichtete auf eine Civilklage gegen Amanda. Die Herren konnten nur wegen gewerbsmäßigen Hazarbirens beſtraft werden und gönnten ſich für das brillante Geſchäft jenes Abends gern drei Monate ungeſtörter Ruhe.
Die Polizei aber machte in ihren Liſten neben den Namen der Herren einen kleinen Vermerk, welcher mit dem claſſiſchen „ duos ego!“ gleichbedeutend iſt. Das ſicherſte Geſchäft, und nach
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ſeiner Idee ohne Riſico, hatte der biedere Goldarbeiter gemacht. Freilich hatte er ſeinem Freunde, dem„Schlepper“, zehn Procent abgeben müſſen, aber er hatte einen Schmuck im Werthe von einhundert Thalern für vierhundert Thaley baaren Geldes ver⸗ kauft, hatte natürlich ſeinen Freund, den„Schlepper“, außerdem betrogen und am nächſten Tage denſelben Schmuck von der hart⸗ bedrängten Amanda für fünfzig Thaler zurückgekauft.„Heißt 'n Geſchäft!“— Dieſer biedere Goldarbeiter iſt keine fingirte Perſon; auch er hat ſein„quos ego“ in den Liſten der Polizei.
Herr v. L. aber hatte einſtweilen genügende Kenntniſſe von Berlin geſammelt; er verließ es, gewitzigt durch Erfahrung.
Unſere Wintergäſte.
Mit Abbildung.
Der Menſch ſteht dem Menſchen natürlich am nächſten, der darbende Mitbruder, die leidende Mitſchweſter hat den erſten und drängendſten Anſpruch auf unſere Theilnahme, unſere werkthätige Hülfe,— allein über der Erfüllung dieſer unſerer nächſten und wichtigſten Pflicht dürfen wir nicht vergeſſen, daß auch die Thier⸗ welt in ihren Nöthen ein Anrecht auf unſer fürſorgliches Intereſſe, unſern Schutz und unſere Unterſtützung beſitzt, wenn ſie deren bedarf. Auch in ihr giebt es eine zahlreiche Claſſe, die, ſobald der Winter einzieht mit Froſt und Kälte, ſobald Schnee und Eis
Feld und Flur bedecken, ſich nicht mehr die nöthige Leibesnah⸗
rung und ⸗Nothdurft verſchaffen kann und oft genug der Noth der Zeit zahlreich zum Opfer fällt. Wir meinen vor allen jene an⸗ muthigen beſiederten Geſchöpfe, die als Wintergäſte ſich den menſch⸗ lichen Wohnſtätten nähern und hülfeflehend unſer Mitleid anrufen. Man muß nur einmal hinausgehen an einem ſtrengen Winter⸗ tage, um zu ſehen, wie viele der Nothleidenden, der Hungernden und Frierenden auch hier es giebt.— Dort ſitzt z. B. ein Gold⸗ ämmerchen zuſammengekugelt, die Füßchen verbergend in das auf⸗ gebauſchte Gefieder, das ſeinen Leib mit doppelt wärmender Luft⸗ ſchicht umhüllt. Wie traurig und ſelten erklingt jetzt ſein„ſit, ſit!“ gegen das fröhliche Sommerliedchen:„Sichelchen ſchnied!— ſis ſ'is früh!“, mit dem es die Arbeit des Landmannes begleitet! Hier trippelt ein altes Finkenmännchen umher, das ausnahms⸗ weiſe einmal ſeine Winterſaiſon bei uns Norddeutſchen halten wollte; Weibchen und Junge wagen ſolch' bedenkliches Unternehmen nie, ſondern ziehen im Herbſte ſüdwärts. Was iſt es aber, das dieſen Sonderling zum Dableiben beſtimmte? Iſt der alte Herr zu träge zum Reiſen und der fremden Länder überdrüſſig, oder baute er feſt auf die Mildthätigkeit der Deutſchen und hält die Bangigkeit ſeiner Genoſſen vor dem deutſchen Winter für ein an⸗ geborenes Vorurtheil? Wie demüthig⸗ſchweigſam aber, faſt als hätte er einen unüberlegten Entſchluß zu bereuen, ſucht er nun die ſpärlichen Körnchen der„Wegebreite“ und der wilden„Cichorie“, die von den Winden verſtreuten Sämchen der Erlen und Birken auf dem verſchneiten Wegen zuſammen! Nicht einmal ſeinen ein⸗ fachen Finkenruf, noch viel weniger ſeinen kecken„Schlag“ läßt er hören!
Haubenlerchen, Grauammern und Feldſpatzen, Amſeln, Gold⸗ hähnchen und Meiſen aller Art flüchten aus Feldern und Wäldern in die Nähe unſerer Wohnungen, um hier Schutz und Nahrung zu fuchen:
„Im Felde draußen da giebt's nichts mehr,
Der Schnee deckt Alles rings umher.
Da hörten wir euern Dreſcherſchlag
Und ziehen dem lieben Klange nach.“ Indeß nicht alle unſere Wintergäſte laſſen ſich von der eiſigen Hand des Winters niederbeugen; manche trotzen als wahre Helden jedem Ungemach. Meiſen und Goldhähnchen, die ewig beweglichen und thätigen, ſieht man nie traurig und verzagt ſtill hocken wie Ammern und andere Feldflüchter. Der zwergige Zaunkönig treibt ſich, als wollte er durch gymnaſtiſche Bewegungen ſeinen winzigen Körper erwärmen, unermüdlich in den Hecken und Reiſighaufen umher und läßt ſelbſt bei der ſtrengſten Kälte ſeine kräftig ſchmet⸗ ternde Stimme erſchallen. Der Geſang des ſchmucken Waſſerſtaares
ſrtönt ſogaraff miſchtden Eisſchollen an den Rändern der Gebirgs⸗
nebſt zwei andern würde aus den drei
Häufig geſellen ſich zu unſern ſtändigen Wintergäſten auch nordiſche Flüchtlinge, wie der„Quäker“ oder Bergfink, der„Zetſcher“ oder Bergzeiſig; ſeltener erſcheint in ungewöhnlich ſtrengen Wintern — unſere thüringiſchen Vogelſteller meinen irrig alle ſieben Jahre — der ſchönbefiederte Seidenſchwanz. Dieſen Bewohnern des un⸗ wirthlichſten Nordens iſt auch der ſtrengſte deutſche Winter nur Spaß gegen den ihrer Heimath, und unſer Thüringer Wald mag ihnen ſelbſt in ſeiner rauheſten Jahreszeit noch ſo mild und ange⸗ nehm erſcheinen, wie etwa uns ein Winteraufenthalt in Nizza oder Algier. Erlen⸗ und Birkenſamen, Wachholdern und Ebereſchen, ſelbſt die Beeren des gemeinen Faulbaums und Weißdorns— kurz all' die deutſchen Baum⸗ und Strauchfrüchte, welche unſere einheimiſchen Vögel verſchmähten oder übrig ließen, ſind für ſie wahre Leckerbiſſen.
Diejenigen Vögel aber, welche von Natur nicht mit ſolchem Heldenmuthe begabt und überdies auch noch durch die Strenge des Winters ihrer gewöhnlichen Nahrung beraubt ſind, haben umſomehr Anſprüche auf den Schutz des Menſchen.
Auf keine beſſere und zugleich für uns angenehmere und lohnendere Weiſe können wir ihnen ſolchen gewähren, als durch Anlegung von Fütterungen in der Nähe unſerer Wohnungen, daß wir ſo zu ſagen„offene Tafel“ für unſere lieben Gäſte hal⸗ ten, von der ſich ein jeder nach Luſt und Bedürfniß, und wie es ſeinem beſondern Geſchmack und Appetit beliebt, zulangen kann. Vieljährige Erfahrung hat uns gelehrt, daß ſich die Vögel für die ihnen ſo erwieſenen Wohlthaten nicht nur dankbar zeigen, ja oft dankbarer, als viele Nebenmenſchen, ſondern unſere Mildthätigkeit auch reichlich vergelten und daß uns aus dem ſorglichen Hegen und Pflegen dieſer nützlichen Thierchen ein hohes, reines Ver⸗ gnügen erwächſt.
Man verſuche nur, auf dem Hofe, in einem offenen Schuppen, oder an einem ſonſtigen geſchützten Platze, Körner und Küchenab⸗ fälle aller Art, auch Hollunder⸗ und Vogelbeeren auszuſtreuen, und man wird bald zu ſeiner Freude bemerken, welch' zahlreiche Geſellſchaft von hungrigen Gäſten ſich einfindet, zumal wenn tiefer Schnee die Flur bedeckt, Reif und Eis die Bäume überzieht.
Noch ein größeres Vergnügen gewähren Fütterungen, die man vor den Fenſtern der Hof⸗ und Gartenſeite des Hauſes anlegt, indem man dazu entweder ein Blumenbret benutzt, oder ein ähnliches, womög⸗ lich aber altes Bret annagelt, auf daſſelbe ein niedriges Fichten⸗ bäumchen ſetzt und allerlei Futter ausſtreut: Hafer, Rübſamen, Mohn, Hanf, gehacktes Fleiſch, Brodkrumen ꝛc.; Stückchen Speck, Lichtſtümpfchen, Wurſtſchalen, Wallnußkerne an Fädchen gebunden, Haferkörner zu Kränzchen geſchnürt und in die Zweige des Bäum⸗ ches gehängt, geben Hauptleckerbiſſen für die Meiſen. Welch' ein fröhliches Getümmel entwickelt ſich vor unſeren Augen, ſobald die erſte Scheu der armen, gedrückten Thierchen überwunden iſt! Haus⸗ und Feldſpatzen, Ammern und Lerchen, Finken und Spechte, ja ſelbſt die ſonſt ſo ſcheuen Amſeln und Naben ſprechen als will⸗ kommene Gäſte vor. Von letzteren beſuchen nun ſchon vier Jahre nacheinander dieſelben Pärchen unſere Fütterungen, die wir mitten im Thüringer Walde theils auf Bäumen vor den Wohngebäuden, theils an unſern Fenſtern errichtet haben.
die einmal befreundeten Vögelchen, mögen ſie ſtändige oder an d bulante Wintergäſte ſein, auch von ihren Nachkommen und Ver⸗ wandten alljährlich neue zu, gleichſam als ſage es einer dem andern, 6
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Ja, es führen uns—


