Jahrgang 
8 (1868)
Seite
124
Einzelbild herunterladen

1 8 4 G

noch auf uns putzen(die Schuld auf uns wälzen). Kriege ich den wieder, ſo mag er ſich hüten! Er weiß auch, wo die Soge von dem Einbruche iſt, den wir zuletzt machten; ich habe mitihm kaſſibert(kleine Zettel zugeſteckt, meiſt beim Spaziergange im Ge⸗ fängnißhofe) und geklopft(durch Pochen Buchſtaben andeuten, aus denen dann die Worte entſtehen), denn er ſitzt über mir; er hat aber nicht geantwortet.

Unſere Zeit war um, ich mußte ihn zurückſchicken. Wieder⸗ ſehen werde ich ihn ſchwerlich er iſt zu fünfzehn Jahren Zucht haus verurtheilt und wird ſein Leben wahrſcheinlich im Zuchthauſe ſchließen.

Es iſt eine der traurigſten Erſcheinungen für den Menſchen⸗ freund, daß der einmal beſtrafte Verbrecher faſt ausnahmelos für dieſe Welt verloren iſt. Niemand will ihn um ſich ſehen und Niemand vertraut ihm; auf das Laſter angewieſen, wandelt er ſeine abſchüſſige Bahn bis an ſein Ende. Wie viele Menſchen könnten doch gerettet werden! Man ſendet Miſſionäre in ferne Länder, umSeelen zu gewinnen, während man dieſe hier auf allen Gaſſen ſinden kann und doch nicht finden will. Zwar giebt es einen Privatverein für dieſe Zwecke, aber was kann er thun, wenn ihm jede Staatshülfe mangelt, wie ſoll er da wirken, wo die Geſetze den beſtraften Verbrecher durch Verwaltungsmaßregeln der peinlichſten Art einſchränken, durch die ſogenannte Polizeiauf⸗ ſicht? Läßt ſich der Obſervat nach neun Uhr auf der Straße ſehen, ſo wird er beſtraft; entfernt er ſich ohne polizeiliche Erlaubniß auch nur einen Tag aus Berlin, ſo iſt ihm das Gefängniß gewiß. Kein Meiſter mag ſich der Unannehmlichkeit ausſetzen, ihn in Ar⸗ beit zu nehmen, da die Polizei jeden Augenblick nach ihm fragen kann und dem Arbeitgeber ſeine eigene Wohnung verleidet. Wann wird in dieſen Dingen die Humanität zum Durchbruch kommen! Wann wird man aufhören, in unſeren Strafanſtalten durch das Disciplinarmittel der Stockſchläge, durch die AnredeDu und durch pietiſtiſche Verſuche den kleinen Funken von Ehrgefühl, der auch in der Bruſt des gröbſten Verbrechers glimmt, zu ertödten, da man dieſen Funken doch ſo ängſtlich nähren und mehren ſollte!

Wenn ich die Leſer bitte, noch weiter an meinen Criminal⸗ erlebniſſen Antheil zu nehmen, ſo geſchieht dies unter dem Ver⸗ ſprechen, jetzt weniger düſtere Bilder aufzurollen. Man thäte Unrecht daran, den Molkenmarkt zu verlaſſen, ohne wenigſtens die berüch⸗ tigten Berliner Bauernfänger kennen zu lernen, deren Leben und Treiben eines humoriſtiſchen Anſtriches nicht entbehrt. Die Natur ihres Induſtriezweiges macht es nöthig, Societätsverhält⸗ niſſe einzugehen. Zu dem Behufe vereinigen ſich ihrer fünf bis ſechs; einer von ihnen iſt derSchlepper, die anderen ſind die Macher. Der Schlepper wandelt nun durch die Straßen der Menſchen, um ſeine Opfer zu ſuchen. Etwa am Neuen Muſeum oder unter den Linden ſieht er Einen,der nicht von hier iſte, in tiefe Betrachtungen verſunken ſtehen. Er nähert ſich ihm und knüpft ein Geſpräch an. Der biedere Fremdling offenbart nun ſogleich, er ſei aus Kyritz oder Perleberg gekommen, um eine Stelle als Comptoirdiener oder dergleichen zu ſuchen.

CEi, das trifft ſich ja prächtig, antwortet der Bauernfänger; da iſt mein Schwager, ein angeſehener hieſiger Kaufmann, der ſucht einen Lagerverwalter mit monatlich dreißig Thalern Gehalt und freier Station. Einem Manne von Ihrer Bildung kann es ja nicht ſchwer fallen, auch dieſen Poſten zu bekleiden. Wir könn⸗ ten ſofort zu ihm gehen, allein er kommt leider erſt morgen von⸗ ſeiner Reiſe zurück; bis dahin können wir uns ja Berlin ein wenig anſehen.

Der Vogel wäre alſoauf den Leim gegangen. Zuerſt wird die neue Bekanntſchaft durch einige Seidel beſiegelt, die der noble Berliner trotz allen Sträubens ſeines Gefangenen bezahlt.

Nun, wenn Sie durchaus bezahlen wollen, ſo kommen Sie jetzt in ein anderes Local; wir treffen dort Herren aus Ihrem neuen Geſchäfte.

Der Provinciale, immer noch im ſiebenten Himmel ſeiner dreißig Thaler pro Monat, willigt mit Freuden ein. Durch ein Labyrinth von Straßen und auf Umwegen gelangen ſie in ein Local, in dem die Macher ſchon warlen. Der neue Ankömmling wird vorgeſtellt, man ſcherzt und iſt guter Dinge. Zuletzt kom⸗ men die Kartenkunſtſtückchen an die Reihe. Einer von der ſauberen Geſellſchaft miſcht ein Spiel Karten, zeigt eine derſelben, wirft ſie nebſt zwei andern verdeckt auf den Tiſch und behauptet, Niemand würde aus den drei Karten diejenige rathen, welche er vorhin ge⸗

zeigt. Nichts ſcheint aber leichter, als dies. Jemand ſetzt einen Thaler und gewinnt; er gewinnt öfter und fordert den zukünfti⸗ gen Lagerverwalter auf, doch auch ein wenig zu pointiren. Bier und Kümmel machen fleißig die Runde, ein Thaler nach dem an⸗ dern wandert aus der Taſche des armen Geprellten, der auch das Letzte, ſeine Taſchenuhr, auf das Spiel ſetzt, in der Hoffnung, ſeine verlorene Baarſchaft wieder zu gewinnen. Iſt nichts mehr an ihm zu gewinnen, ſo wird ein Streit provocirt, in deſſen Ver⸗ laufe das Opfer zur Thür hinausgeworfen wird. Aber auch die Bauernfänger verlaſſen ſchleunigſt den Ort ihrer Schandthat, um anderswo zu theilen, wobei natürlich der Schankwirth nicht zu kurz kommt. In unſerm ſpeciellen Falle hatten ſie ſogar eine Droſchke zur Flucht benutzt, und dies wurde ihr Verderben. Der Kutſcher hatte aus ihren Geſprächen Namen wieKanonenheber und dergleichen behalten und dies der Polizei mitgetheilt, die ihre Kunden gar bald zu ſinden wußte.

Selten habe ich geſehen, daß ein Gefangener über den Verluſt ſeiner Freiheit ſo ergrimmt war wie dieſe Kerle; draußen, wie ſie es nennen, hatten ſie ein vergnügtes, luſtiges Leben geführt, und jetzt wollte ihnen die Iſolirhaft und die Gefängnißkoſt ſehr wenig ſchmecken. Mit unglaublichem Raffinement verſtanden ſie es, die Unterſuchung zu verdunkeln. Der Herr, welcher den ehrenvollen Beinamen, den ich ſoeben anführte, von ſeinen Collegen erhalten hatte, wußte ſehr geſchickt eine kleine Scheere in ſeine Zelle zu ſchmuggeln, mit der er über Nacht Haar und Bart derartig zuſtutzte, daß ihn derGemachte in der That nicht beſtimmt zu recognoseiren vermochte. Er hatte ſich aber gewaltig verrechnet. Die abgeſchnittenen Rudera ſeines Geſichtsſchmuckes wurden im Ofen ſeiner Zelle vorgefunden und der Herr ſelber ſo lange in Unterſuchungshaft behalten, bis er ſich wieder im status quo ante befand und auf das Beſtimmteſte recognoscirt wurde. Die ganze Geſellſchaft ſitzt jetzt im Zucht⸗ hauſe; den geprellten Provincialen ſah ich neulich als wohlbeſtallten Hausknecht in einem hieſigen Hotel. Hoffentlich iſt er klüger geworden und läßt ſich von Anderen nicht mehr die Volte ſchlagen.

Da ich hier einmal von der Gaunerſorte der Bauernfänger ſpreche, ſo will ich noch einen Streich erzählen, welcher unlängſt durch dies Gelichter hier verübt worden iſt.

Ein Fremder, nennen wir ihn Herrn v. L., der ſich Berlin beſehen wollte, eilte zunächſt in das Neue Muſeum und fand ſich, wie gewöhnlich, in dem eben gekauften Kataloge nicht zurecht. Fragend blickt er ſich um. Ein eleganter Herr, der ſeine Per⸗ legenheit bemerkt, wendet ſich mit gewinnender Höflichkeit an ihn, um ihm ein wirklich geiſtreicher Führer durch das Muſeum zu ſein. Der Fremde iſt entzückt und ſinnt auf Dank. Aber der Herr lehnt mit äußerſter Artigkeit ein Frühſtück ab, erwähnt indeß bei⸗ läufig, daß Freunde ihn in der Weinſtube von Borchardt, Eweſt ꝛe. erwarten. Was iſt natürlicher, als daß Herr v. L. auf die Bemer⸗ kung hin, jeder Reiſende müſſe eigentlich dieſe Locale kennen lernen, ſich anſchließt, ſchon der liebenswürdigen Geſellſchaft halber. Dort trifft man die Freunde, Alles vornehme junge Leute mit guten Namen, die den Fremden ſehr herzlich empfangen und ihn ſein zu Hauſe gänzlich vergeſſen machen. Hier wird mit dem Ge⸗ ſchmack vornehmer Gourmands gefrühſtückt und mit Gold bezahlt. Während man noch bei einer Havanna ſitzt, erſcheint plötzlich ein galonnirter Diener, der die Herren für den heutigen Abend zum Balle bei Frau v. B. einladet.

Mein Gott, das paßt prächtig; Sie, Herr v. L., miüſſen mit, wir führen Sie ein; Sie werden ſich vortrefflich amuſiren, und jetzt diniren wir zuſammen.

Herr v. L,, der allerdings nicht zu den Scharfblickendſten zu gehören ſcheint, iſt ſchnell überredet.

In heiterſter Champagnerlaune betritt er das Feſtlocal. Freilich kommt ihm dieGnädige etwas ſonderbar vor; auch fällt es ihm auf, daß ſie die einzige alte Dame, daß die Be⸗ leuchtung mangelhaft, die Muſik mehr als ſchlecht iſt und daß die Möbel einen ganz ungebildeten Geſchmack verrathen; indeß er iſt in einer fremden Reſidenz und die jungen Damen ſind um ſo reizender, alle ſo liebenswürdig, ſo intereſſant, ein bischen frei, man merkt: man iſt in der großen Welt! Dagegen iſt der Champagner vortrefflich und die Gaſtgeberin äußerſt freund⸗ lich! Ohne Unterlaß wird getrunken und die reizenden jungen Damen nehmen das hier nicht übel, ſind nicht ſo prüde, wie ir

kleinen Städten! Ah, wie ſchön, wie ſchön! Es lebe Berlin!