Jahrgang 
8 (1868)
Seite
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Mangel; ſelbſt wir jüngeren Juriſten bedurften einer langen Zeit, ehe wir in dieſem Chaos heimiſch wurden. G Wie männiglich bekannt, hat der preußiſche Juriſt die Ehre, dem Staate fünf bis zehn Jahre unentgeltlich zu arbeiten; dafür darf er das Gericht wählen, an dem er beſchäftigt ſein will, und wer das Berliner Stadtgericht auserſieht, thut wohl daran. Denn nirgends bietet ſich eine ſolche Fülle von Rechtsfällen der inter⸗ eeſſanteſten Art, wie hier. Ich habe allen Aötheilungen angehört und kann wohl ſagen, daß noch jetzt jeder Tag zu neuen Beob⸗ achtungen Stoff bringt. Wer alſo von den Leſern der Gartenlaube lein wenig hinter die Couliſſen des Berliner Lebens ſchauen möchte, ddeen bitte ich, mich zu begleiten. Beginnen wir mit dem Mollen⸗ markte, wo die ſtrafende Göttin der Gerechtigkeit, die Binde über beiden Augen, ihren Wohnſitz aufgeſchlagen hat, allerdings mit ziemlich ſchlechtem Geſchmacke, falls nicht beſagte Binde die Schuld daran trägt. Die Gebände ſelber ſind ſo enge und finſter, wie nur irgend möglich, in den Zimmern herrſcht eine Atmoſphäre, die aus einer Miſchung von Aetenſtaub und Gefängnißluft beſteht und füglich Criminalparfüm genannt werden könnte, da es noch aan einem techniſchen Ausdrucke dafür fehlt. In dieſen Räumen habe ich ein volles Jahr zugebracht und ſo manchen heiteren, aber aauch verzweifelt ernſthaften Criminalfall kennen gelernt, die erſtere Art vorzugsweiſe auf der Commiſſion für ſogenannte Ueber⸗ tretungen.

Unſere Criminalſtatiſtiker ſtellen bekanntlich den Satz auf: In den Städten wächſt die Zahl der Verbrechen analog der Zu⸗ nahme der Bevölkerung. Das mag richtig ſein, wo es will; in

Berlin ſteht aber die Sache ſo, daß ſeit etwa zwanzig Jahren die Bevölkerung um ein Drittel gewachſen iſt, die Verbrechen dagegen ſich zweimal verdoppelt haben. Worin dieſe traurige Erſcheinung ihren Grund hat, kann hier nicht erörtert werden; ſie wird den Leſer aber ahnen laſſen, welch' ein koloſſaler Apparat dazu gehört, ein ſolches Material zu bewältigen. Will Rer auch den äußeren Eindruck gewinnen, ſo muß ich ihn ſchon

bitten, ſich mit mir zwei Treppen hoch nach der Commiſſion für Vorunterſuchungen zu bemühen und ſich auf düſtere, angreifende Scenen gefaßt zu machen.

Wir betreten einen langen, ſchmalen Corridor, der durch eine eiſerne Thür von den Gefängniſſen der Stadtvogtei getrennt iſt und ſcherzweiſe die Kegelbahn genannt wird. Dieſen Gang, auf dem die Zimmer ſür etwa dreißig Unterſuchungsrichter liegen, paſſiren ſämmtliche Verbrecher Berlins, in jenen Zim⸗

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der ich mich, offen geſtanden, nicht zurückſehne. Es gehören

3.. mern habe ich die ſchwere Kunſt des Inquirirens geübt, nach

ſtarke Nerven und eine langjährige Gewohnheit dazu, bei allem Elende unberührt zu bleiben, welches uns hier Schritt für Schritt

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achtbares Mitglied der Geſellſchaft ſein wird. Möge er mir nach abgebüßter Strafe die Freundſchaft erhalten, welche er mir wäh⸗ rend derſelben bewieſen hat, und dieſe Zeilen als Dank dafür anſehen.

In den Unterſuchungsgefängniſſen ſind ſtets ſiebenhundert bis achthundert Gefangene detinirt, zu denen die Herren Langfinger natürlich das Hauptcontingent ſtellen. Ein hervorragendes Mit⸗ glied dieſer ehrenwerthen Gilde, mit dem ich lange herumexperi⸗ mentiren mußte, ehe er ein Geſtändniß ablegte, hat mich gegen Belohnung mit Schnupftabak, den die Gefangenen bekanntlich ſehr lieben, und mit Butterbroden mit der inneren Verfaſſung ſeiner Corporation bekannt gemacht. Was ich davon behalten, will ich hier kurz erzählen.

MeinMachulke, denn dies iſt der techniſche Ausdruck für Strafgefangene, beſaß außer ſeinen Standeseigenſchaften, von denen Schweigſamkeit nicht die letzte war, einen außerordentlich geſeg⸗ neten Appetit, für welchen die ſchmale Gefängnißkoſt niemals hinreichte. Als ich einmal mit ihm in meinem Zimmer verhandelte, ſah er die belegten Butterbrode, aus denen mein Frühſtück beſtehen ſollte, ſo ſehnſüchtig an, daß ich ſie ihm offerirte und ihm für die Zu⸗ kunft dergleichen mehr verſprach unter der Bedingung, mir ſeinen Lebenslauf mitzutheilen. Kauend begann er:Bis zu meinem dreiundzwanzigſten Lebensjahre war ich unbeſtraft; ich diente da⸗ mals bei einem hieſigen Regimente und hatte nur noch ein Jahr meiner Militärzeit vor mir, als mich das Unglück ereilte. Von einer anſtrengenden Marſchübung in die Caſerne zurückgekehrt, hatte ich kein Brod mehr, denn alle vier Tage ein Commißbrod war für meinen Appetit viel zu wenig. So brachte mich der Hunger dazu, einem Cameraden ein Stück Brod zu entwenden. Dies wurde entdeckt und vom Unterofficier, der mich nie leiden mochte, trotz aller Bitten meiner Cameraden gemeldet. Ich kam ſechs Monate auf die Feſtung und in die zweite Claſſe. In das bürgerliche Leben zurückgekehrt, verwandte ich die kleine Summe, welche ich von meinen inzwiſchen verſtorbenen Eltern geerbt hatte, dazu, ein kleines Schankgeſchäft zu kaufen. Mein Erwerb ging ſo gut, daß ich heirathete und mir eine recht zufriedenſtellende Exiſtenz gründen konnte, wenn die Polizei nicht hinter meine Beſtrafung gekommen wäre. Mir wurde die Conceſſion entzogen und ſo war ich ein Bettler. Denn ſo gern ich arbeiten wollte, kein Menſch mochte mich nehmen, nachdem meine Vergangenheit bekannt ge⸗ worden. Der geringe Erlös aus meinem kleinen Waarenbeſtande war bald verzehrt; ich ſelbſt fiel dem Laſter in die Arme. Es fanden ſich Bekannte aus der Strafſection, mit denen ich zuſam⸗ men ‚Geſchäfte machtet.

Womit fingen Sie denn an? unterbrach ich ihn.

Wir waren ‚Schottenfeller, erwiderte er,wir räumten

entgegenkommt. Man ſieht die fahlen Geſichter der Unterſuchungs⸗

gefangenen, die zum Verhöre geführt werden, man hört das Ge⸗ ſchrei derer, die, zum erſten Male zu ſchwerer Strafe verurtheilt, nach den Gefängniſſen zurückwandern, und iſt empört über die ſchlechten Witze der Schließer, welche den Transport bewerkſtelligen. Mich beſchleicht jedesmal ein unbehagliches Gefühl, wenn ich an meine Lehrzeit in jenen Räumen zurückdenke; ſchon der erſte Tag

4 ſon der erſt hatte mir dieſe Beſchäftigung verleidet. Ein hübſcher, intelligenter,

junger Mann von anſtändiger Familie war in ſchlechte Geſell⸗ ſchaft gerathen; junge Leute mit vornehm klingenden Namen hatten ihn an ihren Ausſchweifungen Theil nehmen laſſen und ſeine vom Vater ſehr liberal ausgeſtattete Börſe derartig geplündert, daß er ſich zu kleinen, nach und nach immer höher werdenden Verun⸗ treuungen aus der Caſſe ſeines Principales hinreißen ließ und endlich zu dem letzten Mittel, der Wechſelfälſchung, griff, die ihn voor den Unterſuchungsrichter brachte. Die Reue und die Verzweifelung des jungen Mannes waren grenzenlos, und das Elend ſeiner allge⸗ mein geachteten Eltern läßt ſich nicht beſchreiben. Er verfiel einer langjährigen Gefängnißſtrafe, die er noch in der Stadtvogtei verbüßt.

So hatte ich Gelegenheit, lange mit ihm zu verkehren und ſein im Grunde gutes Gemüth kennen zu lernen. Eine vorzügliche Führung im Gefängniſſe trug ihm die Vergünſtigung ein, ſeine Familie alle vierzehn Tage ſehen zu dürfen; dieſer Beſuche, die oeft unter meiner Aufſicht ſtattfanden, werde ich immer gedenken. Sie haben mir die volle Ueberzeugung verſchafft, daß der junge Ver⸗ kſcer, dem nur das Geſetz nicht verzeihen durfte, dereinſt ein

die Waſchböden auf und machten dabei ſehr gute Geſchäfte, wohl über ein Jahr lang.

Nun, und wie kamt Ihr damit zu Ende?

Wir ſchärften(hehlen, verkaufen) damals die Soge(geſtoh⸗ lenes Gut) bei dem bekannten Galgenkönigt. es dauerte aber nicht lange, ſo brannten die Lampen(die Polizei entdeckte den Hehler), und der Galgenkönig pfiff(geſtand, Alles. Ich bekam zwei Jahre Zuchthaus und der Galgenvogel ſechs Jahre, worüber ich mich noch heute freue. In Brandenburg lernte ich einen Drücker Taſchendieb) kennen, der mich überredete, mit ihm Geſchäfte zu machen, wenn wir wieder nach Hauſe kämen.

Das verſtanden Sie ja aber nicht!

O Herr Referendar, darin haben wir uns geübt; er zeigte uns Alles, beſonders das Uhrendrücken.

Wie kann man ſich denn dagegen ſchützen?

Nur dadurch, daß man einen zugeknöpften Ueberrock trägt. Wir haben eine kleine, haarſcharfe Zange, mit der wir uns un⸗ bemerkt heranſchleichen und die Kette dicht am Knopfloche durch⸗ ſchneiden. Wenn ſie dann herunterhängt, ſo ziehen wir damit die Uhr heraus. Einmal ſprang ſie mir ab und ich wurde gefaßt. Dafür habe ich fünf Jahre im Zellengefängniß abgemacht. Wenn ich jetzt nur nicht wieder dahin käme! Als ich wieder draußen (in Freiheit) war, traf ich den Galgenkönig abermals, der mir Leute zuführte. So haben wir denn zwei Jahre lang Geſchäfte gemacht, ich und die von hinten ſſeine gleichfalls in der Stadtvogtei be⸗ findlichen Complicen) als Macha(practicirende Diebe); der Galgen⸗ könig hat baldowert(die Gelegenheit zu Diebſtählen ausgekund⸗ ſchaftet), und jetzt will ſich der Gannew(Schurke, Verräther)