Alles, was ich fertig hatte, hervorkommen und wurde genommen.“
So geſchah es, daß Stifter's„Studien“ das Tageslicht ſchaulen* und eine Zeitlang auf dem großen Büchermarkte eine nicht kleine Rolle ſpielten. Ihr Erfolg und der Geldgewinn, den dieſer mit ſich führte, haben dem Leben des Dichters eine andere Richtung gegeben. Eine Weile hochgetragen von den Wogen der Bewunderung, hat ⸗er den Rauſch befriedigter Eitelkeit gekoſtet. Da aber ſeine eigenen Mittheilungen über dieſen Gegenſtand hier abbrachen, maße ich mir kein Urtheil darüber an, wie er ſich auf dieſem Höhenpuukte ſeiner im Uebrigen einfachen Lebensweiſe benahm. Ich weiß nur, daß er ſich eben um jene Zeit in das arme Mädchen verliebte, welches ſeine Gattin ward, und da er ſie bald darauf heimführte, liegt die Vermuthung nahe, daß Ruhm und Gewinn von ihm als Mittel zu dieſem Zwecke verwendet wmurden. Als ich ihn kennen lernte, hatte das große Publicum ihn mehr als zur Hälfte vergeſſen und der Büchermarkt andere Werke, andere Namen in die Höhe geſchnellt.„Sein Ruhm kann ihn nicht übermüthig gemacht haben, da die Vergeſſenheit ihn nicht bitter machte,“ dachte ich.
Wie einfach, wie rührend erzählte er mir die Geſchichte ſeiner erſten Liebe!
„Ich hatte nichts und war nichts. Die Mutter des Mädchens zweifelte daran, daß je etwas aus mir werden, daß ich je etwas haben würde. Das kränkte mich und ich ging fort, ohne von dem Mädchen das Verſprechen der Treue annehmen zu wollen. Im Stillen hoffte ich freilich, Alles gut zu Ende zu bringen. Die Mutter zwang ſie aber zu einer andern Heirath. Sie ward ſehr unglücklich und ſtarb früh.— Ich habe ſie einmal als blaſſes, ſchwindſüchtiges Weib wiedergeſehen; das Herz wollte mir brechen, als ich der vergangenen Zeit gedachte!“ Nach einer Pauſe fügte er hinzu:„Wenn ich Ihnen ſage, ich habe das Mädchen ſo geliebt, daß es ganz hell in mir und um mich ward, wenn ſie mir nahe kam— verſtehen Sie das?“
Ein ander Mal, als von ſeinem Bekanntwerden mit ſeiner Frau die Rede war, ſagte er:„Mir wurde ganz heiß, als ich ſie zuerſt erblickte!“
Eines Abends, als wir ſo beiſammen ſaßen und Stifter eben recht im Zuge war, mir ſeine Anſichten über Kunſt und Künſtler darzulegen, klingelte es an ſeiner Thür.
„Mein Mann iſt nicht zu Hauſe!“ ſagte Frau Stifter raſch zu ihrer Ziehtochter, die dem Dienſtmädchen dieſen Beſcheid über⸗ liefern ſollte.
„Wie ſo nicht zu Hauſe, liebe Frau?“ fragte er, ſich unter⸗ brechend,„ich bin ja zu Hauſe!“
„Nun, ich meinte, Du wollteſt nicht geſtört werden.“
„Das iſt das Nichtige, liebe Frau, und das ſoll auch geſagt werden.“
„Ja, ja! das verdrießt aber die Leute!“
„Die uns kennen, verdrießt es nicht, und die es verdrießt, um die bekümmern wir uns nicht.“
Stifter ſagte immer„wir“,„uns“. Er las ſeiner Frau alle Briefe vor, die er empfing, alle, die er abſchickte, und grüßte ſeine Freunde auch ſchriftlich immer in Gemeinſchaft mit ſeiner Frau. Er that das ſeit dem Zeitpunkte, wo er ſie über dem Ge⸗ danken,„daß ſie ſeiner nicht werth ſei“, brütend gefunden hatte.
mußte aus meiner treuloſen Rocktaſche mit einem wahren Beifallsſturm auf⸗
* Von anderen Seiten wird freilich der Hergang etwas anders er⸗
zählt.
D. Red.
Während eines längeren Aufenthaltes, den er einmal zur Frühlingszeit in Wien nahm, als eben Jenny Lind anweſend war, trafen ſie mit dieſer oft in Geſellſchaft zuſammen. Die Künſtlerin entzückte der Dichter, der für Muſik ein eben ſo inniges Verſtändniß hatte, wie für Malerei und Alles, was Kunſt heißt. Jenny Lind war aber auch ein durch und durch gebildetes, edles Mädchen, ſittig und fein in Haltung und Rede. Er unterhielt ſich viel und gern mit ihr. Da bemerkte er, daß ſeine Frau ver⸗ weinte Augen hatte. Er fand den Grund ihres Kummers leicht heraus und reiſte am nächſten Morgen mit ihr nach Linz zurück, ohne Jenny Lind wiedergeſehen zu haben.
Dieſen tiefen ſittlichen Grundton ſeines Weſens übertrug Stifter auf Alles und Jedes, was er in den Kreis ſeines Urtheils zog. Mit dieſer Forderung trat er an jedes Kunſtwerk, an jede Action heran.
Franzöſiſches Leben wie franzöſiſche Literatur hielt er ſich fern.„Was ſoll ich mich befaſſen mit Sachen, die mir zuwider ſind!“ Meine Gewohnheit, franzöſiſche Worte in die deutſche Rede zu ſtreuen, rügte er ſtreng, und als ich mir das einmal in einem Briefe zu Schulden kommen ließ, ſchickte er dieſen umgehend zurück und ſchrieb darunter:„Verdient keine Antwort.“
Unter den großen Muſikern erſchien ihm Mozart als der größte.„Er iſt ſo kindlich und ſo göttlich zugleich, daß man ihn nur mit Homer vergleichen kann.“ Unter den alten Schriftſtellern war Aeſchylos ſein Liebling. Seine Verehrung für die alten Griechen war unbegrenzt.
„Selbſt die Gräuel, wenn ſie ſolche ſchildern, löſen ſich in hohe Erkenntniß des Göttlichen auf, und dem Sünder folgt die Strafe im Gewiſſen rächend nach, findet er ſie auch im Leben anders nicht.“
Unker den Dichtern ſeines Vaterlandes ſtellte er Grillparzer am höchſten. Er kannte und liebte ihn perſönlich. Ueber Hebbel äußerte er ſich ſehr ſcharf:„Ich ſage nicht, daß er ein ſchlechter Dichter iſt— nein, beileibe! er iſt gar kein Dichter. Er wirft mit Mühlſteinen um ſich, und weil ihn das gewaltig anſtrengt, hält er dafür, daß es gewaltig wirkt. Ein Glück iſt’s, daß er keinen Einfluß auf Literatur und Welt gewonnen hat, ſonſt müßte ſich ein Ehrenmann wohl die Mühe nehmen, gegen ihn aufzutreten. So läßt man die Mühlſteine fallen und geht vor⸗ bei.“ Hebbel's„Judith“ machte eben damals volle Häuſer und war der Geſprächsſtoff aller Gebildeten Wiens. Stifter nannte die Judith eine Mißgeburt und den Holofernes einen Hanswurſt.
„Dem Künſtler,“ ſagte er,„darf nichts ſchön erſcheinen, was nicht vollkommen wahr und rein iſt. Moraliſche Kraft iſt ihm die Hauptbedingung des Charakters überhaupt, und ohne dieſe erkennt er jenen nicht an. Der Dichter darf nicht an den Effect denken, den ſein Werk beim Publicum hervorbringen dürfte; der Schauſpieler darf mit keinem Blick verrathen, daß die Zuſchauer für ihn da ſind; nur ſo können Beide die künſtleriſche Vollendung anſtreben.— Was wir in der Gegenwart zumeiſt als Kunſtwerk bewundern, in der Dichtkunſt ſowohl, wie in der Muſik, Bild⸗ hauerei und Malerei, iſt ſehr oft nur Virtuoſenthum, große techniſche Fertigkeit, die mit allerlei Mitteln ſchlagende Effecte hervorbringen ſoll. Ein wahrhaft künſtleriſches Gebilde muß dagegen, mit dem geringſten Aufwande äußerer Mittel, durch die aus der Tiefe herauf arbeitende Idee, in kindlicher Einfalt groß, ſeinen Zweck erreichen. Dieſer Zweck iſt nicht, das Auge zu blenden und den Geiſt zu beſtricken, ſondern das Menſchenherz zu rühren, zu erheben und folglich zu beſſern.“ 3
Mariam Tenger.
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Bilder aus dem Berliner Rechtsleben. Von F. K. J.
Das in Preußen zur Herrſchaft gelangte Centraliſationsprineip
hat eine Juſtizbehörde geſchaffen, die unter ihren Schweſtern hervor⸗ ragt, wie Goliath unter den Philiſtern, ich meine das Berliner Stadtgericht. Keine Behörde der Welt iſt in ſo koloſſalem Maßſtabe angelegt. Gegen zweitauſendzweihundert Beamte ſind
dem großen Mechanismus eingefügt, der, von einem Präſidenten
und drei Directoren geleitet, mit einer Präciſion und Schnelligkeit arbeitet, an der ſich manches kleine Gericht ein Beiſpiel nehmen
könnte. Das Ganze, bei dem mehr denn ſiebenmalhunderttauſend Menſchen Recht nehmen, zerfällt in drei Abtheilungen: die für Civil- und Vormundſchaftsſachen in der Jüdenſtraße, eine Criminal⸗ abtheilung am Molkenmarkte und eine andere im ſogenannten Lager⸗ hauſe, jenem alten Reſidenzſchloſſe der erſten brandenburgiſchen
Kurfürſten. Die Abtheilungen ſelber ſind wieder in Commiſſionen 5 und Deputationen ſo vielfach zergliedert, daß es dem Publieimm
unmöglich iſt, das Ganze zu durchſchauen, und dies iſt ein ſchwerer
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